„Mal ist man hier, mal dort, manchmal auch dazwischen.” – DYLAN GOFF im mica-Interview

Seit zwanzig Jahren lebt DYLAN GOFF in Österreich, nun hat der irische Singer-Songwriter sein erstes Album herausgebracht. „untethered (side one)” ist die erste Hälfte einer Sammlung von Liedern, die in den letzten beiden Jahren entstanden sind. Mit Markus Deisenberger sprach DYLAN über Songs wie Rotwein und den Wald als Inspirationsquelle.

Du bist schon 38 Jahre alt. „untethered” ist dein erstes Album. Klingt nach einem Spätstarter.

Dylan Goff: Ja, es hat ziemlich lange gedauert, bis ich mich getraut habe, etwas zu veröffentlichen und um mitzubekommen, wie man das überhaupt macht. Ich hatte zwar eine grobe Idee, aber wie die einzelnen Schritte dazu vollzogen werden, habe ich erst in den letzten Jahren verstanden. Freundinnen und Freunde in der Musikszene wie etwa Amelie Tobien, die auf einem der Songs mit mir zu hören ist, oder andere aus dem Songwriting Circle haben mir dabei geholfen.

Der Songwriting Circle war also der Auslöser, das bestärkende Element, es dann doch zu versuchen? 

Dylan Goff: [lacht] Das muss man sich wie eine Selbsthilfegruppe vorstellen. In jedem Lebensbereich kann man ja von der Erfahrung anderer lernen. Im Musikbereich ist das nicht anders. Ich dachte immer, ein Album aufzunehmen und zu produzieren ist etwas, das nur den Top-Profis vorbehalten ist, nachdem sie einen Plattendeal an Land gezogen haben. Daran, dass es unabhängige Musikerinnen und Musiker gibt, die eine solche Produktion selbst finanzieren oder mit Hilfe anderer in Eigenregie produzieren, habe ich nie gedacht. Der Circle gab mir den Anstoß dazu. Ich habe dort aber auch viel über Songwriting an sich gelernt. Durch den Circle habe ich einen Qualitätssprung vollzogen, viel mehr auf die Texte geachtet. Der Punkt, an dem ich der Meinung war, ein Song ist fertig, hat sich nach hinten verlegt. Bis ein Lied wirklich fertig ist, dauert es viel länger, als ich ursprünglich dachte.

„Ich gebe den Liedern jetzt viel mehr Raum, um sich zu entwickeln.”

D.h. das Schreiben wurde zu einem längeren und intensiveren Prozess? 

Dylan Goff: Länger auf jeden Fall. Ich habe gelernt, dass es wie beim Rotwein ist: Man öffnet die Flasche nicht, um gleich zu trinken, sondern lässt den Wein atmen, lässt ihn an der Luft reifen, wodurch sich der Geschmack verstärkt. Es braucht einfach viel mehr Entwicklungszeit. Oder um es anders auszudrücken: Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Dylan, der in seinem Zimmer Lieder schrieb, und dem Dylan, der auf der Bühne singt und Lieder schreibt, um sie auf der Bühne zu singen. Ich gebe den Liedern jetzt viel mehr Raum, um sich zu entwickeln.

Seit wann machst du Musik? 

Dylan Goff: Mit sechs, sieben Jahren bekam ich ersten Klavierunterricht. Das war nichts. Danach bekam ich Geigenunterricht. Das war auch nichts. Bis ich die Gitarre meiner Schwester gestohlen habe, um darauf zu spielen und mir das Spielen beizubringen – da war ich elf. Da habe ich plötzlich selbst Melodien geschrieben, selbst getextet. Da ging es los. Wirklich ernst habe ich allerdings erst vor drei Jahren damit begonnen.

Was war der Auslöser? 

Dylan Goff: Das waren ein paar Sachen gleichzeitig. Zuerst habe ich eine Phase schlechter geistiger Gesundheit durchgemacht. Eine Depression. Das war nicht das erste Mal, aber in Selbsttherapie habe ich wieder zu schreiben begonnen. Während meines sechsjährigen Studiums davor hatte ich das Schreiben ganz sein lassen. Ich hatte einfach keinen Platz im Kopf dafür. Es war zu viel, um gleichzeitig kreativ zu sein. Zwar habe ich oft probiert, etwas zu schreiben, aber unter einer Art Schreibblockade gelitten. Wenn ich zur Gitarre griff, ging nichts, was sehr frustrierend war. Erst in dieser schlechten Phase gelang es mir plötzlich, mich auszudrücken. Ich begann Lieder zu schreiben und zu singen und habe bemerkt, dass sich etwas verändert hatte.

