Martin Spengler die foischn Wiener
Martin Spengler & foischn Wiener (c) Astrid Knie

„Letztlich ist das Album wieder viel schöner und heller geworden, als ich es vorher im Kopf hatte.“ – MARTIN SPENGLER im mica-Interview

MARTIN SPENGLER & DIE FOISCHN WIENER zählen hierzulande nun schon seit Jahren zu den führenden Aushängeschilden des neuen Wienerliedes. Mit „Es könnt oba a ois gaunz aundas sein” erschien im März dieses Jahres das mittlerweile vierte Album des aus Oberösterreich stammenden Liedermachers und seiner Band. MARTIN SPENGLER im Interview mit Michael Ternai über seine Entscheidung, das Album doch während des coronabedingten Lockdowns herauszubringen, seine Art Lieder zu schreiben und warum die Mundart sein Ausdrucksmittel geworden ist.

Das Album ist im März kurz vor dem Lockdown erschienen. Man kann wohl sagen, dass es günstigere Zeitpunkte für eine Veröffentlichung gibt. Ihr musstet ja auch euer Releasekonzert verschieben.

Martin Spengler: Da ich am liebsten live spiele, war meine Enttäuschung natürlich groß. Es ist alles sehr kurzfristig passiert. Eine Woche, bevor mit dem Lockdown alles zugesperrt worden ist, sind wir alle noch zusammengesessen und haben die letzten Details für das Releasekonzert im RadioKulturhaus besprochen. Geworden ist aus diesem bekanntermaßen nichts.
Ich habe mich aber dennoch dazu entschlossen, das Album am vorgesehenen Termin im März herauszubringen. Wie sich dann erfreulicherweise herausgestellt hat, war diese Entscheidung auch nicht ganz die falsche. Aufgrund der Situation gab es plötzlich keine Kultur mehr in den Medien und es wurden Flächen frei, die davor nicht da gewesen waren, um sie mit meinem Album zu füllen. Das war dann schon fast wieder ein Glück für mich. Auch weil sich so die ganze mediale Promo über die nächsten zwei Monate gezogen hat und sie nicht, wie sonst üblich, nach einer Woche wieder zu Ende war.
Von den Konzerten her ist natürlich viel von dem, was schon lange geplant war, ins Wasser gefallen. Einige Konzerte versuchen wir, jetzt im Herbst nachzuholen, wobei wir vielleicht wieder ein wenig zu optimistisch sind. Wir haben mit dem RadioKulturhaus im Frühjahr, als wir noch nicht wussten, wie lange der Lockdown dauern wird, ja auch schon einen Ersatztermin für nach Ostern anvisiert gehabt. Das war natürlich völlig illusorisch. Später hat sich das nochmals wiederholt. Wir waren in allem zu optimistisch. Ich hoffe, wir sind es jetzt nicht wieder. Die CD-Präsentation ist jetzt für den 17. Oktober im RadioKulturhaus geplant. Daneben stehen auch noch einige andere Konzerte wie etwa in München, Ravensburg und Melk auf dem Programm. Ich gehe jetzt einmal davon aus, dass die Veranstalter das super hinbekommen.
Rückblickend kann ich auch sagen, dass die Zeit für mich vielleicht auch eine ganz gute Bremse war. Ich habe die letzten acht, neun Jahre quasi durchgehend Gas gegeben und die letzten Monate bedeuteten dann doch eine gewisse Entschleunigung, eine, die mir letztlich die Freude und die Qualität des Anfangs zurückgebracht hat.

Das Album klingt für mich im Vergleich zu den vorangegangen irgendwie erwachsener. Kannst du dieser Einschätzung etwas abgewinnen?

Martin Spengler: Wenn man in zehn Jahren nicht ein bissl erwachsener wird, dann stimmt etwas nicht [lacht]. Aber das ist wunderschön beobachtet. Ich glaube, musikalisch hat sich mit Marko Zivadinovic mit Sicherheit etwas verändert. Ob das nun wirklich erwachsener ist, weiß ich nicht, aber dass sich die Band mittlerweile schon ziemlich ordentlich eingespielt hat, das glaube ich schon. Gerade Manuela und ich ergänzen uns mit unseren Stimmen wirklich wunderbar. Die Platte ist sehr auf Zweistimmigkeit aufgebaut, viel mehr als noch die Alben davor. Schon das Eröffnungsstück beginnt mit zwei Stimmen allein.

