„Die Leute dachten: ‚Er ist Balkaner, fertig‘“ – MC YANKOO (ALEKSANDAR JANKOVIĆ) im mica-Interview

Er wurde in Wien geboren, lebt und arbeitet hier, produziert riesige YOUTUBE-Hits – dennoch wird ALEKSANDAR JANKOVIĆ alias MC YANKOO daheim weitgehend ignoriert. Das ist wirklich sehr schwer zu erklären. Einmal hätte es jemandem auffallen müssen, dass dieser Mann Hits am laufenden Band schreibt, dass er in Österreich den größten Musikkanal auf YOUTUBE betreibt, dass er vielleicht sogar für eine Szene steht, von der die Mehrheit der Bevölkerung und auch diejenigen, die über Musik berichten, offenbar keine Ahnung haben. Er hat Relevanz. Warum ist MC YANKOO also kein Name, der den Leuten so bekannt ist wie CONCHITA, GABALIER, RAF oder DJ ÖTZI? „Beinhart abgestempelt”, fällt MC YANKOO dazu selbst ein. Stefan Niederwieser traf den Musiker zu einem Gespräch.

„Moje Zlato“ war sehr lange das einzige Video aus Österreich mit mehr als einer Million Klicks. Wie kam es dazu?

MC Yankoo: Das Trompeten-Thema habe ich von einem Jungen aus Bosnien geschickt bekommen, der meinte, ich sollte was draus machen. Ich wusste nicht, ob ich den Song allein machen soll, als Duett war er eigentlich nicht geplant. Aber meine Freundin wollte unbedingt, dass ich ihn mit Milica Todorovic mache. Wir hatten denselben Booker für Österreich, Deutschland, die Schweiz und den Balkan. Als sie in der Stadt war, hat er sie in mein Studio gebracht. Sie meinte, das wolle sie nicht singen, das sei der größte Schwachsinn. Nach der Aufnahme hat sie mich noch einmal angerufen, sie fand das nicht gut und meinte, ich hätte sie überrollt. Als ich ihr das fertige Demo geschickt habe, sagte sie am Telefon: „Wir haben den ärgsten Hit!“ Mein Freund Thomas Neusser hat dem noch den richtigen Sound gegeben, dann ging das durch die Decke. Die meisten Klicks kommen aus Serbien, Kroatien, Bosnien, aber auch aus Österreich, Mazedonien, Australien und den USA. Am Balkan gibt es kein Spotify, die Leute sehen das nur auf YouTube. Ich performe den Song noch immer, obwohl ich ihn fast nicht mehr hören kann [lacht]. Ich werde dauernd auf Instagram verlinkt, die Leute schreiben dazu: „Schau bei den Türken“ oder „Schau bei den Albanern“. Sogar bei Auftritten von Politikerinnen und Politikern wird das gespielt oder auf österreichischen Maturareisen.

„Es gibt leider viele Cowboys in dem Business, die junge Leute auseinandernehmen.“

Wie sind Sie aufgewachsen?

MC Yankoo: In wurde Wien geboren, bin im 17. Bezirk aufgewachsen, habe immer in Wien gelebt, heute bin ich 37. Mit siebzehn hatte ich meinen ersten Plattenvertrag, das war eine Katastrophe, ich wollte nur Musik machen und habe mir den Vertrag nicht genau durchgelesen. Die haben mir als Lehrling die Studiozeit verrechnet. Ich will keine Namen nennen, aber dieses Team hatte Mega-Hits in Österreich. Es gibt leider viele Cowboys in dem Business, die junge Leute auseinandernehmen. Hinterher habe ich angefangen, selbst mit Nuendo 1.1 aufzunehmen. Ich wurde in Clubs gebucht, hinterher kam der Chef und sagte, es sei schlecht gewesen und ich solle mich schleichen; daneben standen zwei Securities. Wegen solcher Dinge habe ich damals mit der Balkan-Szene aufgehört. Heute ist das anders. Ich kenne die richtigen Leute. Oder sie müssen die Gage vorher zahlen.

MC Yankoo (c) Entertainment Agency

Danach gab es eine Phase mit Latin-House …

MC Yankoo: Genau, ich wollte einfach nur auftreten, damit mich vielleicht jemand entdeckt. Wir waren in Italien auf Tour und haben um 50 oder 100 Euro gespielt. Du wachst am nächsten Tag auf, am Vortag war der Club voll und du hast nicht mal genug, um Essen zu kaufen. Also hab ich ungefähr 2006 wieder einen Song auf Jugo gemacht, danach habe wieder Anrufe bekommen, ich solle live spielen. Nebenher habe ich aber immer gearbeitet und war abgesichert.

