EIN FESTIVAL KANN AUCH ENZYMATISCH WIRKEN – BERNHARD GÜNTHER (KÜNSTLERISCHER LEITER VON WIEN MODERN) IM MICA-INTERVIEW

BERNHARD GÜNTHER, der künstlerische Leiter von Wien Modern, hat heuer unter dem Motto „Stimmung“ ein vielfältiges und abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, um in dem speziellen Format WIEN MODERN die Bandbreite von neuer Musik zu verdeutlichen. Mit Michael Franz Woels sprach BERNHARD GÜNTHER über persönliche Signale der Öffnung, über die Möglichkeiten, den „Sinn für das Kuratieren“ zu teilen und weiterzuentwickeln und sein unermüdliches und zähes Ringen um ein angemessenes Budget. 

Das heurige Thema von Wien Modern ist Stimmung. Dieses Thema ist nicht, wie man vermuten könnte, als Reaktion auf dieses Ausnahmejahr entstanden, sondern natürlich schon viel früher. Wie findest Du eigentlich immer deine Themen, welche Bedeutung haben sie für Dich?

Bernhard Günther: Zunächst einmal könnte man sich die Frage stellen: Warum überhaupt ein Thema? Es geht ja auch ohne. Ich mag diese “Fasslichkeit” – um einen emphatischen Schönberg-Begriff zu benutzen – auf mehreren Ebenen, eine Dramaturgie, in der Zusammenhänge erkennbar werden. Ich finde es wichtig, dass Festivalthemen, wie bei Wien Modern zuletzt Sicherheit und Wachstum, nicht allzu fachsprachlich sind. Sie sollen in diesen Schnittbereich zielen, in dem die Musik und die Gesellschaft miteinander zu tun haben. Das muss “musikimmanent” sinnvoll sein, aber auch das Große und Ganze soll spürbar werden.

Dir ist es ja auch wichtig, neues Publikum und nachkommende Generationen an Zuhörer*innen anzusprechen. Eine gewisse Niederschwelligkeit anzustreben…

Bernhard Günther: Ich bin mit dem Begriff “niederschwellig” sehr vorsichtig. Das ist so ein Polit- und Antragsdeutsch, das immer suggeriert, es gäbe ein Problem. Ich gehe ja eigentlich eher davon aus, dass diese Kunstform Musik in ihrer zeitgenössischen Ausprägung zugänglich sein will, nicht nur für Leute mit einem hohen Grad einer Ausbildung. Als müsste man mindestens Musikwissenschaft studiert haben, um den Mund dazu aufmachen zu dürfen. Das war früher vielleicht ein Problem, aber mittlerweile ist das eine fiktive Konstruktion. Diese Musik an sich möchte gerne geteilt werden. Das sollte man nicht vergessen. Die Praxis des Musizierens in Wien ist ja ein extremer Breitensport und gehört für viele zum normalen Leben. Es gibt eine sehr breite freie Szene.

Dieses Eintauchen in die verschiedensten Ausprägungen von neuer Musik kann ja auch durch die in ihrer Größe sehr diversen Veranstaltungsstätten gelingen.

Bernhard Günther: Ich finde, man kann Räume gar nicht ernst genug nehmen in ihrer Komplexität. Der Raum ist zunächst einmal eine architektonische Form. Was die architektonische “Grundlagenforschung” dazu betrifft, habe ich ein Lieblingsbuch von Remy Zaugg: “Das Kunstmuseum, das ich mir erträume oder Der Ort des Werkes und des Menschen.” Dann gibt es natürlich die akustischen Faktoren. Dann gibt es die schiere Größe eines Raumes, die in Pandemie-Zeiten extrem bedeutsam wird. Die heftigste Reduktion der Publikumskapazität in kleineren Räumen war bei uns heuer von 192 auf 25 Besucher*innen. Aber es gibt natürlich neben den architektonischen und akustischen auch die soziologischen Aspekte, die besonders stark die Stimmung in einem Raum prägen. Ist es ein mit fünf oder mit siebzig Prozent öffentlichen Geldern finanzierter Raum, ein rein kommerzieller Event-Schuppen, oder eine leidenschaftliche, prekäre Selbstausbeutungs-Kulturinitiative? Das wirkt sich alles auf die Stimmung aus. Ich mag diesen Begriff unter anderem auch deswegen, weil er komplexe Dinge in einer verständlichen Art vorstellbar macht und zusammenfasst.

