„Musik hat nicht nur einen Selbstzweck“

Patrick Pulsinger schlüpft neuerdings in die Kuratoren Rolle. Für Wien Modern gestaltet der Techno-Star drei Abende im Zeichen des Werks von Morton Feldman. Dabei bringt Pulsinger mitunter Genrestars wie Martin Rev oder Moritz von Oswald in das Casino Baumgarten. Mit Johannes Luxner hat Patrick Pulsinger über die Grenzen der Konsumierbarkeit, die musikalische Relevanz des Außermusikalischen und akustische Entschweinungen gesprochen.

Wie gestaltet sich dein persönlicher Zugang zu Morton Feldman?
Ich bin mit seinem Werk und der Philosophie die er vertreten hat schon lange vertraut, weil viele Ansätze Feldmans bis in die heutige experimentelle elektronische Musik rein reichen. Es gibt einen gewissen Duktus der nicht gealtert ist. Was Feldman zu seiner Zeit programmiert hat, war höchst individuell und er war damit ziemlich alleine. Die Musikgeschichte hat aber gezeigt, dass sehr viele Leute an seinen Gedanken weiter gearbeitet haben – jedoch mit anderen Mitteln. Feldmans Musik habe ich zwar immer schon geschätzt – ich muss der Wahrheit halber jedoch sagen, dass er keiner ist auf den ich mich künstlerisch zu 100 Prozent beziehen könnte. Das wäre zuviel gesagt.

Auf welche Dinge kannst du dich besonders beziehen?
Das Interessanteste an Feldman ist, dass ihn in der Musik und auch neben der Musik viele prinzipiell außermusikalische Dinge beschäftigt haben. Feldman hat sich etwa viele Gedanken über Maschinen gemacht und über Dinge nachgedacht, die mit Komposition im herkömmlichen Sinn wenig zu tun gehabt haben. Er hat sich sehr viel mit Räumen und Zwischenräumen beschäftigt. Mit Klängen aus ganz unterschiedlichen Richtungen. In der generellen Entwicklung der elektronischen Musik gibt es seit den Sechziger Jahren viele Parallelen zu Feldman. Etwa was Noise und Industrial anbelangen. Er hat diese Interessenfelder immer wieder versucht auf die Musik runterzubrechen. Das ist etwas das ich auch von mir kenne: Die Musik ist ja heute eine viel technischere geworden. Wenn man heute Musik oder experimentelle Musik macht, kommt man an Technik kaum mehr vorbei. Das war zu Feldmans Zeit noch ganz anders. Aber der dahinterstehende Gedanke, dass man außerhalb des eigenen Feldes sehr viel Inspiration und Neues findet das hat mich immer wahnsinnig interessiert. Wenn ich über diese Ansätze gelesen habe, kam mir das sehr bekannt zu eigenen Überlegungen vor. Kurz gesagt: Der Mann hat früh erkannt in welche Richtung moderne Musik gehen wird – ohne damals wissen zu können, dass es so sein wird. Aus heutiger Sicht kann man ihm nur Recht geben. Denn Musik hat nicht nur einen Selbstzweck. Sie muss nicht nur unterhalten oder aus einer sinnvollen Tonfolge bestehen. Zwischenräume sind genau so wichtig wie die Töne und die Komposition selbst. Das schwang auch mit, als ich die Protagonisten für die Wien Modern Abende gesucht habe. Es sind allesamt Menschen die sich mit diesen Gedanken in ihrem Werk auch beschäftigt haben und dabei eine eigene künstlerische Sprache gefunden haben.

Nach welchen Parametern erfolgte die Auswahl der Gäste? Mit Martin Rev oder Moritz von Oswald kommen große Namen in das Casino Baumgarten.
Natürlich schwingt hier auch der eigene Geschmack und das eigene Wissen mit. Es geht prinzipiell schon um die Herangehensweisen der Leute. Martin Rev etwa: Suicide war eine coole Geschichte, mit der er die Rockmusik entrümpelt, ja sozusagen entschweint hat. Auf eine ganz eigene Art und Weise. Suicide haben sich in einer Zeit als die Gitarren sehr tief gehangen sind ohne Gitarren auf die Bühne gestellt. Das brauchte Mut und eine Vision. Denn wenn man Musik konterkariert, muss man sich klar sein, was die Musik beinhaltet und ausmacht. Rev hat ohne Gitarren und die klassischen Tonerzeuger eine rotzige, dreckige und revolutionäre Musik gemacht. Ebenso seine Solomusik ohne Alan Vega: Rev hat mit Orchestersounds gearbeitet und sie zerschnippelt. Vom Hören her, kann man nicht einmal sagen wie er das gemacht hat. Aber es klingt extrem bombastisch und gleichzeitig reduziert. Er ist eben einer dieser Einzelkämpfer die sich immer sehr cool in den Zwischenräumen aufhalten: Zwischen Rock und irgendwas. Sich mit der Alleinunterhalterorgel hinzustellen und zu sagen: „Das ist Rockmusik!” Dieses Einzelkämpfertum passt dann wieder sehr gut zu den Gedanken Feldmans.

Wie fühlt sich die neue Rolle des Kurators nun an?
Wenn ich sagen würde es macht keinen Spaß, würde ich lügen. Es ist wahnsinnig toll wenn man ein gewisses Budget zur Verfügung hat und einem gesagt wird: „Hey, füll diese drei Tage mit Musik.” Da gibt es freilich wesentlich Schlimmeres auf der Welt. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite stellt es schon eine Herausforderung dar: Das Festival beschäftigt sich im Ganzen sehr stark mit Morton Feldman und setzt hier einen klaren Themenkreis. Jedoch wollte ich nicht, dass die Leute nur interpretieren, remixen oder sonst wie an einer Verwurstung arbeiten. Ich will, dass die drei Abende im weitesten Sinne mit dem Geist und den Ideen von Feldman zu tun haben. Und da stellt sich die Frage: Wie weit hänge ich mich hinaus? Moritz von Oswald und Martin Rev sind sicher nicht das Nächstliegende. Aber nur etwas zusammenzubuchen, um Namedropping in einem gewissen Feld zu betreiben – dazu braucht man keinen Kurator. Meine Aufgabe ist es auch die Leute zu verwundern, mitzunehmen und ihnen klar zu machen, dass man um das Thema rund herum versucht etwas aufzubauen. Es soll definitiv eine Überraschung sein.