Irgendwann ist auch mit der Musik genug Geld reingekommen.

MC Yankoo: Das war ziemlich spät, 2010 ungefähr, die Fangemeinde war langsam groß genug. Ich bin mit einem neuen Stil gekommen, House mit Balkan-Melodien. Labels am Balkan meinten nur, dass sei lächerlich, aber ich wollte es denen zeigen. Ich habe den Leuten gegeben, was sie wollten. Damals war YouTube neu, ich habe ein Video hochgeladen, am nächsten Tag hatte es 27.000 Aufrufe und ich dachte mir nur: „Scheiße, bin ich jetzt über Nacht ein Star?“

Wie verdient man als YouTube-Star etwas?

MC Yankoo: Nur durch Auftritte. CDs habe ich nie gemacht. Ich wollte, dass mein Name größer wird.

Es gibt Kollaborationen mit Rene Rodrigezz und DJ Antoine.

MC Yankoo: Mit Rene bin ich privat befreundet, mit ihm gibt es keinen Vertrag, mir genügt ein Handschlag. Mit DJ Antoine mache ich nichts mehr. Er ist ein heftiger Business-Mann. Wir haben „Shake 3x“ auf Kontor.TV veröffentlicht, du bekommst die Verträge und fragst dich, warum du so viel abgeben musst. Auf yankoomusic gibt es immer halbe-halbe, Investitionen und Einnahmen, fertig.

Sie haben 375 Millionen Klicks. Das der mit Abstand größte YouTube-Musikkanal in Österreich. Aber viel öfter wird über Seiler und Speer, Wanda oder Pizzera & Jaus geredet. Wie geht es Ihnen damit?

MC Yankoo: Ich wurde noch nie zu den Amadeus Austrian Music Awards eingeladen. Das ist einfach nur disrespect. Man wird beinhart abgestempelt: Er ist ein Jugo, fertig. Mir kann keiner sagen, dass die nicht so sind, denn die sind so. Ich kann wahrscheinlich besser Deutsch als viele dort. Tarkan ist Türke, er wurde auch in den Radios gespielt. Aber was ist mit „Moje Zlato“? Das wird nicht gespielt, das ist Jugo. Ich frage dann oft: „Wo fährst du denn auf Urlaub hin, Kroatien, ach so …“ In Deutschland sind sie offener, aber hier werde ich nicht akzeptiert. Wenn ich mal einen Preis bekommen sollte … brauch ich nicht.

„Können wir jetzt die Regeln ändern, wie wir wollen?“

Von RAF gibt es die Zeile: Bevor du mich auf Seitenblicke siehst und Amadeus, Amadeus, chill ich mit Rihanna auf Barbados, auf Barbados.”

MC Yankoo: Ich versteh ihn vollkommen. Schau dir an, was sie mit ihm machen. Der Junge hat 13 Songs in den Top 14 und sie spielen ihn nicht. Dann haben sie die Regeln geändert. Können wir jetzt die Regeln ändern wie wir wollen?

„Balkan Mädchen“ ist erstmals ganz auf Deutsch erschienen. Den Song gibt es wegen RAF Camora und weil viele Fans es gefordert haben …

MC Yankoo: Ich habe früher Songs auf Deutsch gemacht, hatte aber Angst, sie zu veröffentlichen, der Zeitpunkt war nicht richtig. Dann kamen RAF, Farid Bang, das ist explodiert. Den Reggaeton-Rhythmus gab es in der Balkan-Szene schon immer, das war für mich nichts Neues, die Sounds sind ein bisschen anders. Ich hatte solche Sachen auf meinem Rechner liegen, bei „2110“ gab es super Feedback, so viel wie noch nie. Mit „Balkan Mädchen“ wollte ich mir ein Thema nehmen, das jeder kennt, denn jeder hatte eine Freundin vom Balkan. Der Text ist mir leicht gefallen, der Refrain stand in 20 Minuten, von einem Freund habe ich mir Hilfe für die Strophen geholt.

Einige Fans waren überrascht, dass Sie mehr als ein paar Brocken Deutsch sprechen.

