Der internationale Erfolg des K-Pop wäre nicht möglich ohne einen starken heimischen Musikmarkt. Früher als in anderen Ländern könnten sich in Südkorea starke heimische Musikstreamingdienste etablieren, die eng mit den K-Pop-Konzernen zusammenarbeiten oder sogar von diesen wirtschaftlich kontrolliert werden. Allerdings konnten sich in den letzten Jahren ausländische Streamingdienste – allen voran YouTube Music und Spotify – am südkoreanischen Markt etablieren, wie wir bereits in Teil 2 dieser Serie gesehen haben. Wir wollen daher zum Abschluss der Blogserie zur Ökonomie des K-Pop noch die fünf wichtigsten Musikstreamingdienste in Südkorea genauer unter die Lupe nehmen.
MelOn
Der langjährige Markführer am südkoreanischen Musikstreamingmarkt war MelOn, abgeleitet von Melody On. MelOn wurde 2004 vom koreanischen Mobilfunkanbieter SK Telecom am 16. November 2004 als MP3-Download-Portal gelauncht, über das MusikkonsumentInnen für KRW 3.000 bis 5.000 pro Monat so viel Musik herunterladen konnten, wie sie wollten. MelOn war von Anfang an ein Erfolg und erreichte bereits ein Monat nach dem Launch durchschnittlich 10.000 NutzerInnen pro Tag.1
2005 erwarb die SK Telecom 43,3 Prozent am Label YBM Seoul Records um umgerechnet US $12,6 Millionen.2 Seoul Records wurde als Label und Künstleragentur 1978 von Min Yeong-bin als Tochtergesellschaft des Herstellers von Sprachlern-Kassetten namens Sisa English gegründet und 2000 in YBM Seoul Records umbenannt.3 2008 erhielt YBM Seoul Records mit LOEN Entertainment einen neuen Namen.4 Ein Jahr später wurde in LOEN auch die Musikdistributionsplattform MelOn eingebracht.5
Dieses Label- und Agentur-Konglomerat, das auch an der Börse in Seoul notierte, erregte die Aufmerksamkeit eines der größten Private Equity Firmen Asiens, Affinity Equity Partners, die im Juli 2013 über ihre Hong Konger Tochtergesellschaft Star Invest 52,56 Prozent an LOEN erwarb, wodurch sich der Anteil von SK Telecom an LOEN auf 15 Prozent verringerte.6 Im Dezember desselben Jahres kaufte Star Invest noch den 8,83-Prozent-Anteil, den RealNetworks an LOEN hielt, wodurch sich das Engagement von Star Invest in LOEN auf mehr als 60 Prozent erhöhte.7 Mithilfe der finanziellen Unterstützung von Star Invest konnte LOEN noch im Dezember 2013 einen Anteil von 70 Prozent am K-Pop-Konzern Starship Entertainment akquirieren.8
Der große Coup war dann aber die Übernahme von LOEN durch die Kakao Corporation im Januar 2016 um umgerechnet US $1,64 Milliarden.9 Damit wurde LOEN Teil eines der größten Internet- und Entertainment-Konzerne in Südkorea. Kakao hat seine Wurzeln im Internet-Messenger KakaoTalk, der 2006 von Kim Bum-soo gestartet wurde.10 Daraus entwickelte sich ein Konzern, zu dem heute unter anderem ein Online-Bezahldienst (Kakao Pay), eine Internet-Bank (Kakao Bank), ein Spieleentwickler (Kakao Games) sowie ein Fahrtendienst (Kakao Mobility) zählen.11
Einer der größten Unternehmensbereiche von Kakao war LOEN, der 2018 in Kakao M umbenannt wurde, wobei M zusammenfassend für MelOn, Musik und Medien stand12 und somit die drei Unternehmensteile bezeichnete: (1) der MelOn Musikstreamingdienst, (2) die Music Content Company mit den über den Jahren von LOEN aufgekauften Labels, der Ticketing-Plattform MelOn Ticket und die K-Pop-Agentur 1theK sowie (3) die Video Content Company.13 Allerdings wurde im März 2021 erneut die Unternehmensstruktur geändert, indem Kakao M mit der digitalen Inhalte-Plattform Kakao Page, über die UserInnen selbst Videos, Audios und fiktionale Texte erstellen können, fusionierte.14 Teil der Fusion war auch die Integration von MelOn in das neue Unternehmen Kakao Entertainment, das nun Musikproduktion und Musikrechteverwaltung mit der Musikdistribution von MelOn kombinierte. Zum Zeitpunkt der Fusion hatte MelOn 33 Millionen aktive NutzerInnen und 5 Millionen zahlende AbonnentInnen.15 Damit war MelOn, wie wir bereits gesehen haben, der größte Musikstreamingdienst in Südkorea.
