Mitzi Loibichler

„[…] vielleicht sollten wir wieder offener hören“ – MITZI LOIBICHLER im Interview

Die Hemmschwelle, auf Deutsch zu singen, ist oft ziemlich hoch – zu groß scheint die Gefahr, dass sich die Musik unbeabsichtigt dem Schlager annähert. So dachte auch Mitzi Loibichler, kurz: MITZI. Bis ihr sogar von Londoner Produzenten geraten wurde, in ihrer Muttersprache – also auf Österreichisch – zu singen. Im Dialekt fand sie nun zu ihrer eigenen Sprache. Und einem Label für ihre Single.

Frau Loibichler, haben Sie mit Mitzi eine eigene Bühnenfigur für sich erschaffen?

Mitzi Loibichler: Nein, das ist anders. Ich heiße Maria Loibichler, trete schon lange unter diesem Namen auf, aber eigentlich fühle ich mich immer mehr und mehr wie eine Mitzi. Von Kindesbeinen an nennen mich auch tatsächlich alle Leute in meinem Umfeld Mitzi. Ich bin oft mehr Mitzi als Maria und deswegen habe ich angefangen, Mitzi in meine Kunst hineinzunehmen. Mitzi hat etwas Keckes, aber auch etwas von einer alten, weisen Frau – so fühle ich mich oft als Künstlerin auch. Ich finde dieses Freche, das der Name hat, ausgesprochen gut.

Wie sind Sie zum Gesang gekommen?

Mitzi Loibichler: Ich bin keine typische Popsängerin, die immer schon wusste, dass sie Sängerin werden will – und das ist sehr wichtig für mich. Mir war lange auch gar nicht bewusst, dass ich überhaupt eine markante oder „gute“ Stimme habe. Ich habe immer gesungen und nicht groß darüber nachgedacht. Als Kind habe ich oft mit meinem Papa seinen alten Mercedes geputzt und dabei haben wir zusammen ABBA gehört. Das habe ich geliebt, ich mochte die Musik sehr, habe dabei sehr laut mitgesungen. Erst später wurde mir klar, dass ich meine Gefühle am besten beim Singen ausdrücken kann. Meine Faszination für Gesangstechnik ist aber auch schon ganz früh entstanden. Ich dachte als Kind, dass im Hals Klaviertasten sind, die man drücken muss, und dann kommt der Ton raus. Dem ist nicht so, wie ich jetzt weiß [lacht].

In meinem Studium habe ich sehr viel über die Anatomie und Technik der Stimme gelernt. Aber auch, wie sich die Psyche, verschiedene Ereignisse und Erfahrungen aus dem Leben auf die Stimme auswirken können. Manchmal denke ich: „Andere glauben an was Göttliches, ich glaube an die Stimme.“  

Welche Musikrichtungen oder Bands hören Sie denn heute außer ABBA?

Mitzi Loibichler: Ich liebe ABBA heute noch immer! Ich habe in meiner Jugend meist Musik abseits des Mainstreams gehört, Owen Pallett und so. Jetzt versuche ich, vieles vom Jazz bis zur zeitgenössischen Musik zu hören. Ich höre gerne Newcomerinnen und Newcomer, bevor die Masse auf sie aufmerksam wird und sie leider oft von einem Label in eine Form gepresst werden. Das Ungefilterte in der Musik geht dann schnell verloren, und das finde ich dann immer schade.

Wie kommt man aus Oberösterreich nach Osnabrück?

Mitzi Loibichler: Ich hatte zuerst klassischen Gesangsunterricht, aber meine damalige Lehrerin meinte, ich sollte lieber zum Jazz oder Pop wechseln, was ich selbst auch wollte. Dann hatte ich kurz Jazz-Gesangsunterricht und dann kam ich zum Pop. Irgendwie steckt das mit ABBA schon immer in mir drin. Eigentlich wollte in Österreich studieren, das war mir damals aber zu sehr mit Jazz verflochten. Und dann habe ich Sascha Wienhausen aus Osnabrück bei einem Workshop kennengelernt, der gemeint hat: „Komm, fang bei mir in Osnabrück zu studieren an.“ Ich bin dann ganz naiv und blauäugig dort hingezogen. Ich wusste nicht, was das für eine Dimension ist und was ich da eigentlich mache. Aber es wurde ernst – und das war gut so.

