„Das flutscht wie Seife“ – Ankathie Koi und Judith Filimónova von FIJUKA im mica-Interview

2011 als Duo gegründet, ließen ANKATHIE KOI (Vocals, Synths) und JUDITH FILIMÓNOVA (Bass, Vocals) schon 2013 auf „Fijuka“ mit perfektem 80er-Jahre Sound aufhorchen. Aufsehen erregten auch ihre aufwendig produzierten Musikvideos: Da treffen Rhönräder auf Cheerleader, slicke Grillpartygäste auf Kannibalismus und Hassliebe auf winterliche Schwimmbäder. Am 25. September erscheint das neue Album „Use My Soap“ (Seayou). Pünktlich dazu ist gerade das neue Video zur Single „Ca Ca Caravan“ herausgekommen. Clara Schmidl traf FIJUKA zum Gespräch über das neue Album, Livespielen und Selbstinszenierung im Pop.

Es kursieren – teils auch von Ihnen selbst unterfüttert – verschiedene Theorien darüber, was FIJUKA bedeutet: Ungarisch für „kleiner Junge“, Serbisch für „kleine Schublade“, Swahili für „kleine Geister“? Google Translate bietet auch Bosnisch für „Trillerpfeife“ …

Ankathie Koi:
Echt? Cool, das kennen wir noch gar nicht.

Judith Filimónova: Das nehmen wir!

Was macht Ihnen an dieser Bedeutung am meisten Spaß?

Judith Filimónova: Eine Trillerpfeife kann Leben retten!

Ankathie Koi: Und laut sein. Man kann Leute unglaublich nerven damit. Indem man sie ihrem Kleinkind schenkt zum Beispiel.

Haben Sie so etwas auch schon einmal für Ihre Musik verwendet?

Judith Filimónova: Ja, bei einer Nummer habe ich Blockflöte eingespielt. Bei „No One Gets Anything From Me“ wiederum ist ein Kinderglockenspiel dabei, sehr verzerrt und verfremdet.

„Das erste Album war doch sehr pur, vieles akustisch und ziemlich reduziert.“

Im letzten mica-Interview haben Sie gescherzt, dass das nächste Album so extrem überladen sein werde, dass es als Metal-Album durchgehen könnte …

Judith Filimónova: Ja, es ist fast Heavy Metal geworden.

Ankathie Koi: Es ist definitiv vollgepackter als das letzte: Wir waren diesmal zu viert, allein das macht das ganze fetter. Es hat Hunderttausende Spuren gegeben.

Judith Filimónova: Schon allein das Schlagzeug: E-Drums, echtes Schlagzeug und Beats …

Ankathie Koi: … drei verschiedene Synthesizer fast bei jeder Nummer, Gitarre, viele kleine Instrumente und ganz viele Chorsätze. Das letzte Album [„Fijuka“; Anm.] haben wir hauptsächlich zu zweit aufgenommen, nur bei einem oder zwei Songs haben wir einen Gastmusiker dabeigehabt.

Judith Filimónova: Das erste Album war doch sehr pur, vieles akustisch und ziemlich reduziert. Vergleichsweise gibt es schon einen großen Gegensatz.

Ankathie Koi: Und doch empfinden wir es nicht als vollgepackt. Es ist wirklich ein ausproduziertes Pop-Album geworden – genau das, was wir wollten!

„Use My Soap“ kann sehr unterschiedlich verstanden werden …

Judith Filimónova: Vieles liegt ja im Auge des Betrachters. Da finden alle ihre eigene Geschichte dazu.

Ankathie Koi: Es ist ein urversauter Text. Es geht da um eine ältere Frau, die einen Jüngling verführt und ihn schlussendlich – eigentlich urmies! – mit Gänseleberpastete vergiftet. Sie sagt zu ihm: „Use my soap, use my milky soap“ – so ein bissl „wäh“ – „once I had a man who tried to cope with me“ – ich hab schon einmal einen Typen gehabt, der hat probiert, sich mit mir anzulegen. Und hoppla: Jetzt trägst du seinen Bademantel! Es ist lustig zu singen und ich fand’s ganz nett, „Use My Soap“ auch als Albumtitel zu verwenden, weil man so etwas noch nie gehört hat. Das war ganz schnell da, es ist witzig und urschmutzig! Wir mögen so schmutzige Sachen.