„ES BRAUCHT IMMER PERSÖNLICHE SIGNALE DER ÖFFNUNG.“

Diese unterschiedlichen Orte sind untereinander nicht sehr “durchlässig”. Ich habe sehr gestaunt, als letztes Jahr Marin Alsop und ihre ganze Dirigent*innen-Masterclass im echoraum aufkreuzte und dann prompt der halbe echoraum zum zu Marin Alsop ins Konzerthaus kam. Es braucht immer persönliche Signale der Öffnung, damit so etwas passiert. Wie oft haben sich große Häuser um eine kleine Off-Location bemüht, in der Hoffnung, vereinfacht gesagt, neue Abonnent*innen zu gewinnen. Das funktioniert nur in einem vernachlässigbaren Prozentsatz der Fälle. Aber ein Festival wie Wien Modern kann solche versöhnlichen Signale leisten. Die Öffnung der großen, innerstädtischen “Kulturtempel” ist zwar nicht historisch gewachsen, aber wir sind an einem Punkt, an dem sie viel leichter geworden ist. Es eine große Aufgabe für alle Beteiligten, diese Durchlässigkeit wirklich herbeizuführen.

Wien Modern kann da für eine Sichtbarkeit, eine Übersicht über aktuelles Geschehen im Bereich der neuen Musik sorgen …

Bernhard Günther: Wien Modern ist ja ein besonders breites Format. Es sind fünf Wochen mit zirka hundert Veranstaltungen: Eine Stadt, eine Kunstform, ein Monat. Da müssen die Vielfältigkeit und die unterschiedlichsten Facetten spürbar werden. Die Auseinandersetzung damit, das sich Öffnen für und Abarbeiten an Differenzen müssen gefördert werden. Die Spielstätten wollen ja im Grunde einen Austausch. Ich bin weit davon entfernt zu sagen, diesen Austausch würde es nicht geben, wenn es Wien Modern nicht gäbe. Wir sind jetzt nicht der Rettungseinsatz für eine Kulturszene, die zu viele Barrieren hätte. Aber ich glaube, ein Festival kann enzymatisch wirken. Wir können die Tendenz zur Öffnung fördern und vereinfachen. Ich kann ein Beispiel nennen: Wir haben heuer besonders viele Projekte in Kirchen und mit Studierenden. Die mdw als meines Wissens größte Musikuniversität Österreichs hat ja bereits mit der St.-Ursula-Kirche einen Aufführungsort für das Orgelinstitut. Aber mit dem Festival entstand aus dieser punktuellen Konstellation ein internationaler Call für Komponist*innen in Zusammenarbeit mit fünf Musikuniversitäten in ganz Österreich, eine offene Einladung, diese wunderschönen, alten Räume mit ihren hochkomplexen, jahrhundertealten Instrumenten – technischen Wunderwerken, die einen ganz eigenen Stimmungszauber verbreiten – neu zu nutzen.

Wie und wann ist eigentlich deine Leidenschaft zum Kuratieren entstanden?

Bernhard Günther: Das Interesse und das Talent dazu ist viel weiter verbreitet, als man denkt. Das halte ich für einen Bestandteil des Common Sense, man darf es halt nicht ersticken. Ich bin beispielsweise noch aus der Generation Mixtape. Es war bei uns am Schulhof üblich, einander liebevoll gestaltete Kassetten zu überreichen, gelungene Übergänge zwischen zwei Tracks wurden sehr geschätzt. Ich bin jetzt beteiligt an einem neuen Lehrgang Kuratieren, der sich unter anderem an junge Ensembles richtet, die ihre eigenen Programme gestalten. Das ist ein Phänomen, das immer häufiger wird. In Basel an der Hochschule für Musik gibt es dazu demnächst eine neue Weiterbildung – noch kann man sich melden, die Ausschreibung läuft bis Ende Oktober. Dieser Sinn für das Kuratieren wird geteilt, weiterentwickelt und verbreitet. Im Bereich der jungen Ensembles beobachte ich viele kuratorische Ideen und Initiativen, die ich sehr spannend finde.

Heuer findet Wien Modern das fünfte Mal unter deiner Leitung statt. Was waren für dich in diesem Zeitraum wichtige Schritte, wie würdest du ganz allgemein Bilanz ziehen?

