Hier sollte das Logo von Wien Modern 2016 stehen

Sicherheit – Wien Modern 31

Wien Modern eröffnet am 28.10. und lädt an 34 Spieltagen und 29 Spielstätten in 10 Wiener Gemeindebezirken zu über 100 Veranstaltungen mit über 80 Ur- und Erstaufführungen. Das Thema der 31. Festivalausgabe lautet „Sicherheit“.

„Zeitgenössische Musik gehört in Wien in die Mitte der Gesellschaft. Dafür steht Wien Modern seit seiner Gründung durch Claudio Abbado vor 30 Jahren. Dazu passt, dass das immer stärker im Leben präsente Thema Sicherheit in der Musik einen erfrischenden Perspektivwechsel erfährt: Ohne Mut zum Risiko wären Musik und Kunst völlig undenkbar. Das machen viele Künstlerinnen und Künstler einen Monat lang bei Wien Modern auf sehr inspirierende Weise spürbar: Von Klassik-Stars wie Pierre-Laurent Aimard über elf „Solo Challenges“ bis zur jungen Generation präsentieren viele ihre ‚unspielbaren‘ Herausforderungen. Mit John Cage oder auch mit einem Croupier lässt sich der Zufall als Freund entdecken. Legendäre Improvisationskollektive wie das London Jazz Composers Orchestra kommen ebenso nach Wien wie einige der ‚jungen Wilden‘ der 1968er Jahre, die heuer für Wien Modern neue Werke schreiben.“ (Bernhard Günther)

Eröffnungskonzert am 28.10. mit den Wiener Philharmoniker ohne Dirigent

Die Wiener Philharmoniker bringen das aktuelle Festivalthema „Sicherheit“ mit einem ungewöhnlichen Konzert im Wiener Konzerthaus spektakulär auf die Bühne: Das traditionsreichste Orchester der Stadt beweist zur Eröffnung von Wien Modern mit einem kompletten Konzert ohne Dirigent Mut zum Risiko. Zu diesem Anlass interpretieren die Wiener Philharmoniker zum ersten Mal in ihrer Geschichte Musik des legendären Avantgarde-Pioniers John Cage: Neben einem seiner letzten Werke steht zu Beginn des Programms auch Cages berühmtestes Werk auf dem Programm, das „stille Stück“ „4’33’’“.

„Erstmals in ihrer Geschichte lassen sich die Wiener Philharmoniker auf das Abenteuer John Cage ein. Auch die Uraufführung von Johannes Maria Stauds ‚Scattered Light‘ wird etwas sehr Besonderes, das Stück unterscheidet sich extrem von der bevorstehenden Staatsopern-Uraufführung von Staud.“ (Rainer Honeck)

Panic am 31.10. mit den Wiener Symphonikern und Sylvain Cambreling

Am 31. Oktober laden die Wiener Symphoniker unter Sylvain Cambreling zum Programm Panic ins Wiener Konzerthaus. Auch Stardirigent Sylvain Cambreling sorgt für die leidenschaftliche Interpretation eines grafischen Meisterwerks von Iannis Xenakis. Der Konzertmeister landet in Julia Purginas Uraufführung „Akatalepsia“ auf dem Balkon. Malte Giesen bringt ein hyperreales Klavier auf die Bühne, das stufenlose Glissandi ermöglicht. Und der Geräuschzauberer Helmut Lachenmann unterläuft kurz vor seinem 83. Geburtstag genüsslich alle Erwartungen mit „Marche fatale“, seinem ersten Stück, das auch im Neujahrskonzert bestens aufgehoben wäre.

„Marche fatale habe ich in Frankfurt uraufgeführt. Es ist ein Marsch im Tempo eines deutschen Militärmarsches. Lachenmann stellt mit den symphonischen Mitteln von Gustav Mahler die Frage, was Musik heute für uns ist. Es ist eine große Reflexion darüber, wie man heute klassisch orchestrieren kann. Es gibt wie bei Mahler Ironie, Persiflage, aber auch Tragik und alles andere. Es ist auch lustig, es zitiert Musikgeschichte – Wagner, Brahms und viele andere.“ (Dirigent Sylvain Cambreling)

Chaos und Ekstase am 02.11. mit dem RSO Wien im Musikverein

Nicht minder risikofreudig gibt sich das ORF RSO Wien am 2. November beim Claudio Abbado Konzert unter dem Titel Chaos und Ekstase. Fein eingerahmt zwischen Chaos (Joseph Haydn) und Ekstase (Alexander Skrjabin) spielt das RSO Wien im Goldenen Saal des Musikvereins drei prominente Uraufführungen unter der Leitung von Duncan Ward. Der britische Dirigent ist gerade einmal 28, die drei erfrischend unkonventionellen Komponisten hinter den neuen Werken bringen sage und schreibe 251 Lebensjahre zusammen. Friedrich Cerha betritt mit jedem weiteren Spätwerk Neuland. Nicolaus A. Huber sorgt von seinen Lehrjahren bei Stockhausen und Nono bis heute für Überraschungen. Hans-Joachim Hespos ist der vermutlich inspirierendste Rebell seiner Generation und kehrt im Jahr seines 80. Geburtstags erstmals in den Wiener Musikverein zurück, wo er 1970 als 32-Jähriger einen Skandal entfacht hatte. Für dieses Konzert bringt er ein durchaus schiaches Küchenkastl als Soloinstrument sowie die aktuelle Erste Bank Kompositionspreisträgerin Agata Zubel als Solosopranistin in den Musikverein.