Von den Textfragmenten und Refrains her, die in Erinnerung bleiben, entsteht der Eindruck, dass es immer wieder um launische, eigenwillige, selbstbewusste Frauen geht, die sagen: „Du bist mir egal.“

Ankathie Koi: „Cold Brat“ natürlich. „No One Gets Anything From Me“ geht auch in diese Richtung. Das ist neben „What The Eye Doesn’t See“ der einzige autobiografische Song auf diesem Album. „Cold Brat“ ist aus der Sicht einer sehr eigenwilligen, schrecklich arroganten Frau geschrieben – aber keiner, die eine von uns beiden verkörpert. Obwohl, irgendetwas findet man immer. Es sind immer verschiedene Rollen, meist erfundene Charaktere.

„Oft geht es einfach nur darum, Mut zur Einfachheit zu haben.“

Wie entstehen Songs bei FIJUKA?

Judith Filimónova: Viele zu zweit, manche auch allein.

Ankathie Koi: Auf dem neuen Album haben wir drei Songs zusammen mit Paddy, dem Keyboarder, gemacht. Die sind eigentlich im Proberaum beim Jammen entstanden. Das war neu für uns, gemeinsam mit einem dritten zu schreiben.

Judith Filimónova: Aber es hat super funktioniert.

Ankathie Koi: Wir haben uns einmal in einem bayrischen Bauernhaus einquartiert. Dort haben wir zwar lang herumgenudelt – die meiste Zeit gegessen, getrunken und Adriano-Celentano-Filme geschaut, bevor wir plötzlich draufgekommen sind, dass wir jetzt bald wieder heimfahren und noch schnell einen Song schreiben müssen [lacht]! Also haben wir noch schnell einen Song geschrieben.

Judith Filimónova: Bei uns braucht es oft viel Vorlauf und Prokrastination. Aber wenn’s ganz schnell gehen muss, dann kommt auch irgendetwas.

Was macht für Sie eine gute Hook aus?

Judith Filimónova: Dafür muss man ein Gespür entwickeln. Oft geht es einfach nur darum, Mut zur Einfachheit zu haben.

Und wie steht’s mit den Proben?

Ankathie Koi: Wir sind jetzt keine Probentiger …

Judith Filimónova: Wir halten das eher im notwendigen Rahmen.

Ankathie Koi: Wir proben nicht nur mit unterschiedlichen Leuten, sondern auch in unterschiedlichen Konstellationen. Wir sind die zwei, die das Programm kennen und weitergeben müssen: mit neuen Leuten wieder von vorne anfangen, sie anlernen. Das ist definitiv anstrengend, es ist sowohl ein Zeit- als auch ein Kraftaufwand für uns. Es geht aber momentan nicht anders. Und weil wir beide viel zu tun haben und die Musikerinnen und Musiker auch nur vereinzelt verfügbar sind, beschränkt sich das dann auf wenige Proben. Dann proben wir zackig und fokussiert – schon ein Bierchen dabei, aber keine Zehn-Stunden-Proben. Für einen fixen Probentag haben wir einfach zu wenig Zeit, es ist immer zu viel organisatorisches Drumherum. Das erledigen wir zwei, wir sind der fixe Kern.

Eines Tages haben Sie sich für einen Kurswechsel in Ihrer Musik entschieden. Sie wollten etwas machen, wozu die Leute tanzen.

Ankathie Koi: Langsame Musik muss ja nicht fad sein, aber es war eher das Bewegungselement – dass etwas passiert. Dass sich die Leute dazu bewegen können. Und wenn sie einfach mit dem Arsch wackeln. Es macht uns beiden selbst Spaß auf der Bühne, die Leute dann dabei anzusehen.

