„[E]ine Art Stimmungslage des Gesellschaftlichen abbilde[n]“ – THOMAS EDLINGER (DONAUFESTIVAL) im mica – Interview

Elegischer Post-Rock und flamboyanter Pop, sanfte Folkstimme und schriller Autotune, tiefen-aufwühlender Drone und ekstatisch-flackernder Metal – auch 2021 setzt das DONAUFESTIVAL wieder auf ein musikalisch heterogenes Programm und versammelt in Krems Positionen einer Gegenwartskultur, die sich für das Abweichende und Abenteuerliche interessiert. Das Leitmotiv ist heuer bewusst offen gehalten: „In the Year of the Metal Ox” – ein weiteres Jahr im Ausnahmezustand – trotzt mit einem international gehaltenen Programm so gut es geht den Widrigkeiten. Shilla Strelka sprach mit dem künstlerischen Leiter THOMAS EDLINGER über globalisierte Musiksprachen, einen neuen Wir-Begriff, Followerzahlen und Stimmungslagen.

Du hattest letztes Jahr mit “Machines Like Us” ein sehr konkretes, greifbares Leitmotiv. Die Ausgabe kam nie zur Realisierung. Dieses Jahr fällt das Thema offener, beinahe esoterisch aus. “In the Year of the Metal Ox” lehnt sich an das chinesische Horoskop an. Was steckt dahinter?

Thomas Edlinger: Ja, das heurige Thema ist eher wie die Zurückweisung eines Themas – der Hinweis darauf, dass es ein Ausnahmejahr ist, in dem wir uns, mit all diesen Unwägbarkeiten und Unsicherheiten, die bis jetzt das Festival begleiten, außer Stande gefühlt hätten, irgendein Thema genauer einzugrenzen. Es ist ja ein Zufall, dass dieses chinesische Sternzeichen tatsächlich der Metallochse ist. Zwei Überlegungen dazu gab es. Einerseits dieser über die Bande gespielte Hinweis, dass es etwas mit pandemischen Zuständen zu tun haben könnte, weil das Virus, wenn wir alles richtig wissen, aus Wuhan kommt. Und die zweite Dimension, die mir daran gefallen hat, ist, dass der Metallochse dann doch noch die Verbindung schlägt zu dem in Teilen nachgeholten Festivalmotto 2020. Er ist auch eine Figur, die man als ein Hybrid zwischen Natur und Technik, Natur und Maschinenhaftigkeit und Bio-Technik sehen könnte. Dass diese Assoziation noch mitschwingt, ohne dass sie überstrapaziert ist, war so die Idee. Aber der erste Hinweis ist schon eindeutig der, dass wir heuer kein direktes Thema haben, schon allein, weil wir einiges aus 2020 nachholen.

„[Man] stößt […] eher auf Musik, die jenseits der Zentren des ehemaligen Westens produziert wird“

Was auffällt, ist dass du dich von einem eurozentrischen, westlichen Blick entfernst und beginnst, die Kuratierung globaler zu denken. Da findet eine Öffnung statt. Ist das eine Tendenz in der zeitgenössischen Musik, oder legst du es bewusst darauf an? 

Thomas Edlinger: Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, es ist beides. Auch ohne sich jetzt extra damit zu beschäftigen, stößt man eher auf Musik, die jenseits der Zentren des ehemaligen Westens produziert wird, von dort ausstrahlt und auch Gehör findet. Festivals wie das Nyege Nyege Festival haben Strahlkraft. So etwas gab es in früheren Jahren kaum. Das hat sich jetzt schon ein bisschen festgesetzt, auch in der europäischen Musik- und Festivalszene, dass diese Orte wahrgenommen und auch miteinander verknüpft werden. Ich sehe das in vielen geistesverwandten Institutionen oder Initiativen deutlich, dass sich der Blick von einem Eurozentrismus abwendet und anderen Orten zuwendet. Ich denke, dass es 2022 eine verstärkte Tendenz sein wird, Acts und v.a. auch Herangehensweisen aus dem globalen Süden, oder aus postkolonialen Verhältnissen verstärkt wahrzunehmen.

