„Ich mag Musik, die mir gute Energie gibt.“ – RAPHAEL KRENN im mica-Interview

Man kennt Raphael Krenn vor allem aus seiner Zusammenarbeit mit der Popkünstlerin RAHEL. Mit seinem Solodebüt „Wenn Fische singen“ zeigt er nun eine andere Seite: reduziert, introspektiv und klanglich offen. Zwischen Folk, Jazz, Ambient und dezentem Pop entfaltet er auf Akustik- und E-Gitarre Musik von zurückhaltender Intensität. Ein Album zum Versinken – getragen von klaren Melodien, feinen Harmonien und einem Sound, der gerade in seiner Schlichtheit unmittelbar berührt. Im Interview mit Michael Ternai spricht der Musiker über seine Entscheidung, ein instrumentales Gitarrenalbum zu realisieren, über den prägenden Einfluss der Klassik auf sein Schaffen und über seinen Anspruch, mit Klängen der Dichtung so nahe wie möglich zu kommen.

Du arbeitest ja vorwiegend mit Rahel zusammen und bist musikalisch eher im Popsegment unterwegs. Nun hast du ein Soloalbum herausgebracht – und das ist im Grunde etwas ganz anderes als das, was du in den letzten Jahren gemacht hast. Es ist ein instrumentales Gitarrenalbum. Warum?

Raphael Krenn: Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, Gitarre zu spielen, und war eigentlich von Anfang an sehr begeistert von der Gitarre als Solo-Instrument. Ziemlich schnell bin ich bei Heavy-Metal-Spielarten gelandet, da war ich total drin. Später habe ich an der MUK in Wien Jazzgitarre studiert und parallel immer in Bands gespielt.

Mit zwölf oder dreizehn habe ich außerdem auf dem billigen Keyboard, das wir zu Hause hatten, begonnen, ein bisschen Beats zu programmieren – das hat mir genauso viel Spaß gemacht. Das heißt, beim eigenen Musikmachen gab es für mich eigentlich immer schon zwei Schienen: dieses Basteln, Produzieren und Aufnehmen auf der einen Seite und die Gitarre als Instrument auf der anderen.

Im Studium hat sich dann aber für mich recht klar herauskristallisiert, dass ich kein Jazzgitarrist werde. Dann bin ich Rahel begegnet und sehr tief ins gemeinsame Songwriting und produzieren eingetaucht, habe die Gitarre ziemlich zur Seite gelegt. Natürlich habe ich zwischendurch gespielt, aber nicht mit dem Anspruch, mich selbst herauszufordern.

Warum ich mich dann wieder intensiver der Gitarre gewidmet habe, ist wahrscheinlich eine Kombination aus mehreren Dingen. Lange Zeit habe ich den Sinn darin nicht gesehen, solistisch Gitarre zu spielen – ich habe mir gedacht: Wer braucht das? Mittlerweile habe ich aber das nötige Selbstvertrauen. Ich glaube, das hat auch mit dem Älterwerden zu tun. Ich bin vor zwei Jahren Vater geworden, und das hat dazu geführt, dass ich mich mit meiner Persönlichkeit insgesamt wohler fühle.

Es ist interessant, dass du sagst: Wer braucht das überhaupt? Das Album wirkt tatsächlich ein wenig aus der Zeit gefallen. Es steht für eine Art von Musik, die stark mit den 1980er-Jahren verbunden ist, als große Gitarristen reihenweise Soloalben veröffentlicht haben. In dieser Form passiert das heute kaum noch – vielleicht mit Ausnahme des Jazz.

Raphael Krenn: Ja, genau. Ich habe auch das Gefühl, dass es da momentan eine Lücke gibt, bzw. instrumentale Musik, die nicht gerade staatlich subventioniert bei den Salzburger Festspielen aufgeführt wird, meistens eher nur kleinere Nischen für sich beansprucht.

Im Jazz passiert viel Interessantes, vor allem auf der Gitarre, aber davon dringt wenig nach außen. Es gibt da wahrscheinlich viele Faktoren. Einer davon ist glaube ich, dass innerhalb der Szene nur wenige Bemühungen gemacht werden, die Musik in ihrer Komplexität und auch die Erzählung um die Musik herum für die Mehrheit der Leute zugänglich zu machen. Ob das Absicht ist oder nicht, ich finde es jedenfalls sehr schade.

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Die Fingerstyle Musik kann das für mich schon ein bisschen besser, da gibt es auch viel Nischiges, aber auch Leute wie z.B. Tommy Emmanuel, der viel Unterhaltungswert in seinen Shows mitbringt und damit große Säle füllt.

Und wir haben in Österreich mit Peter Ratzenbeck eine echte Legende. Die Generation, die circa zwischen 1950 und 1970 geboren ist, so empfinde ich das, ist viel empfänglicher für instrumentale Akustik-Gitarrenmusik als meine Generation. Da sehe ich viel Aufholbedarf und Potential.

Du hast gerade mit Komplexität ein Stichwort gegeben. Das scheint für dich ein Antrieb zu sein. Es geht dir nicht darum, zu zeigen, wie gut du Gitarre spielen kannst, sondern du stellst wirklich die Stücke und die Musik in den Vordergrund.

