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Marlene Engel (c) Apollonia Theresa Bitzan

„Musik ist die Kunstform des Kollektivs, nicht die der Einzelstücke“ – MARLENE ENGEL (HYPERREALITY) im mica-Interview

Hyperreality wird wieder Reality. Von 24. bis 26. Mai 2018 findet HYPERREALITY. FESTIVAL FOR CLUB CULTURE BY WIENER FESTWOCHEN zum zweiten Mal statt. Auf ein halb verlassenes Schloss am Rande der Stadt folgt nun die ehemalige Sargfabrik F23 als Location. Der Dancefloor und die damit zusammenhängenden Ausdrucksformen globaler Clubkulturen stehen dabei erneut im Zentrum. HYPERREALITY ist ein Versuch, auf die Wechselwirkung der bewussten und unbewussten Konstruktion von Realitäten, online und offline. Das Festival steht für eine digital vernetzte Musikszene, die im echten Leben keine Räume für sich beanspruchen kann. Am Line-up stehen dabei Auftragsarbeiten von FARCE, GADDAFI GALS, FAUNA, JUNG AN TAGEN, REAL GEIZT und Performances von ARCA, AISHA DEVI, MIKEQ, CAKES DA KILLA, KELELA und vielen mehr. MARLENE ENGEL aka BÜRGERKURATOR sprach mit Ada Karlbauer über die „Ballroom Culture“ als „Safe Space“ für Nonkonformismus, die Präsentation von Subkulturen in einem institutionellen Rahmen, das zunehmende Theoretisieren von Clubmusik und Utopien für einen limitierten Zeitraum. 

Das HYPERREALITY findet dieses Jahr zum zweiten Mal statt. Welche inhaltlichen Schwerpunkte sind diesmal programmatisch hervorzuheben?

Marlene Engel: Das Programm findet heuer etwas verdichtet statt, sonst ist das Konzept grundsätzlich gleich geblieben. Wir setzen auf eine kontrastreiche Programmierung mit unterschiedlichen Ausformungen von Musik, die zeitgemäßer Clubkultur entspringt, von Arca bis Kelela oder Taktlo$$ bis Flohio: Die Wurzeln dieser Musikproduktionen liegen am Dancefloor.

Es gibt auch erneut ein Showcase, diesmal von „Qween Beat Records.“ Das Label, das MikeQ gegründet hat, entspringt unmittelbar der Ballroom-Szene. Dabei handelt es sich um eine Musik- und Tanzszene, die in der New Yorker Queer-Szene der 1960er-Jahre wurzelt. Lange mit schwulen Latinos und afro-amerikanischen schwulen Männern assoziiert, wurde diese Szene erst weltweit bekannt, als die Mehrheitsgesellschaft lernte, daraus Profit zu schlagen, Stichwort: Madonna. Voguing mit seinen Houses und kompetitiven Events war und ist das Zuhause und der „Safe Space“ für nonkonformistische Menschen. Um dem gerecht zu werden, war es mir bei HYPERREALITY wichtig, diesen Musik- und Tanzstil innerhalb einer Kooperation zu präsentieren, an der jemand mit szeneinternem Standpunkt mitarbeitet. In diesem Fall MikeQ mit seinem Netzwerk und Labelkolleginnen und -kollegen Cakes da Killa, Byrell the Great, LSDXOXO, Ash B., Byrell The Great, Divoli S’vere, quest?onmarc, Buddah & Leggoh!

Was hat sich innerhalb der globalen Clubkulturen getan?