Vielschichtige Biografien weisen zahlreiche der Musiker*innen als Kosmopolit*innen aus. Viele von ihnen haben die Orte, in denen sie aufgewachsen sind, verlassen und sind nach Europa oder in die USA gezogen. Acts wie Deena Abdelwahed, Nazar, Masma Dream World, Arooj Aftab oder Margenrot reflektieren in ihren Sounds auf ihre Roots, integrieren traditionelle musikalische Elemente ihrer Herkunftsländer in ihre Arbeit. Was interessiert dich an diesen Positionen?

Thomas Edlinger: Mich interessiertdie Kollision von fragmentierten Bezügen, von dem was man Zugehörigkeit, Herkunft oder belonging nennt, mit dem, was globalisierte Musiksprachen sind und technische Standards, also mit welcher Software man arbeitet. Nicht zuletzt, weil das genau das ist, was elektronische, experimentelle Szenen dynamisch hält und ihnen Infusionen gibt, die auf eine andere Weise funktionieren, als man das früher der sogenannten Weltmusik attestiert hat. Also mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit das – und jetzt muss ich in vielen Anführungszeichen sprechen – sogenannte “Andere” nicht in seiner Andersartigkeit einzusperren, sondern auch ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass „das Andere“ immer schon mit dem „Eigenen“ verknüpft ist.

„[I]n produktive Irritationen […] versetzen.

Lassen sich daraus identitätspolitische Fragestellungen ableiten? 

Thomas Edlinger: Ich glaube schon. Ich glaube, dass man über das was in diesen Hybridformen von Musik passiert, schon etwas Wertvolles gewinnen könnte, um bestimmte identitätspolitische Versteinerungen und Vorstellungen vom Eigenen und vom Fremden, insbesondere von der Beständigkeit, oder von der Essenz von Kulturen in produktive Irritationen zu versetzen und daran zu erinnern, dass Kulturen immer schon fluid und hybrid waren und sich nicht auf eine Essenz zurückbinden lassen. Das ist ja deshalb wichtig, weil in diesen ganzen Debatten um Cultural Appropriation eine Art von Essenzbegriff oder Identität von Kulturen immer wieder stark gemacht wird. Es ist natürlich sinnvoll und berechtigt, gegen ausbeuterische oder räuberische Formen von Inanspruchnahmen eine Stimme zu erheben. Aber ich glaube, wenn es darum geht, so eine Art prinzipielle Abgeschlossenheit oder Unterscheidbarkeit von Kulturen festzuschreiben, die einer Gruppe gehört und einer anderen nicht, dann wird es problematisch.

„Vor allem ist das wir im Umbruch.

Früher haben sich Elektronik-Acts eher innerhalb der unterschiedlichen Genres bewegt, um diese weiterzuentwickeln. Mittlerweile greifen Acts auf traditionelle Musikformen oder Rhythmen zurück. Da ist etwas im Umbruch.

Thomas Edlinger: Sicher. Vor allem ist das wir im Umbruch, wer das überhaupt ist. Das halte ich wiederum für eine Errungenschaft dieser ganzen identitätspolitischen Kämpfe, dass es uns bewusst gemacht hat, dass es kein voraussetzbares wir gibt, wenn wir von wir sprechen. Das wir muss erst ausgemacht und neu abgesteckt werden, was das überhaupt sein könnte und kann eben auch keine Essenz behaupten. Und jetzt, nachdem wesentlich mehr Stimmen aus anderen Räumen Gehör finden und nicht mehr unhörbar sind und die Menschen nicht mehr unsichtbar sind, zeigt sich eben wie brüchig diese Formen von Wir-Bildungen sind, oder auch wie provinziell. Jetzt ist es so, dass nicht zuletzt auch durch digitale Technologien, immer auch andere mithören. Also sie hören nicht nur mit, was gesagt wird, sie hören auch mit, was an Musik produziert wird, in einem viel direkteren Ausmaß als früher und ich glaube, das merkt man dann auch an dem globalen Output. 

