„Wir sind sehr stolz, Kinder aus allen sozialen Schichten zu erreichen“ – PETER HEILER im mica-Interview

Gesellschaftliche Entwicklungen machen für die Musikschulen Anpassungen, die teilweise enorme Herausforderungen darstellen, notwendig. Eine gravierende Veränderung ergibt sich durch die immer bedeutender werdende Nachmittagsbetreuung an den Pflichtschulen beziehungsweise durch die Ganztagsschulen. Die Ressourcen der Kinder und Jugendlichen, die ihre Zeit zwischen Schule, Müßiggang, kreativen und sportlichen Betätigungsfeldern einteilen müssen, sind sehr knapp. Für den Lernerfolg eines Instrumentes ist es bedeutend, fortwährend am Instrument „dranzubleiben“. Doch diese Grundvoraussetzung ist nicht selbstverständlich, unter anderem auch deshalb nicht, weil sich die Ansprüche und Sichtweisen der Eltern ändern. PETER HEILER, Leiter der MUSIKSCHULE BREGENZ und des VORARLBERGER MUSIKSCHULWERKES, sprach mit Silvia Thurner über ein derzeit viel diskutiertes Thema: Wohin geht die Musikschule?

Der Musikschulbetrieb ist seit geraumer Zeit im Umbruch. Welche Veränderungen gab es in den vergangenen Jahren im Hinblick auf die sozialen Gegebenheiten der Kinder?

Peter Heiler: Die Entwicklung in Vorarlberg wurde vom politischen Bekenntnis zum niederschwelligen Zugang zur Musikschule bestimmt. Der Besuch einer Musikschule solle allen Interessierten offen sein – unabhängig vom Alter und von der sozialen Herkunft –, und das zu sozial verträglichen Tarifen, formuliert es das „Statut für das Vorarlberger Musikschulwesen“. Wir sind sehr stolz, Kinder aus allen sozialen und gesellschaftlichen Schichten zu erreichen. In Vorarlberg unterrichten wie derzeit rund 15.000 Schülerinnen und Schüler. Dass nur Kinder der sogenannten „Bildungsschicht“ den Musikschulunterricht besuchen, ist nicht mehr aktuell. Die musikalische Sozialisation der Kinder kann unterschiedlicher nicht sein, woraus sich wiederum die unterschiedlichsten Lernziele entwickeln. Der breite Zugang zur Musik hat die inhaltliche wie auch didaktisch-methodische Arbeit grundlegend verändert und unseren Bildungsauftrag erweitert: Alle Felder – von der Breitenbildung über das ambitionierte Laienmusizieren bis hin zur Begabtenförderung und Studienvorbereitung – sind im Portfolio unserer Ausbildung enthalten. Übergeordnet für alle Lernstufen gilt die Befähigung zur Selbstbefähigung, das eigenständige Musizieren, egal auf welcher Lernstufe eine Schülerin beziehungsweise ein Schüler die Musikschule verlässt.

In den vergangenen Jahren habe ich zudem eine Änderung in der Haltung vieler Eltern erlebt. Am Anfang meiner Musikschulleiterzeit haben ich öfter gehört: „Mein Kind soll ein Instrument lernen, ich durfte nicht.“ Jetzt höre ich oft: „Mein Kind soll Musik lernen, aber es soll nicht müssen, denn ich musste ein Instrument lernen.“ Mit diesen negativen Erfahrungen haben wir heute teilweise zu kämpfen. Sie begünstigen die Sichtweise, dass Musizieren ein „Fun-Erlebnis“ sein soll. Sobald das Kind weniger Vergnügen beim Lernen hat, wird der Musikschulunterricht beendet.

Anders ist überdies, dass der Gedanke des Abgebens, der Delegation an die Schule stärker ausgeprägt ist als noch vor zehn Jahren. Wir brauchen ein gut funktionierendes Dreieck Musikschule/Kind/Eltern, doch viele Eltern fühlen sich zunehmend weniger zuständig für den Lernerfolg, den sie mit positiver Aufmerksamkeit wesentlich beeinflussen könnten.