Martin Spengler & die foischn Wiener
Martin Spengler & die foischn Wiener

„Ich denke, dass dieses Album inhaltlich ist in gewisser Weise etwas mehr politisch beeinflusst ist als die bisherigen […]“

Du bist mittlerweile mit den foischn Wienern schon lange im Geschäft. Wird das Songwriting da von Platte zu Platte einfacher? Inwieweit kann man sich da schon eine Art Plan zurechtlegen? 

Martin Spengler: Ich denke, es kristallisiert sich mit der Zeit heraus, wie etwas wird. Einen klaren Plan hatten wir zu Beginn auch dieses Mal nicht wirklich. Wobei man schon sagen muss, dass ein Gesamtkonzept immer vorhanden ist. Das beinhaltet etwa die Reihenfolge der Stücke, die ja alles andere als egal ist.
Ich denke, dass dieses Album inhaltlich in gewisser Weise etwas mehr politisch beeinflusst ist als die bisherigen, weil die Stücke noch während der vorangegangenen schwarz-blauen Regierung entstanden sind. Und ich hatte schon vor, diese Platte etwas härter klingen zu lassen. Doch dann haben sich doch auch wieder Liebeslieder eingeschlichen. Letztlich ist das Album wieder viel schöner und heller geworden, als ich es vorher im Kopf hatte.

Musikalisch schöpft ihr auf dem Album einmal mehr aus dem Vollen. Es ist sehr vielfältig und abwechslungsreich geworden. Und vor allem auch die Texte wissen einmal mehr zu überzeugen. Wie gehst du das Songwriting an? 

Martin Spengler: Es ist meistens so, dass ich plötzlich eine Grundidee von Musik und Text in meinem Kopf habe. Die kann aus einem einfachen Satz, den ich lese oder höre, oder aus einer kleinen Melodie, die ich vor mich hersumme, entstehen. Ich setze mich auf jeden Fall nicht bewusst hin und sage mir: „Ich schreibe jetzt ein Lied.“ Das würde so nicht funktionieren. Ich könnte wahrscheinlich zwar so Tausende Lieder hinbekommen, die würden mir aber nicht viel geben. Das ist mir zu sehr Handwerk. Es bedarf bei mir dieser Initialzündung, dieser ein, zwei Sätze, aus denen ich eine Geschichte spinnen kann.
Mein Handy ist voll mit halben Liedern. Und wenn es mir wert erscheint, hole ich dann eines wieder hervor und mache es fertig. Das erste Lied auf der Platte, „Zwaa Dog“, ist zum Beispiel so ein Song, den es schon sehr lange gibt. Den hatten wir eigentlich schon für unser erstes Album aufgenommen, nur waren wir damals nicht wirklich zufrieden mit ihm. Diesmal hatte ich das Gefühl, dass die Nummer passen könnte und wir sie auch so hinbekommen, wie wir uns das vorstellen.
„Zaubera“ ist auch so ein Lied. Der Song basiert im Grunde genommen auf einer Idee, die schon jahrelang in meinem Kopf herumgeschwirrt war. Jetzt bei dem Album war der Moment eben gekommen, diese Idee wirklich zu einem Song zu machen.

Martin Spengler & die foischn Wiener
Martin Spengler & die foischn Wiener (c) Astrid Knie

„[…] in meinen Liedern eine Aussage zu treffen, ist für mich entscheidend.“

Du machst schon lange Musik. Und du hast vor den foischn Wienern auch schon in diversen anderen Bands gespielt, in denen aber meist auf Englisch gesungen wurde. Warum kam dann bei dir irgendwann der Wechsel hin zum Singen in Mundart? Was gibt es dir, im Dialekt bzw. in der Mundart zu singen? 