Eine Wendung, die mir immer wieder in den Texten des donaufestivals aufgefallen ist, ist die der “kommenden Gemeinschaft“. Was fällt dir dazu ein?

Thomas Edlinger: Darin schwingt schon mit, dass das ein utopischer Fluchtpunkt ist, also etwas, das morgen nicht einfach da sein wird. In dem Moment, wo eine Gemeinschaft festgezimmert wäre, würde das Problem auch schon losgehen, was eine Gemeinschaft überhaupt ausmacht. Sie bezieht sich in dem Moment auf ein Außen, das nicht zur Gemeinschaft gehört. Der Begriff ist nicht friktionsfrei, aber es ist ein Begriff, den ich diskutierenswert finde, weil er in einem Spannungsverhältnis, vielleicht auch in einer Opposition zur Gesellschaft steht, von der viele sagen, sie existiert gar nicht mehr, sie ist zerfallen, gespalten usw. oder sie ist etwas, mit dem man nichts zu tun haben will, wo man sich nicht mehr wiederfindet. Was wären dann aber die sozialen Räume oder Möglichkeiten, in denen man sich doch wiederfinden kann oder Austausch und Gleichgesinnte findet? Oder wo auch so etwas wie – das ist vielleicht auch so ein leicht angestaubter Begriff – Solidarität eine Rolle spielen könnte? Solidarität mit jemandem, der oder die nicht gleich ist wie ich selbst. Und da schließt sich dann vielleicht auch der Kreis zu diesem gesteigerten Interesse an Musikformen aus Räumen, die man früher als „das Andere“ bezeichnet hat. Weil es da auch um einen Moment geht, wo man etwas Gemeinsames findet zwischen Milieus, die gemeinhin nicht als gemeinsam begriffen werden. Was kann das sein, wer kann das bestimmen und wohin kann das führen?  

Atmo donaufestival 2018
Atmo donaufestival 2018 (c) David Visnjic

Im Pressetext liest man, dass dieses Jahr nicht nach Störmomenten oder Brüchen gesucht wird, sondern nach Kontinuität. Ich frage mich, welche Art von Kontinuität sich bestimmen lässt, wenn der Weg von fordernder Elektronik zu schwelgerischen Gitarrensounds führt? 

Thomas Edlinger: Ausnahmezustand heißt so eine Art Bruch und Weitermachen zugleich. Mit dem Weitermachen meine ich nicht einfach, Gewohntes oder Konventionelles einfach weiterzuführen, sondern eher, den kulturellen  Umbrüche und Aufbrüchen einen Raum zu geben.

Aber die Frage stellt sich doch schon, was diese unterschiedlichen Positionen verbindet. Wenn es z.B. Widerständigkeit wäre, oder Jugend- oder Gegenkultur, aber diese Begriffe greifen nicht. Was ist es dann?

