Specific Objects (c) Ronja Elina Kappl

„Ich bin jemand, der sehr analytisch an Musik herangeht“ – MATHIAS BAUMGART (SPECIFIC OBJECTS) im mica-Interview

MATHIAS BAUMGART produziert als SPECIFIC OBJECTS perfekt designten, druckvollen Techno, der für den Club produziert ist und auf ein ganzheitliches Erleben abzielt. Mit „Encounters of Uncertainty“ (Meat Recordings) ist nun seine erste Vinyl-EP erschienen. Im Gespräch mit Shilla Strelka erklärte der Produzent und DJ, wie wichtig ihm das Sounddesign ist, welche Möglichkeiten ihm das Genre Techno bietet und wie es sich anfühlt, Resident-DJ der Reihe „Meat Market“ zu sein, die dieses Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert.

Wie wurdest du musikalisch sozialisiert?

Mathias Baumgart: In meiner Jugend habe ich gerne Post-Hardcore und Metal-Core gehört, d. h. viel Geschrei, harte Gitarren und Moshpit. Ich bin zu unzähligen Konzerten und Festivals gegangen. Als ich auf dem Nova Rock zufällig auf The Prodigy gestoßen bin, war das ein einschneidendes Erlebnis. Ich fand deren Energie so krass. So was hatte ich immer im Hardcore gesucht, aber in dieser Intensität noch nie erlebt. Über The Prodigy bin ich dann auf Drum ‘n’ Bass gekommen und habe das sehr lange gehört. Viele Leute, die jetzt Techno machen, haben ja mit Drum ‘n’ Bass angefangen, gerade in Österreich, wo das im Vergleich zu anderen Ländern noch immer ein großes Ding ist.

Wie bist du dann zu Techno gekommen?

Mathias Baumgart: Als der kommerzielle Dubstep, dieser Brostep rund um Skrillex, populär wurde, haben auf einmal alle Drum-‘n’-Bass-DJs begonnen, Dubstep zu spielen. Das ist mir irrsinnig auf die Nerven gegangen. Ich finde alten Dubstep zwar cool, aber diese kommerzielle Schiene fand ich unglaublich nervig.  Deshalb hab ich mich umgehört, was es sonst für elektronische Musik gibt.

Auf härteren, anspruchsvolleren Techno bin ich durch einen Mix von Susanne Kirchmayr, also Electric Indigo, gestoßen. Da war eine neue Intensität und Härte da, die ich interessant fand. Das hat mich dazu bewegt, mich mehr mit dem Genre auseinanderzusetzen.

„Es ist Maschinenmusik, die kompromisslos anorganisch klingt.“

Kannst du beschreiben, was diese Intensität im Gegensatz zu anderen Genres auszeichnet?

Mathias Baumgart: Für mich gibt es hinsichtlich der Intensität zwei entscheidende Unterschiede zu anderen Genres: der eine ist die Geschwindigkeit – 125 bis 135 BPM, also der Bereich, in dem sich der Techno, der mich interessiert, bewegt. Er ist schnell genug, um körperlich antreibend zu sein, aber langsam genug, damit die Basswellen immensen Druck erzeugen können. Ab gewissen Geschwindigkeiten ist das physikalisch einfach nicht mehr möglich, da sich zu wenig Zeit zwischen den einzelnen Vierteln befindet, um die langen Wellen der tiefen Frequenzen wirken zu lassen.

Der andere Aspekt ist die totale Künstlichkeit von Techno. Es ist Maschinenmusik, die kompromisslos anorganisch klingt. Für mich ist diese Kompromisslosigkeit in der Klangästhetik ein Zeichen von Härte: Wo andere Genres versuchen, durch Gesang oder gesampelte Instrumente einen menschlichen Faktor hineinzubringen, versucht Techno nicht zu verschleiern, dass hier elektronische Klangerzeuger am Werk sind.

„Ich lege sehr viel Wert auf Sounddesign.“

Mathias Baumgart (c) Anna Breit

Wann hast du beschlossen, selbst zu produzieren?

