„EIN GAR NICHT SO KLEINER TEIL DES ALBUMS IST MEIN KÜHLSCHRANK“ – JAKOB VASAK AKA „WINDTAL“ IM MICA-INTERVIEW

Unter dem Namen WINDTAL veröffentlicht der junge Musiker und Komponist JAKOB VASAK mit „Second Connection“ ein spannungsreiches Album zwischen Ambient, Minimal, Jazz und Field Recordings. Die dabei entstandenen Soundscapes bringen dabei nicht nur gleichsam „die Natur“ zum Klingen, sondern transformieren ebenso natürliche Klangräume (z.B. Wälder) zu sonischen Architekturen zwischen äußerster Intimität und extremster Verfremdung. Für mica hat sich Didi Neidhart mit JAKOB VASAK zum Interview getroffen.

Was bedeutet der Album-Titel „Second Connection“?

Jakob Vasak: Es geht um eine direkte, unmittelbare Verbindung zwischen der Umwelt und einem selbst, die nicht – wie normalerweise – von Gedanken, Wörtern und Konzepten, in denen man sich oft verlieren oder die man mit der Realität verwechseln kann, geprägt ist. Sie kann eine Pforte sein, um den eigenen Habitus zu überwinden. Meiner Erfahrung nach öffnen sich einige Türen zu sehr spannenden Empfindungen, wenn man aufhört, Dinge zu benennen und einzuordnen und sich stattdessen auf das Experiment einlässt, direkt und unvermittelt zu spüren. Vertraut man auf diese Empfindungen, fühlt es sich an, als würde man dadurch eine neue Realität schaffen.

Hierbei geht es ja auch um Introspektion, ums Innehalten und um „die persönliche innere Welt des Künstlers“, wie es der Promo-Text formuliert. Jetzt muss hier aber auch die naheliegende Frage gestellt werden, ob das alles ohne Corona auch so der Fall gewesen wäre, oder die Musik dann anders klingen würde.

Jakob Vasak: Auf die eine oder andere Art würde das Album ohne Corona ganz sicher anders klingen. Allerdings ist dieser Prozess des nach Innen-Schauens für mich nicht unbedingt mit Isolation oder Einsamkeit verbunden. Gerade auch im zwischenmenschlichen Konflikt kommen viele Dinge an die Oberfläche. Auf eine ganz andere Art kann die Introspektion auch unter Menschen sehr spannend sein, wenn man sich ganz plötzlich entschließt, nur noch von außen zuzuhören und zu beobachten. Sicherlich hat mich die Pandemie noch etwas besser zuhören lassen und mir enormes Vertrauen in meine Gefühle geschenkt. Ich habe in den letzten zwei Jahren einige sehr persönliche und intensive Erfahrungen gemacht, die das Album maßgeblich beeinflusst haben. Da war vor allem auch meine persönliche Beziehung zu Trauer und zur Liebe ein großes Thema. Ich weiß gar nicht, ob andere das so hören, aber das ist durchaus ein großer Teil des Ganzen.

„Mir ist die Herkunft der Sounds, mit denen ich arbeite, sehr wichtig.“

Geht so eine Innenschau überhaupt ohne ein Außen?

Jakob Vasak: Nein, das Umfeld ist natürlich extrem wichtig. Gerade beim Arbeiten an diesem Album musste ich für mich immer wieder ein Umfeld schaffen, in dem ich diese „Second Connection“ auch spüren konnte. Es war mitunter gar nicht so einfach herauszufinden, wie ich dort hinkomme, und teilweise war ich über Wochen hinweg eher mit dem Umfeld beschäftigt als mit der Musik. Das Innen und das Außen sind ja ein Wechselspiel. Das eine geht ohne dem andern nicht. Und was man im Album am Ende hört, ist, was das Innere mit dem Äußeren gemacht hat und umgekehrt.

Wie wichtig sind für deine Arbeiten Field Recordings und wo nimmst du solche am liebsten auf?

Jakob Vasak: Mir ist die Herkunft der Sounds, mit denen ich arbeite, sehr wichtig. Ich verwende auch eigentlich nie Samples, sondern nur eigene Aufnahmen, weil mir die emotionale Verbindung und auch die Einzigartigkeit sehr wichtig sind. Ich bin sozusagen gerne bei der Geburt der Klänge dabei. Wenn ich den Sound dann im Stück höre, schwingt noch das Gefühl und die Idee, die ich beim Aufnehmen hatte, mit. Wo genau ich die Sounds aufnehme, ist tatsächlich gar nicht so wichtig. Bei „Wood“ hört man z.B. einen Klarinettenspieler am Donaukanal. Viele andere Sounds stammen aus der Natur oder einfach aus meiner Wohnung. Ein gar nicht so kleiner Teil des Albums ist mein Kühlschrank.