Thomas Edlinger: Was alles zusammenhält? Ich würde vielleicht eine Tendenz beschreiben und sagen, dass das donaufestival sowohl in der Musik, wie auch in den Performances und in den weniger stark präsenten Medienformaten, wie Bildender Kunst, Film, Theorie versucht etwas, wo es ein Risiko gibt, etwas Abenteuerliches, Ungesichertes betreten wird, wahrzunehmen und dem einen Artikulationsraum zu geben und auch zu schauen, was passiert, wenn mehrere dieser Nuancen zusammentreffen. Da entsteht ja etwas Drittes. Wenn man einen Tag erlebt, wo Dinge, die auf den ersten Blick unverbunden erscheinen, einander vielleicht trotzdem eine Dimension hinzufügen können, die sie allein nicht hätten. Das gelingt manchmal besser, manchmal weniger gut. Und vielleicht versucht es auch, bestimmten künstlerischen Ausdrucksformen Gehör und Sicht zu geben, die sonst unterrepräsentiert wären und die auch durch die Ballung eine gewisse Stärke bekommen. Da werden dann durchaus gewichtige Aussagen getätigt, die sonst vielleicht untergehen würden, aber in einem Festivalzusammenhang nicht. Das sehe ich auch als eine Aufgabe der Zusammenführung, dem Vernähen dieses Festivals, dass es im besten Fall diesen Effekt erzeugt und vielleicht Erfahrungsräume aufmacht, die man sonst nicht so leicht betreten kann.  

Hast du für dich herausgefunden, wie sich Leute triggern lassen? Was sie dazu bewegt, zu einem Festival zu kommen? Welche Erfahrungsräume öffnen sich? Lässt sich das konkreter formulieren?

Thomas Edlinger: Tja, wenn man das so genau wüsste. Ich denke, man kann auch teilweise vom eigenen Empfinden ausgehen. Ein Festival erscheint mir dann als gelungen, wenn ich beglückt, überrascht, herausgefordert und im positiven Sinn auch ein bisschen überfordert werde. Pathetisch gesprochen: Wenn das Ganze mehr und anders ist als die Summe der Teile und sich die eigene Weltsicht ein wenig verändert bzw. erweitert.

„[E]twas erfahre[n], das aus einer zu erwartenden Formatierung ausbricht“

Welche Rolle spielt Intuition für dich? Lässt sich als Kurator oder Kuratorin ein Gespür für etwas entwickeln, das vielleicht rational nicht direkt nachvollziehbar ist? Musik ist am Ende ja etwas sehr Subjektives.

Thomas Edlinger: Ich versuche so eine Art von Intuition oder subjektives Empfinden auszutarieren mit dem, von dem ich glaube, dass es eine gewisse Relevanz hat, die über mein persönliches Empfinden hinausgeht. Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass eine Mischung aus beiden Herangehensweisen am sinnvollsten ist. Ich glaube, so ein radikal subjektives donaufestival zu machen wäre anmaßend – als könnte der eigene höchstpersönliche Geschmack ein 6-Tage-Festival vollständig bespielen. Aber gleichzeitig gibt es natürlich einzelne Acts, die vielleicht auch aus einem gewissen Soundspektrumausscheren, so dass vielleicht andere sagen, das würden sie nicht programmieren. Das find ich dann aber doch gut, zumal ich da teilweise von mir selbst ausgehe, als Gast auf anderen Festivals. Da finde ich es schon immer bereichernd, wenn ich etwas erfahre, das aus einer zu erwartenden Formatierung ausbricht.  

Auch wenn sich dieses Moment nicht vorher festlegen lässt, welche Acts lassen heuer auf den Bruch mit dem Erwartbaren hoffen?

Thomas Edlinger: Ich glaube, Kizis zweistündiges Konzert mit Streichorchester könnte einen schwelgerisch-weltumarmenden Kontrapunkt zu harscheren Noise-Acts bieten, vielleicht auch der Wundertüten-Pop von Jerskin Fendrix. Oder die um die Sanftheit von Berührungen kreisende Performance von Lisa Hinterreithner.

„[D]as ist ja auch das Reizvolle an solchen Formaten, dass es um Kommunikation und Austausch geht.“

Du hast aber auch so etwas wie ein Korrektiv eingerichtet in Form eines Advisory Board, das vier Kolleg*innen umfasst. Wie verhält sich das? Steht ihr in engem Austausch?