Mathias Baumgart: Ich habe eigentlich Fotografie studiert und damals im Fotostudio des Belvedere als Assistent gearbeitet. Weil ich aber Abwechslung brauchte, wollte ich daneben etwas anderes machen. Also hab‘ ich mir Ableton und ein paar anständige Monitorboxen besorgt und angefangen. Aber Musik war für mich immer schon wichtig, schon als Kind. Wahrscheinlich auch weil mein Vater sehr musikbegeistert ist und mir immer Platten vorgespielt hat.

Hast du ein Instrument gelernt?

Mathias Baumgart: Ich hab‘ mit Anfang 20 Schlagzeug in einer Stoner-Rock-Band gespielt. Das hat sich dann aber verlaufen. Es hat mich auch nicht sonderlich gefesselt. Bei der elektronischen Musik war das schon der Fall. Die hat mich sofort begeistert. Nicht nur weil du schneller zu befriedigenden Resultaten kommst, sondern auch weil es eine ganz andere Herangehensweise erfordert. Man macht sehr viel allein. Das funktioniert gut für mich. Ich bin ein Mensch, der gerne allein ist und stundenlang an etwas herumtüftelt.

Was ist der erste Schritt, wenn du einen Track produzierst, und wie sieht dein Arbeitsprozess aus?

Mathias Baumgart: Ich bin jemand, der sehr analytisch an Musik herangeht. Ich konstruiere einzelne Bausteine und setze diese dann bewusst zusammen. Ich lege sehr viel Wert auf Sounddesign. Das interessiert mich am meisten an Techno. Da spiele ich dann auch sehr lange herum. Andere Produzentinnen und Produzenten bevorzugen es, auf Maschinen zu jammen und dann Teile rauszuschneiden. Aber ich habe einen anderen Workflow. Deshalb hat es mit der elektronischen Musik auch besser funktioniert als mit dem Schlagzeug.

 „Gerade im digitalen Bereich ist so viel möglich.“

Arbeitest du ausschließlich digital oder hast du dir auch Maschinen zugelegt?

Mathias Baumgart: Ich mag die Kombination aus beidem. Mittlerweile habe ich einen Hardware-Synthesizer, den „minilogue“, und eine Drum Machine, die „Analog Rytm“. Sonst arbeite ich digital und will das auch gar nicht ändern. Ich arbeite schneller und zielgerichteter; ich bin effektiver.

Und ich bin keineswegs ein Gear-Nerd wie viele andere. Ich glaube, dass das eine Falle sein kann. Dieser Gedanke, dass du ein Gerät benötigst, um gute Musik zu machen. Das wird dir von den Herstellern so verkauft, aber das ist Blödsinn. Gerade im digitalen Bereich ist so viel möglich. Ich bin zwar gerade dabei, mir ein Modularsystem aufzubauen, was dem ein bisschen widerspricht, aber das auch nur, weil du damit Sounds machen kannst, die digital nur sehr schwer zu erzeugen sind. Du kannst damit alles miteinander routen. Aber es ist nicht so, dass ich mir denke, dass ich nur interessante Sounds machen kann, wenn ich eine bestimmte Maschine habe.

Es geht im Techno immer auch um das Anknüpfen an bereits bestehende Ästhetiken innerhalb des Genres, sei es über Klänge, rhythmische Patterns, Dramaturgien oder Samples. Und natürlich versuchst du als Produzent auch deine eigene Handschrift zu finden, obwohl es immer weniger Platz für Innovationen zu geben scheint. Wie gehst du mit dieser Problematik um? Was ist dein Anspruch ?

Mathias Baumgart: Ja, es ist beides. Es begeistert mich, wenn ich Tracks höre und schon nach acht Takten erkenne, welcher Artist dahintersteckt. Da will letztendlich jede und jeder hin. Aber der Anfang ist immer das Anknüpfen und Neuinterpretieren, d. h. nicht nur etwas zu kopieren, sondern Elemente neu zusammenzufügen. Aber klar, die meisten, die heute Techno produzieren, behaupten von sich nicht, das sei jetzt wirklich neu und revolutionär. Obwohl das ja immer der Anspruch von Techno war. Aber nachdem es dieses Genre ja doch schon länger gibt, wiederholt sich natürlich vieles.

