mica-Interview mit Irene Kepl und Gerald Resch (Musik im Raum)

Linz war 2009 Kulturhauptstadt. Doch was ist davon geblieben? Die Idee, die ohnehin in der oberösterreichischen Hauptstadt vorhandenen Energien zu bündeln, den Musik- und Kunstschaffenden Raum für Veranstaltungen und den Rahmen für einen lebendigen Diskurs zu liefern. Um dies in die Realität umzusetzen, gründeten die gebürtigen Linzer Irene Kepl und Gerald Resch den Verein “Musik im Raum”, der ab 28. Februar am jeweils letzten Donnerstag des Monats bei freiem Eintritt Konzerte an wechselnden Orten veranstaltet und den Austauschen unter KünstlerInnen sowie auch zwischen KünstlerInnen und Publikum fördern will. Wie das funktioniert, darüber sprachen die Initiatoren mit Doris Weberberger.

Ihr seid aus Linz, wohnt aber beide in Wien. Was hat euch dazu veranlasst, den Verein „Musik im Raum“ in Oberösterreich zu starten?

Gerald Resch: Derzeit ist ein sehr glücklicher Zeitpunkt, etwas Neues zu versuchen, weil in Oberösterreich gerade große strukturelle Maßnahmen gesetzt werden – im April wird das Landestheater eröffnet, die Bruckneruni bekommt einen sehr schönen Neubau, neuerdings gibt es die Musiksammlung des Landes Oberösterreich und eine Menge Signale vonseiten der Politik, das Land nicht zuletzt als Kulturland weiter zu etablieren und dabei die Musik, insbesondere die Neue Musik, zu bedenken.

Irene Kepl: Viele Leute wollten den Schwung von Linz als Kulturhauptstadt 2009 für neue Projekte mitnehmen. Ich habe sehr interessant gefunden, dass sich Linz so bewegen kann und diskutiert wurde, was man hier machen kann. Letztendlich haben Gerald und ich nun den Verein gegründet als Maßnahme, KünstlerInnen und MusikerInnen zusammenzufassen – das ist auch ein großes Interesse vonLand und der Stadt Linz.

Schwingt da ein sehr positives Resümee von Linz als Kulturhauptstadt mit?

G. R.: Bei Linz09 gab es ein eigenes Neue-Musik-Ensemble für die E-Musik-Veranstaltungen, die in diesem Rahmen stattgefunden haben; eine Gruppe von etwa zehn interessierten Musikschaffenden, die in Oberösterreich ansässig sind, haben das noch für einige Zeit weitergeführt. Heute spielt Linz09 glaube ich keine Rolle mehr.

I. K.: Die oberösterreichischen Kulturschaffenden haben sich von Linz09 nicht so gut vertreten gefühlt. Aus dieser Kritik heraus sind die Leute zusammengekommen und wollten etwas machen. Diese Kraft haben wir genutzt um zu schauen, ob auch von der Politik Unterstützung zu erwarten ist – und so hat sich alles sehr gut gefügt.

Insofern hatte der Protest positive Folgen?

G. R.: Als ich Anfang der 90er Jahre in Linz maturiert habe, wollte ich schon Komponist werden und hatte den Eindruck, dass es unglaublich schwierig ist, dort überhaupt bleiben zu können, weil die Strukturen dem gar nicht entgegengekommen sind. Ich unterrichte nun seit zehn Jahren an der Bruckneruni, bin deshalb einmal pro Woche dort und sehe schon, dass es einen Humus gibt an Leuten, die dort studieren und dort auch hängenbleiben, dort tätig sind. Es liegt nun an uns zu versuchen, das Vorhandene zu bündeln und etwas daraus entstehen zu lassen.

I. K.: Uns ist besonders wichtig, dass Musik im Raum nicht nur von Linzern für Linzer oder Oberösterreicher ist und dass sich Oberösterreich nicht als Insel selber bedient, sondern dass dieser Austausch auch mit KünstlerInnen von außerhalb passiert, vielleicht auch mit anderen Veranstaltungsstätten, mit anderen Künsten, so dass ein Diskurs stattfindet. Am 28. Februar wird das erste Konzert in der Tabakfabrik stattfinden und dann in weiterer Folge an jedem letzten Donnerstag des Monats an unterschiedlichen Orten im Großraum Linz. Wir haben geplant, dass nach den monatlichen Konzerten ein Fixpunkt installiert wird, z. B. ein reservierter Tisch in einem Gasthaus, wo Publikum und Ausführende zusammenkommen. Ein einfacher Versuch, der uns aber sehr wichtig ist.

Die künstlerische Ausrichtung des Vereins ist sowohl genre- als auch kunstspartenübergreifend. Wird es innerhalb dieser sehr offenen Grenzen wieder eine Fokussierung geben, oder hängt das vor allem davon ab, was eingereicht wird?

I. K.: Für dieses Jahr haben wir einige Projekte ausgewählt, bei denen Tanz und Bewegung eingebunden ist, wo Komposition und Improvisation miteinander liebäugeln. Wir wollten es offenhalten und schauen, was eingereicht wird.