Ich bin Sängerin, es ist ein Luxus, mein tägliches Leben frei gestalten zu können und Songs schreiben zu dürfen. Der Luxus, dass jemand meine Lieder überhaupt hören will, ist für mich unglaublich.

„Ich finde es wahnsinnig schön, dass wieder ein Schwerpunkt auf österreichische Musik gelegt wird.“

Sie leben momentan wieder in Österreich – gibt es für Sie einen Unterschied zwischen der Musikszene in Deutschland und derjenigen in Österreich?

Mitzi Loibichler: Ich finde es wahnsinnig schön, dass wieder ein Schwerpunkt auf österreichische Musik gelegt wird. Das war noch vor wenigen Jahren, als ich in Deutschland war, überhaupt nicht der Fall. In Deutschland habe ich immer mitbekommen, wie sie ihre eigenen Künstlerinnen und Künstler pushen, und das fand ich toll. Es gab in Österreich dann diesen Wendepunkt mit dem Ö3-Skandal vor zwei bis drei Jahren – oder zumindest war es für mich der Wendepunkt, denn dann auf einmal hörte man die vielen tollen Künstlerinnen und Künstler aus Österreich auch im Radio und sie wurden präsenter.

Wie wichtig sind Connections in diesem Business?

Mitzi Loibichler: Ganz ehrlich? Das ist etwas hart gesagt, aber ich glaube, Connections sind fast das Wichtigste. In Deutschland zum Beispiel ist das Feld etwas breiter. Man hat mehr Möglichkeiten, sich zu vernetzen. In Österreich gibt es nur Wien – oder es kommt einem oft so vor. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es hier ein paar Labels und bestimmte Persönlichkeiten, die man kennen sollte. Man muss in dieser oder jener Location spielen und dann wird man gehört. In Deutschland hat man mit Berlin, Hamburg, Mannheim, Köln, München viele Spots. Wir Ösis wollen es oft nicht hören, aber vielleicht sollten wir wieder offener hören.

Was sind Ihre Wünsche an die österreichische Musiklandschaft?

Mitzi Loibichler: Wie bereits erwähnt, finde ich die Aufwertung der österreichischen Musik in den letzten Jahren sehr schön, da ging schon ein großer Wunsch in Erfüllung [lacht]. Meiner Meinung nach gehören aber die Frauen stark nach oben geschoben! Viele können die Förderung von Frauen schon nicht mehr hören, aber es gehört einfach noch viel mehr gemacht. Es fehlen die weiblichen Pendants zu der „Herrenszene“. Ich glaube, dass wir große österreichische Künstlerinnen brauchen, die in ihren Songs zum Beispiel sagen: „Ich finde das nicht okay, wenn mein Mann nachts um vier besoffen nach Hause kommt!“ So ein Song sollte dann mal Song des Jahres werden. Clara Luzia, Lylith, Mavie Phoenix usw. – das sind alles so unglaublich tolle Künstlerinnen. Da gibt’s doch bestimmt noch mehr Unentdeckte, und das muss gefördert werden.

Haben Sie in Ihrer bisherigen Karriere jemals einen Nachteil als Frau erlebt?

Mitzi Loibichler: Leider habe ich mich schon öfter dabei erwischt dazu denken: „Ach, wäre ich doch bloß ein Mann geworden!“ In den letzten Jahren hatte ich sehr viele kleinere Konzerte und ich finde es manchmal schwierig, mit Veranstaltern oder auch mit Tontechnikern zu kommunizieren. Dieses „Ach, eine Sängerin, ja sing doch mal“ oder „Es sind nur 100 Euro im Hut gewesen“ – und dann merkt man, dass man abgezockt wurde … Ich weiß aber nicht, ob das an schlecht gelaunten Leuten liegt, die keinen Bock auf kleinere Konzerte haben, oder daran, dass ich eine Frau bin. Aber falls Letzteres der Fall sein sollte: Ja, ich bin eine Frau, ich schreibe meine eigene Musik, ich habe eine Band und lebe von meiner Musik. Sei fair zu mir!