Bild Dylan Goff
Dylan Goff (c) Peter Wieser

Was?

Dylan Goff: Vielleicht war ich einfach nur sechs Jahre älter und ebenso viel erfahrener als zuvor, vielleicht war es aber auch etwas anderes. Schwer zu sagen. Jedenfalls waren die Lieder anders: Reifer und echter.

Vielleicht hatte sich auch viel aufgestaut?

Dylan Goff: Das kann gut sein. Etwa zur gleichen Zeit, als ich wieder zu schreiben begann, lernte ich die Leute im Songwriting Circle kennen. Schon in den Jahren 2009/2010 war ich viel aufgetreten, mit eigenen Liedern, aber ich nahm es insgesamt nicht so ernst. Damals gab es so etwas wie den Circle nicht. Als ich dann vor drei Jahren wieder dazu kam, gab es plötzlich diese Unterstützung. Ich hatte auf einmal einen sozialen Kreis, in dem es um Musik ging. Das hatte ich vorher noch nie, und es war ungemein bereichernd. Ich habe tolle Leute kennengelernt, die gleichzeitig eine ähnliche musikalische Entwicklung durchgemacht haben wie ich.

In deinen Songs geht es um ernste Themen: Depression etwa und die Verlorenheit mit der Situation. Man braucht Hilfe, traut sich aber nicht, etwas zu sagen. Ein sehr relevanter Gewissenskonflikt für depressive Personen. Wie kommst du zu deinen Themen? Nachdem, was du bisher gesagt hast, liegt die Vermutung nahe, dass es persönliche Themen sind, die du in deinen Songs abhandelst.

Dylan Goff: Ich bin oft besorgt, dass ich zu narzisstisch schreibe. Im Schreibprozess versuche ich so gut wie möglich, mechanisches Schreiben zu verhindern. Das heißt, ich lasse so viel wie möglich vom Hinterkopf kommen und nicht zu steuern, was ich schreibe. Dass es dann oft wie von selbst ein Narrativ hat, überrascht mich oft. Es gibt ja den Spruch: „You write about what you know.” Ich glaube in meinem Fall ist es so. Ehrlichkeit ist mir wichtig. Wenn ich probiere über andere zu schreiben, sind mir die Lieder oft peinlich, weil es mir unehrlich und unauthentisch vorkommt. Das Leben durch andere Augen zu schauen? Ist nichts für mich. Das fünfte Lied auf der EP ist dann doch durch einen anderen Charakter gesehen, aber es gibt einen Kern, der von mir kommt, obwohl ich aus der Perspektive eines anderen singe.

Ein anderes Thema, man könnte vielleicht sogar sagen ein wiederkehrendes, ist das des „Slowly Drownings”. Jemand verliert den Boden unter den Füßen und merkt, langsam und allmählich nicht mehr Herr der Lage zu sein. Hat das auch mit der Situation zu tun, in der wir uns alle befinden? Schließlich hat Corona unser aller Unsicherheiten verstärkt. 

Dylan Goff: Das fünfte Lied der EP, „Romance at Russburough”, ist das einzige, das ich während dieser Corona-Phase geschrieben wurde. Alle anderen entstanden schon vorher. Aber es gab in meinem Leben Phasen, in denen ich wie in einem Lockdown gelebt habe, nicht gern die Wohnung verließ. Viele von uns haben schon Situationen erlebt, in denen man nicht mehr funktionieren kann und nicht weiß, wann es wieder aufhört. Ich bin jetzt fast sechzehn Jahre trocken und clean. Das zweite Lied („The Way that Led to You”) handelt von dieser Reise, die ich in dieser Zeit zurückgelegt habe. Von einem geistig sehr schlechten Ort wegzukommen und an einen anderen, besseren Ort zu gelangen. Das Leben ist nie eine konstante Sache. Mal ist man hier, mal dort, manchmal auch dazwischen.

Wann kamst du nach Wien? 

