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Hierarchie der Klangfarben und isländische Rímur – Fjóla Evans im Interview

Im Rahmen seines Artists-in-Residence-Programms stellt das BUNDESKANZLERAMT in Kooperation mit KULTURKONTAKT AUSTRIA ausländischen Kulturschaffenden Stipendien zur Verfügung. Von April bis Juni 2016 ist die kanadische Komponistin FJÓLA EVANS zu Gast in Österreich. Marie-Therese Rudolph sprach mit ihr über den Einfluss von Minimalismus und isländischen Traditionen auf ihre Musik, das „Very Young Composers Project“ der New Yorker Philharmoniker und ihr Cellospiel.

Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihr künstlerisches Selbstverständnis. Welche Musik, welche Komponistinnen und Komponisten haben Sie beeinflusst?

Fjóna Evans: Ich bin Komponistin und Cellistin. Als Komponistin bin ich beeinflusst vom amerikanischen Minimalismus wie etwa von Steve Reich. Seine Musik zu hören hat den Wunsch in mir ausgelöst selbst Musik zu schreiben. Genauso auch von Philip Glass und den Bang on a Can Komponistinnen und Komponisten wie David Lang, Michael Gordon und Julia Wolfe. Sie alle haben großen Einfluss auf mich und meine Arbeit. Ich bin aber genauso interessiert an anderen zeitgenössischen Stilen, wie etwa denen von Tristan Murail, ein Vertreter des Spektralismus, oder Beat Furrer … Die Bandbreite der Einflüsse ist also groß.

Ihre Mutter stammt aus Island, sie verbrachten dort die ersten zwölf Jahre ihres Lebens. Hat sie die dortige Musikkultur auch geprägt?

Fjóna Evans: Ich habe über die isländische Musik sogar geforscht, um mehr darüber zu erfahren. Das hat natürlich Spuren in meiner Arbeit hinterlassen. Konkret haben mich die traditionellen epischen Gedichte, sie werden „Rímur“ genannt, interessiert. Das sind mehrere hundert Jahre alte Balladen mit 40-50 Strophen, von denen noch viele erhalten sind … das hat mich im vergangenen Jahr sehr beschäftigt.

Welche Musik hören Sie persönlich gerne?

Fjóna Evans: Ich höre sehr gerne Experimental-Pop und elektronische Musik, also nicht nur „komponierte“ Musik im engeren Sinne.

Wie ist Ihr Zugang zu anderen Künsten?

Fjóna Evans: Ich bin von meiner künstlerischen Entwicklung her ja noch recht jung. Ich komponiere seit sieben Jahren … daher kann ich nur sagen, wie es im Moment für mich ist, und nicht, was es grundsätzlich in meinem künstlerischen Leben heißt. Die Bildenden Künste und Literatur interessieren mich sehr, darauf richtet sich mein Fokus, aber auch Film.

Viele meiner Stücke gehen von einer Idee aus, die nicht im Bereich der Musik verankert ist. So bin ich zum Beispiel des Öfteren von Naturphänomenen ausgegangen. Ich stelle gerne Verbindungen zwischen abstrakter Musik und etwas Konkretem her.

Haben Sie bisher mit KollegInnen aus anderen Sparten zusammengearbeitet?

Fjóna Evans: Ja, ich habe bereits mehrmals mit der Künstlerin und Komponistin Merche Blasco zusammengearbeitet. Sie baut ihre eigenen Instrumente, wie zum Beispiel Theremin-Kugeln, die die typischen Thereminklänge erzeugen, aber auch auf Instrumente oder die menschliche Stimme reagieren können. Wir haben ein Stück für drei Sängerinnen entwickelt, in dem diese singen und mit den Händen die Klänge und Effekte steuern. Das war in gewisser Weise auch eine choreografierte Performance. Eine physikalische Manifestation der Performance – es ging uns nicht nur um die Tonhöhen, die Noten, sondern auch darum, wie es aussieht und was das Publikum bei Zuhören und –sehen empfindet.

Whirlpool for Three Sopranos and Theremin Orchestra from Fjola Evans on Vimeo.

Sie planen ein Projekt mit einem Text von Friederike Mayröcker. Erzählen Sie etwas darüber.

Fjóna Evans: Ja, ich werde Friederike Mayröcker sogar kennenlernen! Aber ich habe mit dem Stück leider noch nicht begonnen. Ich liebe ihre Gedichte und mag es sehr, wie sie häufig Elemente, die sich gar nicht aufeinander beziehen miteinander collageartig kombiniert. Sie arbeitet mit sehr lebendigen Bildern! Wir Menschen verfügen glücklicherweise über die Fähigkeit, in unserer Vorstellung Dinge zueinander zu bringen, die gar nichts miteinander zu tun haben. Das inspiriert mich.

