mica-Interview mit Ulrich Drechsler (Cafe Drechsler)

Nein, Ulrich Drechsler zählt definitiv nicht zu jener Gruppe von Musikern, die dazu auserkoren sind, zeitlebens in derselben stilistischen Position zu verharren. Wie nur wenigen anderen gelingt es dem Saxophonisten, sich von Projekt zu Projekt immer wieder neu zu erfinden. Nicht anders verhält es sich bei der nun stattfindenden Wiederbelebung seiner in den ersten 2000er Jahren für Furore sorgenden Formation Café Drechsler. Mit neuer Besetzung an seiner Seite tritt Ulrich Drechsler nun an, einmal mehr mit den Erwartungshaltungen zu brechen. Ulrich Drechsler im Gespräch mit Michael Ternai.

Wie bist du auf die Idee gekommen mit Cafe Drechsler nun in diese Richtung zu gehen?
So wie es scheint, entwickeln sich meine Hörgewohnheiten eigentlich entgegengesetzt zu jenen vieler anderer Menschen. Ich habe als Kind eigentlich nur klassische Musik gehört und bin dann irgendwann an den Jazz geraten. Und jetzt fange ich langsam an, Popmusik zu hören. Und da vor allem Trip Hop, wie etwa Massive Attack oder Lamb, und Britpop. So die Richtung Muse und Coldplay. Das ist so meins. Das hört auch meine Frau. Richtig hineingekippt bin ich letztes Jahr aber vor allem in Lamb. Ich habe mir gedacht, genau so etwas würde ich auch gerne machen. Allerdings eben in einem Kontext, in dem man die Musik auch genau so live umsetzen kann. Ich wollte kein überproduziertes Studioalbum machen, dass live nicht realisierbar ist. Es sollte etwas sein, das man auch wirklich auf die Bühne bringen kann. Und so ist es jetzt auch bei den Aufnahmen zum Album gelaufen. Es gibt lediglich zwei oder drei Overdubs, aber ansonsten ist alles live eingespielt. Und es wird eben auf der Bühne genauso klingen wie auch auf CD.

Du hast ja in diesem Projekt einige wirklich großartige junge Musiker um dich gescharrt. Waren diese leicht zu überzeugen, sich an diesem Projekt zu beteiligen?
Ja, das sind alles tolle Musiker. Und Gott sei Dank sind sie alle voll ausgelastet und haben viel zu tun. Es ist jetzt nicht so, dass alle in euphorischer Begeisterung aufgesprungen sind, aber sie haben alle viel Interesse gezeigt. Es gibt aber auch gar nicht so viele Musiker, mit denen man in diese Richtung arbeiten kann. Die Beteiligten sind ja alle Jazzmusiker. Und die große Herausforderung bei diesem Projekt war ja, beim Spiel die Improvisationen wegzulassen. Die Stücke sind alle gemeinsam erarbeitet und eigentlich aus dem improvisatorischen Kontext entstanden. Wir haben aus diesen Entwürfen letztlich aber richtige Songs ohne irgendwelche Improvisationen gebastelt. Ich glaube, ich habe noch nie auf einem Album so wenig gespielt wie auf diesem. Ich spiele wirklich nur Melodien. Es wird auf diesem Album keine einzige Improvisation von mir zu hören sein. Bei den Elektronikern gibt es vielleicht zwei Stellen, an denen sie ein bisschen freier spielen. Sonst ist alles sehr gradlinig aufgebaut. Wir haben wirklich eher in Richtung eines Popalbums, denn eines Jazzalbums gedacht.

Ja, diese Geradlinigkeit sticht hörbar hervor.
Ja, genau das wollte ich auch. Das versuche ich aber in all meinen Projekten, auch in den Jazzprojekten. Ich setze meinen Fokus eigentlich immer auf Melodie, auf Atmosphären, auf leichte Verständlichkeit. Ich halte nichts von Musik, die künstlich verkompliziert wird, dass der Zuhörer sich dann noch über alle Maße anstrengen muss. Es ist aber auch immer eine Gratwanderung für mich. Auf der einen Seite will ich Musik machen, die mir Spaß macht, die mich fordert und weiterbringt, auf der anderen Seite aber auch eine, die ihr Publikum findet und die für jedermann auch leicht verständlich ist. Manchmal klappt so etwas besser, manchmal auch schlechter. Bei dieser Geschichte ist es, glaube ich, ganz gut aufgegangen.  Die große Herausforderung bestand, wie schon erwähnt,  darin, zu lernen sich bewusst zurückzunehmen und das Spiel in den Dienst der gemeinsamen Sache zu stellen.