Schwingt hier auch der Gedanke einer Verjüngung des Publikums mit? Technosozialisierte entdecken Wien Modern?
Es ist sicher kein Jugendprogramm für Leute von 16 bis 21. Ein großes renommiertes Festival wie Wien Modern, das einen extrem hohen Standard zu halten hat, bedient vorwiegend ein in seinem Musikgeschmack gefestigtes Publikum. Das liegt in der Natur der Sache, schließlich ist Wien Modern weder das Donaufestival noch das Frequency-Festival. Es ist ein Festival für Leute die abseits von Rock und Pop nach interessanten Strömungen suchen. Verjüngen kann sich ein Festival immer. Das muss sowieso laufend passieren. Ich denke mir höchstens, dass man vielleicht eine größere Durchmischung des Publikums schafft und nicht in erster Linie eine Verjüngung. Dazu müsste man es anders aufziehen.

Die Wahl des Austragungsortes fiel auf das Casino Baumgarten. Wie wichtig ist die Location für das Konzept?
Der Ort ist ein wenig off, aber durch seine Geschichte und wie es dort aussieht, passt das Casino wunderbar ins Konzept. Die Leute sollen sich denken: „Da entdecke ich sicher etwas Neues, weil ich in diesem Raum noch nie Musik gehört habe.“ Das lockt durchaus Menschen die üblicherweise nie auf solch gelagerte Veranstaltungen gehen. Wie gesagt: Ich möchte eine breite Hörerschaft mitnehmen. Aber Martin Rev war höchst angetan, als er vom alten Röhrenstudio, das sich im Casino Baumgarten befindet, gehört hat. Vielleicht ergeben sich abseits des Festivals ein paar coole Tage, um dort auch etwas gemeinsam aufzunehmen.

Apropos aufnehmen: Du hast heuer ein sehr tanzbares Technoalbum gemacht, dich in den letzten Jahren zwischen den Genres bewegt und fungierst jetzt als Kurator für Neue Musik. Inwiefern ist das Switchen zwischen den Welten wichtig für dich?
Ehrlich gesagt passieren mir die Dinge eher, als dass ich bewusst darauf hin arbeite. „Boah, ich möchte ganz was anderes machen”, das ist es bei mir nicht. Ich bin nicht ständig auf der Suche nach neuen Nischen. Dadurch, dass ich viel kooperiere und mich mit unterschiedlichster Musik beschäftige, ist es nun mal so, dass immer wieder interessante Sachen vorbeigeweht werden. Irgendwann denkt man sich: „Hey cool! Das könnte ich auch mal ausprobieren.“ Wien Modern erfüllt das total. Und wer in meiner Position als Elektronikmusiker würde zu so einem Angebot nein sagen? Ich denke ja ohnehin nicht in Genregrenzen.

Die Abende stehen unter dem Vorzeichen der Forschung. Wie darf man das auf musikalischer Ebene verstehen?
Es soll dort eine Art Forschungssituation entstehen. Wir wollen völlig ungezwungen und unter tollen Bedingungen den Raum erkunden. Wir wollen die dortigen Möglichkeiten ausloten, weil alle Beteiligten verschiedene technische und musikalische Anforderungen haben: Von halbakustisch bis elektronisch oder nur elektrisch verstärkt. Wir wollen Setups ausprobieren und den Raum immer um die Musiker herum bestuhlen. Er soll auch jeden Abend ein wenig anders aussehen. Es ist ja auch ein Wortspiel: Von Feldman-Forschung  zu Feldforschung ist es nicht weit. Im Feld draußen forscht es sich am Besten. Für uns ist das Feld dieser Raum da draußen in Penzing. Morton Feldman hat auch viel über Situationen gesprochen, in der Musik produziert oder dargeboten wird. Dass die Situation an sich ein starker Faktor für Musik ist. Dass Musik nicht nur auf einem Blatt funktioniert und in der Folge von Interpreten besser oder schlechter herabgespielt wird. Die Umgebung und das Publikum können oder müssen mitunter sogar ein ganz großer Teil der Musik sein.

In Hinsicht auf die Konsumierbarkeit: Wo liegen für dich die Grenzen von Neuer Musik?
Da halte ich es mit Feldman: Es kommt immer auf den Kontext drauf an – auf die Art und Weise wie es präsentiert wird. Deshalb kann für mich die Schmerzschwelle mitunter sehr hoch sein. Es kann dann gern extrem atonal oder anstrengend sein. Denn es geht auch darum, das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass Ideen dahinterstecken, die nicht schon 500.000 Mal probiert wurden. Ich möchte einer ursprünglichen Idee beiwohnen. Was ich nicht mag ist „Strangeness just for the sake of it“. Das ist lange vorbei und in meiner Jugend abgearbeitet worden. Das ist mittlerweile postmodern.

Termine:
11. November 2010, 20h: Feld(man) Forschung I
12. November 2010, 20h: Feld(man) Forschung II
13. November 2010, 20h: Feld(man) Forschung III

Foto 1 Patrick Pulsinger © Patrick Pulsinger
Foto 2 Patrick Pulsinger © Tobias Pils

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