Bild Leonhard Skorupa
Leonhard Skorupa (c) Theresa Pewal

„Ich bin meiner Musik gegenüber schon sehr kritisch“ – LEONHARD SKORUPA im mica-Interview

WOODY BLACK 4, SKETCHBOOK QUARTET bzw. ORCHESTRA, ZNAP: Der Saxofonist und Klarinettist LEONHARD SKORUPA zählt – blickt man auf die Vielzahl seiner Projekte – definitiv zu den meistbeschäftigten Kreativköpfen der heimischen Jazzszene. Aktuell ist der Wiener verantwortlich für die Zusammenstellung und Präsentation der „P&B Stagebands“. Wie er dazu gekommen ist, was ihm am Jazz wirklich fehlt und wovon er sich inspirieren lässt, erzählte er Michael Ternai im Interview. 

Dir ist die Ehre zuteilgeworden, in dieser Saison im Porgy & Bess die Stagebands zusammenzustellen und verschiedene deiner Projekte vorzustellen. Einige Konzerte hast du schon gespielt, einige stehen noch bevor. Wie bist du dazu gekommen? Was bedeutet es für dich? 

Leonhard Skorupa: Für mich ist es schon eine geniale Spielwiese, diese Carte blanche zu haben. Es ist ein super Experimentierfeld in einem wunderbaren Ambiente, in einem wunderbaren Club. Und man kann schon sagen, dass es eine Ehre ist, diese Saison mit Sachen, die mir Spaß machen, zu bespielen. Wie ich dazu gekommen bin? Ich habe in den letzten Jahren schon mit verschiedenen Bands und Projekten im Porgy gespielt und nach dem Konzert mit dem Sketchbook Orchestra anlässlich meines Debüts für große Besetzung Christoph Huber gefragt, ob da nicht etwas möglich ist, und er hat mir eben diesen Spot angeboten.

Welche Projekte hast du schon vorgestellt bzw. wirst du noch vorstellen?

Leonhard Skorupa: Ich habe mir zum Ziel gesetzt, jeden Monat ein anderes Programm zu schreiben, das unter einem spezifischen Schwerpunkt steht, und auch die Möglichkeit zu nutzen, internationale Gäste einzuladen. Eröffnet habe ich die Stageband-Saison im September mit dem amerikanischen Saxofonisten Michael Moore und einem handverlesenen Oktett aus in Österreich lebenden Musikerinnen und Musikern. Im Oktober folgte ein Konzert des Ensemble Kuhle Wampe, einer Formation, die ich mit Tobias Vedovelli und Michael Tiefenbacher ins Leben gerufen habe. Im Dezember habe ich mein Trio Znap erweitert und das erste Streaming Konzert ohne Publikum gespielt.
“Kosmos Jonke” hieß das im Jänner uraufgeführte Programm, das ich gemeinsam mit der österreichischen Schauspielerin Maria Hofstätter gestaltete. Tenor des Abends war die künstlerische Auseinandersetzung mit ausgewählten Werken des Kärntner Lyrikers und Dramatikers Gert Jonke. Im Februar bin ich mit dem 14-köpfigen Sketchbook Orchestra aufgetreten.
Die sechste Ausgabe der Porgy&Bess Stageband findet am 20. April statt – diesmal wieder mit einem internationalem Gast. Ich freue mich schon darauf, Matthias Muche, den frisch gebackenen WDR Jazzpreisträger i.d. Kategorie „Improvisation“, in Wien begrüßen zu dürfen und gemeinsam mit einem fantastischen Oktett speziell für diesen Anlass geschriebene Musik zu spielen.

„Es hat mich also eigentlich immer schon, auch aufgrund der Instrumentenwahl, in die Jazz- und Popularabteilung hingezogen.“

Du warst in den letzten Jahren mit vielen Projekten unterwegs und bist in der Welt viel umhergekommen. Wie sieht dein Werdegang aus? War es für dich immer klar, dass du Jazzmusiker wirst?

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Leonhard Skorupa (c) Theresa Pewal

Leonhard Skorupa: Mir hat das Saxofonspielen schon immer großen Spaß gemacht und es hat mich eigentlich immer schon, auch aufgrund der Instrumentenwahl, in die Jazz- und Popularrichtung hingezogen. Irgendwann habe ich mir dann gedacht, wenn mir das Musizieren schon so viel Freude bereitet, warum sollte ich das nicht auch beruflich machen. Parallel zur Schule habe ich dann auch das Jazzkonservatorium besucht. Anschließend kam dann eine Phase, in der ich das Saxofon kurz einmal in die Ecke gestellt habe. Schließlich hat es mich aber wieder gepackt und ich bin auf die Musikuni gekommen. Und ich denke, dass mir das sehr gut getan hat, weil es dort einen ziemlich freien Approach gibt und einem in der Entwicklung des eigenen künstlerischen Profils viel Platz gelassen wird.

Deine Projekte haben eines gemeinsam: Stilistisch sind sie sehr offen. Inwieweit hast du dich in deinen Projekten vom klassischen Jazz verabschiedet? 

Leonhard Skorupa: Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich mich von diesem allzu sehr verabschiedet habe. Gleichzeitig würde ich mich jetzt aber auch nicht als Dogmatiker sehen, der in engen Genregrenzen denkt. Ich bin – eben auch durch meine Ausbildung –mit Jazz sozialisiert worden. Das hat mich natürlich sehr geprägt, auch weil ich dort das Handwerkszeug mitbekommen habe. Es lässt sich aber durchaus auch die Frage stellen, wie man denn “Jazz” heutzutage eigentlich definiert.