MC Yankoo: Ich war unten am Balkan immer präsent, die Leute dachten: Er ist Balkaner, fertig.“ Dabei habe ich immer gesagt: „Ich lebe in Wien.“ Am Schulhof in Wien haben wir immer deutsch geredet, das war für uns viel leichter. Mein Papa wollte unbedingt, dass ich eine Schulstufe in Serbien mache, ein paar Kilometer außerhalb von Niš, da sind meine Eltern aufgewachsen. Ich kann die serbische Grammatik nicht wirklich und lasse mir meine Texte ausbessern [lacht].

Wird es mehr Songs auf Deutsch geben?

MC Yankoo: Ja, nach “Fake“ kommen noch mehr Songs, im Herbst ein Album. Der Refrain von „Fake“ geht so [singt]: „Ich kauf dir Klunker, nur Fake, kein Gucci, kein Louis, hab nichts gebunkert, bin kein Drake, kein Grammy, kein Movie, hab nicht mal Kuća in L.A., ja und wenn Daddy fragt, ist schon okay, ist schon okay.“ Also, ich kauf ihr zwar alles, aber kann mir das Original nicht leisten.

MC Yazoo

Auf einem Insta-Foto haben Sie eine Tasche von dm in der Hand, dabei steht: „The Real Life”. Viele Rapper posten nur dicke Autos und LOUIS VUITTON

MC Yankoo: Alles Fake, alles Fake [lacht]. Ich kenne viele deutsche Rapper, die mit Autos angeben. Aber das ist alles geborgt, gemietet, geleast, viele sind von Niko Karaveli, gerade für die Videodrehs. Das ist so unnötig, was soll ich mit einem Ferrari, mein Kind kann ich nicht mitnehmen.

 

„Bei anderen deutschen Rappern habe mich nur gefragt: ‚Was ist mit euch los, ihr […] wollt 10.000 Euro schwarz auf die Hand?‘“

Warum ist nach so langer Zeit doch ein Album geplant?

MC Yankoo: Es wird Zeit [lacht]. Ich möchte in der deutschsprachigen Szene durchstarten, da brauche ich mehr Songs. Wenn ich jetzt ein paar Singles mache und dann das Album, haben die Hörerinnen und Hörer mehr zu hören, die Leute nehmen dich wahr. Ich habe es in München mit einigen Songwritern produziert. Es wird ein Feature geben mit einem Newcomer. Bei anderen deutschen Rappern habe mich nur gefragt: „Was ist mit euch los, ihr seid gestern aufgetaucht und wollt 10.000 Euro schwarz auf die Hand?“

„2110“ ist einer Ihrer wenigen nachdenklichen Songs.

MC Yankoo: Der einzige. Es geht um einen Freund, wir sind gemeinsam aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ich habe dann die Liebe meines Lebens kennengelernt und mich zurückgezogen. Später haben wir einander wieder fast jeden Tag gehört oder gesehen. Einmal ruft er mich an und sagt: „Ich bin bei dir in Schwechat.“ Damals habe ich dort gewohnt. Ich sage: „Können wir uns morgen sehen, ich bin so müde von der Fahrt, ich war in Serbien, meine Oma ist gestorben.“ Da sagt er: „Egal, ich weiß nicht, der Weg hat mich zu dir geführt, ich fahr morgen nach Serbien.“ Ich sage noch: „Dann sehen wir uns nachher.“ Aber er ist nie wiedergekommen. Das macht mich so fertig, ich hätte runtergehen sollen. Er ist mit 19 Jahren verstorben. Das hat viel in meinem Kopf verursacht. Mir ist es wichtig, meine Eltern und Freunde zu sehen, nett zu sein. Manchmal erwischen sie mich im falschen Moment [lacht]. Wenn mich meine Mama anruft und sie weiß, dass ich am Wochenende nonstop unterwegs war und zwei Tage nicht geschlafen haben, sagt sie: „Warum hast du dich nicht gemeldet und gesagt, dass du gut angekommen bist?“

Warum sind die Kommentare bei dem Video deaktiviert?

MC Yankoo: Es kann Kommentare geben, bei denen ich mich richtig aufrege. Auf Instagram gab es ein paar dumme, ich dachte: „Du hast kein Leben, du schreibst Blödsinn.“ Ich blockiere diese Leute einfach.

In Ihren Videos gibt es oft Frauen, die nur spärlich bekleidet sind. Muss das so sein?

