„Mich hat immer fasziniert, wie man mit technischen Mitteln tolle Sounds erzeugen kann” – WOLFGANG POLLANZ (LES MACHINES MOLLES) im mica-Interview

WOLFGANG POLLANZ ist Musiker und Autor, Labelbetreiber und Verleger. Jetzt veröffentlicht er als LES MACHINES MOLLES sein viertes Album: „The Fox And Other Stories” (Pumpkin Records). Zum ersten Mal presst er dieses Mal seine Musik auf Vinyl. Im Interview mit Jürgen Plank erzählt POLLANZ übers Musikmachen in Lockdown-Zeiten, über virtuelle Klänge und den gleichberechtigten Einsatz von Tier- und Menschenstimmen in der Pop-Musik.

Obwohl du Schreibender und Musiker bist, ist dein neues Album „The Fox And Other Stories (The Animals’ Album)” ein Instrumental-Album. Warum hast du die instrumentale Form gewählt?

Wolfgang Pollanz: Das Album ist ein Hybrid, könnte man sagen, denn es ist nicht rein instrumental. Es gibt schon Stimmen, aber das sind Tierstimmen. Die Idee war, Songs zu machen, bei denen man anstatt menschlicher Stimmen eben Tierstimmen hört. Ich war immer unzufrieden mit englischen Liedtexten, die ich geschrieben habe, weil ich in der deutschen Sprache zu Hause bin. Ich habe mich natürlich in deutscher Sprache probiert, und auch für andere Bands geschrieben, aber irgendwie war ich mit den Ergebnissen immer unzufrieden und davon habe ich mich befreien können.

Das stimmt natürlich, Tierstimmen sind auch Stimmen. Die menschlichen Stimmen hast du – wenn ich das richtig herausgehört habe – von Synthesizern oder Samples übernommen.

Wolfgang Pollanz: Ich habe in erster Linie mit Software gearbeitet und da gibt es ganz tolle virtuelle Chöre, die man einbauen kann. Insofern kommt die menschliche Stimme schon vor und es gibt die Cover-Version von „What A Wonderful World”. Das Lied heißt bei mir „What A Wonderful World (For All Human Beings)”, bei dem ich tierische und menschliche Stimmen gleichberechtigt miteinander mische.

„’What a wonderful world’ bringt eine positive Stimmung hinüber: Die Welt ist wunderschön” 

Über diese nerdige Version von „What a wonderful world” wollte ich ohnehin mit dir sprechen. Wieso hast du dieses Lied als einziges Cover gewählt?

Bild Wolfgang Pollanz
Wolfgang Pollanz (c) Christian Koschar

Wolfgang Pollanz: Mir hat das Lied immer gefallen, ich habe es in jungen Jahren in der Version von Louis Armstrong gehört und es gibt eine großartige Version von Soap & Skin. Es hatte vielleicht mit Corona zu tun, jeder war irgendwie depressiv. What a wonderful world” bringt eine positive Stimmung hinüber: Die Welt ist wunderschön. Das ist die letzte Nummer am Album und die Conclusio: Tierische und menschliche Stimmen sind alle in einer gemeinsamen Welt. 

Man könnte über dein Album auch sagen, dass es ein Konzeptalbum ist. Würdest du das so sehen?

Wolfgang Pollanz: Ja, würde ich schon. Die titelgebende Nummer The Fox” erzählt für mich die Geschichte einer Fuchsjagd. Da wehrt sich ein Fuchs erfolgreich gegen die Fuchsjagd, deshalb bin ich auf den Albumtitel The Fox And Other Stories” gekommen. Jeder Song erzählt eine kleine Geschichte, bei Sing Blackbird Sing” sind die Amselstimmen in einen jazzigen Kontext eingebettet. Man kann sich auch vorstellen, dass man bei offenem Fenster die Amseln singen hört und dazu gibt es diese Musik.

„Während des Lockdowns sind mir die Tierstimmen wieder untergekommen, etwa der Vogelgesang” 

Wie bist du auf das Konzept für dieses Album gekommen?

Wolfgang Pollanz: Ich lebe sehr abgeschieden, am Land, zwischen Pferdekoppeln und Wald. Während des Lockdowns sind mir die Tierstimmen wieder untergekommen, etwa der Vogelgesang. Man hört hier in der Nacht ab und zu ein Reh oder einen Fuchs schreien. Und ich habe in dieser Zeit das Buch Die Sprachen der Tiere” gelesen. Deshalb ist mir die Idee gekommen, dass ich mal etwas mit Tierstimmen machen könnte und ich habe das Album in zirka sechs Wochen fertig gemacht. 

Warum hast du nicht O-Töne von Tieren selbst aufgenommen?