Bernhard Günther: Die fünf Jahre hatten vom Programm her ein bisschen was von der alten Skilehrerweisheit: Vom Bekannten zum Unbekannten. Das 2016er Festival war, wenn man jetzt zurückschaut, ja noch um einiges „klassischer“ in der Anmutung. Gerade was die Formatvielfalt anbelangt, wurde es tendenziell seither ein bisschen bunter. Wir hatten auch 2016 schon radikale Formatexperimente wie zum Beispiel die begehbare Gesamtaufführung der 15 Schostakowitsch-Streichquartette, wir hatten auch schon Improvisation. Aber die Mischung wird von Jahr zu Jahr neu angepasst. Ich hatte mir das am Anfang noch etwas didaktischer vorgestellt, 2016 wollte ich im Blick auf das Stammpublikum erst einmal vertrauensbildende Maßnahmen setzen, und gleichzeitig allgemein eine Offenheit suggerieren, die es möglich macht, einfach mal auch nur reinzuschnuppern. Aber ist es natürlich unendlich wichtig, diese vertrauensbildenden Maßnahmen zu setzen für Menschen, die überhaupt noch nicht besonders interessiert sind am Kulturbereich als Ganzem. Ich wusste, dass das Teil meiner Aufgabe ist, aber ich bin jedes Jahr dabei, da nachzujustieren.

Ich muss auch sagen, ich habe mein wesentliches Ziel noch nicht erreicht. Ich bin immer noch in einer Situation, die mich an einen Ausruf von André Malraux erinnert, als er von Charles de Gaulle gefragt wurde, ob er Kulturminister werden möchte. Seine Reaktion war: „Was soll ich denn mit diesem lächerlichen Budget?” Bei Wien Modern wäre das für mich fast ein Grund gewesen, nicht herzukommen. Ein Festival dieser Größenordnung, das, als ich angefangen habe, mit einem Gesamtbudget von rund einer Million Euro dotiert war, inklusive Personal, Kommunikation, Miete, Logistik und allem, ist ein Widerspruch in sich. Eine Million Euro klingt aus Sicht der freien Szene enorm, aber für die Aufgaben, die von uns erwartet werden, reicht schon ein rein künstlerisches Budget von einer Million Euro vorne und hinten nicht. Wir haben heuer fast 100.000 EUR allein für Kompositionsaufträge und ein Mehrfaches davon an Künstler*innenhonoraren budgetiert, wenn wir das nicht täten, würde die Szene in Österreich das spüren. Wir müssen Felder wie Fair Pay viel stärker bearbeiten. Ich habe für Wien Modern mittlerweile kein schlechtes Gewissen mehr, aber ich gebe offen zu, dass ich das am Anfang unterschätzt habe und mich über jeden günstigen Vorschlag gefreut habe. Inzwischen prüfe ich, ob die Künstler*innen anständig bezahlt werden, und sowas kostet Geld. Ich habe ein Festival mit einem Büro von 19 m2 übernommen, und ich bin heilfroh, dass wir nach fünf Jahren jetzt neue Räume mit insgesamt 120 m2 bekommen. Ein einziger Blick in die Büros von halbwegs vergleichbaren Festivals wie Viennale, ImpulsTanz oder dem steirischen herbst genügt, um zu sagen, dass das vorher einfach ein Ding der Unmöglichkeit war. In Zeiten von COVID-19 könnte ich keine einzige Abstandsregel einhalten in einem Einzimmer-Büro.

„WIR MÜSSEN FELDER WIE FAIR PAY VIEL STÄRKER BEARBEITEN.“

Das COVID-Jahr ging für uns auch einher mit herben Rückschlägen bei den Subventionsverhandlungen. Stadt und Bund sind uns heuer ein kleines bisschen entgegengekommen, aber wir sind weit davon entfernt, das Sinken der Förderungen seit den 1990er Jahren auch nur halbwegs auszugleichen. Die Förderungen, die Wien Modern damals bekommen hat, entsprächen heute rund einer Million Euro allein an Subventionen von der Stadt Wien. Wir lukrieren inzwischen viele Stiftungsgelder und haben mit Kapsch und der Erste Bank treue und enorm wichtige Sponsoringpartner. Auch die Karteneinnahmen sind respektabel, vom COVID-Jahr jetzt einmal abgesehen. Aber all das ist bei weitem nicht genug, um irgendwie auf ein Level zu kommen, das ein Festival dieser Größenordnung braucht. Kultur wird in Österreich gewohnheitsmäßig mit diesem Reflex behandelt: „Es hat ja immer irgendwie geklappt, es muss ja irgendwie gehen, und es gibt ja leider nicht mehr.” (seufzt) Ich glaube, ich habe genug zum Thema Budget gesagt. Das ist ein ganz wesentlicher Teil für die Leitung und Entwicklung des Festivals, der noch vor mir liegt.