Das heißt, du machst mehr Musik für die Seele, denn für den Kopf.
Das ist für mich das wichtigste Kriterium. Musik ist ein wunderbares Medium, das auch auf der ganzen Welt verstanden wird. Und der wichtigste Inhalt, den sie transportieren kann, ist die Emotion. Weil die einfach jeder spüren kann. Es ist zwar super, wenn ich alles schneller, lauter und höher spielen kann und das ist für fünf Minuten vielleicht auch sehr spannend, nur dann wird es irgendwann einmal auswechselbar. Wenn dagegen aber jemand authentisch und auf ehrliche Art Musik macht, dann ist das auch räumlich für einen jeden spürbar.
Ich beginne mich ja jetzt auch sehr viel mit persischer, arabischer und indischer Musik zu befassen. Vieles davon gefällt mir eigentlich gar nicht, aber es handelt sich hierbei um unglaublich authentische Musik. Die wird teilweise von Leuten gespielt, die ihr ganzes Leben ihrem Instrument und ihrer Musik gewidmet haben, ohne je den Anspruch erhoben zu haben, mit ihr reich und berühmt zu werden. Für sie geht es in reinster Form nur um die Musik. Und das hat natürlich eine ungemeine Kraft.

Bei uns hingegen ist es doch ein wenig anders. Man ergreift den Beruf schon aus dem Spaß an der Sache, aber letzten Endes will man doch auch von ihr leben. Und das verwässert die ganze Sache irgendwann dann doch. Man muss sich irgendwann entscheiden, welchen Weg man geht. Ich für mich habe eben versucht, einen Mittelweg zu finden, der, blickt man auf die letzten zehn Jahre, eigentlich ganz gut funktioniert hat.

Du bist ja ein Musiker, und das hört man besonders auch nun bei Cafe Drechsler, der eigentlich nicht vieler Mittel bedarf Stimmung und Atmosphäre zu erzeugen.
Ein perfektes Konzert für mich wäre ein solches, in dem nur ein Ton gespielt werden würde, ein solcher, der eigentlich  beinhaltet. Mehr braucht es eigentlich nicht. In Vorbereitung auf ein neues Projekt höre ich im Moment sehr viel indische Musik. Und ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig zum Teil in dieser gespielt wird und welchen Effekt dies aber hat. Klar, man muss diese Musik mögen und sich auf sie einlassen. Und es zerrt dann doch schon an den Nerven, wenn man merkt, wie wenig gespielt wird. Wir leben in einer solchen lauten Welt und sind gewohnt, dass mikrosekündlich irgendwelche Eindrücke auf uns einprasseln. Und dann hörst du diesen Minimalismus, diesen einen Ton und es macht Bumm und mehr nicht. Einen ähnlichen Ansatz hat auch Tord Gustavsen, ein begnadeter norwegischer Pianist, mit dem ich auch schon zusammengearbeitet habe. Auch er spielt eigentlich total wenig, drückt manchmal nur eine Taste und man hat das Gefühl, das ist mehr als genug.

Wieso hast du dich eigentlich dazu entschlossen, Cafe Drechsler wiederzubeleben?

Das ist ja das Projekt mit dem ich damals bekannt geworden bin. Zusammengespielt habe ich damals mit den Oliver Steger und Alexander Deutsch, was eine wirklich super Sache war. Ich habe die ganze Sache eben ein paar Jahre ruhen lassen. Und im vergangenen Frühjahr, als ich mich vermehrt mit Trip Hop und anderer Popmusik begonnen habe zu beschäftigen, habe ich mir gedacht, dass die Marke Cafe Drechsler eigentlich immer noch existiert und die Musik, die mir zu dieser Zeit  im Kopf herum geschwebt ist, ganz gut dazu passen könnte. Ich habe dann beim Walter Gröbchen von monkey music angeklopft und ihm gesagt, dass ich mit Cafe Drechsler eine Trip Hop Ähnliche Platte machen wollte. Er war sofort von der Idee begeistert, womit mir dann auch eine längere Entscheidungsphase  abgenommen wurde.