„Für mich ist Techno immer noch eine Musik, die zukunftsorientiert ist und versucht, neue Klangwelten zu schaffen.“

Ist das erste Ziel einer Techno-Produzentin bzw. eines Techno-Produzenten eigentlich, so zu klingen wie jemand, den du gut findest?

Mathias Baumgart: Für mich ist Techno immer noch eine Musik, die zukunftsorientiert ist und versucht, neue Klangwelten zu schaffen. Das Ende der Geschichte hat man schon vor 20 Jahren heraufbeschwört – es hat sich nicht bewahrheitet. Je mehr es gibt, desto schwieriger ist es. Natürlich habe ich den Anspruch, etwas zu machen, was noch nicht da war. Obwohl ich durchaus an etwas anknüpfe, was ich mag und gut finde. Wenn ich Musik machen wollte, die losgelöst für sich selbst existiert, dürfte ich keinen Techno machen. Ich finde es gut, wenn man meine Einflüsse heraushören kann, und ich glaube nicht, dass der Sound, den ich mache, einzigartig ist. Es gibt in der Geschichte des Techno nur ganz wenige, von denen man sagen könnte, sie hätten etwas gemacht, was noch nie jemand vorher gemacht hat. Aber natürlich versuche ich, dem großen Puzzle namens Techno mein eigenes Puzzleteil hinzuzufügen.

Allerdings suche ich meine Anknüpfungspunkte lieber bei aktuellen Veröffentlichungen. Ich tu mir schwer mit Referenzen aus der Vergangenheit. Will man einen Sound weiterentwickeln, muss man ja auch im Blick haben, was aktuell passiert. Viele nennen Jeff Mills, Detroit oder Birmingham Techno als Einfluss, aber für mich ist das so weit weg. Natürlich hallt das immer noch nach, aber die unmittelbare Inspiration kommt bei mir von aktuellen Acts und Labels wie „Northern Electronics“ und Semantica. 

Im Techno gibt es das Phänomen, dass die unterschiedlichen Klangsignaturen und Ästhetiken mit bestimmten Städten assoziiert werden können.  Ist das auch in Zeiten des Internets noch so?

Mathias Baumgart: Ja, ich glaube schon, dass das noch relativ gut nach Städten oder Ländern sortierbar ist. Weil man sich ja trotz allem nicht nur im Internet bewegt, sondern sich auch in einer Szene engagiert und mit den Leuten austauscht.

„Einen gemeinsamen Nenner gibt es da nicht.“

Aber gibt es denn noch einen Wiener Technosound?

Mathias Baumgart: Ich glaube nicht. In den 1990ern vermutlich schon, aber da war ich noch zu jung. In der Entwicklung des Techno in Wien gab es einfach eine große Lücke – eine Zeit, in der sich nichts Relevantes getan hat. Heute gibt es lokale Acts wie SEDVS, PEEL und Alpha Tracks, die diese – ohne das wertend zu meinen – Retro-Geschichten machen und dann gibt es Acts wie Matt Mor und mich, die eher auf den hypnotischen, spanischen Sound stehen. Wir klingen alle völlig anders. Einen gemeinsamen Nenner gibt es da nicht.

Du arbeitest auch mit den typischen Bleeps, also höher frequenzierten Sinussignalen, die ich persönlich immer als ziemlich zerebral wahrnehme. Wenn du anfangs von der effektiven Körperlichkeit des Genres gesprochen hast, ließe sich dann sagen, dass du über diese Elemente versuchst, auch quasi geistige Elemente reinzunehmen und so den Trance-Effekt ganzheitlicher zu fassen?

Mathias Baumgart: Ja, da gebe ich dir vollkommen recht! Es geht mir im Techno darum, das zu vereinen. Einerseits drückt sich das Körperliche in den harten Kickdrums, Basslines, Grooves, krassen Percussions usw. aus, gleichzeitig gibt es aber auch dieses trancehafte Geistige. Das ist mir auch ganz wichtig, wenn ich andere Produktionen höre. Es ist für mich eine Herausforderung, das zu vereinen, und manchmal gelingt es mir besser, manchmal nicht so gut, aber das ist das Ziel.

