Akustische Artefakte: Neuerscheinungen im Bereich der neuen Musik

Teil 2 der „Akustischen Artefakten“ mit aktuellen Veröffentlichungen aus dem Bereich der neuen und experimentellen Musik mit Österreich-Bezug – diesmal mit Orgelwerken von Friedrich Cerha in der Interpretation von Wolfgang Kogert, einem Überblick über das Schaffen von airborne extended der letzten zehn Jahre, überraschende Kombinationen durch das Chaos String Quartet und Introspektives von Alfredo Ovalles, allesamt vorgestellt von Theresa Steininger.

Friedrich Cerha: Complete Works for Organ (KAIROS 2026)

Friedrich Cerha: Complete Works for Organ (Cover), KAIROS

Nicht, dass ihn nicht wiederholt Organisten um Kompositionen für ihr Instrument gebeten hätten: Doch Friedrich Cerha bliebt viele Jahrzehnte der Orgel gegenüber sehr distanziert. Erst gegen Ende seines Lebens fand er doch an dieser Gefallen und wandte sich dem Instrument zu. Ab 2011 entstanden „Neun Inventionen“, „Neun Präludien“, „Sechs Postludien“ und schließlich 2020 „Toccata“. Der Organist Wolfgang Kogert hat nun das komplette Oeuvre Cerhas für Orgel auf Tonträger herausgebracht, in seiner Einstudierung hat er noch eng mit dem 2023 verstorbenen Komponisten zusammengearbeitet. Hatte die Klanggewalt der Orgel in früheren Jahren noch Cerhas Anspruch nach Fasslichkeit widersprochen, so wurde gegen Ende seines Lebens hin das Leitbild der Transparenz immer wichtiger. So finden sich auch in Cerhas Orgelwerken die für ihn charakteristische Präzision und Detailgenauigkeit, durch den Organisten ebenso ideal herausgearbeitet wie die zeitweise Verspieltheit. Kogert lässt sich zitieren, dass ihn gerade die Klarheit und Frische an den Stücken fasziniere. Mal elegisch, mal kraftvoll entfalten sich die Werke, immer gezeichnet von Cerhas charakteristischer Ökonomie, wobei Kogert ein gutes Gefühl für Dosierung zeigt. 

Werke:

Friedrich Cerha:
Toccata (2020) for organ
Neun Präludien (2011/2012) for organ
Neun Inventionen (2011) for organ
Sechs Postludien (2014) for organ

Wolgang Kogert: Orgel

Links:
Kairos
Friedrich Cerha (music austria Musikdatenbank)
Wolfgang Kogert


airborne extended: Landschaften (col legno 2026)

airborne extended: das steht für einen Klangkörper, der aus Harfe, Querflöten, Blockflöten und Cembalo geformt ist, während diese Instrumente auf Elektronik, Objekte und Performance treffen. 2013 wurde das Ensemble gegründet, Repertoire gibt es für dieses so gut wie nicht. Also machen die Musikerinnen und Musiker von airborne extended die Not immer wieder zur Tugend und lassen Komponistinnen und Komponisten unserer Zeit für sie schreiben. Die Debüt-CD „Landschaften“ dokumentiert nun zwölf Jahre der Arbeit der Ensemble-Mitglieder Sonja Leipold, Caroline Mayrhofer, Elena Gabbrielli und Tina Žerdin, wobei acht in Österreich verankerte Komponisten und Komponistinnen dazu Schöpfungen beigetragen haben. So imitiert Elisabeth Schimana eindrucksvoll das Dröhnen von Lastwägen und das Zirpen in Wäldern, spielt Thomas Wally mit Loops, schichtet Peter Jakober tempopolyphone Texturen. Auch Arbeiten von Bernhard Lang, Bruno Strobl, Hannes Kerschbaumer und Alexander Kaiser sowie Anna Arkushyana haben zu der CD ihre Version davon dazu beigetragen, wie sie sich Musik für diese besondere Besetzung vorstellen und wie sie mit diesem neue Klänge und Klangfarben erforschen. Die CD gibt auch Aufschluss darüber, wie sich das Ensemble weiterentwickelt hat, seit es 2018/19 Teil des Programms New Austrian Sound of Music (NASOM) war.

Werke:

Thomas Wally, lup fränzi III
Elisabeth Schimana, Landschaften, No. 3: Rosengarten
Bruno Strobl, ABE
Hannes Kerschbaumer, not.to
Elisabeth Schimana, Landschaften, No. 2: Vor dem Haus
Anna Arkushyna, tes rêves verts
Peter Jakober, im Grunde
Elisabeth Schimana, Landschaften, No. 4: Waldzirpen
Alexander Kaiser, The difficulty of crossing a field II
Bernhard Lang, Monadologie XXIX: London in the rain

Mitwirkende:

airborne extended
Elena Gabbrielli: Flöten
Caroline Mayrhofer: Blockflöten/Paetzold-Flöte
Sonja Leipold: Cembalo
Tina Žerdin: Harfe

Links:
airborne extended
col legno


Chaos String Quartet: Chaos (Solo Musica 2026)