Martin Spengler: Ich glaube, ich könnte eigentlich gar nicht mehr anders singen. Die letzte Band, die ich vor den foischn Wienern gemacht habe, war Guy Montag, und die war noch englischsprachig. Überhaupt wurde in den meisten Bands davor, in denen ich dabei war, auf Englisch gesungen. Wenn ich mich richtig zurückerinnere, hatte ich zu Beginn meiner musikalischen Laufbahn einmal eine deutschsprachige Band, wobei ich dort auch nicht wirklich Mundart gesungen habe.
Es war ganz einfach so, dass mich das Englischsprachige irgendwann einmal gar nicht mehr angesprochen hat. Ich könnte heute auch gar kein englischsprachiges Lied mehr schreiben beziehungsweise ich könnte das wahrscheinlich schon, nur fiele es mir schwer, wirklich eine Aussage zu treffen. Und in meinen Liedern eine Aussage zu treffen, ist für mich entscheidend.
Und da bietet die Umgangssprache, der Dialekt oder die Mundart mit der wirklich großen Fülle an Vokabeln und Synonymen einfach alle Möglichkeiten. Ich bediene mich richtig schamlos aus diesem weiten Spektrum an Ausdrücken. Ganz wurscht, ob ich das im Wienerischen oder Oberösterreichischen tue. Ich singe einfach so, wie ich rede.  Dennoch bedarf es beim Schreiben von Dialekttexten einer unglaublichen Kunstfertigkeit und Genauigkeit, damit man nicht in Gefahr gerät, ins Seichte abzurutschen. Da bin ich sehr streng zu mir selbst.

Wie sieht eigentlich deine musikalische Sozialisation aus?

Martin Spengler: Ich bin mit sehr viel Musik aufgewachsen, weil mein Vater eine wirklich tolle Plattensammlung, die von Klassik über Jazz bis hin zu Sachen wie Santana gereicht hat, gehabt hat. Auch mein Onkel war sehr musikaffin. Der hat mich dem 1970er-Jahre-Rock nähergebracht. Wenn ich heute noch Bands wie Weather Report höre, bekomme ich gleich Kindheitsgefühle. Ich habe auch wahnsinnig viel Deep Purple gehört. Mit sechs Jahren habe ich dann auch noch begonnen, Geige zu spielen, und wenn man dann auch noch am Land aufwächst, kommt man unweigerlich auch mit Volksmusik in Berührung. Mit sechzehn habe ich dann – und da bin ich erst später draufgekommen – von meinen Eltern ein Doppel-Album von Roland Neuwirth geschenkt bekommen, das mir sehr gefallen hat und das ich wirklich viel gehört habe. Von dem ist sicher einiges hängen geblieben.
Dann habe ich Jazzgitarre studiert, bin aber draufgekommen, dass ich im Jazz eigentlich nichts zum Sagen habe. Aber in dem Alter, glaube ich, braucht man Musik, die kompliziert ist, um andere beeindrucken zu können. Aber das legt man irgendwann einmal ab.

„Es könnt oba a ois gaunz aundas sein” ist euer mittlerweile viertes Album. Glaubst du, dass es wie schon die anderen auch außerhalb Österreichs ankommen wird?

Martin Spengler: Das selber einzuschätzen ist immer etwas schwierig. Was mich irrsinnig freut, ist, dass es offensichtlich viele Leute gibt, denen meine Musik viel wert ist. Und die verteilen sich mittlerweile über Österreich hinaus. Das ist jetzt zwar kein Massenphänomen, aber es tut sich was. Und es ist schön, wenn die Leute auch in Deutschland in gar nicht geringer Zahl zu unseren Konzerten kommen.

Das Album ist jetzt schon einige Monate draußen. Welches Feedback hast du bisher erhalten?

Martin Spengler: Ich muss echt sagen, dass das Feedback eigentlich quer durch die Bank super ist und dass das Album bei den Leuten ganz offenbar sehr gut ankommt. Auch bei Journalistinnen und Journalisten. Da hat es schon einige sehr feine Artikel gegeben. Was mich besonders freut, ist, dass Marie-Theres Stickler – die bis vor zwei Jahren bei uns gespielt hat und das Album nun etwas von außen hört – meint, dass es ihr unglaublich gut gefällt. So ein persönliches Feedback ist mir sehr viel wert.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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Martin Spengler & die foischn Wiener live
17.10.2020 ORF Radiokulturhaus, Wien
31.10.2020 Zehntscheuer, Ravensburg
21.11.2020 Tischlerei Melk, Melk
02.12.2020 Kulturwelle, Haus des Meeres, Wien
19.12.2020 Heuriger Hengl Haselbrunner, Wien
26.02.2021, Die Wirtschaft Dornbirn
27.02.2021 Johann Pölzl Halle, Amstetten

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