Thomas Edlinger: Wir haben regelmäßige Treffen, ab und zu auch informell. Das muss ein gewisses Vertrauensverhältnis da sein, also dass man auch mal den Telefonhörer in die Hand nimmt und in Berlin anruft, um zu fragen, hast du das zufällig gesehen? Feedback zu bekommen hilft sehr, auch weil man sich manchmal etwas im stillen Kämmerchen ausdenkt und gar nicht weiß, ob das überhaupt kommuniziert. Das ist ja auch das Reizvolle an solchen Formaten, dass es um Kommunikation und Austausch geht und nicht darum, mit etwas Recht zu haben. Das ist ein großer Unterschied, finde ich.

Das klingt sehr romantisch, denn etwas das, nehme ich an, schon eine Rolle spielt, sind die Besucher*innenzahlen. Und die geben dir Recht oder eben nicht. Betrachtest du das auch aus dieser Position? Setzt das unter Druck? 

Thomas Edlinger: Ja, natürlich spielen die Zahlen eine Rolle. Ob sie einem aber einfach Recht geben oder nicht, lässt sich aber nicht so eindeutig sagen.  Wir versuchen aber klarerweise, ein Programm zu machen, das für möglichst viele interessant ist.

Welche Rolle spielen so etwas wie Followerzahlen auf Soundcloud oder Spotify bei der Kuratierung?

Thomas Edlinger: Ich finde, dass die Zugriffszahlen nur bedingt aussagekräftig sind. Es wird zum Beispiel nicht die Dynamik abgebildet, ob etwas einmal interessant war und jetzt nicht mehr. In diesem Gewerbe werden ja ununterbrochen Hypes produziert und Hypes haben es an sich, dass sie nicht nur irgendwo hochschnellen, sondern eben auch wieder abebben. Das sagt man selten dazu. Man spricht selten darüber, dass diese Überbewertetheit irgendwann auch wieder in Bedeutungslosigkeit verschwindet und dass man dann drei Jahre später gar nicht weiß, was damals so gehyped wurde. Das gibt es ja auch. 

Dieses Jahr kommt aber ohne die wirklich arrivierten Acts und ohne große Namen aus. Es gibt keine richtigen Headliner.

Thomas Edlinger: Naja, Black Country, New Road ist schon ein größerer Act. Aber ja, das ist wahr. Erstens war es unter Covid schwierig, sogenannte Headliner zu verpflichten. Zweitens ist es generell über die Jahre immer schwieriger geworden und drittens stellt sich auch die Frage, wie sinnvoll oder notwendig das überhaupt ist. Dieses Jahr sind die Programmierungen in vielerlei Hinsicht viel komplizierter und schwieriger. Es gibt Quarantänevorschriften, dann gibt es Leute, denen es aus Gesundheitsgründen riskant erscheint anzureisen. Wenn ich es mit anderen Festivals vergleichen, mit denen wir in Austausch stehen, habe ich den Eindruck, wir haben viele Hauptacts. 

Was wären denn die Hauptacts?

Thomas Edlinger: Musikalisch denke ich an Nazar, Duma, Deena Abdelwahed oder Girl Band am ersten Wochenende. Am zweiten dann an Lost Girls, Loraine James, Kizis und Ghostpoet und eben Black Country, New Road.

Ihr habt trotz der Widrigkeiten sehr viele Acts aus dem Ausland eingeladen. Es wäre natürlich auch eine Chance gewesen, mehr heimische Acts zu buchen.

Thomas Edlinger: Wir haben auch mehr heimische Acts im Line-Up als normal. Über das haben wir auch nachgedacht, aber gleichzeitig ist es auch so, dass viele dieser Acts – zu Recht – viel in Österreich spielen. Für uns ist das keine einfache Situation.

„Euphorische, große Zukunftsentwürfe sind nirgendwo zu haben.“

Diversität spielt eine große Rolle in der Kuratierung, nicht nur hinsichtlich der unterschiedlichen Genres und Sprachen. Konstellierst du bewusst bestimmte Gemütslagen zueinander, wenn du z.B. so zarte Sounds wie die von Arooj Aftab mit dem frenetischen Metal von Duma kombinierst? Oder anders: Wieviel Melancholie verträgt ein Festival, wieviel Euphorie braucht es?