Ihre Kompositionen folgen oft Strukturen, die sich an einer Hierarchie der Klangfarben orientieren. Wie kann man sich das vorstellen?

Fjóna Evans: Das steht in enger Verbindung damit, wie ich Musik höre. Ich glaube, dass es damit zu tun hat, dass ich, als ich sehr intensiv Cello studierte, jeden Tag viele Stunden lang übte, mich sehr intensiv mit dem Klang meines Instrumentes auseinandergesetzt habe – in den unterschiedlichen Lautstärken und Tonhöhen. Mit den vielen Proben und Übungseinheiten wurde ich auf minimale Unterschiede sensibilisiert. Ja, ich lernte dabei genau zu hören!

Wenn ich also Musik höre, dann unterscheide ich anhand von Klangfarben und nicht so sehr aufgrund der Harmonik oder der Melodie. Letztere beiden Kategorien spielen natürlich auch eine Rolle, aber nicht in diesem Ausmaß. Die Klangfarben erfahre ich auch auf emotionaler Ebene.

Ich habe auch Stücke geschrieben, bei denen ich experimentiert habe, indem ich vorab die Kategorien von Klangfarben der jeweiligen Instrumente erfasst habe und dann versucht habe, diese passend zu kombinieren und zu mischen.

Sie sind Cellistin und Komponistin. Wie beeinflussen sich diese beiden Professionen. Möchten Sie beide in Zukunft gleichwertig weiterführen?

Fjóna Evans: Momentan bin ich als Komponistin aktiver und habe als solche auch mehr Projekte laufen. Auch die Möglichkeit dieses Stipendium für Wien zu bekommen, geht auf meine Arbeit als Komponistin zurück.

Aber das Cello ist natürlich ein wichtiger Teil meines musikalischen Lebens, denn durch dieses Instrument bin ich zur Musik gekommen und habe die Musik kennengelernt. Das Cello wird immer sehr wichtig für mich sein. In letzter Zeit habe ich vor allem meine eigene Musik am Cello gespielt und weniger die von anderen. Ich verfolge keine Karriere als klassische Solo-Cellistin, die Sonaten spielt und Recitals gibt. Dafür muss man wirklich hervorragend sein. Manche schaffen es sogar in beiden Disziplinen außergewöhnlich zu sein. Ich habe das Gefühl, es zieht mich mehr auf die Seite der Komposition.

Sie werden demnächst (8. Juni 2016) ein Konzert im Fluc geben. Was bekommen wir dort zu hören?

Fjóna Evans: Ich werde eigene Stücke am Cello spielen und ich freue mich schon sehr darauf. Es werden ältere und brandaktuelle darunter sein. Das Cello wird verstärkt, es gibt Live-Effekte, die mit dem Pedal ausgelöst werden und ich habe auch ein paar Sounds, die ich zuspiele: Cello, Field Recordings, Archiv-Aufnahmen von meiner Forschungsarbeit (Rímur) und Soundscapes.

VERY YOUNG COMPOSERS PROGRAM

Sie gingen vor drei Jahren von Kanada nach New York. Was war der Grund dafür?

Fjóna Evans: Ich wollte meinen Master in Komposition bei Julia Wolfe machen. Sie ist Mitglied von Bang on a Can. Ich kannte ihre Arbeit schon vorher und war sehr aufgeregt, bei ihr zu studieren. Das war im Herbst 2012. Den Master habe ich in der Zwischenzeit abgeschlossen, werde aber ab Herbst nochmals weiterstudieren.

Sie haben an dem Vermittlungsprogramm „Very Young Composers Program“ der New Yorker Philharmoniker als Komponistin und Vermittlerin mitgewirkt. Wie kam es dazu? (Anm.: Fjóla Evans wird dieses Programm inkl. Praxis-Workshop am 12. Mai im mica vorstellen)

Fjóna Evans: Ich kam durch eine Freundin dazu, die schon lange dabei war. Sie meinte, dass das gut zu mir passen würde. Und ich habe es wirklich genossen. Ich arbeitete als „lehrende Künstlerin“ mit 11-12jährigen SchülerInnen ein Jahr lang. Es werden vor allem junge KomponistInnen engagiert, denn es ist auch für die SchülerInnen wichtig, dass wir echte KomponistInnen sind. Zusätzlich werden wir von Studierenden unterstützt. Das sind oft SchülerInnen, die davor selbst dieses Programm absolviert haben. Das macht richtig Spaß.

Was konnten Sie für sich selbst daraus mitnehmen?