Aber eines möchte ich schon noch sagen: Warum soll der zeitgenössische Teil der Musik sich damit zufrieden geben, dass es in Wahrheit keine einzige größere Spielstätte dafür gibt, während es selbstverständlich Performance-Häuser und Tanzorte gibt? Warum sollte Wien Modern nicht auf eine Budgetgrößenordnung zielen, die international vergleichbar ist? In Straßburg gibt es für ein doch deutlich kleineres Festival fast das doppelte Budget. Die Münchner Biennale hat ebenfalls das doppelte Budget. Und das Festival Donaueschinger Musiktage gibt ungefähr das, was ich hier an Gesamtbudget übernommen habe, an einem Wochenende aus. In Wien soll das für fünf Wochen reichen, aber bitte mit Orchestern, Uraufführungen, Nachwuchsprojekten, Förderung der österreichischen Szene und internationalen Stars, ganz wichtig nicht nur klassische Musikformate, und am liebsten ganz viele Produktionen in den Außenbezirken? Das geht nur, weil in Österreich selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass irgendwelche Zauberer sich mit wenig zufriedengeben und viel daraus machen. Wir hören immer wieder Sonntagsansprachen zur Bedeutung der Innovationsförderung und kämpfen ausgerechnet in der zeitgenössischen Musik um jeden Euro. Das ist für ein Land, das sich stolz Kulturnation nennt und für eine Stadt, die die Kultur als eine der tragenden Säulen ihrer Identität hat, in Wahrheit kein Zustand.

Bild Edu Haubensak
Edu Haubensak (c) Ayse Yavas

„WIR KÖNNEN DA NUR DIE SPITZE DES EISBERGES ZEIGEN.“

Soweit dazu deine Stimmung. Möchtest Du abschließend noch exemplarisch ein paar Aufführungen anführen, um das Publikum auf das kommende Wien Modern einzustimmen? 

Bernhard Günther: Wenn ich jetzt speziell auf diesen Aspekt der Stimmung schaue, dann bin ich sehr gespannt darauf, wie sich die sehr vielen Projekte in den Kirchen anfühlen werden. Beispielsweise das neue Orchesterwerk von Klaus Lang mit den socially distanced in den Stephansdom gesetzten Wiener Symphonikern. Oder auch das Projekt “Orgel Modern” und benachbart dazu das Projekt “Instrument Modern” am selben Wochenende (7./8.11.), wo wir mit zirka zwanzig Künstler*innen an zwölf Orten in der halben Stadt einen kleinen Blick in die unglaubliche Vielfalt der experimentellen Instrumentenbauszene werfen. Wir können da nur die Spitze des Eisbergs zeigen, aber das ist ein kleiner Schritt zu auf den Großraum Bildende Kunst mit Constantin Luser, Claudia Märzendorfer und vielen anderen.

Dann bin ich sehr gespannt auf das Projekt von Edu Haubensak mit elf Klavieren. Er ist der Fall eines sehr eigenwilligen Künstlers, der sein Leben lang an einem Kunstwerk arbeitet. Sein Schaffen ist ein großes Gesamtkunstwerk, und diese Art, wie er mit Stimmungen arbeitet, wurde noch nie irgendwo in einem so großen Maßstab gezeigt. Wären wir im Bereich der Bildenden Kunst, könnte man von einer großen Personale sprechen.

Ich freue mich extrem, dass wir die Chance erhalten, Sofia Gubaidulinas neues Orchesterwerk “Der Zorn Gottes” uraufzuführen. Wir reden hier vom Spätwerk von Sofia Gubaidulina, sie war ja 1989 die erste Komponistin überhaupt, die bei Wien Modern präsentiert wurde. 1988 war tatsächlich keine einzige Komponistin im Programm, 1989 eine einzige, und zwar Sofia Gubaidulina. Heuer sind wir bei fünfzig Komponistinnen. Ich bin erleichtert, dass wir diese finsteren Anfangszeiten hinter uns gelassen haben. Und ich habe enormen Respekt vor den Pionierinnen dieser Jahre. Sofia Gubaidulina war eine der ganz frühen Frauen, die in den Konzertsälen und unter den ganzen Maestri die gläserne Decke durchbrochen haben. Ich weiss aus vielen Gesprächen, wie unglaublich mühsam das ist. Beispielsweise Olga Neuwirth war wenig später das erste Mal bei den Wiener Festwochen. Man kann das nicht respektvoll genug einschätzen, mit welcher Extraenergie die Komponistinnen es damals auf die Bühnen geschafft haben. Daher freue ich mich sehr auf das große Portrait von Sofia Gubaidulina.

Vielen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

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