Das sollte sich aber durch die verstärkte ausländische Konkurrenz ändern. Mit Spotify kam es 2021 kurz nach dessen Markteintritt am 1. Februar zu einem ersten Kräftemessen. Spotify entfernte nämlich sämtliche K-Pop-Titel, die Kakao Entertainment (zu diesem Zeitpunkt noch Kakao M) in seinem Katalog hatte, weltweit von seiner Plattform, weil sich beide Parteien nicht auf eine Lizenzvereinbarung einigen konnten. Der Boykott sollte aber nur von kurzer Dauer sein, weil sich Kakao und Spotify bereits im März 2021 auf einen Lizenz-Deal einigten, der das K-Pop-Repertoire wieder zurück zu Spotify brachte.16
Man könnte den Konflikt als Sturm im Wasserglas abtun, wenn damit nicht die prekäre Situation der koreanischen Streamingdienste gegenüber den internationalen Marktführern sichtbar würde. MelOn und Co. hatten ihren Aufstieg vor allem dem K-Pop zu verdanken, aber sie konnten lange Zeit nicht mit dem internationalen Repertoire punkten, das es aber auch für einen gut funktionierenden Musikstreamingdienst braucht.
Genie Music
Genie Music ist mit 2,57 Millionen aktiven NutzerInnen pro Monat der zweitgrößte heimische Musikstreamingdienst in Südkorea. Seine Wurzeln hat Genie in der Musiksparte von Bluecord Technology, einer koreanischen Tech-Firma, die bereits 1991 gegründet wurde und auch in den Entertainment- und Medienbereich diversifizierte.17 Ursprünglich war der Vorgänger von Genie Music für Musikproduktionen und den Tonträgervertrieb in Südkorea zuständig und erhielt 2000 durch die Akquisition der Doremi Media Co. auch einen großen Musikverlag. Mitte der 2000er-Jahre wurde mit Muz.co.kr die wichtigste Musikdownload-Plattform des Landes ins Leben gerufen,18 die zur Keimzeile für den Genie Music Streamingdienst werden sollte.
2007 erwarb die KT Freetel Co., eines der größten Telekommunikationsunternehmen in Südkorea, 35,28 Prozent an Bluecord Technology und spaltete die Musiksparte als eigenständiges Unternehmen mit dem Namen KTF Music ab. 2009 fusionierten die KT Corporation und KTF zu KT Music.19
2012 kaufte KT Music mit der KMP Holdings den größten koreanischen Musikvertrieb, der die Produktionen der K-Pop-Giganten SM Entertainment, YG Entertainment und JYP Entertainment vermarktete.20 Damit wurden die digitalen Musikaktivitäten mit dem physischen Tonträgervertrieb gebündelt, was dank des boomenden K-Pop-Business einen starken Wachstumsschub auslöste.
Im März 2017 erwarb das drittgrößte koreanische Telekommunikationsunternehmen, LG U+ einen 15-Prozent-Anteil an KT Music, das in Genie Music umgetauft wurde.21 Mit dieser strategischen Partnerschaft konnte die Genie Music App in weitere Mobilfunk- und Breitband-Angebote gebündelt werden. Darüber hinaus gelang es Genie Music in die Infotainment-System der südkoreanischen Autohersteller Kia und Hyundai integriert zu werden,22 was die NutzerInnen-Basis noch weiter vergrößerte.
Im Oktober 2018 fusionierte Genie Music mit CJ Digital Music, einer Tochtergesellschaft des koreanischen Entertainment- und Medienkonglomerates CJ ENM, das dadurch einen Anteil von 15,35 Prozent am neuen Unternehmen erhielt.23 Im April 2025 wurde es nach einer konzerninternen Umstrukturierung in KT Genie Music Corporation umbenannt. Die KT Genie Music Corporation ist ein börsennotierter Musikkonzern, der zahlreiche Musikkataloge sein eigen nennt, in der Tonträgerproduktion und im Tonträgervertrieb tätig ist und einen großen Musikstreamingdienst betreibt.24 Allerdings gelang es Genie Music trotz Kooperationen mit Tidal, Anghami, Tencent Music, Huawei Music und TikTok nicht, international Fuß zu fassen.25 Weiterhin blieb das K-Pop-Business das wichtigste Standbein für Genie Music, was die Wachstumsmöglichkeiten begrenzte und sich in sinkenden Marktanteilen in Südkorea niederschlug.
FLO
Ähnliche Probleme hat auch der Musikstreamingdienst FLO, der zur in Seoul ansässigen Dreamus Company gehört. Seine Wurzeln hat die Dreamus Company in der ReignCom, die 1999 von Yang Deok-joon und weiteren sechs ehemaligen Samsung-Ingenieuren gegründet wurde, um einen tragbaren CD-Player, der bereits MP3-Musikfiles speichern konnte, herzustellen.26 Die ersten Geräte wurden im November 2000 auf den Markt gebracht und waren ein solcher Verkaufsschlager, dass auch das Ausland auf das koreanische Tech-Start-up aufmerksam wurde. So ging die ReignCom eine Kooperation mit der im kalifornischen Santa Clara ansässigen Firma SonicBlue ein, die noch unter dem Namen Diamond Multimedia den Rio MP3-Player auf den US-Markt gebracht hatte. ReignCom baute nun auch für den amerikanischen Markt die portablen CD-Player mit eingebautem MP3-Player, der unter der Rio-Marke verkauft wurde.27
Allerdings ging SonicBlue 2002 in Konkurs und die ReignCom stand ohne Vertriebspartner in den USA da, weil sich die Kaufhauskette BestBuy weigerte, ein südkoreanische No-Name-Produkt ohne die Rio-Marke zu verkaufen. Im Juni 2002 erklärte sich BestBuy nach langwierigen Verhandlungen dann doch bereit, ReignCom-Produkte in den US-Vertrieb zu nehmen, wenn das Unternehmen in der Lage wäre, bis September desselben Jahres einen MP3-Player zu konstruieren, der über einen leistungsfähigen Flash-Memory-Stick verfügte. Yang Deok-joon und sein Team nahmen die Herausforderung an und präsentierten im August 2002 den BestBuy-Verantwortlichen ein Gerät, auf dem zumindest 30 Songs gespeichert werden konnte. Das war ein technischer Durchbruch und ReignCom avancierte mit einem Marktanteil von 20 Prozent in den USA zum ersten Herausforderer von Apples iPod.28 In Südkorea war ReignCom bereits der Marktführer bei MP3-Playern und konnte 2003 an die Börse in Seoul gehen.29
Die gute Laune bei ReignCom war aber schnell verflogen. Bereits für die Finanzjahre 2005 und 2006 mussten Verluste vermeldet werden, was sich negativ auf den Aktienkurs auswirkte. In dieser an sich schon schwierigen wirtschaftlichen Situation kam die Nachricht vom Launch des iPhones durch Apple im Sommer 2007 wie ein Keulenschlag. Buchstäblich von einem Tag auf den anderen war der Markt von MP3-Playern obsolet geworden. Das iPhone begann die MP3-Player zu kannibalisieren. Für 2009 wies ReignCom einen operativen Verlust von KRW 23,9 Milliarden (US $21 Millionen) aus. Als Reaktion darauf wurde die gesamte Führungsriege von ReignCom ausgetauscht und das Unternehmen in iRiver Ltd. umgewandelt, um einen strategischen Neustart zu wagen.30
Dieser gelang allerdings nicht. Die neuen eBook-Reader und die eDictionaries verkauften sich schlecht und ein Smartphone sowie ein Tablet, die als Antwort auf Apples Pendants gedacht waren, kamen nie auf den Markt.31 So stürzte die iRiver-Aktie von 2010 bis 2012 um fast 65 Prozent ab.32 Diese Talfahrt machte die Anleger nervös und es verdichteten sich bald die Übernahmegerüchte. Im Juni 2014 war es dann so weit. Die SK Telecom, Südkoreas größter Telekommunikationskonzern, kaufte von iRivers größtem Aktionär, der Vogo-Rio Investment Holdings, ein Aktienpaket um KRW 29,5 Milliarden und wurde mit rund 40 Prozent der Hauptaktionär.33 Mit der Übernahme durch die SK Telecom erfolgte eine grundlegende Restrukturierung von iRiver. Der Fokus wurde von der Musik-Hardware zum Musik-Content verschoben. So wurde im Januar 2015 mit Music Mate ein Musikstreamingdienst gelauncht, der ursprünglich als Radio-Streamingservice für mobile Endgeräte gedacht war.34 Das änderte sich, nachdem im Juli 2017 mit der SM Entertainment, einer der größten K-Pop-Konzerne zum zweitgrößten Anteilseigner von iRiver wurde.35 SM Entertainment erkannte das Potenzial der Streamingplattform und so wurde am 31. Januar 2018 zwischen der SK Telekom auf der einen Seite und den drei K-Pop-Konzernen SM Entertainment, JYP Entertainment und Big Hit Entertainment auf der anderen ein Deal geschlossen, eine B2B- sowie B2C-Musikserviceplattform zu schaffen, über die die drei Konzerne ihre Musikinhalte verbreiten konnten.36 Zu diesem Zweck wurde Music Mate vollständig überarbeitet und am 11. Dezember 2018 unter der neuen Marke FLO gelauncht.37
In weiterer Folge wurde iRiver in die Dreamus Company umgewandelt, die nun aus zwei Unternehmensteilen bestand: der Musikstreamingdienst FLO und die High-End Audioplayer-Sparte von iRiver.38 2021 erfolgte die nächste Umstrukturierung, nachdem SK Telecom sämtliche Beteiligungen, die nichts mit Telekommunikation zu tun hatten, in die SK Square Investment eingebracht hatte. Davon war auch die Dreamus Company mit ihrem Streamingdienst FLO betroffen, die nun Teil der SK Square wurde.39 Es sollte sich zeigen, dass dies nur ein Zwischenschritt war und Dreamus nach anhaltenden Verlusten in der Audio Player-Sparte diese im Dezember 2024 um KRW 5 Milliarden an die Miwang Company verkaufte,40 um sich als reine Musikservice-Plattform für K-Pop zu positionieren. Das war der symbolische Schlusspunkt unter einer langen Geschichte, in der aus einem Marktführer von MP3-Playern, unter der Führung eines Telekommunikationskonzerns ein Musikstreamingdienst wurde, der sich vor allem auf K-Pop fokussierte.
Bugs Music und Naver VIBE
Neben MelOn, Genie Music und FLO spielen noch die Musikstreamingdienste Bugs Music und Naver VIBE eine gewisse Rolle am südkoreanischen Streamingmarkt. Bugs Music ist der älteste Musikstreamingdienst des Landes und wurde im November 1999 unter dem Namen Super Sound Bugs von Park Sung-hoon in Seoul gegründet.41 Um die urheberrechtlichen Probleme einer Musikdownload-Plattform zu umgehen, wurde Bugs als Musikstreamingplattform konfiguriert, allerdings ohne Lizenz-Deals mit den Rechteinhabern abzuschließen.42
Schnell wuchs Bugs mit 16 Millionen registrierten NutzerInnen zur größten Musikplattform des Landes heran und konnte Risikokapital in der Höhe von KRW 1,5 Milliarden an Land ziehen, um die Expansion zu finanzieren.43 Allerdings machten die südkoreanischen Musiklabels dieser Expansion einen Strich durch die Rechnung. Im Februar 2003 brachten 32 Labels eine Klage wegen Urheberrechtsverletzung gegen Bugs Music ein.44
Im August 2004 versuchte Bugs Music die Wogen zu glätten, indem es mit der Koreanischen IFPI (Recording Industry Association of Korea, RIAK) einen Lizenz-Deal schloss, der es dem Streamingdienst erlaubte, 58.000 Songs über die Plattform zu streamen. Allerdings war das nur ein Teil der 270.000 Files, die Bugs Music zum Streaming verfügbar gemacht hatte, der zudem von kleineren Indie-Labels stammte. Die südkoreanischen Musik-Majors, Warner Music Korea, Sony Music Korea, SM Entertainment, Yedang Entertainment und YBM Seoul Records, widersetzten sich der Vereinbarung und hielten ihre Klage gegen Bugs Music und seinen Gründer aufrecht.45
Im Januar 2005 kam es dann vor einem Bezirksgericht in Seoul zum Showdown. Die Major-Labels setzten sich durch und das Gericht befand Bugs Music und seinen Gründer wegen massenhafter Urheberrechtsverletzungen für schuldig. Park Sung-hoon wurde zu 18 Monaten Haft und zu einer Schadenersatzzahlung von KRW 20 Millionen (US $19.900) verurteilt.46 Letztendlich war Park Sung-hoon noch mit einem blauen Auge davongekommen, aber er musste im März 2005 die Funktion als Geschäftsführer von Bugs zurücklegen und seinen 60-Prozent-Anteil am Unternehmen an ein südkoreanisches Label-Konsortium unter der Führung von Yedang Records verkaufen.47
Im Dezember 2008 wurde Bugs Music von der Neowiz Internet Corp., eine Tochtergesellschaft des größten koreanischen Games-Herstellers, die Neowiz Corporation, gekauft, um es mit der seit April 2004 bestehenden Musikdownload-Plattform JukeOn zu fusionieren und unter der Bugs-Marke weiterzuführen.48 Unter der Führung von Neowiz stieg Bugs Music zum zweitgrößten Musikstreaminganbieter Südkoreas auf und erregte das Interesse der NHN Corporation, die 1999 unter dem Namen Hangame als Spieleentwickler gegründet worden war und im Juli 2000 mit der größten koreanischen Suchmaschine Naver – Südkoreas Google – fusionierte.49 Im August 2015 kaufte die NHN Corp. Neowiz Internet samt Bugs Music, um den neuen Unternehmensteil als NHN Bugs weiterzuführen.50
Mit dem neuen Eigentümer im Rücken konnte Bugs seine Expansion vorantreiben. Im August 2016 erwarb es einen 53,9 Prozentanteil an dem koreanischen Musikdaten-Betreiber Groovers und sicherte sich einen Monat später 70 Prozent der Aktien der Managementservice-Agentur HOW Entertainment, die unter anderem den K-Pop-Star Hwang Chi-yeol unter Vertrag hatte.51 Damit verschob sich der Fokus von Bugs Music vom B2C- zum B2B-Musikbusiness und verlor in den folgenden Jahren Marktanteile am südkoreanischen Streamingmarkt.
Die Konkurrenz kam aber auch aus dem eigenen Konzern. Seit 2009 betrieb Naver.com den Musikservice-Dienst Naver Music, der ursprünglich als Download-Portal gelauncht worden war. 2017 ging Naver Music mit YG Plus, einer Tochtergesellschaft des K-Pop-Konzerns YG Entertainment, eine strategische Partnerschaft zur Verbreitung von K-Pop-Songs ein.52 Allerdings konnte Naver Music nie zum Marktführer MelOn aufschließen und so fusionierte die Konzernmutter 2020 seinen Musikdienst mit VIBE, einem KI-basierten Musikstreamingdienst.53 Damit war das Musikdown-Downloadgeschäft von Naver Geschichte und der Internetkonzern konzentrierte sich von nun an ausschließlich auf Musikstreaming.54
Da, wie wir bereits gesehen haben, Naver.com zur NHN Holdings gehört, firmieren nun unter dem Konzerndach von NHN zwei Musikstreamingdienste: Naver VIBE und Bugs Music. Beide Streamingportale spielen aber nur eine untergeordnete Rolle am südkoreanischen Musikstreamingmarkt. Das erklärt wahrscheinlich auch die Ankündigung von Naver.com im November 2025 Spotifys Premium-Angebot in das Naver Plus Membership-Programm aufzunehmen, um den SubskribentInnen Zugang zu Spotifys riesigem Musik-Katalog zu gewähren.55 Das markiert den Beginn einer Zusammenarbeit, in der Spotify seine Position am koreanischen Markt weiter verbessern könnte, was aber gleichzeitig die Musikstreamingangebote von NHN/Naver infrage stellt.
Die Analyse der südkoreanischen Musikstreamingdienste zeigt die enge Anbindung zur Telekommunikations- und Internetwirtschaft einerseits und die Verflechtung zu den K-Pop-Konzernen andererseits. Der Aufstieg von MelOn, Genie Music und FLO zu den wichtigsten Musikstreamingdiensten des Landes beruht erstens in der Bündelung der Angebote in die Mobilfunkverträge großer Telcos wie SK Telecom und der KT Freetel Company und zweites in der Zusammenarbeit mit den K-Pop-Konzernen. MelOn ist mit der Starship Entertainment sogar selbst Eigentümer einer K-Pop-Agentur und eine Tochtergesellschaft der Kakao Corporation, die ihrerseits wieder stark im K-Pop-Business verankert ist. Genie Music hat eine enge Verbindung zu den sogenannten Big-Three des K-Pop-Business, SM, YP und JYP Entertainment. SM Entertainment ist zudem am Musikstreamingdienst FLO beteiligt. Schließlich ist noch das Streamingservice Naver VIBE zu erwähnen, welches in Kooperation mit einer Tochtergesellschaft des K-Pop-Konzerns YP Entertainment gelauncht wurde.
Diese enge Bindung zum K-Pop-Business ist Segen und gleichzeitig auch Fluch für die südkoreanischen Musikstreamingdienste. Sie konnten durch den weltweiten K-Pop-Boom schnell wachsen, sind aber auch vom Erfolg dieses Musikgenres abhängig. Es ist den südkoreanischen Streamingportalen nicht gelungen, nachhaltig auch international Fuß zu fassen und sehen sich jetzt starker ausländischer Konkurrenz in Form von YouTube und Spotify gegenüber, die in kürzester Zeit Marktanteile in Südkorea gewinnen konnten. YouTube ist sogar zum führenden Musikstreamingdienst des Landes aufgestiegen. Da Abwehrversuche bislang gescheitert sind, suchen die koreanischen Musikstreamingplattformen nunmehr die Zusammenarbeit mit den ausländischen Konkurrenten, was allerdings die Gefahr in sich birgt, von diesen dominiert zu werden.
Peter Tschmuck
Dieser Artikel erschien erstmal am 29. Juni 2026 auf der Seite https://musikwirtschaftsforschung.wordpress.com/2026/06/29/die-okonomie-des-k-pop-teil-12-die-musikstreamingdienste-in-sudkorea/
Die Ökonomie des K-Pop – Teil 1: Eine Marktanalyse
Die Ökonomie des K-Pop – Teil 2: Der südkoreanische Musikstreamingmarkt
Die Ökonomie des K-Pop – Teil 3: Die Pionierphase des K-Pop
Die Ökonomie des K-Pop – Teil 4: K-Pop wird international
Die Ökonomie des K-Pop – Teil 5: SM Entertainment
Die Ökonomie des K-Pop – Teil 6: YG Entertainment
Die Ökonomie des K-Pop – Teil 7: JYP Entertainment
Die Ökonomie des K-Pop – Teil 8: Die Hybe Corporation
Die Ökonomie des K-Pop – Teil 9: Das K-Pop-Produktionssystem
Die Ökonomie des K-Pop – Teil 10: Die integrierte Vermarktung von K-Pop
Die Ökonomie des K-Pop – Teil 11: Die dunkle Seite des K-Pop
Peter Tschmuck ist Professor am Institut für Popularmusik (ipop) der mdw.
Endnoten:
- Yang, Hyung-wook. 2004. SK’s MP3 music portal shows signs of being a smash hit. Financial News, 14. Dezember. https://n.news.naver.com/article/014/0000153995. Übersetzt mit DeepL. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Billboard. 2005. Korean Telco Takes Control Of Seoul Records. 27. Mai. https://www.billboard.com/music/music-news/korean-telco-takes-control-of-seoul-records-1411719/. Accessed 22. Dez. 2025 ↩︎
- YBM. 2013. 1978: Founding of Seoul Records. YMB Homepage, 28. Dezember. http://www.ybm.co.kr/sisa/photo.aspx?seq=14&Page=1. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Naver. 2018. Kakao M Co., Ltd. Naver Organisation Dictionary, 22. Oktober 2018. https://web.archive.org/web/20210520050332/https://terms.naver.com/entry.naver?docId=651823&mobile=&cid=43167&categoryId=43167. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Han, Woo-ram. 2026. Affinity Equity Partners hit the jackpot with Kakao-Loen deal. Mail Economic Daily, 13. Januar. https://n.news.naver.com/article/009/0003663386?sid=004. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Lee, Jae-young. 2013. Affinity acquires a stake in Loen Entertainment owned by Real Networks. The Bell, 17. November. https://www.thebell.co.kr/free/content/ArticleView.asp?key=201311070100009740000585&svccode=00&page=1&sort=thebell_check_time. Übersetzt mit DeepL. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Lee, Sun-min. 2013. Loen acquires large stake in Starship. Korea JoonAng Daily, 19. Dezember. https://koreajoongangdaily.joins.com/news/article/article.aspx?aid=2982315. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Lee, Se-young. 2016. Kakao to buy South Korea’s top music streaming operator for $1.6 billion. Reuters, 11. Januar. https://www.reuters.com/article/us-kakao-m-a-loen-ent-idUSKCN0UP01620160112/. Zugriff 26. Jun. 2026. ↩︎
- Kim, Nam Kyu. 2010. iWylab launches ‚KakaoTalk‘, a messenger app for iPhone. Economy Today, 18. März. http://www.eto.co.kr/news/outview.asp?Code=20100318145504490&ts=233011. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Kakao. o.D. About. https://www.kakaocorp.com/page/about/subsidiaryCompany. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Energy Economy. 2017. Loen will change its name to KakaoM. 26. Dezember. https://www.ekn.kr/web/view.php?key=332761. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Han, Susan. 2018. Kakao M, formerly Loen Entertainment, reveals new corporate identity + appoints new CEO. Allkpop, 23. März. https://www.allkpop.com/article/2018/03/kakao-m-formerly-loen-entertainment-reveals-new-corporate-identity-appoints-new-ceo. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Joara, Hankyung. 2021. Kakao Enterprises officially launched with ‚One trillion in sales‘. The Korea Economic Daily, 4. März. https://www.hankyung.com/article/202103048042g. Übersetzt mit DeepL. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Kakao Entertainment. 2021. Kakao Entertainment merges with Korea’s No. 1 music streaming platform Melon as it eyes global growth. Pressemitteilung, 1. September. https://newsroom.kakaoent.com/news/kakao-entertainment-merges-with-koreas-no-1-music-streaming-platform-melon-as-it-eyes-global-growth/. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Stassen, Murray. 2021. Spotify reinstates K-Pop tracks from Kakao Entertainment as companies reach global licensing deal. Music Business Worldwide, 11. März. https://www.musicbusinessworldwide.com/spotify-reinstates-k-pop-tracks-from-kakao-entertainment-as-companies-reach-global-licensing-deal/. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Grokipedia. o.D. Genie Music. https://grokipedia.com/page/Genie_Music. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Grokipedia. o.D. iRiver. https://grokipedia.com/page/IRiver. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Moon Ihlwan. 2004. Korea’s ReignCom: Moving Up The MP3 Charts. Businessweek, 26. Januar. https://web.archive.org/web/20071015174000/http://businessweek.com/magazine/content/04_04/b3867071.htm. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Korea JoonAng Daily. 2003. 3 firms set for IPOs this week. 8. Dezember. https://koreajoongangdaily.joins.com/2003/12/08/industry/3-firms-set-for-IPOs-this-week/2069035.html. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Seo, Ji-eun. 2012. After the smartphone, MP3 makers struggle to survive. Korea JoonAng Daily, 29. März. https://koreajoongangdaily.joins.com/2012/03/29/industry/After-the-smartphone-MP3-makers-struggle-to-survive/2950714.html. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Bäumer, Simon. 2011. Iriver plant zwei neue Androidgeräte: Ein Tablet und ein Smartphone. PCMasters, 14. Juli. https://www.pcmasters.de/news/13373968-iriver-plant-zwei-neue-androidgeraete-ein-tablet-und-ein-smartphone.html#:~:text=Das%20geleakte%20Bild%20zeigt%20das%20geplante%20Androidsmartphone%2C,und%20auf%20einem%203%2C5%20Zoll%20Touchscreen%20basieren. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Seo, Ji-eun. 2012. After the smartphone ↩︎
