Mut in der Musikvermittlung

Teil 1 des Berichts über die Tagung „Musik in Szene – Szenen in Musik. Interdisziplinäre Aspekte der Musikvermittlung“, die die Plattform MUSIKVERMITTLUNG ÖSTERREICH von 26. bis 28. Februar 2015 in Salzburg veranstaltete.

„Da ich hier allein auf weiter Flur bin, mache ich eigentlich alles“ – mit einem anregenden Diskurs über die mit diesem Satz verbundenen vielfältigen Arbeitsbedingungen von MusikvermittlerInnen startete die zweite Tagung „Musik in Szene – Szenen in Musik“ anstelle der üblichen Eröffnungsreden. Dieser konkrete Austausch gleich zu Beginn sollte die Hemmung nehmen, sich mit den übrigen, teils unbekannten Teilnehmenden auseinanderzusetzen, erläuterte Constanze Wimmer, die als Mitorganisatorin und Moderatorin durch die Tagung führte. Der direkte Einstieg diente aber nicht nur dem Kennenlernen, sondern erbrachte auch einige grundlegende Erkenntnisse über notwendige Fähigkeiten.

Kreativität, Kraft, Kritikfähigkeit

Einigkeit herrschte etwa darüber, dass die treibende Kraft für die Musikvermittlung in der Leidenschaft sowohl für die Musik wie auch für die Menschen liegen müsse. Notwendige Fähigkeiten würden wiederum in persönlichen Eigenschaften wie Flexibilität, Kritikfähigkeit, Kreativität und einigen mehr begründet sein; viele Fertigkeiten, wie Gesprächsführung, müssen jedoch nicht von Anfang an perfekt sein, sie ließen sich auch erlernen oder zumindest vertiefen oder erweitern.

Was hilft nun dabei, die Projekte, die oft mit so viel Leidenschaft und Idealismus (bis hin zur Selbstausbeutung) geplant werden, erfolgreich und im besten Fall auch nachhaltig umzusetzen? „Proaktives Lobbying“ war das prägende Schlagwort, das nicht nur für interne Abläufe in Institutionen notwendig ist, sondern vor allem auch in Richtung Öffentlichkeit und Politik. Denn derjenige, der sich auch hier offensiv betätigt, steigert seine Chancen auf breite Wahrnehmung und schafft sich Verbündete über das direkte Umfeld hinaus. Und all das verlangt nicht nur sehr viel Überzeugungsarbeit, sondern auch Mut: Mut zu sich selbst und Mut zur Veränderung.

Mut zur Kontroverse

Mit viel Mut zu kontroverser Diskussion stellte sich Peter Stangel im Eröffnungsvortrag „Ich brauche keinen Clown auf der Bühne“. Der Dirigent und Komponist konzentriert sich in den Konzertprogrammen „seiner“ taschenphilharmonie für Kinder im Alter von vier bis acht Jahren ganz auf das Hören. Abschnitte einer klassischen Komposition wechseln dabei mit Erzählungen einer damit in Verbindung stehenden, meist selbst erdachten Geschichte. Das Wechseln von Musik und Text hält die Konzentration der jungen HörerInnen aufrecht.

Dass das gelingt, äußert sich in der gebannten Stille, die sich laut Stangel im Konzertsaal ausbreitet. Bewusst konzentriert sich Stangel dabei auf den Gehörsinn und begründet das u. a. auch physiologisch: einerseits werde Klang sehr schnell im Gehirn verarbeitet, andererseits würden zusätzliche Sinneswahrnehmungen vom Hören ablenken.

Bei den (musik-)vermittelnden Kolleginnen und Kollegen fanden einige Aspekte nicht nur Anklang: Während sich manche an der Restriktion des stillen Sitzens stießen, weil auch die Bewegung zur Musik eine Möglichkeit des Näherbringens von Musik darstellen könnte, ging anderen Kolleginnen und Kollegen die Reduktion nicht weit genug, stellt doch auch die Verbindung von Text und Musik bereits zwei Medien gegenüber. Auch über die Bewertung von klassischer Musik entbrannte eine angeregte Diskussion. Einigkeit jedoch dürfte darüber herrschen, dass dem Publikum ein möglichst vielfältiges (Vermittlungs-)Programm angeboten werden sollte, aus dem es dann selbst die individuellen Vorlieben entwickeln und Aspekte aus diversen Methoden mitnehmen kann.

Tanz und Musik untrennbar verbunden

Eine erfreulich unkonventionelle Aufführung von Carl Orffs „Carmina Burana“ lieferte die Tanzcompagnie Das Collectif (ansässig am Carl Orff Institut für Elementare Musik und Tanzpädagogik der Universität Mozarteum): Als Instrumentarium diente einzig ein Schlagwerkensemble, das am Rande der Bühne positioniert mittels rhythmischer Komponenten Allusionen an das bekannte Werk lieferte. Die TänzerInnen bewegten sich nicht nur, sondern brachten Ausschnitte des Textes in geflüsterten bis gerufenen Rezitationen, sodass Bewegung und Klang einander durch die Vereinigung von TänzerInnen und MusikerInnen bedingten. Eine Form, die durch die Vermeidung des mehr oder weniger beziehungslosen Miteinanders, wie es bei zahlreichen Traditionen der Fall ist, eine besondere Neuinterpretation des Werkes schuf.

Aufschluss über die sehr zeitintensive Arbeit an dieser Darbietung gab die Choreografin Irina Pauls im anschließenden Gespräch mit Axel Petri-Preis: Die feinen Gesten wurden u. a. anhand von Abbildungen von Handhaltungen aus dem Mittelalter gemeinsam mit den TänzerInnen entwickelt. Die gemeinsam gefundenen Bewegungen setzte Paul in einer intensiven Zusammenarbeit mit den TänzerInnen zu ihrer Choreografie zusammen.

Wie unterschiedlich die Zugänge zu Musikvermittlung und die Meinungen darüber sein können, wurde so am ersten Tag bereits deutlich. Dass gerade die Verbindung von diversen Kunstformen divergierende Reaktionen auslöst, zeigte sich auch am folgenden Tag.

Doris Weberberger