Aus welchen Richtungen kommen deine musikalischen Einflüsse eigentlich? Und wie sehr beeinflussen sie deinen Stil? 

Leonhard Skorupa: Ich hatte und habe immer wieder gewisse intensive Hörphasen. Zudem sind meine Hörgewohnheiten ziemlich eklektisch. Ich habe von zu Hause von meinen Eltern sicher viel Klassik mitbekommen, auch zeitgenössische Klassik à la Schostakowitsch und Ligeti. Steve Reich und seine Minimal Music haben es mir auch angetan. Auf der anderen Seite haben Clubkultur und elektronischen Musik durchaus immer eine Rolle gespielt. Das ist einfach die Musik meiner Generation. Ich arbeite sehr intensiv daran, meine eigene musikalische Sprache weiterzuentwickeln und ich glaube, man hört das auch in meinen Projekten heraus. Prinzipiell genieße ich es, wenn ich als Zuhörer in Konzerten überrascht werde und genau dieses Momentum der Überraschung versuche ich auch oft im Kompositionsprozess einfließen zu lassen.

Du komponierst viel für deine verschiedenen Projekte. Wie wichtig ist es für dich, deinen Mitmusikerinnen und -musikern Raum zur Entfaltung zu lassen?

Leonhard Skorupa: Ja definitiv! Ich schreibe gerne für Leute, die ich kenne, und versuche einerseits Stücke zu konzipieren, die meinen Mitmusikerinnen und -musikern auf den Leib geschneidert sind und sie sich improvisatorisch bestmöglich verwirklichen können und wohlfühlen. Andererseits ist es manchmal auch erfrischend das Ensemble ins kalte Wasser zu stürzen, neue Konzepte auszuprobieren und die Erwartungshaltungen – auch seine eigenen! – zu brechen. Es kommt aber schon auch auf die Musik und die Konstellation, in der man sich bewegt, an. Beim (Bass)klarinettenquartett Woody Black 4 sind die Scores– da es ja nur vier Stimmen gibt – schon ziemlich durchkomponiert. Natürlich sind da auch Solos und freie Parts möglich, aber im Grunde genommen ist bei dieser Band sehr viel ausgeschrieben. Bei den vergangenen Stageband-Konzerten dagegen habe ich bewusst versucht, einerseits eine gute, auch zum Teil durchkomponierte Struktur vorzugeben, auf der anderen Seite aber auch Konzepte ausgetüftelt, um allen Mitwirkenden möglichst große Bewegungsfreiheit zu geben.

Auch wenn es zu beurteilen vielleicht etwas schwerfällt, aber misst du bestimmten deiner Projekte mehr Bedeutung zu als anderen? 

Leonhard Skorupa: Auch hier läuft alles irgendwie in Phasen ab. Natürlich haben die Programme der Stageband-Serie in dieser Saison Priorität. Ich habe aber auch für das Sketchbook Quartet unlängst ein neues Programm geschrieben. Auch das Ensemble Kuhle Wampe genießt, weil es eben ein neues und – wie ich finde – sehr cooles Projekt ist, im Moment eine besondere Stellung. Das Trio Znap ist gerade im Endspurt einer Albumproduktion. Hier fällt gerade in erster Linie organisatorische Arbeit an. Nicht zuletzt deshalb, da das Album auf dem vor Kurzem ins Leben gerufenen Label Waschsalon Records erscheint.

Du hast vorher das Ensemble Kuhle Wampe erwähnt, mit der du auch Politisches zum Inhalt machst. Wie wichtig ist es für dich, deine Projekte auch mit einer politischen Message zu verbinden?

Leonhard Skorupa: Mir war es immer schon wichtig Kritik am Kultur- und Gesellschaftsleben in meiner künstlerischen Praxis zu formulieren, respektive zu verarbeiten und das Publikum bzw. die Öffentlichkeit damit zu konfrontieren. Und ich habe das jetzt mit dem Ensemble Kuhle Wampe quasi auch intensiviert. Das Ziel dieser Band ist die künstlerische Auseinandersetzung von Politik und Gesellschaft. Wir setzen politische Inhalte bewusst in einen künstlerischen Kontext, einerseits mit Samples, andererseits mit Stimme – wir konnten den Sprecher und Improvisationsmusiker Christian Rainer für dieses Projekt gewinnen. Was mir bei der zeitgenössischen Praxis im Genre des Jazz ein bisschen abgeht, ist, dass es kaum mehr als politisches Sprachrohr der Gegenkultur genutzt wird, wobei man auch fairerweise sagen muss, dass das in anderen Genres, wie etwa im Pop, auch nicht viel anders ist.

Wie hat Corona dich persönlich und deine Projekte eigentlich betroffen? 

Leonhard Skorupa: Schon sehr. Mit dem Sketchbook Quartet hätten wir eine große Nordamerika-Tour gespielt und waren international sonst auch gut gebucht. Ein paar Konzerte werden vielleicht nachgeholt, aber generell ist da schon viel weggefallen. Mit Znap, wäre eine Tour durch Deutschland und Österreich auf dem Programm gestanden. In diese Tour haben wir wirklich viel Arbeit reingesteckt. Aber auch die ist ins Wasser gefallen. Was soll man sagen, natürlich ist das alles nervig. Positiv hervorheben kann ich eigentlich nur, dass das Porgy&Bess als eine der wenigen Institutionen trotz Kulturlockdown die Jazzszene mit täglichen Livestream-Konzerten in fantastischer Qualität am Leben erhält. Das Hauptproblem für Menschen, die im Kunst und Kulturfeld arbeiten, ist, denke ich, dass man im Moment überhaupt keine Planungssicherheit hat. Und das wird sich voraussichtlich auch nicht so schnell ändern.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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