„Ich singe anders, wenn ich Österreichisch singe […]“

Haben Sie nach Ihrem Studium fleißig Demo-Bänder verschickt?

Mitzi Loibichler: Ich weiß nicht mehr, wie viele Demos ich tatsächlich verschickt habe, aber ich habe bisher viel Promo gemacht, war auf Tour, habe mich mit Social Media auseinandergesetzt und im Studium einfach viel gemacht. Heute glaube ich nicht mehr an Demos – scheiß auf Demos. Die Veranstalterinnen und Veranstalter sowie die Labels bekommen am Tag mindestens fünfzig Demos geschickt. Wenn jemandem etwas gefällt, dann kommt sie ober er eh auf dich zu. So war es mit meinem jetzigen Label für die Single auch. Und Connections sind einfach wichtig, die muss man sich Schritt für Schritt aufbauen. Es gibt einen A&R-Manager von einem Major Label, mit dem ich immer wieder in Kontakt bin, und jetzt, wo ich in Richtung Mundart gehe, bekomme ich auch neue Interessenbekundungen. Ich war eine Zeit lang in London, wo einige Produzenten sagten, dass ich mit meiner Musik Erfolg hätte, wenn ich sie auf Österreichisch singen würde. Ich habe mich lange nicht mit dem Gedanken anfreunden können, im Dialekt zu singen, es kann schnell etwas von Schlager und Heimat haben. Aber nachdem ich lange probiert hatte, fand ich heraus, was möglich ist, und entdeckte meinen ganz eigenen Sound, versuchte, den Dialekt zu nutzen, experimentierte. Das ist sehr schön und spannend. Ich singe anders, wenn ich Österreichisch singe, ich transportiere etwas anderes. Es war ein Knackpunkt, dass ich nicht auf Englisch, auch nicht auf Hochdeutsch, sondern eben auf Österreichisch und damit in meiner Muttersprache singe.

Wie schreiben Sie Ihre Songs?

Mitzi Loibichler: Ich lasse mich auf ganz unterschiedliche Arten inspirieren. Ich schnappe Phrasen im Zug auf, lese Gedichte, führe Gespräche und daraus entstehen dann Lieder. Ich habe in meinem Studium immer wieder Regeln gehört, wie ein „perfekter“ Song strukturiert ist, wie lang er zu sein hat und so weiter. Aber der perfekte Song ist in mir. Kitschig, aber wahr. Das Leben und was du im Leben erfährst: Das macht Musik und schreibt Songs.

Wie stehen Sie zu Social Media?

Mitzi Loibichler: Ich als Maria Loibichler privat mag sie nicht besonders gerne, aber als Mitzi brauche ich sie und nutze sie auch gern, um ein größeres Publikum zu erreichen. In der letzten Zeit habe ich gemerkt, dass ich das allein nicht mehr packe: Das Booking, Social-Media-Kanäle, Updates etc., das braucht so viel Zeit! Ich habe mir deswegen eine PR- und Social-Media-Beraterin zugelegt, mit der ich gerade ein Konzept für Mitzi erarbeite. Die Unterstützung von außen ist gerade sehr wertvoll.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Mitzi Loibichler: Ich möchte mich gerne mit meiner Band einspielen, Songs schreiben, mich in der Szene vernetzen und ganz einfach ein Teil der österreichischen Musiklandschaft werden, was sicher noch dauert. Ich will ein Album aufnehmen, ich muss mich positionieren, um Förderungen ansuchen und dergleichen. Und ja: Wenn dann alles passt, dann wünsche ich mir, dass ich mit meinen Songs die Leute da draußen erreiche, die Sachen sage, die mir und ihnen auf der Seele brennen. Vielleicht tut es dem einen oder anderen gut, meine Musik zu hören und sich darin fallen lassen zu können – das würde ich mir wünschen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Link:
Mitzi Loibichler