„Wie werden wir Schneewittchen wieder los?“

Qualitätvolle Musiktheaterwerke für Kinder und Jugendliche sind rar. Das weiß auch der Musiker und Kapellmeister Martin Schelling, der sich auf die Suche nach einem guten Stück gemacht hat, um mit der „Jugendkapelle Lauterach“ das 25-jährige Bestandsjubiläum gebührend zu feiern. Weil er nicht fündig geworden ist, glücklicherweise aber über eine ausgeprägte kompositorische Ader verfügt, wurde Martin Schelling kurzerhand selbst aktiv. Viel Erfahrung im Hinblick auf die Komposition von Musiktheaterstücken konnte der Klarinettist als Mitglieder des international erfolgreichen Ensembles „Die Schurken“ sammeln. „Vor allem hat mir die Erfahrung bei den ‚Schurken’ Mut gegeben“, betont Martin Schelling, „denn die Stücke, die ich für dieses Ensemble bereits komponiert habe, sind immer gut angekommen.“

Ein Theaterstück, das nach Musik riecht

In Lauterach leitet Rita Moosbrugger die Kindertheatergruppe „Rampenlichtle“. Schon länger trugen sich die musikalischen Leiter der Jugendkapelle, Martin Schelling und Thomas Jäger, und die Theaterleiterin mit dem Gedanken, gemeinsam eine Produktion zu realisieren. Die Aufführung der Märchenparodie „Wie werden wir Schneewittchen wieder los?“ von Inge Methfessel bot schließlich die Initialzündung. „Das Stück gibt Raum für musikalische Fantasien, es riecht nach Musik“, bringt es Martin Schelling auf den Punkt. Überdies bietet der humorvolle Inhalt des Theaterstückes dem Komponisten viele Anreize.

Die Geschichte wirkt sehr aktuell, handelt sie doch von der Gastfreundschaft. Dass man Ankommende zwar freundlich empfängt, wenn diese jedoch nicht den Erwartungen entsprechen, die gute Stimmung leicht kippen kann, kennen wir alle.

Die Zwerge und die Zicke

Das Musiktheater mit dem markanten Titel entwickelt sich zügig und es ist gespickt mit Ironie. „Wir alle kennen Schneewittchen als liebe, brave Königstochter, der die böse Stiefmutter übel mitspielt. Eine Königstochter ist Schneewittchen auch in diesem Stück, allerdings eine zickige und verwöhnte“, ist dem Klappentext zu entnehmen. „Von zu Hause ist sie nur weggelaufen, weil die Stiefmutter ihr zu sehr auf die Nerven geht. Die gutmütigen Zwerge scheinen ihr ein gemütlicheres Heim zu bieten. Doch Schneewittchen schafft es in kürzester Zeit, den Langmut ihrer neuen Freunde aufs Äußerste zu strapazieren. Sie überlegen fieberhaft, wie sie die Prinzessin loswerden könnten, möglichst bevor auch noch ihre Freundin Rotröschen erscheint. Leider wollen es weder der Drache noch die Hexe mit Schneewittchen aufnehmen. Da kommt einem der Zwerge die geniale Idee: In der weiten Welt des Internets müsste sich doch ein Prinz finden, der so eine wie Schneewittchen sucht. Und schon wird die E-Mail abgeschickt.“

Radetzkymarsch im Zwergenformat

Passend dazu hat Martin Schelling die Musik zum Theaterstück angelegt. Ausgehend von Gegensatzpaaren, die viel Interpretationsspielraum zulassen, entwickelt er die Musik witzig und mit manchen Anspielungen. So wird beispielsweise das berühmte Thema „Whistle while you work“ mit Motiven aus dem Radetzkymarsch kombiniert. „Mich hat eine Verschmelzung des Radetzkymarsches mit der Zwergenwelt sehr gereizt. Gedacht habe ich dabei auch an Hermanovsky-Orlandos Stück ‚Der Gaulschreck im Rosennetz’, der die Gesellschaft in ein Zwergenformat minimiert“, gibt Martin Schelling einen Einblick.

Musikalische Komik

Seit dreiundzwanzig Jahren leitet der Musikpädagoge die „Jugendkapelle Lauterach“ und er weiß sehr genau, was er den Musikantinnen und Musikanten zumuten kann und wie sie mit Spaß bei der Sache sind. Seine eigene humorvolle Art weist ihm dabei den kompositorischen Weg. Auch im Hinblick auf die Instrumentation hat sich Martin Schelling Einiges einfallen lassen. „Es werden Effekte verwendet, die man sonst im Blasmusikkompositionen nicht so finden, wie beispielsweise Klarinetten-Glissandi, Flatterzunge oder Bodypercussion. Die Komik ergibt sich dabei oft auch aus der Spielweise. Man kann auf einem Blasinstrument relativ leicht komikartig musizieren. Manche spielen aber auch unfreiwillig komisch, genau derartige Merkmale habe ich überzeichnet dargestellt.“

Lustige Einsprengel geben Anlass zum Schmunzeln, vielleicht regen sie aber auch zum Weiterdenken an. Beispielsweise wenn zum feierlichen, leicht depressiv angehauchten Parademarsch der Prinzen, Fagott und Flügelhorn den Pferdetrab imitieren und dazu die Posaunen wie Esel schreien.

Ein breit aufgestelltes Team

Mit dem Chorleiter Hubert Sinz, der in der Mittelschule Wolfurt einen Projektchor aus etwa vierzig Schülerinnen und Schüler zusammengestellt hat, fand Martin Schelling einen ausgezeichneten musikalischen Partner. Weil der Jugendkapelle mit Thomas Jäger ein Blechbläser und mit Matthias Schmid ein Schlagzeuger zur Verfügung steht, während Martin Schelling den Fokus auf die Holzbläser richtet, sind die jungen Musikanten musikalisch bestens versorgt. In der Regie von Christina Mathis werden die jungen Schauspieler, Musikanten und der Chor in dieser Großproduktion zusammengeführt. Auch organisatorisch steht das Projekt auf sicheren Pfeilern. Die Jugendreferenten Christina Metzler und Johannes Hinteregger sowie der Obmann Lothar Hinteregger halten dem musikalischen Leiter den Rücken frei, so dass sich Martin Schelling ganz auf die Einstudierung der Musik konzentrieren kann.

Jugendförderung als Lebenselixier

Die Jugendförderung nimmt innerhalb des Vereinsgeschehens eine immer bedeutendere Stellung ein. Vereine, die diese vernachlässigt, werden auf längere Sicht keinen Bestand haben, darin sind sich Kenner der Szene einig. „Ich finde es sehr wichtig, dass man mit jungen Leuten interessante Projekte realisiert“ betont Martin Schelling seine Intention. „Ich möchte, dass die Musikanten musikalisch denken und sich konzentrieren müssen, etwas lernen und auch Spaß dabei haben. Unsere Jugendkapelle ist groß und fast voll instrumentiert und die Jugendlichen sind auch mitarbeitswillig. Das sind drei Faktoren, die wir enorm schätzen.“

Vorerst wird es eine Aufführung geben.

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im Mai 2016 erschienen.

Bürgermusik Lauterach: www.bm-lauterach.at