Also spielten irgendwelche nostalgischen Gründe keine Rolle?
Nein, ich wollte nicht dort anknüpfen, wo wir damals musikalisch gestanden sind. Vielmehr wollte ich wirklich mit einem wirklich neuen eigenen Stil starten.

Wie lange habt ihr für die neuen Nummern gebraucht?
Ich glaube, Anfang Juli 2012 haben wir zum ersten Mal miteinander geprobt und insgesamt waren es dann so 25 Probetermine, was uns vor eine ziemlich große Herausforderung gestellt hat. Bei fünf Leuten, die ebenfalls in vielen Projekten involviert sind, die Termine zu finden, an denen alle können, das war nicht so einfach. Vom Bauchgefühl her, hätte ich auch gerne noch einige Termine mehr zur Verfügung gehabt, weil es doch noch ein paar mehr Entwürfe gegeben hat, die ich noch gerne ein wenig weiter ausgearbeitet hätte aber was soll’s. Jetzt sind es insgesamt 14 Stücke und das reicht.

Du hast ja in der Vergangenheit viele Projekte am Laufen gehabt. Gehe ich recht in der Annahme, dass jenes an dem du gerade arbeitest auch das wichtigste ist?
Ja. Sicher. Es gibt Projekte, bei denen ich das Gefühl habe, dass das Format dieses ganz gut zu mir passt und ein solches krame ich beizeiten auch immer wieder hervor. Und auf der anderen Seite gibt es eben auch diese, bei denen ich nach zwei Jahren sage, jetzt ist es aus. Vielleicht weil ich mir zu Beginn etwas anderes erhofft habe oder weil es eben musikalisch an einen Endpunkt angelangt ist. Und wenn es nicht mehr sein soll, bin ich der Letzte der krampfhaft versucht, ein solches künstlich am Leben zu halten. Was ich in meinen doch bald 44 Jahren gelernt habe ist, dass je mehr man versucht etwas festzuhalten, desto weniger funktioniert es.

Macht es dir Freude, sich immer wieder neu zu erfinden und manche vor den Kopf zu stoßen?
Man kann es eigentlich nie allen recht machen. Und das strebe ich auch gar nicht an. Ich bin mit Café Drechsler bekannt geworden. Dann habe ich mit Tord Gustavsen dieses Album aufgenommen. Das war schon einmal eine 180 Grad Wendung bei der sich viele gefragt haben: „Was ist denn mit dem los?“. Jetzt werden wieder ein paar Leute fragen: „Was will er denn jetzt damit?“.  Die Parameter für ein jedes meiner Projekte sind immer dieselben. Ich versuche emotionale und gut verständliche Musik mit einem gewissen Qualitätsanspruch zu machen. Was dabei letzen Endes wirklich herauskommt? In diesem Punkt lasse ich mich immer wieder gerne neu inspirieren.

Ich bewundere ja Leute, die ihr ganzes Leben zum Beispiel unglaublich toll Bepop spielen. Ich kann das nicht. Vielleicht bin ich einfach nicht gut genug, wer weiß. Mein Weg ist eben, immer wieder etwas Neues auszuprobieren. Für mich ist in der Musik vor allem auch der Klang, der Ton ganz wichtig. Ich entdecke immer wieder spannende Klang- und Ton Kombinationen, bei denen ich mir denke, dass ich diese auch gerne probieren würde. Das war bei meinem Cello-Quartett-Projekt vor drei Jahren so, wie eben jetzt auch bei Café Drechsler. Ich will versuchen, meine Version eines Trip Hop/Elektronik-Sounds mit meinen Möglichkeiten auf die Bühne zu bringen. Eine, die zugleich authentisch, wie auch tanzbar klingt und auch dementsprechend ihr Publikum findet.

Danke für das Interview.

Cafe Drechsler live im Rahmen von WIEN*MUSIK
mit THE RUFF PACK + DJ Samir Köck
Freitag, 22.02., 22.30h, ROTE BAR / Volkstheater, Wien

 

http://www.ulrichdrechsler.com/