Von der Sinnlichkeit der Musik und vom Sinn der Gedanken

Dieser Beitrag erschien erstmals in “KM. Das Monatsmagazin von Kulturmanagement Network” Nr. 74, Dezember 2012, in der Reihe “Musikvermittlung”, redaktionell konzipiert von Marie Kristin Krammer und Esther Planton

Vor einigen Wochen wurden die diesjährigen Gewinnerinnen und Gewinner des junge ohren preises im Rahmen einer Tagung an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg präsentiert, die in drei Kategorien ausgezeichnet wurden: In der Kategorie “Best Practice, Konzert” gewann das niederländische Projekt “Die Musikfabrik” des Produktionshauses Oorkan – mit Witz und Geschmack ergründet ein Holzbläserensemble tastend und neugierig zugleich die Spielweisen der einzelnen Instrumente und führt Gespräche ohne Worte, die dem musikalischen Wettstreit, dem harmonischen Miteinander oder dem solistischen Ausdruck Bedeutungen abringen, die für Kinder und Erwachsene gleichzeitig Sinn ergeben.

“Zack Bumm Gstaad” ist der lautmalerische Titel des Gewinners der Kategorie “Best Practice, partizipativ”. Im Rahmen des Menuhin Festivals in Gstaad entwickelten über 40 Kinder und Jugendliche in einem halbjährigen Prozess mit Rhythmus, Bewegung und Stimme eine künstlerische Performance, die das unterschiedliche Können der Teilnehmenden zu einem überzeugenden Gesamtkunstwerk aus Musik, Choreographie und Licht führte. Der Hörsinn, der Gleichgewichtssinn, der Tastsinn, der Sehsinn – zur Vielsinnigkeit vereint.

Können Jugendliche mit Streichinstrumenten im wichtigsten Distributionskanal Youtube Akzeptanz bei den Usern finden? – Das fragten sich die Rockstreicher der Musikschule Mönchengladbach und drehten ihr erstes professionelles Musikvideo zur Komposition „Nineteenseventyfive“ von Rüdiger Blömer, das die Jury durch „die Authentizität des Clips überzeugte, der mit geringen Mitteln realisiert werden konnte.“1 Welchen Sinn finden Jugendliche im Erlernen eines Instruments und wie möchten sie diesen mit anderen Gleichaltrigen teilen.

Worüber befindet ein Wettbewerb, wenn nicht über Qualität? Wie schön, wenn er auch den Fragen nach dem Sinn in der Vermittlung und dem Sinn von Vermittlung nachspürt, in dem er Projekte auszeichnet, die sich diesen Fragen explizit oder implizit stellen. Denn der Sinn in der Vermittlung erreicht uns auf mehreren Ebenen: Wenn etwas für uns in praktischer oder philosophischer Weise einen Sinn ergibt und wenn dabei unsere Sinne angesprochen sind.

Vier Diskurse in der Vermittlung der Künste

Wenn wir über Qualitäten unseres Tuns in der Vermittlung nachdenken, müssen wir uns unweigerlich die Frage stellen, welchen Einfluss die Eigengesetzlichkeit der Institution vorgibt, in deren Rahmen wir mit dem Publikum ins verbale oder nonverbale Gespräch über Musik kommen? Carmen Mörsch2 identifiziert dabei vier Diskurse, die die aktuelle Vermittlung von Kunst leiten, die ich an dieser Stelle in die musikalische Praxis übersetzen möchte:

  • Den affirmativen Diskurs, der Einführungsvorträge und Programmhefte für ein interessiertes und selbstmotiviertes Publikum meint.
  • Den reproduktiven Diskurs, der das Publikum von morgen heranbilden möchte und ebenso Personen zu erreichen sucht, die nicht von alleine ins Konzert kämen.
  • Den dekonstruktiven Diskurs, der den Konzertbetrieb und den Kanon der Werke, der in ihm verhandelt wird, als solchen in Frage stellt und Musikvermittlung als Mittel ansieht, um für Fragen der Konzertpraxis eine kritische Öffentlichkeit zu erreichen.
  • Den transformativen Diskurs, der Konzerthäuser und Ensembles in ihrer Funktion als Akteurinnen und Akteure gesellschaftlicher Mitgestaltung versteht. Das Konzertformat ist in diesem Sinn an sich veränderbar ebenso wie die Bedeutung, die ein Konzerthaus für eine Gesellschaft haben kann.

Vor diesem Hintergrund lassen sich die Qualitäten in der Vermittlung von Musik anhand der Gewinnerinnen und Gewinner des junge ohren preises noch einmal neu schärfen: Die Projekte befinden sich einerseits in einem reproduktiven Diskurs, der zwar das junge Publikum im hier und jetzt anspricht, gleichzeitig aber auf deren Potenzial als Publikum von morgen abzielt und andererseits in einem transformativen Diskurs, der Veränderungen des Konzertlebens von innen heraus für möglich hält und sein Publikum und die Musikerinnen und Musiker ermächtigt, daran mitzuwirken.

Was hat die Praxis von der Reflexion oder Qualität durch (Selbst-)Evaluation?

Doch im Sinne der Transformation des Konzertlebens geht es nicht nur um die Ermächtigung von Publikum und Musikerinnen und Musiker, sondern ebenso um die Ermächtigung derjenigen, die zwischen beiden vermitteln. Die Berufspraxis der Musikvermittlerinnen und der Musikvermittler ist älter als die Bezeichnung des Berufsfeldes. Schon seit langem bereichern Konzerte für Kinder das Konzertleben, beleuchten Dramaturginnen und Dramaturgen gedanklich und inszenierend Kontexte zum musikalischen Geschehen und erwächst musikalische Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen in musikpädagogischen Workshops. Neu ist hingegen das Zusammenwirken der spartenspezifischen Fähigkeiten in einem gemeinsamen Berufsfeld, das nicht mehr nach fachlicher Qualifikation in einem speziellen Bereich fragt sondern nach mehrdimensionaler Expertise für die Anforderungen des „educational turn“3 im Konzertleben.