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Foto (c) Appolonia Theresa Bitzan

Marlene Engel: Ich merke, dass gewisse Szenen auch außerhalb von Europa und Nordamerika endlich auch im Bereich der elektronischen Musik mehr Gehör bekommen. In Schanghai, Tokio und Taipeh tut sich viel, genauso in Südamerika und Mexiko. Wir haben heuer Meuko! Meuko! zu Gast, die extra mit NAXS corp. aus Taiwan anreist. Sie wird eine audiovisuelle Show präsentieren und veröffentlicht demnächst auf dem Schweizer Label „Danse Noire“. Diese Schnittstellen sind wichtig. Sei es eine taiwanesische Künstlerin, die auf einem in der Schweiz ansässigen Label veröffentlicht, oder sei LSDXOXO, der auch via „GHE20G0TH1K“, also nicht direkt aus der Ballroom-Szene heraus Musik veröffentlicht. Solche Schnittstellen gibt es in der Musik global und auch disziplinenübergreifend.

Nach einem verlassenen Schloss dient nun die ehemalige Sargfabrik F23 als Location, wobei es für „HYPERREALITY adaptierte Räume“ gibt.  Was kann man sich darunter vorstellen? 

Marlene Engel: Abgesehen von behördlichen Adaptionen wie der Beseitigung tödlicher Stolperfallen und der Idee, immer neue, möglichst nicht für Clubevents erschlossene Orte zu erproben, steht an erster Stelle der Inhalt und danach die Location. Das F23 ist an sich schon beeindruckend und bietet für große Inszenierungen genauso wie intime Clubshows Raum. Im Materialmagazin, das sich unter dem Zusammenbau befindet, wird dann eine Techno-Stage schon rein visuell anders bespielt und gestaltet als eine Bühne mit Fokus auf Voguing oder queeren Rap.

Clubkultur als Möglichkeitsraum und Clubkultur als kurzweiliger Partyhedonismus werden oft miteinander verwechselt. Haben Sie Angst, dass HYPERREALITY als reines Partyfestival wahrgenommen wird, bei dem die eigentlichen Messages der Künstlerinnen und Künstler gar nicht mehr wahrgenommen werden?

Marlene Engel: Wir geben uns bei der Vermittlung und Dramaturgie sehr viel Mühe, um das zu verhindern. Das ist besonders deshalb wichtig, weil wir Musik und Kunst, die gerade im Fall von HYPERREALITY oft Subkulturen entspringen, in einem institutionellen Rahmen präsentieren. Diesen Umstandes sind wir uns bewusst und eine authentische Auseinandersetzung und Präsentation sind daher essenziell. Teilweise gibt es auch Showcases, bei denen wir Künstlerinnen und Künstler bitten, das Programm mitzugestalten, um einen szeneninternen Standpunkt mitzudenken.

Im Vordergrund steht aber natürlich die Programmierung der einzelnen Abende und Stages. Wir haben bei der Zusammenstellung verschiedene Spannungsbögen gestaltet, die durch den Abend führen. Ich glaube, diese Art von Auseinandersetzung und Gestaltung ist die Vermittlung, die es braucht, um zu vermeiden, dass eine Verwechslung zwischen den Künstlerinnen und Künstlern am HYPERREALITY und reinem Partyhedonismus passiert.  Eine politisch ausgewogene Programmierung, wie unser Frauenanteil, ist dabei auch wesentlich. Unsere Programmierung ist auch oft absichtlich herausfordernd, sowohl für das Publikum als auch für die Künstlerinnen und Künstler. So spielt ein aus Clubkontext entsprungener Act wie Fauna absichtlich auf der großen Bühne. Manche in Wien lebenden Acts werden im Programm nicht nur mit ihrem internationalen „Gegenüber“ kontextualisiert, sondern gehen auch im Rahmen von Auftragsarbeiten Kooperationen ein.