„Die Wiener Volksseele, von ‚Free Jazz‘ oder Aleatorik nach wie vor unberührt, reagierte denn auch wie anno dazumal – exakter: Ende März 1913 – im Großen Musikvereinssaal, als Schönberg in dem denkwürdigen Konzert des ‚Akademischen Verbandes für Literatur und Musik‘ seine Schüler Webern und Berg vorgestellt hatte. Gelächter, Zischen, Beifall, Pfiffe und Türenknallen meldete der Chronist damals. Er muß es auch 1970 noch tun. Zwischenrufe, reihenweiser Exodus der verärgerten und beleidigten Musikfreunde, erregte Diskussionen…“ (aus der Rezension des Wiener Express nach der Aufführung von Hans-Joachim Hespos’ „dschen“ für Free-Jazz-Saxophonist und Streichorchester im Musikverein am 13.10.1970)

Casino Cage mit Roulettetisch am 05.11.

Bei Casino Cage am 5. November im Wiener Konzerthaus kann man live sehen und fühlen, wie der Zufall eingreift. Bei dieser raren Gesamtaufführung der 14-teiligen „Sequenza“-Werkreihe von Luciano Berio steuert John Cage, sozusagen der Pate des Zufalls in der Musik, mit der Partitur seiner „Variations IV“, wo im Saal welches Stück erklingt. Ein Croupier am Roulette-Tisch lässt live im ausgeräumten großen Konzerthaussaal die rollende Kugel über Zeitpunkt, Reihenfolge und Gleichzeitigkeit der Interpretationen entscheiden. 14 junge Solistinnen und Solisten der MUK präsentieren nach monatelanger akribischer Vorarbeit die für berühmte Virtuosen des 20. Jahrhunderts komponierten „vielstimmigen Solos“ des italienischen Komponisten.

The Outcast. Homage to Herman Melville von Olga Neuwirth mit Design und Video von Netia Jones am 14.11.

Als gewichtigste Produktion des Festivals wird am 14. November im Wiener Konzerthaus Olga Neuwirths großes „Musik-Installations-Theater mit Video“ The Outcast komplett neu auf die Bühne gebracht: Wien Modern, die Elbphilharmonie Hamburg, das Wiener Konzerthaus und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien (mit freundlicher Unterstützung der Ernst von Siemens Musikstiftung) realisieren eines der zentralen Werke von Olga Neuwirth in revidierter Fassung und in einer exemplarischen Neuproduktion. Für Video, Bühne und Kostüme zeichnet die britische Regisseurin und Künstlerin Netia Jones verantwortlich, eine wahre „Licht-Magierin“ (The Independent), deren Verschmelzung von Bühne und Video „sich in drei Worten zusammenfassen lässt: brillant, brillant und brillant“. (The Guardian)

„Melville hat bereits damals [mit seinem 1851 erschienenen Roman Moby-Dick] Kritik an der Ausbeutung der Ressourcen geübt und ein ethisches Problem erkannt, das an der Wall Street bis heute ungelöst bleibt: Den Beginn eines Denkens, das nach maximalem Gewinn strebt. Es gab zwar damals noch kein digitales weltweites Zocken, aber durch seinen Roman bekommen wir ein Gefühl für diese Veränderung, diese anarchische, zentrifugale Flucht und Auflösung des Ichs durch eine Gesellschaft, die nur an Geld interessiert, ehrgeizig und gierig ist.“ (Olga Neuwirth)

Atlas der gesamten Musik und aller angrenzenden Gebiete von Georg Nussbaumer mit über 300 Mitwirkenden am 17.11.

Georg Nussbaumer hat mit dem Atlas der gesamten Musik und aller angrenzenden Gebiete eine Art begehbare Sinfonie geschaffen, bei der Hunderte von Mitwirkenden am 17. November dreieinhalb Stunden lang den Campus der Wiener Musikuniversität bespielen. Zu sagen, dass hier nur die gesamte Wiener Klassik, die zähesten unter den Mahler-Symphonien, Händels Wassermusik, die Polytope von Iannis Xenakis 5

und John Cages „Musicircus / A House Full of Music“ in irgendeiner Form widerhallen, wäre eine vollkommen unangemessene Untertreibung. Zahllose Kammern, Gänge und Säle laden zum Verweilen, Durchstreifen, Sich-Verlieren und Sich-Verhören ein. Die Fülle des zu Entdeckenden reicht von der Klavierhölle (plausibler Arbeitstitel) bis zu Orten der Stille, von kilometerlangen Trillerketten bis zu mehrere Stockwerke verbindenden Tonleitern, vom ganz normalen Übewahnsinn des Musikalltags in streng aufbereiteter Form bis zu poetischen Rückzugsmöglichkeiten in den unbekannten Tiefen des verwinkelten Musikgebäudekomplexes am Anton-von-Webern-Platz.