Seit den Anfängen von FIJUKA hat sich Ihre Bildsprache sehr verändert. Frühe Videos zeichnen sich durch einen Super-8-Look aus, familiär und schön.

Judith Filimónova: Es ist uns damals selbst gar nicht so aufgefallen, dass „Trains (The Cracker)“ so ein mütterliches Video geworden ist!

Ankathie Koi: Mich haben Leute danach öfter darauf angesprochen, ob wir einen unerfüllten Kinderwunsch hätten [lacht], dabei wollten wir einfach nur ein süßes Video machen.

Damals war Ihre Musik auch noch anders.

Ankathie Koi: Das war der erste gemeinsame Song. Ich mag den noch immer gern.

Judith Filimónova: Das ist vier Jahre her. Wir haben immer mehr Lust daran gefunden, uns auch optisch zu inszenieren…

Ankathie Koi: … uns richtig vollzukleistern! Das gehört dazu, ein wichtiges Ritual vor dem Auftritt.

„Wir finden es witzig, immer ein bisschen drüber zu gehen, dieses Element der Übertreibung.“

Es scheint, als wäre in Ihren Bildern immer ein Bruch versteckt, als wäre da immer etwas Schauriges, Gefährliches oder auch Witziges bzw. Nerdiges dabei.

Ankathie Koi: Ja, das haben wir ganz gern. Und das kriegen wir ganz natürlich hin: Diesen „dreckigen“ Aspekt haben wir fast automatisch drin. Wir finden es außerdem witzig, immer ein bisschen drüber zu gehen, dieses Element der Übertreibung. Es kann nicht zu deppert sein.

Ist das dann eine Art „Persona“?

Ankathie Koi: Das sind schon wir.

Judith Filimónova: Klar muss man das auf der Bühne ein bisschen übersteigern.

Sie haben FIJUKA einmal als „ganzheitliche Popband“ bezeichnet. In welcher Relation stehen Pop und Entertainment für Sie?

Judith Filimónova: Das ist für uns …

Ankathie Koi: … eines.

Im neuen Video zu „Ca Ca Caravan“ sind Sie sexy Spaceshuttle-Superheldinnen.

Ankathie Koi: Judy Jupiter and Caty Cosmos [lacht]!

Judith Filimónova: Unsere Charaktere in dieser Mission. Wir müssen einige Planeten retten.

Ankathie Koi: Wir haben lustige Kostüme an, so ein bisschen 60er-Jahre-Raumschiff-Nostalgie, Raumschiff-Orion-artig gehalten, sehr ironisch, extrem bunt. Es passiert extrem viel.

„Was ist das Allermeiste, was du von dir hergeben kannst, sodass von dir gar nichts mehr übrig bleibt?“

Allgemein zu den Videos: Sie sind immer sichtbar und setzen sich damit immer sehr aus – bei „Phantom Sentimental“ sind Sie nackt …

Ankathie Koi: Da grillen wir uns selbst, da lassen wir uns im Endeffekt von den Grillbesuchern aufessen. Das hat schon was sehr Exhibitionistisches oder Voyeuristisches …

Judith Filimónova: … und eine gewisse Selbstaufgabe.

Ankathie Koi: Bis hin zu sich selbst aufessen lassen. Was wäre das Ärgste, was passieren kann, wenn Leute dich vereinnahmen, ja ein Stück von dir wollen?

Judith Filimónova: Was ist das Allermeiste, was du von dir hergeben kannst, sodass von dir gar nichts mehr übrig bleibt? – Die Antwort darauf wollten wir in dem Video auf die Spitze treiben.

Hat das etwas mit dem Musikschaffen selbst zu tun?

Judith Filimónova: Ja schon, es ist etwas Selbstausbeuterisches.

Ankathie Koi: Du steckst rein, steckst rein, jeder kriegt etwas von dir. Oft bleibst du über und hast selbst nichts mehr.

Judith Filimónova: Dabei gibst du von dir selbst extrem viel preis.

Ankathie Koi: Du lässt die Leute in dich hineinschauen. Man ist teilweise sehr nackt, eigentlich. Das war schon ein Aspekt für uns. Die Message haben auch viele Leute gecheckt, die das Video gesehen haben.