Ein zusätzlicher Faktor, der dieser Problematik sicher entgegenwirkt, ist die Vermittlung der Thematiken durch Auftragstexte wie etwa von Byrell The Great über die „Ballroom Culture“ oder Nina Power über die Idee „Hyperreality“. Wir sehen das Festival immer als Ganzes, von Raumgestaltung bis hin zu den Securitys. Neben der Gestaltung haben wir heuer auch Interventionen besonders im Bereich Tanz. Für eine von Dancehall inspirierte Bühne wurden drei Profitänzerinnen und -tänzer eingeladen, während des Abends im Publikum zu performen. Gerade bei Dancehall und Voguing geht der Tanz als Ausdrucksmittel mit der Musik Hand in Hand und diese Tanzstile, von Bounce bis Voguing und One Drop, fordern ein hohes Skill-Level und viele Jahre praktische Erfahrung. Sie sind bei den Genres wesentlich, also wollten wir die Musik nicht ohne diese Elemente präsentieren.

Es gibt online extrem viel Musik, für die es abseits der digitalen Welt keine Räume gibt.“

Das Internet und Entwicklungen innerhalb von virtuellen Räumen spielen inzwischen eine wesentliche Rolle für den Musikmarkt. Was sind Ihre Gedanken dazu?

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Marlene Engel (c) Apollonia Theresa Bitzan

Marlene Engel: Es gibt online extrem viel Musik, für die es abseits der digitalen Welt keine Räume gibt. Diese Musik wird zwar über das Internet, Magazine und zahlreiche Communitys promotet, aber ist eigentlich obdachlos – besonders in Wien. Sehr oft wurde diese Musik gar nicht für den Raum, in dem sie dann doch irgendwann landet, produziert. Das führt zu formellen und akustischen Herausforderungen, denn manchmal ist die Setzung dann auch völlig irritierend für mich. Ich verstehe beispielsweise Musik in Museen und Galerien nicht, im „White Cube“ im wahrsten Sinne des Wortes. Aber auch da gibt es einen Unterschied zwischen größeren Häusern, die die Popularität von Musik dazu nutzen, ihre Ticketauflagen und damit Fördergelder zu erhöhen, und solchen, die sich wirklich inhaltlich und formell mit den Arbeiten auseinandersetzen oder oft von Künstlerinnen und Künstlern geführte Non-Profit-Community-Spaces und -Galerien.

Ich habe das Gefühl, dass Clubmusik dadurch, dass es immer weniger Räume gibt, wo diese im Kollektiv ausgelebt werden kann und wird, zunehmend theoretischer wird. Und ich hoffe, dass gerade jetzt, wo sich in der Stadt Wien so viel tut, auch die Politik auf die sich hier auftuenden Möglichkeiten eingehen wird. Der soziale Kontext ist für Musik generell extrem wichtig. Schließlich ist Musik die Kunstform des Kollektivs, nicht die der Einzelstücke. Die Einzelstücke sind im besten Fall wir am Dancefloor selbst, wie wir uns so ausdrücken, wie wir uns wirklich sehen. HYPERREALITY legt den Fokus genau auf diesen Aspekt. Die wenigen Clubs und Festivals wie etwa das CTM und das Unsound, die es auch so machen und sich nicht auf homogene Partymusik fokussieren, gewinnen auch zunehmend an Bedeutung.

Der Club steht allgemein gesehen für Hierarchien und Repressionen, bei HYPERREALITY hingegen als Sinnbild eines von Paradigmen befreiten Möglichkeitsraumes. Was sind in diesem Zusammenhang Ihre Gedanken zu Fragen nach Realität und Utopie? 

Marlene Engel: Wenn wir von Utopien, Egalität oder Dingen wie non-binary im Zusammenhang mit dem Club als Möglichkeitsraum reden, ist ein Bezug zur Realität, also zum Leben vor und nach dem Abend, für mich immer besonders wichtig. Selbst wenn ich gewisse Zuschreibungen wie Geschlecht und Hautfarbe für einen Tag organisatorisch und programmatisch ablegen kann, um hier eine Gleichstellung zu erschaffen, haben wir in unserer Gesellschaft noch einen langen Weg vor uns. Wir können mit Veranstaltungen wie HYPERREALITY Utopien für eine begrenzte Zeit und einen begrenzten Raum einen Platz einräumen, und ich glaube auch, dass das sehr wichtig ist. Im größeren Bild sind das allerdings einzelne Gesten, die umso mehr Kraft im Verbund mit anderen Projekten, Initiativen, künstlerischen Arbeiten entfalten. Es liegt an uns – sowohl als Individuen als auch in der Gruppe –, eigene Realitäten zu entwickeln, diese zu erforschen und auch dafür zu kämpfen.