Raphael Krenn: Ich hoffe, dass das jeder vernünftige Kunstschaffende so angehen würde. Ja, natürlich steht bei mir die Musik im Vordergrund. Keine Frage – mir muss es gefallen, wenn ich es mir anhöre. Ich muss nicht zeigen, dass ich super spielen kann. Wozu auch? Klar, ich kann ordentlich Gitarre spielen, aber es gibt so viele Menschen, die deutlich besser sind. Das, was ich technisch kann, ist für sich genommen gar nicht interessant.

Naja, aber das Interessante daran ist, dass du wirklich die Musikalität und die Melodien in den Vordergrund stellst. Es ist wirklich ein schönes Album. Ich kenne keine Stücke, die zu technisch wirken oder in eine reine Technik-Schiene abdriften – stattdessen steht stets das Hörerlebnis im Mittelpunkt.

Raphael Krenn: Es ist hoffentlich kein gitarristisches Album. Ich verwende wenige ausgefallenen Spieltechniken. Die Stücke sind eher wie ganz einfache Klavierstücke. Nur: Was man am Klavier vielleicht nach einem Jahr spielen kann, braucht auf der Gitarre oft zehn.

Albumcover Wenn Fische Singen
Albumcover “Wenn Fische Singen” © Matthias Richard Ramsey

Das Album ist auch deshalb ein wenig aus der Zeit gefallen, weil es so versöhnlich und friedlich klingt. Es ist nicht wirklich der Soundtrack unserer aktuellen Zeit.

Raphael Krenn: Radiohead ist eine meiner Lieblingsbands, und Thom Yorke muss sich angeblich auch immer wieder anhören, dass Radiohead deprimierende Musik machen. Er selbst empfindet das überhaupt nicht so – für ihn hat diese Musik immer etwas Kathartisches, etwas Heilendes.

Ich wüsste auch nicht, wann ich in meinem Leben jemals deprimierende Musik gehört hätte. Ich mag Musik, die mir gute Energie gibt. Und selbst Musik, die vermeintlich traurig oder dunkel klingt, gibt mir im besten Fall gute Gefühle.

Mir ist sogar aufgefallen, dass ich keine einzige Komposition in Moll habe. Ich sage zwar immer, dass ich irgendwann einmal etwas in Moll schreiben werde, aber ich schaffe es einfach nicht.

Was diese liebliche und verspielte Seite von mir betrifft, hat es allerdings ein bisschen gedauert, bis ich dazu stehen konnte. Die neuen Dinge, an denen ich gerade arbeite, gehen sogar noch stärker in diese leichtfüßige, ganz sanfte Richtung.

Was dient dir als Inspiration?

Raphael Krenn: Meine größte musikalische Inspiration ist auf jeden Fall Pat Metheny. Er macht hochkomplexe Musik für ein breites Publikum.

Inspiration kommt bei mir aber wirklich aus fast jedem Musikstil. Joni Mitchell, Nirvana, Simon&Garfunkel, Taylor Swift, die Liste ist endlos. Sehr inspirierend ist für mich außerdem Rahel, besonders dann, wenn wir gemeinsam Zeit im Studio verbringen.

Interessant ist, dass ich eigentlich gar nicht viele Gitarristen als Vorbilder habe und eigentlich eher wenig Inspiration von Gitarristen ziehe. Dagegen habe ich in den Letzten Jahren Schubert für mich entdeckt.

Bild des Musikers Raphael Krenn
Raphael Krenn © Rea Von Vic

Jetzt, wo du Schubert erwähnst: Ich finde, man hört auch gewisse klassische Elemente durch.

Raphael Krenn: Also, ich bin kein Klassikgitarrist. Ich habe nie ordentlich klassische Gitarre gelernt. Ich kann es ein bisschen, aber ich hatte nie wirklich klassischen Gitarrenunterricht. Außerdem bin ich ein ziemlich schlechter Blattleser. Natürlich kann ich Noten und Akkordsymbole lesen, aber schnell vom Blatt spielen ist nicht so mein Ding.

Ich habe als Jugendlicher auch nie Stücke von Johann Sebastian Bach oder Ähnliches gespielt. In den letzten Jahren habe ich aber tatsächlich viel Bach gehört – und auch Franz Schubert. Das ist einfach zum Sterben schön.

Du hast auch erwähnt, dass du ein Fan von Liedern bist. Warum ist es dann trotzdem ein Instrumentalalbum geworden?

Raphael Krenn: Genau das ist für mich das Spannende – diese Schnittstelle. Ich kann nicht wirklich singen, und ich bin auch kein Texter. Ich drücke mich in der Musik nicht über Worte aus. Ich habe mir die Frage gestellt: Wie kann man, wenn man allein mit der Gitarre dasitzt, trotzdem das Gefühl vermitteln, dass da etwas erzählt wird? Mein Anspruch ist, mit Klängen so nah wie möglich an Dichtung heranzukommen.

