Bild Lonely Ballads (c) aktionstheater ensemble
Aktionstheater Ensemble (c) Gerhard Klocker & proxi me

„DIE SEHNSUCHT DES MENSCHEN NACH EINEM LIEBENDEN GEGENÜBER.“ – AKTIONSTHEATER ENSEMBLE IM MICA-INTERVIEW

Der Regisseur MARTIN GRUBER und der Dramaturg MARTIN OJSTER produzierten mit den Musikerinnen und Musikern des AKTIONSTHEATER ENSEMBLE „Lonely Ballads – reduced songs to step back“ (Noise Appeal Records). Michael Franz Woels befragte MARTIN GRUBER, gemeinsam mit denen am Projekt beteiligten NADINE ABADO, ANDREAS DAUBÖCK und KRISTIAN MUSSER zu bevorzugten Einsamkeits-Techniken, zur kathartischen Wirkung von Balladen und zu Vorschlägen zum Unwort des Jahres 2021.

Was fandest du am spannendsten beim Neuarrangieren der Songs? 

Martin Gruber: Der Ansatz als Produzent des Albums war sozusagen eine Essenz der Balladen der vergangenen aktionstheater ensemble Stücke, die unter dem Motto „Stücke gegen die Einsamkeit“ gestanden sind, herauszuarbeiten. Die Aufgabenstellung war, trotz noch größerer Besetzung als in den ursprünglichen Songs, musikalisch radikal zu verdichten. Auch die kommenden Theaterproduktionen „Lonely Ballads Eins“ und „Lonely Ballads Zwei“ werden eine Verdichtung von gewissen gesellschaftlichen Zuständen sein: Einerseits ein knallharter narzisstischer Rückzug auf das Ego, andererseits dann doch die Sehnsucht des Menschen nach einem liebenden Gegenüber.

Nadine Abado: Es war ein schöner Prozess, die Songs in neuer Besetzung zu arrangieren. Alle Beteiligten haben ihre Ideen und Einflüsse eingebracht. Die Songs auf ihren wesentlichen Kern zu reduzieren, war dabei für mich das Spannendste. 

Andreas Dauböck: Ich empfand es weniger als Neuarrangement, sondern eher als Reduktion. Da viele Lieder im Zuge der jeweiligen Theaterproduktion entstanden sind, war es spannend, die Lieder kontextfrei zu erleben und zu bemerken, dass sie alleine und für sich auch sehr gut funktionieren.

Kristian Musser: Keine „1 zu 1“ Coverversion als Ziel, sondern die Songs in ihre Einzelteile zu zerlegen, sozusagen ihre Essenz freizulegen, und wieder neu im Kontext des Theaterstückes – als Teil eines großen Ganzen – zusammenzusetzen. Ein wesentlicher Parameter dabei war, die Reduktion – der Mut den ‚nackten‘ Song für sich stehen zu lassen, um so Stimmungen, wie Verlorenheit, Einsamkeit und Traurigkeit, noch eindringlicher zu transportieren.

Dem Wort Ballade etymologisch „nachgehört“: Aus dem griechischen ballein und dem lateinischen ballare entstand das okzitanische Wort balada für Tanz im Kontext der mittelalterlichen, südfranzösischen Troubadourdichtung. An welche Tänze denkst du, wenn du an die einzelnen Songs von „lonely ballads reduced songs to step back denkst? 

Nadine Abado: Ich denke an keine Standardtänze. Ich sehe einen Menschen, der mitten in der Nacht in einer halb leeren Bar alleine tanzt.

Kristian Musser: Ein einsames, eng umschlungenes, „verlorenes“ Tanzpaar in einer halbleeren, halbdunklen Bar zur Sperrstunde, irgendwo im Nirgendwo – Lynchineske Atmosphäre – tanzen Slow Foxtrott losgelöst vom Rhythmus und Takt. Scheinbar in Zeitlupe.

Cover “Lonely Ballads” (c) Gerhard Klocker & proxi me

Martin Gruber: Zuerst an jegliche Art von Movement. Die Lust zu tanzen generiert sich aus der Sehnsucht des Menschen, mit dem Körper das auszudrücken, wozu er mit seiner Sprache wahrscheinlich nicht fähig ist. Der Tanz leistet hier ähnliches wie die Musik. Übrigens schön, dass es hier eine etymologische Analogie gibt. Der schmachtende Troubadour passt hier ganz gut. An der Oberfläche geben sich unsere Troubadoure vielleicht etwas cooler, zwischen den mittelalterlichen Sängerinnen und Sängern und Dichterinnen und Dichtern und unseren Jungs und Mädels gibt es keinen wirklichen Unterschied. Es ist alles das gleiche: In the mood for love.

Andreas Dauböck: An welche Tänze ich in Zukunft denken werde, wird sich im Laufe der Inszenierung zeigen.

„EINEN EIGENARTIGEN ZUSTAND ZWISCHEN BLÜHEN UND VERWELKEN.“

An was denkst du als erstes, wenn du die Zahl 100 Milliarden hörst? 

Kristian Musser: Gernot Blümel und die Frage wieviel Nullen 100 Milliarden haben.

Nadine Abado: Dass ich mir diese Zahl nicht vorstellen kann.

Andreas Dauböck: Jeff Bezos hat mehr.

Martin Gruber: An eine drohende ungleiche Verteilung von Geldern. Gleichzeitig schwingt die Hoffnung mit, dass es diesmal anders wird. 

Interessant, man denkt doch eher sofort an Geld, aber 100 Milliarden Nervenzellen finden sich auch in unserem Gehirn, mehr als 100 Milliarden Sterne bilden die Milchstraße, … Und was assoziiert ihr mit dem Coverfoto? 

