Thomas Wally (c) Maria Frodl

THOMAS WALLY UND SEINE CD „JUSQU‘ À L’AURORE“

Manchen mag er nach wie vor hauptsächlich als Geiger bekannt sein, seine schöpferische Arbeit nimmt aber bei Thomas Wally einen mindestens ebenso hohen Stellenwert ein. Als überzeugenden Einblick in seine Werkstatt legte er beim Label col legno soeben einen breiten Querschnitt des letzten Jahrzehnts vor, für den das MONDRIAN ENSEMBLE Ensemblestücke interpretiert.

Auf der steten Suche nach dem Klang

Spontan erschließt sich Thomas Wallys Musik nur für wenige. Er gehört zu jenen, die es weder ihrem Publikum noch ihren Ausführenden noch sich selbst leicht machen. Jeder Ton ist da nach einem komplex ausgetüftelten System gesetzt. Nichts scheint dem Zufall überlassen (allfällig aleatorische Passagen einmal ausgenommen). Formale Strukturen folgen alten Mustern, die intellektuell vielfältig aufgebrochen und neu geknüpft werden. Mit der soeben bei col legno veröffentlichten CD „Jusqu‘ à l’aurore“ erhalten Musikfreundinnen und Musikfreunde Einblick in das vergangene Arbeitsjahrzehnt des Enddreißigers.

Zwei Seiten einer künstlerischen Einheit

1981 in Wien geboren, mag Thomas Wally vielen zunächst vor allem als reproduzierender Musiker ein Begriff geworden sein. Aus einer ausgeprägt der Musik zuneigenden Familie stammend, entschied er sich für ein Geigenstudium. Nach zehnjährigem Privatunterricht, zwei Jahren Konservatorium und schließlich einem Studium bei Josef Hell an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien deutete zunächst bereits alles in Richtung einer professionellen Instrumentalistenlaufbahn, doch brachte eine  Burn-out-artige, vorübergehende Krise eine wesentliche Zäsur. Während eines Erholungsaufenthalts in Südafrika fiel der Entschluss, auch schöpferisch arbeiten und folglich Musiktheorie lernen zu wollen. Im Tonsatzunterricht stellte ihm sein Lehrer Dietmar Schermann ab dem zweiten Jahr immer öfter die Frage nach eigenen Kompositionen. So folgte schließlich ein Kompositionsstudium bei Erich Urbanner, ein Erasmusjahr an der Sibelius-Akademie in Helsinki bei Paavo Heininen und der Abschluss mit Auszeichnung wieder in Wien bei Chaya Czernowin. Wally kann zuordnen, was ihm seine Lehrer neben dem Handwerklichen mit auf den Weg gaben: Schermann die mitreißende Begeisterung für Musik, Urbanner den ungezwungenen Zugang zum Komponieren und die Lust am Schreiben, Heininen die systematische Reflexion des eigenen Tuns und Czernowin ein ständiges sich Hinterfragen und eine atypische Art von philosophischem Zugang.

Bereits kurz nach Beendigung seiner Studien definierte Thomas Wally seine Rolle als junger Komponist keineswegs als eine missionarische Aufgabe gegenüber der Gesellschaft, sondern vielmehr als etwas, das aus dem eigenen Wollen heraus zu geschehen hat, etwas, das ihm Spaß macht, ihn fasziniert und ihn weiterbringt. Das Herangehen an ein neues Stück sei für ihn dabei jedes Mal Neuland, dessen Herausforderungen er sich stellen wolle. Schon damals meinte er mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, dass ein gutes Stück ohnedies keine andere Herausforderung benötige als seine Qualität.

Interpret der anderen und seiner selbst

Thomas Wally (c) Maria Frodl

Hier kommt nun wiederum die Doppelrolle als Komponist und als Interpret ins Spiel, wodurch ein Rückbezug zwischen dem Instrumentalen und dem Schöpferischen besteht. Seit jeher war es Wally ein Anliegen, sich intensiv für zeitgenössische Musik einzusetzen. Eine enorme Zahl an Stücken ging durch seine Hände, vieles hielt dem kritischen Qualitätsblick stand und wurde von ihm oft sogar aus der Taufe gehoben. Neben seiner Tätigkeit als Substitut der Wiener Philharmoniker und des Wiener Staatsopernorchesters spielte er in nahezu allen führenden Wiener Moderne-Ensembles – so dem Klangforum Wien, Ensemble Kontrapunkte, Ensemble Wiener Collage, Ensemble Reconsil, PHACE, oenm und vor allem auch dem von ihm mitbegründeten ensemble LUX , mit dem er eine Vielzahl an Auftritten (oft auch mit eigenen Werken) im In- und Ausland bestritt und weiterhin sehr aktiv ist. Durch das häufige Spielen neuer Musik gelangte er für sich zu der Maxime, selbst als Komponist stets „so schwer wie nötig, aber so leicht wie möglich“ (Wally) zu schreiben. Als Komponist reflektiert er jede Note demnach auch aus der Sicht eines Ausführenden.