Techno lebt sehr stark von Modulationen.“

Specific Objects (c) Ronja Elina Kappl

Am Ende geht es ja nicht nur um ein Aneinanderreihen von Elementen, sondern um ein Ineinanderflechten unterschiedlicher Klänge, die dann wiederum diese Sogwirkung und Dynamik provozieren können. Ein Techno-Track entfaltet sich zwar linear, kann aber dennoch eine Komplexität mit sich bringen, die sich darin manifestiert, wie die unterschiedlichen Frequenzen und Rhythmen ineinandergreifen . Worin liegt deine persönliche Faszination bzw. was sind die Effekte, die dich reizen?

Mathias Baumgart: Eine große Faszination liegt für mich darin, dass diese Musik mit simplen Elementen wie einer Kickdrum oder einem einzelnen Synthesizer-Ton starke Emotionen erzeugen kann. Es kommt, wie du bereits gesagt hast, vor allem darauf an, wie man sie kombiniert, das heißt, im Frequenz- und Stereospektrum verteilt und arrangiert. Dass der alte Trick, bei dem man in einem Break den Bass entfernt und zum richtigen Zeitpunkt wieder kommen lässt, so gut funktioniert, liegt ja nur daran, dass dieser Bass für sich bereits eine unglaubliche Energie besitzt.

Techno lebt sehr stark von Modulationen. Oft steht ein einziger Sound im Mittelpunkt und wird dann auf alle erdenklichen Arten verändert und verformt. Wenn man den Track nur auszugsweise hört, klingt es, als wäre jede Stelle gleich. Genau betrachtet sind viele Elemente aber ständig in Bewegung, wodurch die Geradlinigkeit aufgebrochen wird und eine ganz eigene Dramaturgie entsteht. Das ist ein Effekt, mit dem ich selbst sehr gerne arbeite und den ich so auch nur in diesem Genre erlebe.

„Techno meint immer eine Reduktion.“

Deine Tracks sind fein ausbalanciert und verfügen über eine Eleganz, die vielleicht auch aus einer Konzentration auf die wesentlichen Elemente resultiert. Spielt Reduktion eine Rolle für dich?

Mathias Baumgart: Ich glaube, Techno meint immer eine Reduktion. Einerseits die Reduktion auf einen Loop, der zwar variiert, aber trotzdem das Hauptelement bildet, und andererseits braucht es auch eine Reduktion von Spuren und Elementen, damit jedes Element gut wirken kann. Wenn man überlädt, können die Hörerinnen und Hörer das gar nicht mehr erfassen. So wie das Auge herumspringt und du immer nur einen Punkt scharf siehst, ist es auch beim Hören. Und je mehr Elemente du hast, desto fordernder ist die Musik; desto mehr Aufmerksamkeit brauchst du und desto weniger ist die Musik für den Club geeignet, wo du mitunter berauscht bist, loslassen willst und dich der Musik hingeben möchtest. Deswegen muss Techno für mich bis zu einem gewissen Grad auch minimalistisch sein. Das heißt aber nicht, dass kein Druck dahinter ist.

Inwiefern geht es im Techno um Selbstauflösung bzw. Kontrollverlust und was verspricht dieser Zustand?

Mathias Baumgart: Meiner Meinung nach zielt Techno gerade durch diese Fokussierung auf den Loop und das Trancehafte, das damit verbunden ist, auf eine Art Selbstauflösung ab. Techno nimmt mich mit auf eine mentale Reise. Dieser Zustand verspricht ein temporäres Abschalten, ein Loslösen von der eigentlichen Umgebung oder den sozialen Gegebenheiten. Es ist, glaube ich, kein Zufall, dass gerade manche Technoclubs als Bastionen des Hedonismus gelten – weil diese Musik, die sich im Kern ja sehr stark an ritueller Musik orientiert, es erlaubt oder sogar fördert, kurzzeitig einen Zustand abseits jeder Norm zu erreichen.