Als ich Ende November mein EP-Release-Konzert im Atelier des Malers Matthias Ramsey gespielt habe, der auch mein Albumcover gemalt hat, war es unglaublich schön, allein mit der Gitarre vor den Menschen zu sitzen und für sie zu spielen. Die Leute hängen einem förmlich an den Lippen – oder besser gesagt an den Saiten. Ob es ihnen gefällt oder nicht, sie trauen sich zumindest nicht, dazwischen etwas zu sagen, weil es so still ist.

Diese Intimität – wenn dir jemand etwas sehr Persönliches erzählt – wie lässt sich das auf ein Instrument übertragen? Das wäre für mich das ultimative Ziel, und die Gitarre mit ihrem intimen Charme mein Transportmittel.

Inwieweit ist Musik für dich ein Rückzug aus dieser grauen Welt?

Raphael Krenn: Das habe ich mich selbst schon oft gefragt. Ich mache Musik, seit ich zwölf bin, und sie steht seither im Zentrum meines Lebens. Deshalb kann ich sie nicht wirklich als Rückzug bezeichnen – sie ist viel zu eng mit allem verwoben, was ich sonst mache.

Was ich aber schon sagen kann: Als ich mit zwölf wirklich begonnen habe – davor habe ich ein bisschen Klavier gespielt –, war Musik zunächst etwas sehr Persönliches. Es ging stark um Identität und um Abgrenzung auf der einen, Zugehörigkeit auf der anderen Seite. Eigentlich wollte ich malen, habe dann aber im bildnerischen Unterricht am musischen Gymnasium bemerkt, dass es da Kolleg*innen gab, die das einfach besser konnten: Bei der Gitarre war das anders. Da habe ich plötzlich gemerkt: Wow, da mache ich wirklich schnelle Fortschritte. In diesem Sinn ist Musik keine Flucht, aber eine Welt, die mich umgibt, die mir gehört.    

Aber inwieweit ist es dann für dich trotzdem ganz anders, für eine Band zu schreiben.

Raphael Krenn: Der Benediktinermönch, David Steindl-Rast hat dazu ein paar sehr interessante Gedanken: Wenn Menschen in einen Flow-Zustand kommen, fühlen sie sich oft so, als würden sie ferngesteuert. Es passiert einfach von selbst.

Verantwortlich dafür ist das “Selbst”. Das Selbst hat keine Mehrzahl. So etwas wie die Seele. Es gibt Seelen – jede:r hat eine –, aber dieses Selbst ist etwas anderes. Man kennt dieses Gefühl, wenn man auf etwas stolz ist und sagt: Das habe wirklich ich SELBST gemacht.

Ich glaube, dieses Selbst steht uns allen zur Verfügung. Egal, ob ich mit Rahel im Studio bin oder alleine Gitarre spiele – es muss irgendwie anwesend sein. Wenn es das nicht ist, dann ist zu viel vom Ich da. Dann ist alles erdacht, konstruiert und krampfhaft.

Im Grunde unterscheidet sich also das Arbeiten alleine vom Arbeiten im Team überhaupt nicht. Es geht immer um dasselbe: darum, dass Inspiration, oder eben das Selbst, anwesend sind. Man kann es göttlich nennen, aber das führt schnell zu großen Missverständnissen. Aber da ist etwas.

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Manchmal sagt man über Musik: Das ist cool, aber irgendwie hat es keine Seele. Ich glaube, das ist genau dann der Fall, wenn sie zu sehr aus dem Ich heraus entstanden ist – wenn man versucht hat, etwas zu bauen, statt sich führen zu lassen. Oder von irgendetwas anderem – das ist letztlich das, was man Flow nennt. Dieses Gefühl, geführt zu werden. Das passiert von selbst.

Natürlich wiederholt sich das alles. Die Stilelemente sind andere: Bei Rahel sitze ich eher mit der E-Gitarre, vielleicht mit Verzerrer, manchmal am Klavier oder am Glockenspiel. Was auch immer gerade passt.

Über Stil wird gerne gesprochen. Viel schwieriger ist es, über das zu reden, worum es eigentlich geht. Man merkt ja auch, wie schwer es ist, dafür Worte zu finden. Die Stilelemente sind unterschiedlich, darüber redet man viel – aber im Kern ist es genau das Gleiche.

Zum Abschluss: Inwieweit ist dieses Soloalbum der Beginn einer Geschichte – oder handelt es sich um ein einmaliges Ereignis?

Raphael Krenn: Nein, es ist ganz klar ein Beginn. Ich habe gerade erst angefangen. So wie ich mir damals mit Rahel sicher war, dass wir am Anfang von etwas stehen, als wir die ersten Songs gemacht haben, habe ich auch hier das Gefühl: Das fängt gerade erst an. Und ich möchte dabeibleiben.

Ich habe wenig Interesse daran, in zwanzig Projekten nur halb involviert zu sein. Mich interessieren ausgewählte Dinge, und dort gebe ich dann wirklich alles. Das ist es, was mich reizt.

Es wird also wieder ein Album geben?

Raphael Krenn: Ja, sehr bald sogar. Ganz sicher. Es ist bereits in Arbeit.

Vielen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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