Umso wichtiger ist es von Seiten der Hochschulen und Ausbildungsinstitutionen, sowohl professionelle Aus- und Weiterbildungen für das Berufsfeld zu ermöglichen, die dem Hybrid Musikvermittlung gerecht werden als auch durch Forschungen zu einer Reflexion der Qualitäten des praktischen Tuns beizutragen.

Mittlerweile unterstützen einige Publikationen4 den Diskurs um Qualität. Sie beleuchten das Feld aus unterschiedlichen Perspektiven und zeichnen im Überblick und im Detail ein vielschichtiges Bild der Zugänge und Ansätze, über das eigene Tun nachzudenken.

Exchange – Die Kunst, Musik zu vermitteln

Die Stiftung Mozarteum Salzburg und die Robert Bosch Stiftung initiierten eine Studie5 , um die Qualität dieser Angebote an Orchestern und Konzerthäusern zu erfassen. 40 Interviewpartner an Konzerthäusern und Orchestern in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Großbritannien, Luxemburg, Frankreich, Spanien, Portugal und den USA wurden ausgewählt und in leitfadengestützten Interviews befragt.

Qualität ist nichts Ruhendes oder Abgeschlossenes, sondern ein Prozess, der sich in der Diskussion und Bewertung der Akteurinnen und Akteure immer wieder neu präzisiert. Dennoch konnten Parameter herausgefiltert werden, die für alle Befragten Relevanz und Einfluss auf ihre Arbeitsweise haben und sich anhand von Qualitäten in den Zielen, der Struktur der Institution, der Prozesse in der Konzeption und Vermittlung und in den Produkten der Musikvermittlung beschreiben lassen.

Ziele in der Musikvermittlung beziehen sich auf die grundlegende pädagogische Arbeit, auf das Anliegen, gesellschaftliche Impulse in der Stadt oder Region zu setzen, neue Publikumsgruppen zu erschließen und ein breites Fundament für die künstlerische Arbeit des Orchesters bzw. Konzerthauses zu legen.

Aus diesen Zielen entwickeln sich Formen der Musikvermittlung wie Konzerte für Kinder oder Workshops an Schulen, Jugendzentren, Krankenhäusern, die wiederum von drei Qualitäten bestimmt werden:

  • der Strukturqualität, die über die Beschaffenheit der Zusammenarbeit am Haus, die Finanzierung, das Projektmanagement, das Audience Development, die Evaluation und Feedbackkultur sowie Partnerschaften mit Kultur- und Bildungsinstitutionen Aufschluss gibt.
  • der Prozessqualität, die die künstlerische und pädagogische Konzeption bestimmt und partizipative Ansätze für das Publikum und die Teilnehmer ermöglicht.
  • der Produktqualität, an der die künstlerische und pädagogische Durchführung gemessen wird und darüber Aufschluss gibt, inwieweit Innovationen und Experimente gewagt wurden.

Wenn die Studie dazu beitragen kann, lustvoll in den Spiegel zu blicken und dabei Highlights und dunkle Flecken zu entdecken, dann hat sie bei der Weiterentwicklung der Berufspraxis Musikvermittlung mitgeholfen.

  1. http://www.jungeohren.com/jop.htm (24.11.2012).
  2. Mörsch, Carmen (2009): Am Kreuzungspunkt von vier Diskursen: Die dokumenta 12 Vermittlung zwischen Affirmation, Reproduktion, Dekonstruktion und Transformation. In Carmen Mörsch und das Forschungsteam der documenta 12 Vermittlung (Hg): Kunstvermittlung II Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung auf der documenta 12. Ergebnisse eines Forschungsprojekts, Zürich-Berlin, S. 9 – 33.
  3. Vgl. Schnittpunkt – Jaschke, Beatrice; Sternfeld, Nora (Hg.) (2012): educational turn. Handlungsräume der Kunst- und Kulturvermittlung, Wien – Berlin.
  4. Hier eine unvollständige Auswahl an aktuellen Publikationen zur Qualität von Musikvermittlung: – Welch, Graham; Saunders, Jo; Himonides, Evangelos (2012): European Concert Hall Organisation (ECHO): An initial benchmarking study of Education, Learning and Participation, London www.music-education-2012.de/ECHO_IOE_benchmarking_study.pdf (24.11.2012).
    – Hennessy, Sarah (2012): Capturing resonance: The challenges of evaluating the work of professional musicians in education. In: Michael Dartsch; Sigrid Konrad; Christian Rolle (Hg.): neues hören und sehen … und vermitteln. Pädagogische Modelle und Reflexionen zur Neuen Musik, Regensburg, S. 168 – 178.
    – Cramer, Julia; König, Bernhard (2011): Was bleibt? Eine Evaluation zur konzertpädagogischen
    Vermittlung Neuer Musik. Büro für Konzertpädagogik Köln.
  5. Wimmer, Constanze (2010): Exchange – Die Kunst, Musik zu vermitteln. Qualitäten in der Musikvermittlung und Konzertpädagogik, Salzburg (Stiftung Mozarteum Salzburg). www.kunstdervermittlung.at (24.11.2012).

Dr. Constanze Wimmer leitet den Studiengang „Musikvermittlung – Musik im Kontext“ an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz. Für die internationale MasterClass of Music Education der Hamburger Körber-Stiftung ist sie im Advisory Board tätig.

Bild: hikrcn-fotolia.com

 

 

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