Hast du also den Dancefloor bzw. diesen Zustand vor Augen, wenn du produzierst?

Mathias Baumgart: Ich habe die Tanzfläche schon immer im Kopf, wenn ich produziere. Für mich ist Techno zu einem Großteil funktionale Musik, die für die Tanzfläche gemacht ist und dazu da ist, im Club gehört zu werden. Manchmal, wenn mir ein Groove gefällt, tanze ich dann auch tatsächlich mit. Es ist für mich ein Zeichen, dass es funktioniert, wenn es mich so begeistert und körperlich antreibt, dass ich im Studio, in dem ich allein sitze, zu tanzen beginne. Das ist ein guter Indikator für mich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Warum spielst du noch nicht live?

Mathias Baumgart: Ich denke, im Techno ist das immer noch eine Nische, das Live-Set. Für mich ergibt das nur dann Sinn, wenn du Geräte hast, mit denen du Patches vorbereitest. Wenn du aber nur Clips vom Laptop startest und vielleicht noch einen Filter drüberlegst, hat das für mich keinen Reiz – auch wenn das viele machen. Aber vielleicht entwickle ich, wenn das Modularsystem größer ist, ein Live-Set. Das kann ich mir gut vorstellen.

Matt Mor, Specific Objects, Gerald VDH (c) Sebastian Krickl

Du bist ja auch Resident-DJ bei der Reihe „Meat Market“, die dieses Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. Wie wichtig ist das Feedback dieser Crew für deine Produktionen? Es sind ja bereits mehrere deiner Releases auf dem daraus gewachsenen Label „Meat Recordings“ erschienen.

Mathias Baumgart: Es ist natürlich extrem wichtig. Ich glaube, ohne Feedback kommt man nicht so weit. Das beginnt schon damit, dass Freundinnen und Freunde deine Tracks in ihrem DJ-Set spielen und du sie im Club hören kannst und sehen kannst, wie die Leute darauf reagieren. Wenn man selbst seine Tracks auflegt, ist man meistens auf andere Dinge konzentriert, kann die Reaktionen nicht beobachten und hört außerdem auch nicht, wie das auf der Tanzfläche klingt, sondern nur auf den Monitor-Boxen, die meistens wesentlich schlechter sind. Allein das macht viel aus. Aber auch die mentale Unterstützung spielt eine Rolle. Denn natürlich zweifelst du oft, wenn du im Studio sitzt und an etwas bastelt und einfach objektiv gar nicht mehr beurteilen kannst, ob das gut ist, was du da tust.

Dein letzter Release ist auch auf „Meat Recordings“ herausgekommen und nennt sich „Encounters of Uncertainty“ (Meat Recordings). Worin besteht die Unsicherheit? Ist das Zeitgeist?

Mathias Baumgart: Hinter dem Titel steckt eine persönliche Geschichte. Die Stimmung, die ich im Kopf hatte, und die Ideen, die ich darauf verarbeite, sind sehr persönlich.

Das finde ich einen interessanten Ansatz, weil man Techno ja tendenziell attestiert, nicht persönlich, sondern bedeutungsoffen zu sein. Das Subjekt fehlt. Aber wenn du sagst, dass du die Tracks mit dir herumträgst und eine bestimmte Stimmung reproduzieren willst, dann zielt das in eine andere Richtung. Es spiegelt also schon auch eine emotionale Welt wider?

Mathias Baumgart: Ja, genau. Das stimmt durchaus. Es ist eigentlich sehr ungewöhnlich. Ich habe das davor auch noch nicht gemacht und ich war auch lange der Ansicht, dass Techno möglichst unpersönlich oder ergebnisoffen sein sollte und nicht an die Emotionen eines einzelnen Menschen gebunden. Aber nachdem ich mittlerweile selten fotografiere, ist Techno meine gewählte künstlerische Ausdrucksform. Und natürlich beeinflussen meine Erlebnisse die Musik. Dieses Mal habe ich das über die Titel offengelegt. Ich denke, dass Produzentinnen und Produzenten immer etwas von sich selbst hineinlegen. Auch etwas sehr Persönliches, aber es wird nicht nach außen getragen. Ich habe es in dem Fall getan und etwas Neues probiert. Ich wollte meine Stimmung ausdrücken und das Erlebte in Musik fassen.