„Es liegt an uns allen, dieser Bildung […] den richtigen Stellenwert zu geben.“

Im Wesentlichen stellt sich auch die Frage, ob die Musikschule Freizeitaktivität oder Bildung ist. Welche Auswirkungen hat diese Zuordnung auf die Musikschule?

Peter Heiler: Dort, wo der Musikschulunterricht als Freizeit gesehen wird, wird er von den Eltern oft der Fun-Gesellschaft zugeordnet. Das Kind soll ständig überlistet werden, auch im Unterricht. Der Bereich der Motivation fällt dann zu fast 100 Prozent auf die Lehrerin beziehungsweise den Lehrer. Selbstverständlich ist es unsere Aufgabe, den Unterricht interessant und spannend zu gestalten, ihn schon früh mit gemeinsamem Spiel zu bereichern und Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Aber man muss auch aufpassen, dass der Musikunterricht nicht nur noch die Spaßgesellschaft bedient. Immer kürzere Lernzeiten mögen hierfür ein Indikator sein.
Musik ist ein Grundbedürfnis und eine der faszinierendsten Kulturtechniken in unermesslich vielen Erscheinungsformen. Sie zu verstehen und zu praktizieren muss gebildet werden. Es liegt an uns allen, dieser Bildung, wie sie an den Musikschulen vermittelt wird, in unserer Gesellschaft den richtigen Stellenwert zu geben.

Die Schulpolitik ordnet den Musikschulunterricht der Freizeit zu. Der hohe pädagogische Wert wird zwar anerkannt, doch bildungspolitisch wird die Musikschule wenig berücksichtigt. Formal ist sie im Bildungssystem wenig vernetzt, was sich unter anderem in der fehlenden Anerkennung der Bildungsleistung ausdrückt.

Ein Angelpunkt der Musikschulen sind die Zeitressourcen der Kinder. Diese sind ohnehin knapp, doch mit der Ganztagsbetreuung wird die Musikschule weiter an den Rand gedrängt. Ist es schon ein tragfähiger Gedanke, dass die Musikschullehrerinnen und -lehrer in Zukunft zu den Kindern in die Pflichtschulen kommen, um sie überhaupt anzutreffen?

Peter Heiler: Das kann man so sagen. Die besseren und die einfacheren Modelle sind dort, wo die Musikschulen sehr nahe an den Pflichtschulen sind. Dort, wo auch räumlich gesehen kurze Wege sind.
In der Schweiz oder auch in anderen österreichischen Bundesländern werden nun schon öfter Musikschulen an die Regelschule angebaut. Es ist eine sehr vereinfachende Grundvoraussetzung, wenn eine räumliche Nähe gegeben ist, weil zudem die Kinder durch informelle Lernsituationen beteiligt werden und spüren, dass da Musik ist. Ich glaube, gerade im Volksschulbereich liegt die Zukunft in der räumlichen Nähe.

„Das Gelingen der traditionell geführten Musikschule wird vom Bereitschaftsgrad der Eltern abhängen […]“

Sehen Sie die traditionell geführten Musikschulen im Hinblick auf die neuen Schulformen in Gefahr?

Peter Heiler: Das hängt von vielen Faktoren wie etwa von der eben erwähnten räumlichen Nähe von Regelschule und Musikschule, von den handelnden Personen und den praktizierten Kooperationsmodellen ab. Erst wenn diese Faktoren aus der Zufälligkeit herausgeholt werden und allgemeingültige Standards diesbezüglich gesetzt sind, wird man Genaueres sagen können.

Grundsätzlich gilt, dass das interessierte und von seinen Eltern geförderte Kind seinen Weg immer an die Musikschule finden wird, gleich unter welchen Umständen.