Wolfgang Pollanz: Das habe ich nicht gemacht, weil es als public domain – bzw. zum Teil habe ich sie zugekauft – wunderbare Aufnahmen von Tierstimmen gibt, die ich selbst nie so gut aufnehmen hätte können. Auch die Wale hätte ich natürlich selbst nicht aufnehmen können.

Vogelgesang bewegt sich ja außerhalb der Harmonielehre und ist in sich geschlossen harmonisch.

Wolfgang Pollanz: Schon, ja. Interessant ist auch – das habe ich vor vielen Jahren in einem Gedicht verwendet -, dass Tierstimmen auch Dialekte haben. Eine Amsel in Norwegen klingt also anders als eine Amsel in Italien.

Für mich hat sich zwischen den Tönen aus der Natur und den synthetischen Klängen ein Gegensatzpaar zwischen Natur und Maschine ergeben.

Wolfgang Pollanz: Heimo Mürzl, der ja für die Wiener Zeitung schreibt, hat mir den Pressetext geschrieben, und da heißt es schon auch, dass Mensch, Tier und Technik auf eine spannende Weise zusammengeführt werden. Manche der synthetischen Sounds haben gut zu den Sounds aus der Natur gepasst und das hat ein kompaktes Zusammenspiel ergeben. 

Cover The Fox And Other Stories
Cover “The Fox And Other Stories”

Wenn es schon keine gesungenen Texte gibt: Inwiefern sind zumindest die Titel der Lieder eine Textebene, über die du etwas erzählst?

Wolfgang Pollanz: Das sind sie auf jeden Fall. Zum Beispiel sollte Swamp Frogs On Dope” ein sehr entspanntes Stück sein. Die Lieder sind ja wie gesagt Geschichten, vielleicht über eingerauchte Frösche, die irgendwo in einem Sumpfgebiet in Louisiana eine Party feiern. Der Titel zum Lied Wolf and the Gang” hat sich natürlich durch meinen Vornamen ergeben. Das Stück mit den Möwen trägt den Titel More Secrets Of The Seagull Island”, dazu kann man sagen, dass es eine Fernsehserie gibt, die The Secret Of The Seagull Island” heißt. Ich habe also schon versucht über diese Textebene der Liedtitel, die Songs in eine bestimmte Richtung zu bringen.

Und du hast das selbstreferentielle System Pop einen Zacken weitergedreht: eines deiner Lieder, nämlich Let The Dogs Out”, ist ein Querverweis auf den Rap-Song Who let the dogs out” von Baha Men.

Wolfgang Pollanz: Genau. Und Katzenjammer Kids” ist ein ganz berühmter Comic-Strip vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Und statt Big Boys Don’t Cry” heißt es dann bei mir Big Piggies Don’t Cry”. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mich sehr viel mit Popmusik beschäftige und dadurch ergeben sich immer irgendwelche Referenzen. Das ist auch in meinen Büchern oft so und hier selbstverständlich auch.

Weil es eben diese Referenzen gibt, würde ich – wegen der Elektro-Pop-Bezüge deiner Musik – die übliche Frage abwandeln. Statt: The Beatles oder The Rolling Stones? Kraftwerk oder The Human League?

Wolfgang Pollanz: Auf die Frage, ob Beatles oder Rolling Stones habe ich immer geantwortet: Kinks! Diese Frage ist mir immer auf die Nerven gegangen. In dieser Synth-Pop-Geschichte bin ich – ehrlich gesagt – nicht so bewandert. Kraftwerk habe ich auch live gesehen und finde ich toll, aber: Mich hat immer fasziniert, wie man mit technischen Mitteln tolle Sounds erzeugen kann. In letzter Zeit gefällt mir jemand, der auf sehr moderne Art Musik macht, das ist Billie Eilish, ich finde ihre Musik großartig arrangiert.

Du veröffentlichst nicht nur deine Musik, sondern am Label Pumpkin Records auch die Musik von anderen, etwa: Matthias Forenbacher, Urban Desert Blues, Norb Payr oder Thalija. Und du betreibst auch die Edition Kürbis, deren letzte Buchveröffentlichung Baby you can drive my car” auch in Richtung Musik gestrickt ist. Was ist in Planung?

Wolfgang Pollanz: Im kleinen Wiener Verlag Text/Rahmen erscheint demnächst ein Buch von mir. Text/Rahmen wird von den Leuten betrieben, die das Label Noise Appeal machen. Das Buch wird heißen: Wie ein Rabe – 66 Song-Stories”. Dafür habe ich zu 66 Songs der Popgeschichte Kurzgeschichten geschrieben. In der Edition Kürbis soll 2021 das Buch einer steirischen Autorin erscheinen. Übernächstes Jahr, falls die Welt bis dahin noch nicht untergegangen ist, möchte ich eine Anthologie zum Thema Tiere machen.

Herzlichen Dank für das Interview. 

Jürgen Plank

 

Link:
Kürbis/Pumpkin Records
Wolfgang Pollanz