Das Chaos String Quartet hat für sein neues Album seinen Namen zum Leitmotiv erklärt: Auf der CD „Chaos“ haben die drei Musikerinnen und der Musiker, die unter anderem BBC New Generation Artists und Künstler des NASOM-Programms „The New Austrian Sound of Music“ waren, Werke versammelt, die tönende Unordnung in sich tragen. Das reicht von der „Vorstellung des Chaos“ aus Joseph Haydns „Die Schöpfung“ über Johann Sebastian Bachs „Die Kunst der Fuge“, woraus man „Contrapunctus I“ und „Contrapunctus II“ gewählt hat, bis hin zu dem kosmischen Durcheinander in Jean-Philippe Rameaus „Zais“ und Alfred Schnittkes drittes Streichquartett. Was einige der ausgewählten Werke eint, ist, dass sie auf Themen verzichten und suchende Modulationen oder viele Wechsel der Tonarten mit sich bringen. Auch zeigt man, wie Jean-Féry Rebel in „Les éléments“ alle Töne der harmonischen Molltonleiter gleichzeitig erklingen lässt und somit schon vorwegnimmt, was später in der Avantgarde Cluster-Akkord genannt wird. Im zweiten Streichquartett von György Ligeti erfreut man sich an schwirrenden Klängen, gespenstisch leisen Tönen und Momenten, in denen jedes Instrument sein eigenes Tempo wählt, vom Chaos String Quartet bedacht umgesetzt. Alle Werke, deren Abschluss Beethovens „Große Fuge“ macht, wurden in eigenen Arrangements für Streichquartett aufgenommen und durch Interludien verbunden, für die Samu Gryllus die Grundlage geschaffen hat.

Tracks:

Joseph Haydn/Arr. Chaos String Quartet:
01 Die Schöpfung • Die Vorstellung des Chaos

Samu Gryllus/Chaos String Quartet
02 Transition A

J. S. Bach
03 Kunst der Fuge • Contrapunctus I

Samu Gryllus /Chaos String Quartet
04 Transition B

Jean-Féry Rebel/Arr. Chaos String Quartet
05 Les Éléments • Le cahos

Samu Gryllus /Chaos String Quartet
06 Transition C

György Ligeti • String Quartet No. 2
07 I Allegro nervoso
08 II Sostenuto, molto calmo
09 III Come un meccanismo di precisione
10 IV Presto furioso, brutale, tumultuoso
11 V Allegro con delicatezza

Jean-Philippe Rameau/Arr. Chaos String Quartet
12 Zaïs • Ouverture

Samu Gryllus/Chaos String Quartet
13 Transition D

J. S. Bach
14 Kunst der Fuge • Contrapunctus II

Alfred Schnittke • String Quartet No. 3
15 I Andante

Samu Gryllus/Chaos String Quartet
16 Transition E

Ludwig van Beethoven
17 Große Fuge Op. 133 

Mitwirkende:

Chaos String Quartet
Susanne Schäffer: Violine
Eszter Kruchió: Violine
Sara Marzadori: Viola
Bas Jongen: Cello

Links:
Chaos String Quartet
Solo Musica


Alfredo Ovalles: My memories are precious to no one but myself (Bandcamp 2026)

Alfredo Ovalles: my memories are precious to no one but myself (Cover)

„My memories are precious to no one but myself“: So nennt der Pianist und Komponist Alfredo Ovalles sein erstes von „Three Intermezzi“, die im April 2026 neu erschienen sind. Und wie sich Erinnerungen eben mal stärker und mal schwächer ins Gedächtnis drängen, bringen auch die drei Stücke anfangs leicht und luftig dahinplätschernde Motive, später stärker variierte, die darüber hinaus Tragik und Ernsthaftigkeit mittransportieren. Die Melodien, die Ovalles dabei entwickelt, arbeiten stets mit dem gleichen Material – und wirken doch immer wieder ganz anders. Manchmal kommt eine Phrase wärmer wieder, manchmal flüchtiger. Zwischen die Klavier-Intermezzi stellt Ovalles elektronische Interludien, die das Material erneut anders verarbeiten. In ihnen lassen sich Bezüge zu dem vorher Gehörten herstellen – und doch auch wieder nicht. Sie wirken in „The Wrong Side of the Memory“ mal wie ein Echo des ersten Intermezzos, dann wie eine anschwellende musikalische Drohung. Lebendiger und positiver wird das zweite Intermezzo, im nächsten Fragment, „What Ran Ahead“, wieder elektronisch in der Wirkung verstärkt und widerhallend. Am Ende steht ein besondere Fingerfertigkeit erforderndes Stück, das einen optimistischen Ausblick erlaubt.

Tracks:

1. my memories are precious to no one but myself
2. Fragment I: The Wrong Side of Memory
3. only a place
4. Fragment II: What Ran Ahead…
5. i will go before you and make all the crooked places straight

Alfredo Ovalles: KlavierLinks:
Alfredo Ovalles
Alfredo Ovalles (Bandcamp)