Grundsätzlich gilt aber auch, dass die Zeitressourcen der Kinder für instrumentales Lernen deutlich geringer werden. Erfolgreiches Lernen braucht Zeit für den Unterricht, das Üben und das Spielen, wie etwa in Ensembles und Orchestern. Das Gelingen der traditionell geführten Musikschule wird vom Bereitschaftsgrad der Eltern abhängen, inwieweit sie ihre Zeitressourcen für den Unterricht, das Üben und Spielen der Kinder einbringen wollen oder können. Mir scheint, dass diese Bereitschaft oder auch die Möglichkeit mehr und mehr im Schwinden ist, was mit ziemlicher Sicherheit bedeutet, dass weniger Kinder eine Musikschule besuchen werden, sollten nicht Lernmodelle entwickelt werden, die näher an der Lebenswirklichkeit der Kinder sind.

Wenn die Musikschule in Zukunft verstärkt in Kooperationen und mit kinderfreundlichen Angeboten aktiv ist, verändert dies auch die inhaltliche Zielrichtung?

Peter Heiler: Die Zielrichtung bleibt immer dieselbe: Der musikalisch gebildete Mensch, der Freude an der Musik hat, sie versteht und selbstständig musizieren kann. In welcher Ausprägung und auf welchem Niveau dies sein kann oder soll, ist die eigentliche Frage.

Insbesondere in den niederschwelligen Kooperationsangeboten verschwimmen die Grenzen zwischen dem allgemeinen Musikunterricht der Regelschule und den Angeboten der Musikschule mehr und mehr. Auch wenn oft gefragt wird, ob dies noch Aufgabe der Musikschullehrerinnen und -lehrer sei, sehe ich doch eine starke Win-win-Situation für beide Schultypen durch eine umfangreichere und vertiefte Musizierpraxis, bessere Orientierung und dadurch mehr Chancengleichheit, vor allem aber für die Schülerinnen und Schüler. Zu Nachhaltigkeit im Sinne der oben genannten Zielrichtung kann wohl erst in ein paar Jahren Auskunft gegeben werden. Aktuell werden dadurch jedoch so viele Kinder durch die Musikschulen erreicht wie nie zuvor.

Schließlich ändert sich das Berufsbild der Musikschullehrerinnen und -lehrer, wenn sie verstärkt in Kooperation mit Pflichtschulen Instrumentalunterricht erteilen. Wie reagieren die Lehrpersonen auf diese Veränderungen?

Peter Heiler: Ich muss mir schon von manchen Lehrerinnen und Lehrern die Frage anhören, ob sich dieser Aufwand lohnt. Auch unter den Musikschulleiterinnen und -leitern gibt es Pioniere und solche, die sehr kritisch sind. Die Zerreißprobe geht auch in den Hochschulen und Universitäten mitten durch die Musikpädagogik. Die Kernfragen dazu lauten: Was ist die Aufgabe der Musikschule? Was sind die künftig geforderten Kompetenzen einer Musikschullehrkraft? In der Lehrerschaft wird heftig diskutiert, welche Unterrichtsqualitäten gefordert sind und welche Qualität von einer Musikschule gemeinhin erwartet wird. Wen wollen wir erreichen und wen werden wir nicht erreichen? Fakt ist, dass viele Kinder, die wir in diesen Systemen betreuen, sonst nie an eine Musikschule gekommen wären. Fakt ist aber auch, dass Lehrkräfte bei der Arbeit in Kooperationsmodellen in Unterrichtssituationen, die oft neu für sie sind und für die sie nur bedingt ausgebildet wurden, an Grenzen stoßen. Umso wichtiger ist es, dass diese Diskussion auch in den ausbildenden Universitäten vermehrt geführt wird, was in diesem Kontext mit der Definition von Qualität und Erfolg und damit, was die Musikschullehrerin beziehungsweise der Musikschullehrer dazu beitragen kann, einhergeht.

Welche Unterschiede bestehen für die Musikschulen zwischen Ganztagsschule und Nachmittagsbetreuung?