Martin Gruber: Die Rinde des Palmenbaumes ist ziemlich vertrocknet, der Stamm ist aber stark.

Nadine Abado: Einen eigenartigen Zustand zwischen blühen und verwelken.

Andreas Dauböck: Leere. Es erinnert mich an eine psychologische Gedankenreise, in der der Betroffene zu sich selbst finden soll, indem man ihm alles Materielle nimmt. 

Hast du schon jemals einen fortune teller, eine Wahrsagerin oder Wahrsager konsultiert? Wie weit voraus traust du dich in die Zukunft zu sehen? Wie sieht die Zukunft des Theaters aus? 

Andreas Dauböck: Ich habe mir mit Anfang 20 einmal von einer Frau die Tarotkarten legen lassen, weil ich sie gut fand und ich mir dadurch bessere Karten bei ihr erhoffte. War umsonst. Keine Ahnung, was die Zukunft bringen wird. Die Zukunft des Theaters sehe ich derzeit eher pessimistisch. Ich glaube, dass sich die Theater mit vielen Abstrichen erholen werden. Wer oder was die Abstriche sind wird sich zeigen. 

Martin Gruber: Ja, ich bin ziemlich neugierig. Es muss aber alles im Ungefähren bleiben. Ich will es ja schließlich selbst in der Hand haben… Das Theater wird dort überleben, wo es sich direkt mit dem Publikum in Beziehung setzt. Ungeachtet literarischer Vorlagen geht es um das Hier und Jetzt. Zelebrieren unseres „Seins“ als dionysische Performance. Live.

Nadine Abado: Nein. Ich schaue nicht weit in die Zukunft. Das Leben nimmt zu viele unvorhersehbare Wendungen. Es ist schwer abzuschätzen, wie Theater, aber auch Konzerte und generell Live-Aufführungen sich nach der Pandemie entwickeln werden. Ich befürchte aber, dass nicht alle Häuser diese Zeit überstehen werden.

„DAS ANGSTFREIE SEIN.“

Was macht dich glücklich?

Nadine Abado: Zeit mit Menschen zu verbringen, die ich liebe.

Martin Gruber: Das angstfreie Sein. Liebe Menschen. Natur.

Andreas Dauböck: Halbwegs ausgeschlafen aufwachen.

Dein Vorschlag für das Unwort des Jahres 2021? 

Martin Gruber: Ich sage jetzt nicht Lockdown.

Nadine Abado: Vielleicht Osterruhe. Es war für viele absehbar, dass ein paar Tage Lockdown die Situation auf den Intensivstationen nicht wesentlich entlasten wird.

Andreas Dauböck: Kurzarbeit. Dieses Wort ist mir zu nah am Kanzler dran, um es gut zu finden.

Deine absoluten Lieblingsballaden? 

Martin Gruber: Die auf unserem Album, da habe ich den emotionalsten Bezug. Dann noch viele andere. Als Beispiel „If it be your will“ von Leonard Coen, gesungen von Anohni/Antony Hegarty.

Kristian Musser: „Sometimes it snows in April“ von Prince.

Nadine Abado: Lianne La Havas „Good Goodbye“, Alice Phoebe Lou „The Ocean“, Skeeter Davis „The End of the World“ und Led Zeppelin „Baby I’m gonna leave you“.

Andreas Dauböck: Was meine absoluten Lieblingsballaden sind, kann ich nicht wirklich sagen. Aber Balladen, die ich mir immer wieder auflege sind Ween „If you could save yourself”, oder Beach Boys „God only knows”, Sister Rosetta Tharpe „Down by the riverside” oder Smiley Lewis „Someday you`ll want me”. Als Ferienitaliener begleitet mich natürlich bis heute Fabrizio de Andrea „Andrea”. Den Song fand ich als Kind schon gut, und daran hat sich auch bis heute nichts geändert.

Sind für dich Balladen eher von kompensatorischem Charakter oder haben sie eine kathartische Wirkung? 

Nadine Abado: Eine klar kathartische Wirkung.

Andreas Dauböck: Das kommt auf die Ballade an. Müsste ich mich spontan entscheiden, würde ich eher zur kathartischen Wirkung tendieren.

Kristian Musser: Musik, Kunst generell in all ihren Ausformungen hat für mich eine kathartische Wirkung.

Martin Gruber: Unbedingt beides.

„SO LANGE DENKEN, BIS ES MIR ZU BLÖD WIRD.“

Was machst du, wenn du dich einsam fühlst? Der Kulturphilosoph Thomas Macho spricht zum Beispiel von „Einsamkeits-Techniken“ welche hast du in Gebrauch? 

Nadine Abado: Songs schreiben, Freunde und Familie anrufen, oder einfach mal einen Tag im Bett liegen bleiben.

Kristian Musser: Meine Einsamkeitstechniken sind Musik und Kunst. Endlose Spaziergänge in der Natur. Segel setzen, erkunden, abschließen und Neues wagen.

Andreas Dauböck: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich dieses Gefühl bisher nur selten hatte. 

Martin Gruber: So lange denken, bis es mir zu blöd wird. Dann Musik. Dann Spaziergang. Dann offen werden für Überraschungen.

Vielen Dank für das Interview!

Michael Franz Woels

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Nächste Termine:

Die Premiere für „Lonely Ballads Eins“ findet am Di. 25. Mai (bis Fr. 28. Mai) am Spielboden Dornbirn statt.

„Lonely Ballads Zwei“ feiert am Di. 1. Juni (bis Fr. 4. Juni) im Theater Kosmos, im Rahmen des Bregenzer Frühlings, seine Uraufführung.

Ab Mi. 16. Juni werden die beiden Wien-Premieren im Werk X gezeigt.

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