Thomas Daniel Schlee (c) cs/neumüller

THOMAS DANIEL SCHLEE im mica-Porträt

Man glaubt es kaum, dass schon mehr als vier Jahre vergangen sind, seit mit der Uraufführung der „Symphonie Nr. 2“ von Thomas Daniel Schlee im Großen Saal des WIENER MUSIKVEREINS ein markantes Zeichen des Komponisten in der heimischen Musikwelt gesetzt wurde. Das kommende Jubiläum – der anstehende runde Geburtstag – bringt Werke von THOMAS DANIEL SCHLEE an mehreren Stätten zu Gehör, doch auch diesmal ist es der MUSIKVEREIN, der am 24. Oktober 2017 ein zentrales Konzert zum 60. Geburtstag ausrichtet.

Die internationale Musikwelt im Vaterhaus

Dass es gerade Wiens traditionsreicher Musiktempel ist, der sich Schlees Schaffen in unregelmäßigen Abständen, aber immer wieder markant widmet, mag Zufall sein. Kein Zufall ist, dass Schlee mit diesem Gebäude eine weit engere Verbindung aufzuweisen hat als die meisten Kollegen seiner Generation: Jahrzehntelang ging sein Vater Alfred Schlee (1901–1999) als einer der Verlagsleiter der im selben Gebäude residierenden „Universal Edition“ in der Wiener Bösendorferstraße seinen Geschäften nach. Das Abfärben dieses Ambientes auf den Sohn war wohl unvermeidlich. Vielleicht noch markanter die „quasiprivate“ Seite: Hat man das Glück, das Gästebuch der Familie durchzublättern, dann hat man da kein Who‘s who bestehend aus Möchtegerns vor sich, sondern man sieht sie tatsächlich (fast) alle namentlich vor sich, die sich da als Besucher in der elterlichen Privatwohnung einstellten. Da stehen sie: ein Milhaud, ein Martin, ein Liebermann, ein Dallapiccola, ein Berio, ein Schnittke, ein Denisow ebenso wie ein Stockhausen oder ein Boulez; ganz zu schweigen von den unzähligen österreichischen Musikschöpfern, die hier aus und ein gingen: Gottfried von Einem, Theodor Berger, Ernst Krenek, Karl Schiske, Friedrich Cerha, Francis Burt und Anton Heiller seien völlig willkürlich aus der sehr langen Liste herausgegriffen. Auf wessen Schoß der kleine Thomas Daniel bei den vielen Festen und Empfängen sitzen durfte, ist nicht lückenlos überliefert. Tatsache ist aber, dass Musik, NEUE Musik für den jungen Schlee von Anfang an nichts Abschreckendes hatte, sondern vielmehr immer wieder seine Neugier und sein Interesse anfachte.

Zuallererst: Komponist

Sohn Thomas Daniel folgte zwar den Spuren des Vaters insofern, als auch er u. a. ein musikwissenschaftliches Studium absolvierte, vor allem aber verfolgte er früh konsequent den Weg eigener künstlerischer Verwirklichung – reproduzierend als Organist, schöpferisch als Komponist. Dazu kamen Tätigkeiten als Musikdramaturg und Lehrbeauftragter sowie in der Folge auch bisher drei gewichtige Intendantenfunktionen: 1990–1998 war er Musikdirektor des Brucknerhauses Linz und des Internationalen Brucknerfestes, 1999–2003 stellvertretender Intendant des Internationalen Beethovenfests Bonn und 2004–2015 bekleidete er das Amt des Intendanten des Carinthischen Sommers. Wie er das dortige Festivalschiff mehr als ein Jahrzehnt lang durch politisch und wirtschaftlich turbulente Zeiten steuerte, ohne sich einem selbstverleugnenden Opportunismus zu ergeben, ist vom Chronisten hervorzuheben. Auch wenn manches ein Kampf gegen Windmühlen gewesen sein mag, so kann er mit einiger Genugtuung und gutem Gewissen auf die dort von ihm organisatorisch gestaltete Zeit zurückblicken.

Handwerk an der Donau, Farben an der Seine

Doch nochmals zurück zu den Anfängen. Seine künstlerische Ausbildung erhielt Thomas Daniel Schlee bereits in der Schulzeit am traditionsreichen Wiener Theresianum sowie in der Folge an der Wiener Musikhochschule bei Michael Radulescu (Orgel), Erich Romanovsky (Tonsatz) und Francis Burt (Komposition). Herausragend verlief für ihn das Jahr 1977/78, in dem er am Pariser Conservatoire national supérieur de musique Hörer des letzten Jahrgangs der Kompositionsklasse von Olivier Messiaen sein durfte. Olivier Messiaen: die andere prägende Persönlichkeit in Schlees Musikerleben. Auch nach seinen Studien blieb er dem großen Vorbild, dessen Klang- und Gedankenwelt sowie dem französischen Kulturkreis insgesamt eng verbunden, worauf nicht zuletzt auch die Titel mehrerer seiner Werke hindeuten.