Peter Heiler: Strukturell muss man unterscheiden, aber beide Angebote geben die Botschaft, dass alles, was die Schule anbelangt, in der Schule erledigt wird. Wenn wir als Musikschule nicht mehr direkte Ansprechpartner für die Eltern sind, sondern in Kooperation mit den Schulen agieren, beziehen die Eltern das auch auf das Instrument. Das heißt, zu Hause wird nicht geübt, weil das eine schulische Angelegenheit wird.
Die Eltern haben zu einer Regelschule ein anderes Verhältnis als zur Musikschule. Diese Gegebenheit ist für uns Musikschulen eine große Herausforderung. Den Kindern lässt die Nachmittagsbetreuung weniger Raum für individuelles, selbstbestimmtes Tun, was sich insbesondere auf das Üben und Spielen mit dem Instrument auswirkt. Die Aufteilung zwischen diesen Bereichen ist im Sinne der Instrumentalmusikerziehung noch nicht ideal geregelt.

Organisatorisch und rechtlich kommen wir in die Nachmittagsbetreuung – in die betreuten Freizeitstunden der verschränkten Schulform – besser hinein. Aber Kinder brauchen diese Zeit auch als Freizeit und sind für anspruchsvolles Lernen, wie beispielsweise für das Erlernen eines Instruments, von ihrer Aufmerksamkeit und Energie her nicht bereit und teilweise überfordert. Sich dann noch feinmotorisch auf ein Instrument zu konzentrieren, kann sehr schwierig sein. Es bedarf einer guten zeitlichen Abstimmung. Lernformen innerhalb der Lernzeit oder auch Drehtürmodelle könnten eine Verbesserung darstellen.

„Unsere Herausforderung ist es, eine gute Mischform zu finden, die die Qualitäten jeglicher Unterrichtsform wirklich nutzt […]“

Ist die Tendenz hin zum Gruppenunterricht ein Gebot der Stunde?

Peter Heiler: Je breiter man die Kinder in Kooperationen erreichen will, umso eher wird es ein Gruppenunterricht werden. Je mehr man das Individuum und das Talent fördern will, umso mehr werden sich Einzelmodelle bewähren. Unsere Herausforderung ist es, eine gute Mischform zu finden, die die Qualitäten jeglicher Unterrichtsform wirklich nutzt und auch für das Kind die beste Situation schafft.

Wie funktioniert der Gruppenunterricht in Instrumentalfächern innerhalb von Modellschulen?

Peter Heiler: Bei uns in Bregenz versuchen wir an einer Volksschule, die Unterrichte pro Klasse so zusammenzustellen, dass das Zusammenspielen auch Sinn macht. Wir haben Bläser-, Streicher-, Gitarren- und Holzbläserklassen. Pro Klasse können vier bis fünf unterschiedliche Instrumente angeboten werden, vier bis fünf Lehrkräfte unterrichten parallel drei bis fünf Gruppen. Der Nachteil dieses Systems ist, dass man sich miteinander einig werden muss, welche Instrumente in den jeweiligen Klassen angeboten werden. Die Individualisierung geht verloren.

Die Schülerinnen und Schüler werden in Kleingruppen von drei bis fünf Kindern unterrichtet. Sie lernen ein Instrument, einmal in der Woche spielen alle zusammen. So werden die Kinder zumindest zweimal pro Woche am Instrument betreut. Zum Erfolg trägt bei, wenn die Klassenlehrkraft organisatorisch und motivierend mitwirkt und eine gute Kommunikation über Inhalt und Ziel stattfindet.

Was ist der aktuelle Stand der Diskussion und gibt es bereits gut funktionierende Kooperationsmodelle?

Peter Heiler: Es gibt sehr viele Formen der Kooperation, einige funktionieren gut, andere sind verbesserungswürdig. Es gilt festzuhalten, dass Kooperation nicht gleich Klassenmusizieren und nicht gleich Drehtürmodell ist, sondern aktuell in unterschiedlichsten Formen zur Anwendung gelangt. Die Prämisse muss heißen, beim Entwickeln der neuen Schulformen das Lernen eines Musikinstruments, das Musizieren, die Institution Musikschule mitzudenken und Rahmenbedingungen zu schaffen, die gute Kooperationen ermöglichen, welche dem Musiklernen gerecht werden. Das ist das Gebot der Stunde!

Danke für das Gespräch.

Silvia Thurner

Die Diskussions-, Vortrags- und Artikelreihe mica focus wird unterstützt durch die Abteilung für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien.