„Wir hatten am Anfang schon Bedenken, ob sich dieses Projekt auch online umsetzen lässt“ – LISA HOFMANINGER und JUDITH SCHWARZ im mica-Interview

Ein Projekt, welches den kulturellen Dialog über die Musik sucht und Musikerinnen und Musiker verschiedener Länder zusammenbringt. Die Bassklarinettistin und Saxofonistin LISA HOFMANINGER und die Schlagzeugerin JUDITH SCHWARZ begeben sich in ihrem Duo mit SOUND COLLECTOR auf eine aufregende Reise, die sie – aktuell leider nur online – rund um den gesamten Globus führt – nach Rumänien, in die Türkei und den Iran, nach Spanien, Südafrika, Brasilien und in andere Länder. Ziel ist es, die musikalischen Identitäten und Traditionen aufeinanderprallen zu lassen und aus ihnen etwas Neues entstehen zu lassen. Im Interview mit Michael Ternai erzählten die beiden, wie es zu dem Projekt gekommen ist, welche die zu meisternden Herausforderungen sind und welche Themen sie in die Stücke einfließen lassen.

Was ist die Intention des Projekts Sound Collector? Aus welcher Idee heraus hat sich dieses Projekt entwickelt?

Judith Schwarz: Es war so, dass wir vor ein paar Jahren mit First Gig Never Happened schon einmal im NASOM-Programm dabei waren und wir über dieses wirklich viel herumgekommen sind. Wir haben über zwei Jahre hinweg wahnsinnig viel gespielt, viele Länder besucht und auch super Sachen erlebt. Was aber gefehlt hat, war die Zeit, diese Erlebnisse auch wirklich reflektieren und aufarbeiten zu können. Welche Leute haben wir überhaupt getroffen, welche Inputs haben wir sammeln und mitnehmen können?
Als wir mit unserem Duo dann wieder in dieses Programm reingekommen sind, haben wir uns gedacht, dass wir es dieses Mal etwas anders nutzen wollen. In unserem ersten Duo-Programm war es noch so, dass wir die Inputs voneinander geholt haben, von den unterschiedlichen Instrumenten, die wir spielen, und unseren Zugängen. Wir dachten uns, dass es cool wäre, unsere Duosprache auch einmal mit jener von Künstlerinnen und Künstlern anderer Länder und Kulturen zu fusionieren. Und das eingebettet in einem längeren Prozess. Betitelt haben wir dieses Projekt Sound Collector.
Die ursprüngliche Idee war zunächst, dass wir residencies machen, sprich, uns mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammentun und in deren Ländern gemeinsam Sachen ausarbeiten. Das haben wir auch mit den NASOM-Organisatorinnen und -Organisatoren besprochen, die von der Idee auch sehr angetan waren. Und eigentlich waren wir auch schon startklar, nur dann kam eben Corona, was die Umsetzung des Projekts unmöglich machte. Aber wir haben weiter an der Idee festgehalten und uns ein Konzept erarbeitet, dass es möglich machen soll, diese Kooperationen von Österreich aus weiterzuführen.
Die Frage, die sich für uns stellte, war, wie wir eine Kommunikation gewährleisten können, die ein gemeinsames Komponieren und das Aufnehmen über die Distanz ermöglicht. Nach den drei Kooperationen, die wir bis jetzt gemacht haben, kann man sagen, dass wir es so hinbekommen haben, dass es funktioniert.

Lisa Hofmaninger: Wir hatten am Anfang schon Bedenken, ob sich dieses Projekt auch online umsetzen lässt, da wir davor noch nie in dieser Richtung gearbeitet haben. Aber die zwei Kollaborationen, die wir bis jetzt fertiggestellt haben, haben uns gezeigt, dass es möglich ist. Auch wenn es jetzt natürlich nicht ganz dasselbe ist wie die residencies, die wir geplant hatten. Aber die hoffen wir irgendwann einmal später nachholen zu können. Ich denke, dass wir jetzt einen guten Grundstein gelegt haben. Für die kurze Zeit, die wir mit den Musikerinnen und Musikern zusammengearbeitet haben, kennen wir sie schon extrem gut. Und sie haben auch jene neuen Dinge mit sich gebracht, die wir musikalisch gesucht haben.

Wie kann man sich das Projekt praktisch vorstellen? Wie findet man über die Distanz eine gemeinsame Arbeitsweise und Linie? 

Judith Schwarz: Hilfreich ist – zumindest unseren bisherigen Erfahrungen nach –, dass man zu Beginn immer ein Überthema nimmt, über welches man sich mit den Kooperationspartnerinnen und -partnern verständigt und das als Inspirationsquelle dient. Die Themen bilden sich aus den Geschichten, der Lage des Landes und den Erfahrungen der Künstlerinnen und Künstler heraus, die dann mit unserer Perspektive zu diesem Thema in Verbindung gebracht werden. Das ist unser aller gemeinsamer Nenner, von dem aus wir musikalisch zu arbeiten beginnen.
Anschließend beginnen wir zu komponieren, wir nehmen auf und schicken uns die Sachen dann hin und her. In gewisser Weise formt man sich dabei gegenseitig und geht auf die Art ein, wie das Gegenüber Musik macht und wie es überhaupt Musik machen will. Da gibt es nämlich Unterschiede. Die einen fühlen sich wohler, wenn die Musik rein über den akustischen Weg entsteht, die anderen, wenn sie Notenmaterial zur Verfügung haben. Dann wiederum gibt es Kompositionskonzepte, die genau für dieses eine Ensemble passen usw.
Und letztlich braucht es auch immer ganz viel Vorstellungskraft, in welche Richtung das jeweils gehen soll.

Bild Soundcollector
SoundCollector (c) Michele Yves Pauty

Was unterscheidet dieses Projekt in der Arbeit von jener im Duo eigentlich am meisten? 

Lisa Hofmaninger: Judith und ich arbeiten schon lange zusammen. Wir haben schon viel gemeinsam geprobt, uns regelmäßig ausgetauscht und auch einiges gemeinsam komponiert. Man merkt einfach, dass wir uns schon sehr lange kennen. Das Neue für uns an diesem Projekt ist, dass wir die Dinge zum ersten Mal auch niederschreiben. Wir haben in anderen Bands schon einmal Sachen gemeinsam ausgearbeitet, aber da gab es eine Ausgangsbasis, die mal die eine und mal die andere vorgelegt hat. Und hier war es so, dass die Idee der einen gleich auf die Idee der anderen trifft und sich so die ganze Geschichte entwickelt. Das ist für uns schon etwas sehr Spezielles.

Ihr beide sind aber nicht ganz allein? Ihr habt euch für das Projekt ja auch Unterstützung geholt.

Judith Schwarz: Genau, wir haben mit unserem Sounddesigner Arthur Fussy, Alex Fitzthum – unserem Kollegen bei First Gig Never Happened – und dem Visual Artist Johannes Kerschbaummayer drei Leute mit im Boot, die uns in diesem Projekt super unterstützen. Bei den ersten Kooperationen hat Arthur mich aufgenommen, Alex wiederum Lisa. Darüber hinaus hat Arthur dann noch dazu alle Einzelspuren, auch die von den Kooperationspartnerinnen und -partnern, zu einem gesamten Ganzen gemacht. Johannes Kerschbaummayer hat abschließend abstrakte Musikvideos kreiert, inspiriert von der entstandenen Komposition und unseren weiterführenden thematischen Gedanken.
Dieser Arbeitsablauf machte dann auch noch andere Dinge möglich. Wir haben das endgültige Arrangement des Stücks zusammen bei ihm im Studio gemacht. Und dabei ist unsere Fantasie dann auch noch weitergegangen und wir haben noch mehr Welten erschaffen, als hätten wir die Dinge nur zu zweit aufgenommen.

Wie viele Stücke sind bislang eigentlich entstanden? Und wie viele sollen noch entstehen? 

Lisa Hofmaninger: Bislang sind einmal drei Stücke entstanden. Das erste ist „Improduction“, mit dem Judith und ich quasi in das Projekt Sound Collector einführen und auch das Team vorstellen. Das haben wir im April veröffentlicht. Das zweite Stück „Nothing Can rule…“, das jetzt rausgehen wird, ist jenes mit der rumänischen Sängerin und Musikerin Ana-Cristina Leonte. Wir haben Ana im letzten September in Bukarest kennengelernt und eigentlich in wenigen Stunden das Grundgerüst des Stücks komponiert und improvisiert und am Abend sogar auch schon aufgeführt. Dann, als wir schon zu Hause waren, haben wir es noch mehr vertieft und weiter ausgefeilt. Das dritte Stück, das wir auch schon fertig aufgenommen haben, ist das mit dem türkischen Duduk-Spieler Canberk Ulaş, das im Juni veröffentlicht wird. Als Nächstes auf dem Programm steht das Stück mit dem Fokus auf den Iran, das wir mit dem Diane Ensemble, einem Frauenchor unter der Leitung von Siavash Lotfi, machen. Das wird den Titel „Feminity“ tragen.

Kann man sagen, dass die Leute, mit denen ihr zusammenarbeitet, grundsätzlich auch Leute sind, mit denen ihr euch schon in der Vergangenheit getroffen habt? Oder sind auch Musikerinnen und Musiker dabei, denen ihr davor noch nicht begegnet seid? 

Judith Schwarz: Es war beides. Die Ana Leonte zum Beispiel wurde uns von dem Österreichischen Kulturforum Bukarest vorgeschlagen. Da waren wir selbst sehr gespannt, wer kommen würde. Auch Canberk Ulaş kannten wir, bevor wir ihn kontaktiert haben, nicht. Den hat uns ein Freund empfohlen. Anders war es beim Frauenchor. Dessen Leiter, Siavash Lotfi, habe ich davor, als ich einmal im Österreichischen Kulturforum Teheran gespielt habe, schon persönlich kennengelernt. Mir ist der Chor einfach in Erinnerung geblieben, weil ich mitbekommen habe, wie sehr die Leute des Chors dafür kämpfen müssen, dass sie auftreten dürfen. Ich dachte mir, es wäre für sie vielleicht eine super Gelegenheit, wenn sie an unserem Projekt mitwirken würden.
Die weiteren Kooperationspartnerinnen und -partner haben wir eigentlich im Rahmen von Jazzfestivals, bei denen wir selber gespielt haben, kennengelernt. Mit denen haben wir zwar noch nie gemeinsam musiziert, aber wir dachten uns, das Projekt würde eine gute Chance darstellen, das endlich vielleicht einmal zu tun.

Bild SoundCollector
SoundCollector (c) Michele Yves Pauty

Ist das Hauptziel des Projekts Sound Collector, den kulturellen Dialog über die Musik zu führen? Quasi die unterschiedlichen musikalischen Welten zu verbinden? 

Lisa Hofmaninger: Das ist schon auch ein Ziel, aber unsere Idee geht schon auch über den reinen musikalischen Austausch hinaus. Es geht uns schon auch darum, uns etwas tiefgründiger mit den Themen zu beschäftigen und die Auseinandersetzung mit sozialpolitischen Themen zu suchen.

Judith Schwarz: Natürlich kommt es auch zu einem Austausch musikalischer Traditionen. Aber ich finde, dass die Musikerinnen und Musiker aus den Kooperationsländern, so sehr sie auch in ihren musikalischen Traditionen aufgewachsen sind, ebenso wenig wie wir, die in der österreichischen Musiktradition aufgewachsen sind, auf diese reduziert werden können. Es ist sogar erstaunlich, wie wenig diese Traditionen in der Musik dieser Künstlerinnen und Künstler durchklingen. Die Musikerinnen und Musiker, mit denen wir zusammenarbeiten, sind keine traditionellen Volksmusikerinnen und -musiker, sondern spielen genauso modernen Jazz wie wir.
Bei der Themenfindung ist mir wichtig, dass wir eines finden, welches wir auch nachvollziehen und fassen können. Wie etwa Rassismus. Der ist in seinen verschiedenen Formen in den Ländern ebenso ein Thema wie bei uns. Bei solchen Themen kommt man, glaube ich, gut zusammen.

Lisa Hofmaninger: Man entdeckt ganz viele Sachen, die einen auch selbst betreffen. Das ist das Spannende. Weil man sehr viel reflektieren und nachdenken muss, um – von beiden Seiten – eine Verbindung zu dem Thema herzustellen.
Es ist manchmal auch nicht leicht, ein Thema zu finden, auch wenn es manchmal leicht scheint. Es ist uns schon auch wichtig, ein Thema zu nehmen, dass jetzt nicht das offensichtlichste des jeweiligen Landes ist, sondern vielleicht ein eher verstecktes. Und da gehören eben auch viel Recherchearbeit und eine gute Kommunikation miteinander dazu. Das Wichtigste ist schon auch, dass man über das Thema viel miteinander redet und dann schaut, was intuitiv aus jeder Einzelnen und jedem Einzelnen herauskommt.

Wie kann man das an einem Beispiel festmachen? Wie war es mit Ana-Cristina Leonte?  

Judit Schwarz: Es hat damit begonnen, dass wir einmal ein paar Tage dort waren und auch danach einen regen Kontakt mit den Leuten des Österreichischen Kulturforums hatten, die uns viel über das Land erzählt haben und auch darüber, wie dort der Konflikt zwischen Staat und Volk ausgetragen wird. Und dass es nach der Wende eine Zeit gegeben habe, in der eine Aufbruchstimmung geherrscht habe und Veränderung in der Luft gelegen sei, was sich nun aber in eine Art Resignation und Passivität gewandelt habe. Zumindest kann man als Außenstehender diesen Eindruck bekommen. Dann haben wir aber Ana kennengelernt, die eine sehr starke und selbstbewusste Musikerin ist und zuerst auch gar nicht so viel über die rumänischen Traditionen und politischen Verhältnisse reden wollte. Mit der Zeit aber sind die Gespräche mehr und mehr privat geworden und wir haben uns auch mehr über persönliche Dinge ausgetauscht, wie es bei ihr war, während des ersten Corona-Lockdowns in Rumänien in einer Beziehung allein zu Hause sein zu müssen, wie man Grenzen setzen muss, wie es ist, von oben bestimmt zu sein und auf einmal zu folgen hat. Daher auch der Titel des Stücks „Nothing Can rule…“. Letztlich geht es in diesem Stück um Selbstbestimmung, um deren gute und weniger gute Seiten.

Lisa Hofmaninger: Über das, was ihre Musik eigentlich aussagen sollte, wollte sie eigentlich gar nicht so viele Worte verlieren. Sie hat immer gesagt, die Kunst stehe für sich. Und dann haben wir einfach versucht, mit ihr über Privates zu sprechen, um so zu schauen, wie wir zusammenkommen können. Und da haben wir dann ganz schnell den gleichen Nenner gefunden.

Habt ihr auch vor, das Projekt Sound Collector – sollte es möglich sein – im Rahmen eines Konzerts mit allen Beteiligten zu präsentieren? 

Judith Schwarz: Das, was das Projekt Sound Collector bislang wirklich mit sich gebracht hat, ist, dass wir die Künstlerinnen und Künstler wirklich gut kennengelernt haben und wir mit ihnen immer noch im Kontakt sind und uns austauschen. Da ist jetzt wirklich eine Basis entstanden. Und wir haben auch Lust bekommen, eine Art Sound-Collector-Festival in Wien zu machen. Das wäre natürlich der Hammer, wenn wir alle Stücke mit allen Beteiligten aufführen könnten. Und wer weiß, vielleicht passiert das auch. Realistischer ist, dass wir über einen längeren Zeitraum in die unterschiedlichen Länder reisen und mit den Kooperationspartnerinnen und -partnern ein gemeinsames Set-up proben und dieses dort aufführen. Oder umgekehrt, dass sie auch einmal nach Österreich kommen und wir das von hier aus weiterverfolgen.
Was auf jeden Fall passieren wird, ist, dass wir das Projekt auf dem Ö1-Label als Album herausbringen werden. Daneben versuchen wir auch, die ganzen Kompositionen für uns zu nutzen und haben neben dem Projekt Sound Collector unter dem Titel „Sound Collector unpolished“ ein Duo-Programm erarbeitet, in dem wir diese Kompositionen mit den Inputs unserer Partnerinnen und Partner zu zweit auf die Bühne bringen werden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

 

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Link:
Duo hofmaninger/schwarz
Duo hofmaninger/schwarz (mica-Datenbank)