Ausprobieren und Austauschen

Teil 2 des Berichts über die Tagung „Musik in Szene – Szenen in Musik. Interdisziplinäre Aspekte der Musikvermittlung“, die die Plattform MUSIKVERMITTLUNG ÖSTERREICH von 26. bis 28. Februar 2015 in Salzburg veranstaltete.

Reich mir die Hand …

Was Mozart mit Handtaschen zu tun hat? Und das wiederum mit Musikvermittlung? Zugegeben, es handelt sich dabei um eine nicht gerade naheliegende Verbindung. Jedoch eine, die im Vermittlungsprojekt „Reich mir die Hand, mein Leben …“ mit einem Konzept von Antje Blome-Müller (Stiftung Mozarteum) zur vielfältigen Verbindung verschiedener Kunstformen in diversen Stadien führte. Wie schon der erste Tag der Tagung „Musik in Szene – Szenen in Musik“ förderte damit auch der Vormittag des zweiten Tages differierende – und auch differenzierte – Meinungen über Musikvermittlung mittels interdisziplinärer Methoden zutage.

Bevor aber die Diskussion Raum ergriff, kam es erst einmal zur Aufführung: Die Extremitäten einer Puppe waren an Seile geknüpft, mit denen die PuppenspielerInnen an der Figur zogen und zerrten – der junge Mozart fühlte sich zwischen diesen Kräften wie zerrissen und flüchtete sich folglich, anstatt der unliebsamen Realität verhaftet zu bleiben, doch lieber in seine eigene Welt. Eine schier unlösbare Situation, die vielleicht auch vielen im Publikum vertraut war. Begleitet wurde Franzobels innerer Monolog der Mozart-Puppe von Ensembleklängen, die von Theodor Burkali arrangierte Mozart-Kompositionen mit Improvisation und jazzigen Elementen der Mitglieder des oesterreichischen ensemble für neue musik (oenm) verbanden. Passagen des Puppenspiels wechselten mit Filmsequenzen, in denen SchülerInnen die Aura der Handtasche in kurzen Filmsequenzen behandelten. Während der gesamten Vorführung hingen große und kleine, bunte und monochrome, eckige und runde Taschen von der Decke.

Ineinandergeflossen waren zu dieser Aufführung unter dem Beisein mehrerer Schulklassen unterschiedliche Stadien und Komponenten der Zusammenarbeit von SchülerInnen und KünstlerInnen.

Ob die Kombination dieser äußerst heterogenen Elemente auch der Vermittlung von Musik zuträglich wäre, fragten ZuseherInnen aus dem Publikum bei der anschließenden Diskussion. Dass er seither gerne einmal in die Oper gehe, entgegnete ein Schüler am Podium. Kontrovers wurde auch die Frage verhandelt, ob die Bearbeitung der Mozart-Werke dem Verständnis des Komponisten zuträglich wäre. Eine abschließende Lösung schien nicht in Sicht, wurde aber auch nicht zwangsläufig für notwendig erachtet – schließlich führe doch gerade die Pluralität an musikvermittlerischen Zugängen zu einem breiten Angebot und ermögliche es den Teilnehmenden, ihr eigenes Verständnis auszubilden.

Abseits angelernter Traditionen

Wie vielfältig die eingegangenen Verbindungen der interdisziplinären Musikvermittlung sein können, konnten die TagungsteilnehmerInnen am Nachmittag selbst erfahren: Burkhard Friedrich schickte seine Gruppe mit Aufnahmegeräten in die nähere Umgebung, um Geräusche, nicht aber Musik und Sprache aufzunehmen und sie im weiteren Verlauf zu imitieren und in mehreren Stufen zu einer neuen Komposition zusammenzusetzen. Das kreative Schaffen sensibilisierte die TeilnehmerInnen so nicht nur für die sie alltäglich umgebenden Klänge, sondern eröffnete ihnen auch einen feinfühligen Zugang abseits angelernter musikalischer Traditionen.

Musikalische Ausbildung oder instrumentale Fertigkeiten waren dafür ebenso wenig vonnöten wie beim Soundpainting. Diese Technik des „Dirigierens“ unterschiedlicher Kunstformen mittels eigener Zeichensprache präsentierte die Soundpainterin Ceren Oran im praktischen Tun. Oran, stets konzentriert und präsent auf die Teilnehmenden eingehend, stellte nach und nach ein Repertoire an Zeichen vor, um sie in zunehmend komplexer werdenden Kombinationen zu einer Gesangsperformance zu verbinden. Besonders überzeugend an der Methode erschien nicht nur, dass keinerlei Vorkenntnisse der Teilnehmenden notwendig sind, sondern auch, dass sie für sehr inhomogene Gruppen praktizierbar ist und dabei ein verhältnismäßig schnell hör- und sichtbares Gemeinschaftserlebnis entsteht. Je mehr Zeichen die Gruppe aber versteht, desto komplexere Gebilde sind auch zu erreichen.

Wie lassen sich Gemälde vertonen? Diese Frage stellten Sascha Rathey vom Tiroler Symphonieorchester Innsbruck und Angelika Schafferer vom Tiroler Landesmuseum den TeilnehmerInnen ihrer Workshops und regten sie dazu an, die dazu imaginierten Klänge mit den vorhandenen Instrumenten zu erzeugen. Dadurch wurden die Beteiligten nicht nur dazu aufgefordert, die Gemälde genau zu betrachten, sondern auch dazu angeregt, zu fantasieren und aufeinander zu hören. Eine überzeugende Möglichkeit, mehrere Sinne miteinander zu verbinden, Vorstellungsvermögen zu schulen und dabei auch ein Gruppenerlebnis zu schaffen.

Die Musikvermittlerin Anke Fischer wiederum gab Einblicke in das Programm „Ausflug“ des Ensembles Resonanz: Dafür begaben sich die MusikerInnen in der Saison 2013/14 in die Berufsschule Gsechs für Holz, Farbe und Textil und traten in Interaktion mit den SchülerInnen, die bis dahin noch keinen Bezug zur Neuen Musik hatten. Durch assoziative Herangehensweisen und den persönlichen Kontakt fanden die SchülerInnen aber schnell ein individuelles Verständnis für Musik, wie sich auch für die MusikerInnen durch das Spielen außerhalb des Konzertsaals und unter neuem Publikum neue Räume eröffneten.

Austausch

Der Tag mit intensiver praktischer Auseinandersetzung wurde mit der Präsentation diverser Organisationen am „Marktplatz“ abgeschlossen: VertreterInnen von ConTempOhr, der Internationalen Stiftung Mozarteum, der Wiener Symphoniker, von Orchestrawave – multimediale Plattform für zeitgenössische Orchestermusik, des ORFF Instituts, von Transcoding from …, von KulturKontakt Austria und anderen gaben in persönlichen Gesprächen Auskunft über ihre Tätigkeitsbereiche – eine passende Gelegenheit, um in ungezwungener Atmosphäre die Basis für neue Verbindungen zu schaffen.

Doris Weberberger