Interpret und interpretiert

Als Organist bestritt Schlee zahlreiche Konzerte und Rundfunkaufnahmen in aller Welt, seine CD-Veröffentlichungen wurden mehrfach mit Preisen der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Umso mehr ist sein vor einiger Zeit gefasster Entschluss zu bedauern, nicht mehr aktiv am Instrument in Erscheinung zu treten. Der in der Politik oft anzutreffende Rücktritt vom Rücktritt wäre in diesem Fall durchaus wünschenswert.

Zu den Interpretinnen und Interpreten en seiner eigenen Musik zählen neben Organisten in aller Welt seien stellvertretend nur Bertrand de Billy, Placido Domingo, Wladimir Fedosejew, Heinz Karl Gruber, Alfred Eschwé, Zsolt Hamar, Okko Kamu, Leopold Hager, Dennis Russell Davies, Riccardo Chailly, Pinchas Steinberg, Sándor Végh, Manfred Honeck, Ralf Weikert, Franz Welser-Möst, Lothar Zagrosek, Maurice André, Ursula Holliger, Heinrich Schiff, Wolfgang Schulz, Hansjörg Schellenberger, Michael Martin Kofler, Sharon Bezaly, die Solistinnen und Solisten der Sächsischen Staatskapelle Dresden, das Auryn Quartett, das Wiener Streichquartett, die Camerata Academica Salzburg, das Klangforum Wien, der Wiener Concert-Verein, die Wiener Symphoniker, das Tonkünstlerorchester Niederösterreich, das RSO Wien, das Gewandhausorchester Leipzig, die Württembergische Philharmonie Reutlingen, die Staatsphilharmonie Stuttgart und die Copenhagen Phil genannt.

Kompositorisch verwurzelt in Spiritualität und Glauben

Schlees Schaffen umfasst nahezu sämtliche Gattungen, wobei Schwerpunkte auf dem Orgelsektor und im Bereich spirituell bzw. sakral bezogener Kompositionen liegen; vielfach auch in Verknüpfung wie bei den Orgelkonzerten „Der Kreuzweg unseres Herrn und Heilandes, op. 52“, „Horai, op. 79“ und „Rufe zu mir, op. 80“ oder in der „Missa, op. 61“. Nur logische Konsequenz war es, dass auch das wichtigste Charakteristikum des Carinthischen Sommers mit einem Beitrag berücksichtigt wurde: 2007 setzte der (diesbezüglich stets extrem zurückhaltende) Intendant seine Kirchenoper „Ich, Hiob, op. 68“ nach einem Text von Christian Martin Fuchs zur Uraufführung an. Auf orchestralem Gebiet seien erwähnt „… und mit einer Stimme rufen, op. 20“, „Ricercar, op. 31“, „Aurora, op. 32“, „Orchesterspiele, op. 45“, die angesprochene „Symphonie Nr. 1, op. 51“, das „Konzert für Klavier und Orchester, op. 70“ sowie das 2009 in Stuttgart uraufgeführte „Spes unica, op. 72“ und die später zum Teil daraus hervorgegangene „Symphonie Nr. 2, op. 81“.

Zu Hause angekommen

Jene Worte des Komponisten, die vor einigen Jahren die Premiere der „Symphonie Nr. 2“ begleiteten, mögen für einen großen Teil seiner Arbeit, nicht zuletzt für die Werke der letzten Jahre gelten: Schlee begnügt sich nicht mit dem Absoluten der Musik, sondern gibt auch dem Glauben und seinem christlichen Lebensbild einen zentralen Stellenwert. Für ihn ist fast immer die Frage nach dem „Was bleibt – an Eigenem und überhaupt. Was muss relativiert werden“ (Schlee) im Zentrum der Inspiration. Hinterfragend nachhören lässt sich vieles des hier Geschriebenen im Jubiläumskonzert am 24. Oktober um 20:00 Uhr im Gläsernen Saal des Wiener Musikvereins. Werken von Thomas Daniel Schlee stehen Trios von Schubert, ein Werk Olivier Messiaens und Dichtungen Robert Gernhardts, Christine Lavants und Paul Celans gegenüber.

Christian Heindl

Links:
Thomas Daniel Schlee in der music austria Datenbank
Thomas Daniel Schlee bei Bärenreiter
Wiener Musikverein, Thomas Daniel Schlee – Festkonzert zum 60. Geburtstag