„Techno hat durch den körperlichen Aspekt den Anspruch, dass Leute sich gehen lassen und aus sich herauskommen […]“

Specific Objects (c) Johanna Freyborn

Techno ist in seinen Roots ja eine Gegenkultur. Der Clubraum ist enthierarchisiert, Gender, Ethnizität, Sexualität und soziale Klasse sollen keine Rolle spielen. Gerade mit „Meat Market“ führt ihr diesen Gedanken ja weiter, fordert Toleranz und Offenheit ein. Ihr habt da auch eine Agenda.

Mathias Baumgart: Definitiv. Für mich ist es heutzutage etwas zwiespältig. Das Ideal ist, dass du einen „Safe Space“ schaffst und alle Menschen loslassen können, solange sie sich an die Regeln halten und die Rückzugszonen der bzw. des anderen respektieren. Aber in der Praxis sieht das oft anders aus. In einer Stadt wie Wien müsstest du eine strengere Tür haben, an der selektiert wird, wer in den Club kommt und wer nicht. Das funktioniert hier nicht. Dafür ist das Publikum zu klein. Im Verhältnis dazu gibt es vergleichsweise viele Partys, das heißt, es wird immer schwieriger, diese Partys vollzukriegen. Deswegen ist die Umsetzung eines „Safe Space“ schwierig und auch unvollständig. Aber ich bekomme viel Response von Freundinnen, die meinen, dass sie sich bei uns wohlfühlen, weil sie nicht das Gefühl haben, sie würden von jemandem blöd angegraben, was sonst durchaus passiere.

Natürlich ist der Anspruch, letztendlich einen Raum zu haben, wo du so akzeptiert wirst, wie du bist, und das auch zeigen kannst, ohne dass jemand blöd schaut oder eine Meldung loslässt. Und natürlich spielt da die Musik eine Rolle. Techno hat durch den körperlichen Aspekt den Anspruch, dass Leute sich gehen lassen und aus sich herauskommen und dass sie Seiten von sich zeigen, die sie im Alltag nicht zeigen können. Und ich finde, gerade körperliche, treibende Musik kitzelt das aus den Leuten raus. Da kommt es schon vor, dass sich Leute spontan ausziehen und drauflostanzen. Aber so extrem wie im Berghain ist es nicht. Ich glaube auch, dass das Wiener Publikum das nicht unbedingt will.

„[E]s ist schon auch ein bisschen Wiener Mentalität, dass man eher gegeneinander als miteinander arbeitet.“

Wie würdest du die Clubsituation in Wien generell einschätzen?

Mathias Baumgart: Wenn man bedenkt, dass Wien eine 2-Millionen-Stadt ist, ist die Anzahl der Leute, die so etwas wirklich feiern, sehr gering. Bei uns gibt es viele Clubs, viele Veranstaltungen, aber ein relativ kleines Publikum. Es gibt Subszenen, die ihr eigenes Ding machen, und es ist schon auch ein bisschen Wiener Mentalität, dass man eher gegeneinander als miteinander arbeitet. Es findet sehr wenig Kooperation statt. Aber das ist in anderen Städten vielleicht auch so. Manchmal wirkt es so, als gäbe es eine tolle Szene, aber am Ende macht doch jede Crew ihr eigenes Ding. Ich finde das schade. Es ist fast schon eine Ausnahme, wenn es nicht so ist – wie in Georgien, Tiflis, aber das sind natürlich ganz andere Umstände. Da halten die Leute zusammen.

Weil Techno da auch noch einen gegenkulturellen Wert hat.

Mathias Baumgart: Ja, auf jeden Fall. Bei uns ist Techno keine Gegenkultur mehr. Man versucht es zwar immer schönzureden, aber in Wirklichkeit gibt es wenig Gegenkultur in Mitteleuropa.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Shilla Strelka

Termine:
Fr, 7. Juni 2019 – Meat Fest 19, Grelle Forelle, Wien

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