„An Ideen mangelt es nie“ – SASCHA RATHEY im mica-Interview

HipHop und Klassik in einem Konzert, Learning by Doing und die Notwendigkeit von Geduld. Die Musikvermittlerin Sascha Rathey gab im Interview mit Barbara Semmler Auskunft über ihre Tätigkeiten als Flötistin im Tiroler Symphonieorchester Innsbruck und als Leiterin von Junge TSOI – die Konzertpädagogik des Tiroler Landestheater & Symphonieorchesters Innsbruck.


Das Bedürfnis nach Austausch

Warum vermitteln SieMusik?

Ich liebe die Musik, die ich spiele, weiß aber, dass nur wenige Menschen einen Zugang zu ihr haben. Kulturpolitisch gesehen sollten Orchester ihren Bildungsauftrag heutzutage dringend wahrnehmen – mir persönlich ist es aber auch ein Bedürfnis, die Arbeit eines Orchesters und ihre Notwendigkeit in der Kulturlandschaft bekannt zu machen. Ich finde die Bevölkerung sollte auf „ihr“ Orchester stolz sein – denn wir machen (fast) täglich Musik für unser Publikum: und das auch noch live!

Was sind Eckpunkte Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn?

Ich habe in Stuttgart und Wien Querflöte auf Diplom und Instrumentalpädagogik studiert (einige Semester auch Hauptfach Gesang und Nebenfach Ensemble-Leitung) und war 2008/2009 in der Karajan Akademie der Berliner Philharmoniker. Seit 2009 spiele ich im Tiroler Symphonieorchester Innsbruck.

Schon zu Schulzeiten habe ich Konzerte organisiert und während meiner Studienzeit war ich Initiatorin verschiedenster Projekte (Produktion einer Hörspiel-CD mit Musik, Kulturprojekt „Kulturbeutel“, Co-Regie eines satirisch-fiktiven Kurzfilms über einen kulturfaschistischen Staat…). Diese Projekte entstanden vielfach infolge künstlerischer Auseinandersetzung im Freundeskreis und hatten immer einen vermittelnden Charakter. Überhaupt hat mich immer schon mein Freundeskreis inspiriert. Der Austausch mit Künstlern aller Sparten ist mir ein großes Bedürfnis und zeigt mir wie wichtig Kooperationen im Rahmen der Vermittlungsarbeit sind.

In Berlin wirkte ich dann bei dem Projekt „KlangKids“ mit, wodurch ich auf die Musikvermittlung als „Fach“ aufmerksam wurde. In „meinem“ Orchester angekommen, wurde ich beim Aufbau des Jungen TSOI von allen Seiten unterstützt und rundete meine learning by doing-Kompetenzen voriges Jahr auch formal mit einem CAS „Konzertpädagogik“ an der ZHdK ab.

Wir würden alle gerne noch mehr machen

Mit welchen Herausforderungen sind Sie als Musikvermittlerin in der österreichischen Kulturlandschaft konfrontiert? Wenn du einen Wunsch an die Fee, die für Kulturpolitik zuständig ist, frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Nur EINEN Wunsch? – Den Ausbau des Kulturkontakts: Ich wünsche mir eine Vertretung im Bildungssektor, der die Bereiche Kulturvermittlung und Bildung verbindet. Der dafür sorgt, dass die Arbeit, die wir MusikvermittlerInnen und MusikerInnen tun, als wichtige Bildungsergänzung wahrgenommen wird, dass Kooperationen mit staatlichen Kulturinstitutionen eine ungemeine Bereicherung für die Schulen sein können. Wir werden ja vom Staat finanziert und wir wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben, aber ich habe oft das Gefühl, dass es uns auch nicht leicht gemacht wird. Denn dass dazu zusätzliches Geld vonnöten ist, brauche ich wohl kaum zu erwähnen … Die größte Herausforderung für mich ist: Geduld zu haben. Ich habe einfach zu viele Ideen und hätte sie am liebsten alle sofort umgesetzt!

Welchen besonderen Möglichkeiten und Herausforderungen begegnen Sie bei Ihrer Tätigkeit als Musikvermittlerin in einem Orchester?

Vielen Möglichkeiten – wenig Zeit und Geld. Leider. Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck ist ein Grabenorchester. Am Tiroler Landestheater passiert auch viel Spannendes und Neues. Ich bin ein großer Freund von Kooperationen und die bietet ein Theater auch. Aber innerhalb weniger Jahre sind so viele neue Projekte bei uns dazugekommen, dass wir mit unseren Ressourcen an unsere Grenzen gestoßen sind. Wir würden auch alle gerne noch mehr machen – an Ideen mangelt es nie. Da wären wir also wieder bei der Kulturpolitik angelangt …

Man lernt, schaut zu, probiert aus

HabenSie ein Lieblingsprojekt, das Sie gerne erneut durchführen möchten? Was zeichnet es aus und was wären optimale Voraussetzungen, um das Projekt wieder aus der Schublade zu holen?

Das Sonderkonzert „HipHop“ vom Oktober 2012 mit MC Textor (Henrik von Holtum, Kinderzimmer Productions) war toll. Es war uns wichtig, dass es kein Crossover-Konzert wird, sondern dass Klassik und HipHop nebeneinander stehen können. Das Publikum war jung, es gab Rockkonzert-Atmosphäre und beide Seiten haben einander zugehört: Das Orchester hat HipHop gelernt (und viel Spaß gehabt!), das Publikum hat seine Ohren der Klassik geöffnet. Ich würde gerne alle zwei Jahre ein Sonderkonzert ansetzen können und Klassik jeweils mit einem anderen Musik-Genre kombinieren. Dazu bräuchte ich eine coolere und passende Location, ein Team, das sich vor allem um die Vermarktung des Konzerts kümmern kann und – Geld.

Gibt es etwas, das Sie jungen MusikvermittlerInnen, die gerade eine Ausbildung in diesem Bereich absolvieren oder am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn stehen, mit auf den Weg geben können?

Nicht aufgeben – und einfach machen. Es lohnt sich! Und: vernetzen, vernetzen, vernetzen! Viel gelernt habe ich durch die Besuche zahlreicher Konzertformate sowie das Hospitieren bei Workshops. Das Schöne ist ja, dass jeder Vermittler anders vermittelt. Letztlich ist es wie beim Instrumentalstudium: Man lernt, schaut zu, probiert aus – übt – und findet schließlich seine eigene Herangehensweise und entdeckt seine persönlichen Stärken.

Und zum Schluss eine persönliche Frage: Welches Stück/Song begeistert/berührt Sie gerade und was tut es mit Ihnen?

Zurzeit höre ich am liebsten das Meeresrauschen – denn ich habe Urlaub! Um Musik überhaupt hören zu können, brauche und genieße ich oft die Stille dazwischen. Um trotzdem etwas von mir zu verraten: Mein ältestes Lieblingslied ist „The fool on the hill“ von den Beatles – nicht zuletzt weil ich damals auch Blockflöte gespielt habe … Das Lied versetzt mich auch heute noch in den verträumten Gemütszustand, den ich mit zehn Jahren hatte, wenn ich das Lied gehört habe!

Foto: Willy Theil

http://www.tsoi.at/junges_tsoi.php
http://www.jungeohren.com/projekt.htm?ID=418