- Kang, Yoon-seung. 2014. SK Telecom to acquire Iriver for 29.5 bln won. Yonhap News, 25. Juni. https://en.yna.co.kr/view/AEN20140625005100320. Übersetzt mit DeepL. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- NamuWiki. o.D. FLO. https://en.namu.wiki/w/FLO. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Kwon, Yong-min. 2017. SM Enters iRiver as 2nd Largest Shareholder in „Global Content Market“. Seoul Economic Daily, 17. Juli. https://www.sedaily.com/NewsView/1OIIDB8KM5/GD0501. Übersetzt mit DeepL. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Kim, D. 2018. SM, JYP, And Big Hit To Launch Joint Music Enterprise. Soompi, 31. Januar. https://www.soompi.com/article/1117157wpp/sm-jyp-big-hit-launch-joint-music-enterprise. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Hankyung.com. 2021. ‚Old iRiver‘ deficit exonerated by SKT. The Korea Economic Daily, 18. Mai. https://www.hankyung.com/article/2021051866611. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Choi, Hyun-seok. 2019. iRiver changed its name to ‚Dreamers Company‘. Naver News, 28. März. https://n.news.naver.com/article/001/0010726293. Übersetzt mit DeepL. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- The Korea Herald. 2021. SK Telecom names new CEO following non-telecom spinoff. 1. November. https://www.koreaherald.com/article/2716859. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Lee, Jinhwi. 2024. DreamUsCompany, sells ‚iriver‘ business for 5 billion won. Top Daily, 30. Dezember. https://en.topdaily.kr/articles/4090. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Park, Hyun-jung. 2003. Park Sung-hoon, President of Bucks Music, „leaps to become the best portal in Korea in 2-3 years“. Naver News, 24. April. https://n.news.naver.com/mnews/article/029/0000025349?sid=105. Übersetzt mit DeepL. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Billboard. 2005. Korean Labels Win Bugs Battle. 15. März. https://www.billboard.com/music/music-news/korean-labels-win-bugs-battle-1415784/. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Lee Kyong-hee. 2004. Music profits swirling down digital drain. Korea JoonAng Daily, 1. Oktober. https://koreajoongangdaily.joins.com/2004/10/01/features/Music-profits-swirling-down-digital-drain/2475425.html. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Billboard. Korean Labels Win Bugs Battle. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Neowiz. o.D. History. https://www.nwhcorp.com/holdings/en. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- NHN Corp. o.D. We are NHN, a Global IT Company Pioneering into The Global Playing Field. https://www.nhn.com/en-US/company?tab=about. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Yoon Sung-won. 2016. Bugs expanding to entertainment agency biz. The Korea Times, 31. August. https://www.koreatimes.co.kr/business/tech-science/20160831/bugs-expanding-to-entertainment-agency-biz. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- YG Plus. 2017. YG PLUS-NAVER jointly implements music business project. Pressemitteilung, 18. Oktober. https://yg-life.com/archives/94413?lang=en. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Sportsseoul.com. 2020. Consuming Naver music sources, from purchase to subscription… End of Naver Music. 3. Oktober. https://www.sportsseoul.com/news/read/963447. Übersetzt mit DeepL. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Naver.com betreibt über seine japanische Tochtergesellschaft Line Corporation seit Dezember 2014 den Musikstreamingdienst Line Music. Siehe: Russell, Jon. 2015. Messaging App Firm Line Is Testing A $2 Per Month Music Streaming Service. TechCrunch, 21. Mai. https://techcrunch.com/2015/05/21/line-music/. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
- Korea YoonAng Daily. 2025. Naver launches new music streaming program in partnership with Spotify. 28. November. https://koreajoongangdaily.joins.com/news/2025-11-28/business/industry/Naver-launches-new-music-streaming-program-in-partnership-with-Spotify/2465879. Zugriff 26. Jun. 2026 ↩︎