G. R.: Wir verstehen uns als eine Plattform der Musikschaffenden in Oberösterreich und wollen deshalb künstlerisch kaum eingreifen. Deswegen ist die Struktur im Augenblick die, dass es eine wechselnde Jury aus drei Leuten gibt, davon eben auch eine externe Person, um zu gewährleisten, dass der Blick nicht allzu eng wird. Diese wechselnden Jurys machen jährlich eine Ausschreibung. Natürlich müssen wir, um den Subventionsgebern Rechnung zu tragen, vermerken, inwiefern ein Projekt einen gewissen Oberösterreich-Bezug hat usw., aber abgesehen davon sind die KünstlerInnen aufgerufen, ihre Vorschläge zu machen – die Jury wird dann anhand unterschiedlicher Prämissen eine Auswahl treffen. Dass ein gewisser Schwerpunkt auf spartenübergreifenden bzw. tanz- und performanceartigen Projekten liegt, kann im nächsten Jahr gern wieder so sein – oder es kommen ganz andere Anträge. Das liegt ganz an den Einreichungen, aber es ist gerade in Linz bzw. Oberösterreich schön, in den Nischen zu suchen.

Ihr geht also nicht von euch aus auf die KünstlerInnen zu, sondern wollt den KünstlerInnen die Möglichkeit geben, das zu machen, was sie gerne machen möchten?

I. K.: Es soll sich in viele verschiedene Richtungen weiter entwickeln können. Das kann auch ein spannendes Musikvermittlungsprojekt oder ein Workshop sein. Jetzt möchten wir mit den Konzerten den Start machen, und vielleicht in Kooperation mit der Bruckneruni, wo es einen sehr spannenden Lehrgang für Musikvermittlung, weiter darauf aufbauen.

G. R.: Es hängt letztendlich vom Engagement der KünstlerInnen ab, inwiefern sie diese Plattform nutzen und sich selbst einzubringen bereit sind. Die Utopie wäre, einen Humus zu sammeln und in Kooperation weiter zu kommen als jeder für sich allein. Unser Ziel wäre, dass es nach dem Anfang in Linz immer weitere Kreise zieht, gerne auch in den dezentraleren Raum überschwappt. Sehr gut könnte ich mir vorstellen, mit dem Festival der Regionen zu kooperieren, es gibt eine wunderbare Musikinstrumentensammlung in Kremsegg, wo alle Tasteninstrumente des Raums gleichzeitig bespielen könnte usw. Letztlich ist es wiederum die Aufgabe der KünstlerInnen, sich solche Möglichkeiten auszudenken und uns durch Einreichungen auf Ideen zu bringen, wo man Veranstaltungen machen könnte.

Habt ihr als neuer Verein eine spezielle Strategie, Publikum zu erreichen?

G. R.: Ich glaube sehr an einen niederschwelligen Zugang, unsere Konzerte werden bei freiem Eintritt sein, da wir uns durch Subventionen finanzieren und das letztlich auch an den einzelnen Konzertbesucher weitergeben möchten. Ich denke auch, dass es uns gelingen sollte, Angst zu nehmen und mit einem entsprechend unkomplizierten Ritual des Konzertablaufs bin ich ganz zuversichtlich, dass wir uns ein Publikum aufbauen können – gerade bei Leuten, die auch ein bisschen offener sind. Linz mit seiner Tradition als Arbeiterstadt hat sich erst in den letzten Jahrzehnten zu wandeln begonnen – hin zu einer bürgerlichen Stadt ohne Bürgertum. Das denke ich, kann auch für die Publikumsstruktur ganz interessante Ergebnisse zeitigen.

I. K.: Ziel ist, eine interessante Austauschplattform zu werden, bei der sich Leute aus der bildenden Kunst, der Literatur mit KomponistInnen und MusikerInnen treffen. Gleichzeitig versuchen wir, für das Publikum Nähe mit den KünstlerInnen herzustellen – mit einer Begrüßung am Anfang des Konzertes und der Einladung, dass man anschließend in Diskurs mit den Ausübenden treten kann. Beim ersten Konzert in der Tabakfabrik am 28.2. in der Tabakfabrik, wo auf Installationen musiziert wird, werden Getränke ausgeschenkt, um das Publikum einzuladen, dazubleiben.

Inwiefern spielen bei eurer Initiative die Konnotationen mit den einzelnen Räumen eine Rolle?

G. R.: Musik im Raum ist auch ein Programm, das die Flexibilisierung der Räume betreibt und sehr projektbezogen den passenden Raum auswählt, zumal viele Künstler sehr positiv darauf ansprechen, ein Projekt für eine spezifische Architektur entwickeln zu können. Auch die Stadt neu kennen zu lernen und hörend neu zu erfahren, Räume durch das akustische Erlebnis zu überschreiben, neu zu konnotieren, ist ein Aspekt in unserer Arbeit. Bei einer Diskussion haben mir junge Konzertbesucher zugesichert, dass es für sie sehr wichtig ist, Konzerte auch an Orten stattfinden zu lassen, die nicht automatisch damit assoziiert werden, dass dort Konzerte stattfinden. Auch wenn das für mich anders ist, darf man nicht unterschätzen, wie fest Vorbehalte gegenüber gewissen Räumlichkeiten sind.  Man muss nicht nur mit der unmittelbar architektonischen, sondern auch mit der sozialen Aura eines Ortes operieren. Gerade die Tabakfabrik für unsere Eröffnung 28.2. ist ein hochinteressanter Raum, weil er eine Geschichte hat, die jetzt durch ein neues Team zum Teil abgeschüttelt werden soll und diese alten Ideologien neu besetzt werden sollen – eine Fabrik, in der sich die Arbeiter wohlfühlen, in der der Mensch ernstgenommen wird. Das sind schöne Voraussetzungen, um etwas entstehen zu lassen.

http://www.musikimraum.at/