Fjóna Evans: Zuerst einmal hat es mich sehr inspiriert, dass die Kinder so offen und unvoreingenommen waren. Sie machten überall mit Begeisterung mit. Sehr erfrischend. Sie haben eine musikalische Idee und die wird dann umgesetzt. Wunderschön! Ganz unkompliziert. Manchmal haben sie total verrückte Ideen, die mir niemals einfallen würden. Das mag ich wirklich sehr.

Die meiste Zeit arbeitete ich mit denselben drei Mädchen. Sie waren völlig unterschiedlich in ihrer Musikalität: Eine liebte es Noten zu schreiben, aber verstand nicht immer ganz, was sie da eigentlich notierte, die andere kreierte total komplizierte Rhythmen, konnte sie aber nicht aufschreiben, und die dritte konnte wundervoll Klavier spielen und komponierte immer nur das, was sie auch spielen konnte. Sie waren wirklich sehr unterschiedlich, auch in ihrer Persönlichkeit, keine gleichgeschalteten (musikalischen) Stimmen.

Was sind Ihre Erwartungen an Ihren Aufenthalt hier in Wien?

Fjóna Evans: Nachdem ich absolut nicht damit gerechnet habe, dieses Stipendium zu erhalten, bin ich wirklich dankbar und glücklich das erste Mal hier in Österreich zu sein! Ich freue mich darauf, viele Konzerte zu besuchen und MusikerInnen und KomponistInnen kennenzulernen. Mitzubekommen, was sich hier tut, die beeindruckende Kunst und Architektur zu sehen, die Geschichte … ich bin von den Eindrücken ziemlich elektrisiert und voller Energie …

Marie-Therese Rudolph

Konzert mit Fjóla Evans:

Condor (Wolfgang Fuchs & Luis Conde) 7″ Vinyl Release Party
LIVE: Fjóla Evans (CN), Lale Rodgarkia-Dara (AT), Veronika Mayer (AT), Wolfgang Fuchs (AT)
Wann:  08.06.2016, 21:00
Wo: Fluc, Praterstern, 1020 Wien
freie Spende

Workshop mit Fjóla Evans:

Musikvermittlung in Kanada & Very Young Composers Program (inkl. Workshop)
Wann:  12.05.2016, 16 – 20:30
Wo: mica – musicaustria, Stiftgasse 29
Details und Anmeldung: www.musicaustria.at/veranstaltungen/kka-artist-in-residence-fjola-evans-zu-gast-im-mica

Zur Person:

Die Komponistin und Cellistin Fjóla Evans, ursprünglich aus Reykjavik/Island, komponiert sowohl elektronische als auch akustische Musik. Ensembles wie das JACK Quartet, Contemporaneous, Bearthoven Trio, Architek Percussion erteilten ihr Aufträge bzw. spielten ihre Werke u.a. beim MATA Festival, Ung Nordisk Musik und beim American Composers Orchestra’s SONiC Festival. Zukünftige Projekte beinhalten Aufträge für das Viðarneisti duo, die Bang on a Can All Stars Pianistin Vicky Chow sowie ein abendfüllendes Stück für Cello und Elektronik basierend auf isländischen Volksliedern.

Als Performerin präsentierte sie ihre eigenen Werke beim Cluster Festival of New Music, núna (now) sowie in der Music Gallery Toronto. Sie trat auf mit Ensembles wie Hotel Elefant, der Sängerin/Producerin Lydia Ainsworth und Bing & Ruth.

Fjóla Evans ist Absolventin der McGill University Montreal, wo sie bei dem Cellisten Matt Haimovitz studierte. Sie schloss daran ihren Master in Komposition bei Prof. Julia Wolfe an der NYU Steinhardt an. Sie wurde mit dem Großen Preis der GroundSwell Emerging Canadian Composers Competition ausgezeichnet und arbeitete mit der Instrumentenentwicklerin Merche Blasco an einem Werk für drei Soprane und Theremin Orchester. Sie wirkte beim The Bang on a Can Summer Music Festival in Massachusetts als Cellistin und Komponistin mit, nahm beim Soundstreams 2016 am Emerging Composer Workshop mit dem Komponisten Steve Reich als Mentor teil und war Stipendiatin am Banff Centre for the Arts in Alberta/Kanada, dem Kimmel Harding Nelson Center, am Old School Arthouse in Hrísey/Island sowie derzeit von KulturKontakt Austria und dem BKA. Ihre Arbeit wird unterstützt vom Canada Council for the Arts, dem Ontario Arts Council sowie der SOCAN Foundation. Fjóla Evans wird ihr Kompositionsstudium im Herbst 2016 an der Yale School of Music weiterführen.

Website: www.fjolaevans.com