
Interdisziplinarität oder Denkbarmachen von neuen Lebensentwürfen
Frau Blome-Müller, warum vermitteln Sie Musik?
Kunst kann Auseinandersetzung und Reflexion über sich selbst und die Gesellschaft sein. Die Fähigkeit in verschiedenen Wirklichkeiten zu “operieren” hilft, neue Lebensentwürfe überhaupt erst denkbar zu machen. Das finde ich gerade zurzeit einen sehr wichtigen Aspekt. Musik erlaubt das Spielen mit diesen verschiedenen Wirklichkeiten und ganzheitlichen Erfahrungswelten. Eine Ahnung dieser Möglichkeiten möchte ich gerne anderen vermitteln, so dass sie selber ihre eigene Lebenswirklichkeit gestalten können.
Was sind die Eckpunkte Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn?
Ich habe sehr früh eigene künstlerische, meist interdisziplinäre Projekte in verschiedenen Institutionen durchgeführt. Die haben meine Arbeit als Dozentin in unterschiedlichen Zusammenhängen und für verschiedene Zielgruppen sehr bereichert.
Außerdem habe ich Erfahrungen als Musiktheaterpädagogin in einem Fünfspartentheater machen können und nebenher meiner eigenen künstlerischen Entwicklung Zeit gewidmet.
65 Köpfe organisieren und die Gesellschaft mitgestalten
Mit welchen Herausforderungen sind Sie als Musikvermittlerin in der österreichischen Kulturlandschaft konfrontiert? Wenn Sie einen Wunsch an die Fee, die für Kulturpolitik zuständig ist, frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich wünsche mir, dass Musikvermittlung als unverzichtbarer Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft betrachtet und gefördert wird. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, Menschen eine Ahnung davon zu vermitteln, wie Visionen und das zur Umsetzung dieser Visionen notwendige handwerkliche Geschick entwickelt werden könnten. Ich wünsche mir, dass Musik- bzw. Kunstvermittlung in der Schule nicht kostenloses “Outsourcing” bedeutet, indem Kulturinstitutionen die Aufgabe von Musikunterricht übernehmen. Ich wünsche mir, dass der Unterschied zwischen Musik als methodisch didaktisches Lehrfach und der Vermittlung von Musik im künstlerischen Umfeld gesehen und dementsprechend behandelt wird.
Welchen besonderen Möglichkeiten und Herausforderungen begegnen Sie in Ihrer Tätigkeit als Musikvermittlerin in einem Orchester?
Bezogen auf meine Tätigkeit an der Stiftung Mozarteum, die seit 2012 das Mozart Kinderorchester für 7-12 Jährige beheimatet, bedeutet die Herausforderung im Moment die Organisation dieses aktuell 65-köpfigen Ensembles.
Definierte Rollen und Zeit und Geld nach Bedarf
Haben Sie ein “Lieblingsprojekt”, das Sie gerne erneut durchführen möchten? Was zeichnet es aus und was wären optimale Voraussetzungen, um das Projekt wieder aus der Schublade zu holen?
Ich weiß nicht, ob ich wirklich etwas “wiederholen” möchte – eher weiterentwickeln. Eines dieser Projekte ist sicherlich “Reich’ mir die Hand, mein Leben…”. Mozart, die Handtaschen und besondere (Verführungs-) Szenarien. In der Stiftung Mozarteum gibt es wunderbare Konzertsäle. Als Theaterraum ist sie (ISM) aber nicht ausgestattet. Mich interessiert daher überhaupt die Möglichkeit einer Inszenierung im Theaterraum unter Hinzuziehung neuer Komponenten.
Von der Struktur her würde ich gar nicht so viel verändern, wobei es wunderbar wäre, wenn man generell flexibler auf die jeweilige Situation reagieren könnte. Einfach so viel Zeit und Geld “verbrauchen” wie es sinnvoll ist (in gewissen Grenzen natürlich), wenn man merkt, dass alle Beteiligten mit Feuereifer dabei sind und bereit für noch intensivere Arbeitsphasen wären.
Gibt es etwas, das Sie jungen MusikvermittlerInnen, die gerade eine Ausbildung in diesem Bereich absolvieren oder am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn stehen, mit auf den Weg geben könnten?
Reflexion über sich, Kunst und die Musikvermittlung im Allgemeinen und die daraus sich ergebenden persönlichen Konsequenzen. Und die Rolle in den jeweiligen Arbeitsprozessen im Vorfeld genau definieren, bzw. abfragen und die Fähigkeit entwickeln, die Aufgaben, die nicht im Vorhinein definiert wurden, abzulehnen.
Ein grandioser, selbstbetrügerischer Untergang
Zum Schluss eine persönliche Frage: Welches Stück/Song begeistert/berührt Sie gerade und was tut es mit Ihnen?
“Don Giovanni”! Für mich stellt sich die Frage, ob dieser Don Giovanni nicht ein Prototypentwurf der aktuellen Gegenwart ist: jemand, der frei von jedweder Angst ist, der rücksichtslos lügt, seine Identität verbirgt, spielerisch seine Umgebung “gestaltet” und als Projektionsfläche für seine Umgebung agiert. Er riskiert den Untergang von allem und bleibt sich darin bis zuletzt treu. Dass dabei sämtliche Beziehungssysteme und auch Menschen zerstört werden, scheint ihn emotional nicht zu tangieren.
Und anders als im “wirklichen” Leben, sitzt man in der Oper, hört dieser wunderbaren Musik gebannt zu und fühlt sich dabei mit allen Zuschauern verbunden. Ein grandioser, selbstbetrügerischer Untergang eben!
Foto: Erika Mayer
http://www.mozarteum.at/klangkarton.html