Neben den regulären Performances werden erneut spezielle Auftragsarbeiten zu sehen sein.

Marlene Engel: Fauna hat Anfang Mai ihr neues Album auf „Ventil Records“ veröffentlicht. Im Rahmen einer Auftragsarbeit hat sie mit Bassistin Ursula Winterauer und der Musikerin Farce für das HYPERREALITY eine eigene Liveshow erarbeitet. Aleksander Vucenovic vom Label „Amen“ arbeitet dabei auch in Form von visuellen Showelementen mit. Zusammen sind sie ein wenig wie eine Dean-Blunt-Konzeptpopband, nur edgier. Fauna spielen auf einer Bühne mit Arca und Aïsha Devi. Aïsha stellt ihr ganz neues Album „DNA Feelings“ samt AV-Show vor. Jung an Tagen, der vor Kurzem sein neues Album auf „Editions Mego“ veröffentlicht hat, hat eigens für die Festwochen eine audiovisuelle Liveshow ausgearbeitet. Die Gaddafi Gals haben sich in einer weiteren Auftragsarbeit mit der Multiinstrumentalistin Farce für eine komplett neue Komposition zusammengetan. Sie eröffnen den zweiten Abend im Zusammenbau vor Kelela und haben eine unglaubliche Bühnenpräsenz.

Im vergangenen Jahr gab es viel mediale Aufmerksamkeit, gerade von internationalen Medien. Was ist davon geblieben?

Marlene Engel: Eigentlich ist die Wahrnehmung sogar noch stärker. Wir haben Anfragen aus der ganzen Welt, vom Mixmag in New York bis Resident Advisor London wollen Menschen nach Wien kommen oder über das Festival schreiben. Das freut mich besonders. Boiler Room wollte für 50 Pfund Videomaterial von HYPERREALITY für eine Eristoff-Geschichte kaufen. Bei solchen Agenturaktionen sind wir aber nicht dabei. Hier wird Geld, das eigentlich Künstlerinnen und Künstlern zusteht, an den als Agentur fungierenden Boiler Room umgeleitet, das unterstützen wir nicht. Wenn Eristoff eine Werbung will, dann sollen sie die Produzentinnen und Produzenten der Inhalte bzw. die Künstlerinnen und Künstler zahlen, und nicht den Boiler Room – oder alternativ einen Werbespot in Auftrag geben.

Welche persönlichen Highlights stehen am Programm?

Marlene Engel: Ein Highlight ist sicherlich die Auftragsarbeit von Taktlo$$, dem wahrscheinlich besten deutschsprachigen Battle-Rapper, der letztes Jahr unter dem Pseudonym REAL GEIZT sein Album „wie prophezeit“ herausgebracht hat. Während im Rap meiner Meinung nach momentan alle denselben Weg der fortlaufenden Überspitzung eingeschlagen haben, ist dieses Album eine komplette Kehrtwende. Es ist experimentell, auf eine unterhaltsame Art poetisch, eigentlich nicht Rap, aber trotzdem das beste Rap-Album 2017. Die Liveshow wird extra für die Wiener Festwochen entwickelt und ist eigentlich schon als Inszenierung zu bezeichnen, denn neben zahlreichen Instrumentalistinnen und Instrumentalisten sind 20 Statistinnen und Statisten, Kostüme und andere Überraschungen geplant. Darf man nicht versäumen!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ada Karlbauer

HYPERREALITY Festival for Club Culture by Wiener Festwochen 24.Mai – 26. Mai 2018
F23
Breitenfurter Str. 176, 1230 Wien

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