Thema Humor, die Fähigkeit, sich über sich selbst lustig zu machen, Grimassen zu ziehen …

Ankathie Koi: Wir sind mit Sicherheit die humorloseste Band in ganz Wien. Lachen ist scheiße. Nächste Frage!

„Wenn die Leute merken, dass du nach dem zweiten Song schon klatschnass bist, dann greift das über. Dann kannst du eine Trachtenband oben stehen haben, da tanzen selbst die Hipster unten mit.“

Gibt es da auch negative Reaktionen?

Judith Filimónova: Was bei uns ganz normal ist, stößt manche vor den Kopf.

Ankathie Koi: Humor ist definitiv ein roter Faden bei uns. Wir lachen extrem viel, das ist uns schon sehr wichtig. Es gibt sicher Leute, für die das zu viel ist.

Judith Filimónova: Es stehen eben nicht alle auf diesen starken Expressionismus.

Ankathie Koi: Das ist aber etwas, was wir nicht einschränken.

Judith Filimónova: Wir machen es so, wie wir uns am wohlsten fühlen. Und wir können gut damit leben, dass es nicht jedermanns Sache ist. Und: Auch wenn wir uns gern inszenieren, ist das, was wir auf der Bühne performen, sehr nackt und sehr aus unserem Herz heraus.

Ankathie Koi: Auch wenn dem Publikum die Musik nicht taugt, eine ehrliche Performance wird eigentlich fast immer respektiert. Wenn die Leute merken, dass du nach dem zweiten Song schon klatschnass bist, dann greift das über. Dann kannst du eine Trachtenband oben stehen haben, da tanzen selbst die Hipster unten mit.

Judith Filimónova: Wir kriegen bei Konzerten so viel positives Feedback! Dass jemand auf ein Konzert kommt und ein Problem damit hat, haben wir noch nie erlebt.

Ankathie Koi: Wir werden schon sehr belohnt, wir geben aber auch sehr viel her.

„Wenn wir geduscht ausschauen, war der Gig meistens gut!“

FIJUKA ist live ein Erlebnis. Wie ist es für Sie, live zu spielen?

Ankathie Koi: Wir gehen immer ans Limit, da sind wir auf einem sehr hohen Energielevel. Wenn wir danach richtig kaputt sind, war es ein guter Gig. Das sind 45 Minuten Ausnahmezustand. Das war von Anfang an so: Das ist Special Time. Das Hirn ist aus. Die Texte und Songs sind im Kopf, es gibt nichts mehr, was sonst noch da ist. Dadurch, dass du singst, etwas erzählst – du hast Text, das ist ja eine Story –, bist du ein Storyteller in diesem Moment! Da passiert ja etwas. Und ob Judith mit Kieferknochenentzündung spielt oder ich mit Bronchitis halbnackt den Winterdreh von „Ca Ca Caravan“ einsteck’ – voller Einsatz für die Kunst!

Judith Filimónova: Wir hätten ja auch in einer Bank arbeiten können. Also haben wir’s uns so ausgesucht!

Ankathie Koi: Wir bewegen uns beide viel. Deswegen sind wir beide immer ziemlich vollgeschwitzt. Nicht sehr feminin, bei uns tropft’s halt so voll aus’m Gesicht raus.

Judith Filimónova: Wir haben halt auch Körper [lacht]!

Ankathie Koi: Wenn wir geduscht ausschauen, war der Gig meistens gut!

Judith Filimónova: Es gibt nur mehr die Energie. Da gibt’s überhaupt keine Gedanken, das flutscht wie Seife.

Vielen Dank für das Interview!

Clara Schmidl
FIJUKA live:
13. Oktober 2015: Album-Release „Use My Soap“ im Wiener Wuk, Währinger Str. 59 (1090)
05. November 2015: ArtDesign Feldkirch 2015

Foto Fijuka 1 (c) Clemens Schneider
Fotos Fijuka 2 & 3 (c) Lucia Bartl

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