Dylan Goff: Als ich zwanzig Jahre alt war. Vor ziemlich genau achtzehn Jahren also.

Was hat dich nach Wien verschlagen? 

Cover untethered side one
Cover “untethered (side one)”

Dylan Goff: Es gab da mal eine Frau. Eine junge, intensive Beziehung. Ich habe Österreich mit ihr besucht und es hat mir sehr gefallen. Sie war aus Goisern und die Berge dort haben mich sehr beeindruckt. Es gab dort aber halt wenig bis nichts für mich zu arbeiten, also bin ich nach Wien übersiedelt. Die Beziehung gibt es heute nicht mehr, aber ich habe hier in Österreich meine Frau kennengelernt.

Wo hinzugehen ist das eine, zu bleiben das andere. Warum bist du geblieben? 

Dylan Goff: Es hat mir hier immer ein bisschen mehr gefallen als zuhause. Ich habe mich in Irland nie wirklich wohlgefühlt, was man Irland aber nicht anlasten kann. Ich war jung und wohl auch ein wenig kompliziert. Wie bei allem gibt es Vor- und Nachteile: Es ist hier in Österreich vielleicht ein bisschen weniger freundlich als in Irland, dafür lässt man einander mehr in Ruhe. Das hat mir sehr gefallen. Österreich ist entspannter als Irland. Und nach ein paar Jahren war ich zu stark an das Leben hier gewohnt. Irgendwann ist das neue Zuhause wirklich dein Zuhause. Einen konkreten Grund, warum ich hiergeblieben bin, gab es damals nicht, es war eine Gemengelage an vielen Gefühlen, die dafür verantwortlich waren. Ja, und dann hab´ ich meine Frau kennengelernt.

„Ich wünsche mir, mehr von den Expats loskommen und mehr in die lokale Szene eintauchen.”

Wie hast du die Wiener Folk-Szene erlebt? Wie ist das Interesse, das einem als Singer- Songwriter entgegengebracht wird? Wie lebhaft ist die Szene? 

Dylan Goff: Es gibt ein kleines, aber hochinteressiertes Publikum. Um ehrlich zu sein, bin ich aber noch dabei mein Publikum zu finden. Die Gefahr, wenn man ein Expat ist wie ich, liegt darin, dass man sich mit anderen Expats umgibt, dort kommuniziert und dort veröffentlicht. Die Szene, in der ich mich bewege, ist von vielen Expats geprägt, was ich schade finde, denn es gibt sehr viele tolle österreichische Musikerinnen und Musiker in diesem Bereich. Ich wünsche mir, mehr von den Expats loskommen und mehr in die lokale Szene eintauchen.

Du bist auch nicht der einzige Ire auf der Platte. 

Dylan Goff: Nein, Brendan Doran spielt Klavier und Keyboard, und auch der Produzent Dan Fisher ist zwar Engländer im engeren Sinne, aber seine Eltern sind Iren, der hat also auch irische Roots. Die restlichen Musikerinnen und Musiker sind aber Österreicherinnen und Österreicher. Mit dabei ist die großartige Amelie Tobien, Claudia Heidegger, die sehr aktiv in der Folk-Szene ist und gleich in mehreren unterschiedlichen Bands spielt. Bass spielt Marco Bogner. Fabian Natter ist ein sehr vielfältiger Schlagzeuger, der in vielen Bands spielt.

Ich fand die Beschreibung deiner Musik im Pressetext interessant. Da fielen als Referenzen die Pogues und The National. Das klingt erst mal miteinander unvereinbar, wenn man das so liest. Aber wenn man darüber nachdenkt, klingt vieles, was Du machst tatsächlich, als würden The National irische Klassiker von den Pogues interpretieren und so eine traurigere Version dieser Musik erschaffen.

Bild Dylan Goff
Dylan Goff (c) Peter Wieser

Dylan Goff: [lacht] Meine musikalischen Einflüsse sind breit. Bis ich 25 Jahre alt war, war ich reiner Metalhead, stand auf Slayer und Metallica. Danach machte ich die wohl typische Irish not in Irland-Reise, habe mich viel mit irischer Folk-Music beschäftigt, hatte eine große Pogues-Phase. An den Pogues fand ich immer weniger den irischen Klang interessant als Shane Mac Gowans Texte. Die waren immer der Hauptgrund. Wie er die Wörter zusammenstellt, unprätentiös und trotzdem poetisch, das hat mich immer schwer beeindruckt. Nicht vom Lebensstil, ab er vom Schreiben ist er ein Riesenvorbild. Bei The National war es Liebe auf das erste Zuhören. Auch das hatte einen Einfluss. Aber ich bin zwar immer sehr intensiv verliebt in eine Band, ziehe dann aber irgendwann auch weiter.