Ein Jahrzehnt der Etablierung

Ein breiterer Überblick über Wallys Leben und frühe Komposition war im mica-Porträt https://www.musicaustria.at/portraet-thomas-wally/ vor zehn Jahren zu lesen. Seither kam im beruflichen Bereich vor allem die 2012 begonnene Tätigkeit als Lehrbeauftragter für das Fach Historische Satztechniken am „Institut 1“ der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien hinzu. Seit März 2019 unterrichtet er die Fächer Satzlehre, Gehörtraining und Analyse für Konzertfach-Studierende. Seit Oktober 2019 ist er als Senior Lecturer am Institut 5 (Fritz-Kreisler-Institut für Konzertfach Streichinstrumente, Gitarre und Harfe) der Wiener Musikuniversität angestellt. Dass auch seine Werke reüssieren konnten, zeigen die zahlreichen nationalen und internationalen Preise, mit denen er zwischenzeitlich ausgezeichnet wurde, so der zweite Preis beim Toru Takemitsu Composition Award 2015 und der Preis der Stadt Wien 2016.

Ein Jahrzehnt des Schaffens auf CD

So akribisch wie seine Musik selbst hat Wally auch seine erste Porträt-CD vorbereitet, die Werke aus der Zeitspanne eines Jahrzehnts umfasst. Kongenial-subtiler Mitstreiter für die Realisierung ist das multinationale, in der Schweiz beheimatete Mondrian Ensemble, mit dem der Komponist im Sommer 2019 (in einigen Tracks auch als Ausführender) die intensive Aufnahmearbeit geleistet hat.

Das Suchen, die Erzeugung und somit das Finden eines Tones oder Klanges steht im Vordergrund, ist scheinbar der Sinn von Wallys „Caprice“ (2009), die sein Instrument, die Violine fokussiert. Sie eröffnet die Abfolge der neun zwischen 2008 und 2019 entstandenen Stücke. Selten gibt es in den Kompositionen Inseln, an denen man sich festhalten kann, wie etwa in „transfiguration II“ (2008) das ruhige, zugleich unerbittliche Klavierostinato – darüber verästeln sich die Streicher in konfrontativen Linien. Im von Ivana Prištasová mit herausragender Präzision gespielten Solostück „Soliloquy II: You made your excuses and left“ (2017) zeigt der Geiger-Komponist Wally Virtuosität in poetisch anmutender Expressivität; seelenvolle Abschiedsmusik. Schönheit? – Sie lässt sich im Augenblick finden, für das jeweils Stückganze wird man sie wohl nur philosophisch definieren können. Und dann wird es doch noch einmal geradezu romantisch: In „Postscriptum (2 x 11 x 12): The Melancholy of Perfection(ism)“ (2016) führt die perfekte Zahlenkonstruktion zu einem expressiven Ergebnis, das die Tradition der Wiener Schule nicht verleugnet und gleichzeitig Mut zu einem persönlichen Statement in sich trägt. Eine oberflächlich-wohlige Musikberieselung ist allemal nicht Wallys Sache. Er fordert heraus. Er will, dass man sich auf ihn einlässt. Das Resultat dieses Einlassens wird bei jeder und jedem anders ausfallen. Es könnte sich lohnen. Sehr hilfreich nimmt sich dabei die fantastische Klangqualität aus, die eine eigene Auszeichnung für die Tontechnik verdienen würde.

Mondrian Ensemble (c) Arturo Fuentes

Porträtkonzert bei Wien Modern 2020

Mit dem eine Generation älteren, ebenfalls dem Ensemble Mondrian eng verbundenen Schweizer Kollegen Dieter Ammann hat Wally einen kundigen Kollegen für ein Vorwort gewonnen, in dem es etwa heißt: „Es ist eine kunstvolle, aber nie künstliche Musik. Sie lässt vieles zu, ohne auch nur einen Moment in Beliebigkeit zu verfallen. Wally selber spricht vom Komponieren als ‚harte Arbeit‘, erwähnt aber auch die ‚fast kindliche Freude am Spiel (mit dem Material), einem unter dem Strich stark positiven Grundgefühl‘. Seine Musik lässt uns beides erleben, und, abhängig von Ihrem subjektiven Empfinden, werte Hörerin und Hörer, vermutlich noch viel mehr. Leihen Sie Ihr Ohr diesen Aufnahmen daher ruhig mehrmals – Sie werden es nicht bereuen!“

In kürzester Zeit seit dem Erscheinen wurde die CD „Jusqu‘ à l’aurore“ in mehreren in- und (und das ist außergewöhnlich) ausländischen Print- und Rundfunkmedien vorgestellt. In Österreich offiziell präsentiert wird die CD im Rahmen eines Wien-Modern-Konzertes am 21. November 2020 im Reaktor. Neben Werken von Wally wird dabei das Schaffen von Martin Jaggi, Mitbegründer des Mondrian Ensembles, porträtiert. Zurzeit sieht es durchaus sehr gut aus, dass die coronabedingten Maßnahmen die Veranstaltung zulassen werden.

Christian Heindl

Links:
Thomas Wally
col legno: Thomas Wally – Jusqu’à l’aurore
Thomas Wally (Porträt, mica – music austria)
Thomas Wally (Interview, mica – music austria)
Thomas Wally (music austria Musikdatenbank)
Mondrian Ensemble