Thomas Edlinger: Euphorie braucht es möglichst viel. Ich weiß nicht, ob ein Festival Melancholie braucht, aber viel Musik ist von Melancholie oder düsteren Gefühlslagen grundiert. Wenn man an ganz große Acts wie Billie Eilish denkt – die Art und Weise, wie da gesungen wird, das wäre nicht denkbar, ohne dass man darauf rekurriert, dass eine Art Depression bei vielen jungen Menschen eine gesellschaftliche Grundstimmung ist. Anders wäre ja diese Art von extrem verhaltenem Gesang gar nicht mehrheitsfähig. Und auch bei vielen kleinen Acts ist das so: Pessimismus als Geschäftsgrundlage. Im Prinzip geht es da ja auch um so eine Art Verlustanzeige über Zukünfte, die entweder nicht eingetreten sind, oder sich in einer anderen Form nicht so realisiert haben. Euphorische, große Zukunftsentwürfe sind nirgendwo zu haben. Wenn man sich den weltumstürzlerischen Euphoriegehalt der 60er Jahre Musik anhört, im Vergleich zu den frühen 20ern, finde ich ist es auch in der Musik deutlich hörbar. Also ich glaube, so eine gewisse Verhaltenheit oder Dunkelheit in der Weltsicht ist schon weit verbreitet. Ich hab manchmal den Verdacht, dass das eine Pose ist, die deshalb eingenommen wird, weil man damit wenig falsch machen kann. Es offeriert eine Art kritisches Bewusstsein von der Stange, wo man nicht soviel tun muss dafür. Eine düstere Weltsicht gilt als per se sicher weniger blöd als eine die sagt, ich weiß gar nicht was du meinst, ist eh alles ganz wunderbar. Aber ich glaube, unabhängig davon, wie man es jetzt im Einzelnen hält, bildet es sich in vielen Musikformen ab, auch im Detail. Zum Beispiel die Frage wieviel Noise ist irgendwo drinnen, also Noise als eine Art Störgeräusch, das in das gesellschaftliche Getriebe entsandt wird, oder wie wird Gesang eingesetzt? Welche Funktion hat das überhaupt, welche Färbung? Und da kann man ja nicht an den weit verbreiteten Stimmungen vorbeiprogrammieren. Die gibt es halt einfach und natürlich auch mit einer gewissen Berechtigung. Wenn man sich die Nachrichtenlage der letzten Jahre ansieht, sind schon einige Dinge objektiv nicht unbedingt im besten Zustand.

Jemand, die eine Gegenposition dazu einnimmt, wäre z.B. Kizis.

Thomas Edlinger: Ja, das stimmt. Vielleicht ist es auch das für mich einnehmende daran, dass sie tatsächlich so eine Art größeren Gegenentwurf anbietet. Nicht nur in der Art, wie diese Musik klingt, dass sie so etwas Weltumarmendes ausströmt, und versucht, etwas Verbindendes herzustellen, sondern auch die Dimension des Ganzen. 36 Songs, dreieinhalb Stunden, 3-fach Album, wahnsinnig viele Gastmusiker*innen – das ist eine große Geste, aber ohne große Industrie. Das ist erstaunlich und allein deshalb schon bemerkenswert. Das ist auf dieser Ebene auch ein Kontrapunkt zu den eher düster gestimmten Musikformen, die auf dem donaufestival natürlich auch vertreten sind. Das wäre ja absurd, die nicht zu vertreten, weil so ein Festival natürlich auch insgesamt so eine Art Stimmungslage des Gesellschaftlichen abbildet.  

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Shilla Strelka


Donaufestival 2021

1-3. & 8-10. Oktober 2021, Krems

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