Du entliebst dich also auch schnell? 

Dylan Goff: Ja, ich war z.B. lange Zeit ein Riesen-Fan von Pearl Jam, höre sie in letzter Zeit aber nur noch selten.

Du hast auf Facebook von Verzögerung gesprochen. Das Album hat länger gedauert als dir lieb war. 

Dylan Goff: Anfängerfehler. Es ist das allererste Mal, dass ich so etwas mache und es gab beim Mastering technische Probleme. Dadurch hat es sich ein wenig verzögert. Vielleicht war ich auch zu enthusiastisch und wollte alles zu schnell machen, hätte besser ein paar Wochen mehr eingeplant. Aber es ist mir halt wichtig. Ich dachte nie, dass ich wirklich etwas veröffentlichen würde.

Was machst du hauptberuflich? 

Dylan Goff: Ich habe Forstwirtschaft studiert und bin momentan auf Arbeitssuche. Das Klima auf dem Arbeitsmarkt ist aber eher schwierig. Am Land sind die Möglichkeiten größer in meinem Bereich. Aber der Wald im Speziellen und Ökosysteme im Allgemeinen sind neben der Musik meine zweite große Liebe.

Wie bist du dazu gekommen? 

Dylan Goff: Wissenschaft hat mich immer gereizt. Nach der Matura hatte ich aber erst mal acht Jahre lang keine Ahnung, was ich machen wollte, habe einen Job nach dem anderen gemacht. Keiner machte mich glücklich, und ich begann mich zu fragen, was mich wirklich interessiert. 2008/2009 hatte ich eine Phase, in der ich viel auf dem Kahlenberg laufen ging, viel im Wald war. Da keimte der Wunsch in mir zu wissen, wie das alles funktioniert. Ein komplexes Ökosystem. So kam ich zum Thema Wald.

Jemanden wie dich, der um die Wichtigkeit und Besonderheit des Waldes weiß und der auch schon am Amazonas war, müssen die jüngsten Bilder vom brennenden Regenwald besonders stark geschmerzt haben, nehme ich an? 

Dylan Goff: Man lernt genau, was Wälder gegen den Klimawandel tun, aber manchmal habe ich auch den Eindruck, es gibt zwar einen Druck, das Problem zu lösen, aber auf die Emissionen zu schauen und in den industriellen Bereich einzugreifen, das will niemand. Andererseits: Wenn man aus dem globalen Süden kommt und sich von einem Land wie Irland, das selbst den ganzen Wald weggeschnitten hat, Vorwürfe anhören muss, kann das schon nerven, weil es so heuchlerisch ist. In Europa und den USA hat man riesige Flächen ruiniert, um die eigene industrielle Entwicklung voranzutreiben. Und jetzt wollen das Schwellenländer oder Entwicklungsländer eben auch tun. Da mit dem erhobenen Finger zu kommen, ist der falsche Weg. Ich kann also auch deren Perspektive verstehen.

Was schlägst du vor? 

Dylan Goff: Es muss an globalen Lösungen gearbeitet werden, damit alle eine Chance auf einen guten Lebensstil haben und gleichzeitig die Natur geschützt wird. Sonst wird es weiter illegal betrieben.

Zurück zur Musik: Das Album sei „evocative”, heißt es im Pressetext. Die Themen sind ernst. Glaubst du, dass die Menschen gerade offen für ernste Themen sind oder ist es die gute Platte zur schlechten Zeit, weil die Menschen zu absorbiert von den eigenen Sorgen sind, um sich auf eine Platte wie diese einzulassen?

Dylan Goff: Das kann schon sein. Ich selbst nehme wahr, dass die Bereitschaft für Trauriges oder allzu Ernstes gerade nicht allzu groß ist. Man kann nur hoffen, dass ein paar bereit dazu sind, sich auch etwas Tieferes einzulassen.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Markus Deisenberger

 

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