MC Yankoo: Daran ist meine Freundin schuld, sie macht das Styling, das Casting und quält sie, damit sie auf mir herumspringen, und ich muss das mitmachen [lacht]. Meistens läuft das über Kontakte oder wir posten, dass wir Mädels suchen. Das „Balkan Mädchen“ soll lieb und süß sein, richtig dreckig soll sie nicht sein.

Wie findet das Ihre elfjährige Tochter?

MC Yankoo: Als sie jünger war, hat es Probleme gegeben, sie hat gesagt: „Papa komm her, warum greift sie dich an?“ Ich musste ihr erklären, dass es nur Schauspielerei ist. Mittlerweile sagt sie: „Die hätte sich besser bewegen sollen.“

„Ich sag dir offen, die Jungs finden das geil, fertig.“

Würden Sie manche Videos nicht mehr drehen?

MC Yankoo: Ich sag dir offen, die Jungs finden das geil, fertig. Du hast Frauen im Video, damit die Jungs das anschauen. Auf meinen Konzerten sind aber auch Mädels.

Worum geht es in einigen der bekanntesten Songs wie „Ista Si Ko Sve“, „Moje Zlato“, „Neka Gori Sve“ und „Ljubi Me Budalo“?

MC Yankoo: In „Moje Zlato“ geht es um einen Burschen und ein Mädchen, die zueinanderfinden sollen, sie flirten miteinander, er zeigt ihr, dass er auf sie steht, und sie steht auch auf ihn. „Ljubi Me Budalo“ ist wieder ein Mann-Frau-Spiel: „He, du Dodl, jetzt küss mich, auf wartest du!“ Bei „Neka Gori Sve“ soll im Club alles brennen. „Ista Si Ko Sve“ heißt: „Du bist genauso wie alle anderen.“ Diese Person will auch nur Urlaub, Taschen, dies und das haben.

Gab es viele Anfragen von Labels?

MC Yankoo: Ich war in Deutschland und Österreich bei allen Majors. Was die bieten, ist lächerlich, ein paar tausend Euro für eine Single, da habe ich mehr Produktionskosten, dann wollen sie noch 80 Prozent von allem, auch Klamotten und Bookings. Das ist nur Gelaber. Bei Spotify kommt man sicher leichter auf Playlists, das geht so [schnippt mit dem Finger], nur deshalb wollte ich nicht unterschreiben. Ich habe das bisher schon selbst gemacht.

MC Yankoo (c) Entertainment Agency

Ihre sechs Millionen Spotify-Plays aus letztem Jahr bringen ungefähr 30.000 Euro, stimmt das?

MC Yankoo: Es kommt darauf an, ob der Account angemeldet ist und aus welchem Land der Stream kommt, manche sind mehr wert als andere. In Serbien gibt es noch immer kein Spotify. Das sollte dieses Jahr kommen.

Facebook wird immer schwieriger.

MC Yankoo: Facebook ist tot. Meine Fotos poste ich zuerst auf Instagram oder Snapchat. Es gibt viele Leute, die hören Yankoo.

Es gibt auch in paar Fotos mit David Alaba. War er schon auf Konzerten?

MC Yankoo: Ja, in München. Er ist ein guter Freund.

Wie laufen Konzerte normalerweise ab? In der Balkan-Szene sind sie länger, dazwischen gibt es Pausen …

MC Yankoo: Ich finde das unnötig, aber die Clubbesitzerinnen und -besitzer wollen das so, damit die Leute länger im Club konsumieren. Sie verlangen das, zwei Sets, je eine Stunde, du kannst da nichts machen.

Wie sieht die US-Tour aus? Gibt es dort eine Szene?

MC Yankoo: Sechs Termine in Detroit, St. Louis, New York, Chicago, Atlanta und Jacksonville sind fix. Wir mieten extra Hallen an. Durch den Krieg sind viele, die in Deutschland nicht bleiben konnten, nach Amerika ausgewandert.

Bisher fanden Konzerte vor allem in Österreich, der Schweiz und in Deutschland statt, weniger in Ex-Jugoslawien.

MC Yankoo: Das geht sich dort nicht aus, ich mache das nur im Sommer, wenn ich weiß, dass ich sowieso mit dem Auto unterwegs bin. Reisekosten mit anderen Locations zu teilen ist denen egal. Und nur für einen Termin hinfahren, da spiele ich lieber mit meiner Tochter PlayStation.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Stefan Niederwieser

 

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