„Das Projekt zeigt eine große, lebende, wabernde Klangskulptur, durch die das Publikum durchgehen und sich von lauten oder schönen Klängen anlocken lassen kann. Wie Treibgut in einer großen Woge schwimmen darin Repertoirestücke der Musikerinnen und Musiker.“ (Georg Nussbaumer)

Österreichischer Komponistinnen-Wettbewerb am 19.11. im Wiener Rathaus

Erstmals wird heuer der Österreichische Komponistinnen-Preis vergeben. Gestiftet wurde der neue Preis von Ewa Dziedzic, Monika Vana, Vizepräsidentin der Grünen im Europaparlament und Barbara Huemer, Grüne Wiener Gemeinderätin, ausgeschrieben wurde er vom Verein Orchesterwelt. Das art ensemble Berlin spielt die ausgewählten Werke. im Rahmen eines Konzerts im Wiener Rathaus am 19. November.

„Der Frauenanteil bei Konzerten oder Aufführungen der Philharmoniker ist nach wie vor marginal. Frauen, die musizieren, komponieren und dirigieren sind kaum in der öffentlichen Wahrnehmung präsent. Das ist bedauerlich und das gilt es zu ändern. Ich freue mich deshalb sehr, dass es gelungen ist diese Initiative ins Leben zu rufen. Wir wollen Frauen motivieren, sie sichtbar machen und sie einem breiten Publikum vorstellen. Obwohl Komponistinnen sehr früh in der Geschichte eine Rolle gespielt haben, wurden sie kaum beachtet, weil sie über Jahrhunderte in der typischen Männerdomäne des Komponierens wirkten. Es ist Zeit, das zu ändern.“ (Ewa Dziedzic)

Wien Modern bittet außerdem zur Solo Challenge: Besondere Solistinnen und Solisten wagen ganz alleine auf der Bühne ihren persönlichen Drahtseilakt. Dabei überraschen Cello, Klavier und Geige mit Vielseitigkeit. Den roten Faden in den Solo Challenges bildet die neunfache Uraufführung von Katharina Klements, das jeweils in mehreren Interpretationen zu hören sein wird. Als Basis von „Schütten“ wählte Klement Feldaufnahmen von Geräuschen im Lafarge Zementwerk in Mannersdorf aus. Unterschiedliche Klänge der Zementproduktion verlegt sie anschließend ins Klavier, das Cello oder die Geige.

„Ich habe mir alles noch einmal durchgehört, notiert und die tollsten bzw. für mich passendsten Stellen ausgewählt. Manche sind wie ein Zustand, um mit dem Vokabular von Lachenmann zu sprechen, also Zustandsklänge, und manche sind ein Prozessklang. Bei einigen wusste ich sofort, das passt für das Cello oder die Violine. So habe ich das sehr intuitiv zugeordnet und entschieden“. (Katharina Klement)

Marino Formenti liebt es, Musik in unerwartete Zusammenhänge zu bringen, was ihn von den Bühnen der großen Konzerthäuser immer wieder in ungewöhnliche Räume führt: Die Wiener Kaffeehäuser als geliebte Bühne des alltäglichen Lebens und als geteilte Wohnzimmer der Stadt, mal früh, mal spät, vom Zentrum bis zum Stadtrand, werden in Cafe Cage zum Spielort für ein Projekt mit nicht ganz alltäglicher Klaviermusik. Auf den vor Ort vorhandenen Klavieren, in der normalen Klangkulisse von Gesprächen und Geschirr, ohne Eintrittskarten, für das ganz normale Kaffeehaus- und Festivalpublikum, spielt der charismatischer Virtuose Formenti Klaviermusik der New Yorker Avantgarde-Legende John Cage. Cage pflegte ein entspanntes Verhältnis zu Umgebungsgeräuschen (was u. a. sein zur Festivaleröffnung von den Wiener Philharmonikern zelebriertes „stilles Stück“ zum Ausdruck bringt). Eine Mélange aus Alltag und Musik.

„Musik ist kein Objekt und kein Produkt, sondern eine Beziehung. Für mich, sagt Cage nicht: hör mir zu, wie wir es von Konzertsaal kennen, sondern eher: hör einfach, und Du bist frei. Von Cafe Cage hoffe ich, dass eine neue Beziehung eine neue Musik hervorbringen kann.“ (Marino Formenti)

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