Der Wald (bzw. die Natur) scheint mit für dich ein nicht unwichtiger Klangraum zu sein. Aber was fasziniert hierbei eigentlich? Die Geräusche (also das, was erklingt), oder der Wald als Schallraum (also wie all das klingt)?

Jakob Vasak: Die Natur und der Wald sind für mich vor allem Energiequellen, die einen wichtigen Ausgleich zum Alltag bieten. Ich bin direkt am Waldrand in Mödling bei Wien aufgewachsen, was mich sicherlich sehr geprägt hat. Ich denke musikalisch geht es mir darum, das Gefühl, das ich habe, wenn ich im Wald bin, wiederzugeben. Das passiert eben einerseits mit einer assoziativen Klangwelt, die sich den Geräuschen im Wald bedient – also viel Holz, aber auch Knacken, Plätschern, Rascheln oder Zwitschern, Dinge, die man eigentlich nicht hören kann, wie z.B. wie ein Baum von innen klingen würde oder das Atmen des Waldes. Andererseits geht es aber auch darum, die Atmosphäre einzufangen und das hörbar zu machen, was ich dort fühle. Die Ausgeglichenheit, Ruhe und Freude oder die Neugier, mit der ich nach einem Reh Ausschau halte, das wahrscheinlich gar nicht da ist. Teilweise geht es auch um Fantasievorstellungen, wie zum Beispiel, auf den Baumkronen herumzulaufen oder sich vom Wind durch die Hügel tragen zu lassen. Solche Gedankenspiele machen mir großen Spaß.

Wie wichtig ist für dich das Arbeiten mit Fragmenten bzw. wieso überhaupt „Fragmente“?

Jakob Vasak: Die Fragmentierung ist mir wichtig, weil ich so sehr schnell Neues schaffen kann, indem ich einzelne Teile einer Aufnahme bearbeite und neu arrangiere. Wenn mir zum Beispiel nur ein einzelner Ton aus einem Recording gut gefällt, versuche ich möglichst viel aus diesem heraus zu holen. Viele Melodien, die ursprünglich auf einem Instrument gespielt wurden, kann ich so in einen völlig neuen Kontext setzen, miteinander verbinden oder völlig dekonstruieren.

„Mir ist Virtuosität grundsätzlich nicht sehr wichtig.“

Im Promo-Text steht zur Herangehensweise an die Musik, dass es dabei auch um „bewusst unbeholfene und brüchig gespielte Instrumente“ geht. Geht es hier um gewisse (Klang-)Ästhetiken oder kann das auch als Reaktion auf eine (auch durch Digitaltechniken vorangetriebene) Überperfektion aktueller Musikproduktionen gedeutet werden?

Jakob Vasak: Sicher beides. Ich finde eine solche Spielweise erzeugt sehr interessante Texturen und Klänge und es kann plötzlich etwas dabei herauskommen, was man nicht erwartet hat. Mir ist Virtuosität grundsätzlich nicht sehr wichtig und ich bin der festen Überzeugung, dass jeder jedes Instrument auf eine individuelle Art spielen kann. Es sind diese Besonderheiten auch in der Persönlichkeit, die mich sehr interessieren. Wenn jemand z.B. zum ersten Mal die Saite einer Gitarre zupft, kann man einiges aus dem Ton heraushören: Spielt die Person laut oder leise, zupft sie einzelne Saiten oder shredded sofort Vollgas hinein. Für mich kommt da eine Art kindliche Intimität und Verspieltheit zum Vorschein, die eine virtuos gespielte High-End- Aufnahme nicht nachahmen kann. Mir ist da auch wichtig, dass meine Musik nicht versucht, sich groß abzuheben, sondern zugänglich und am Boden bleibt und für alle verständlich ist.

Nach welchen Kriterien wurden die Instrumente ausgewählt?

Jakob Vasak: Tatsächlich fast ausschließlich nach Verfügbarkeit. Ich komme zwar nicht aus einer “Musiker-Familie”, aber ich habe alles an Instrumenten verwendet, was es im Instrumentenfundus meiner Familie – in der Musik, immer eine große Rolle gespielt hat und spielt – so gab: Akkordeon, Trommeln, Geigen, Flöten, Gitarren, und auch ein Klavier. Das Cello habe ich von einem guten Freund ausgeliehen. Vor allem bei älteren Instrumenten war es spannend, mit den Fehlern zu spielen. Bei dem alten Akkordeon biegen sich die Pfeifen teilweise um einen ganzen Ton nach oben, wenn man fester drückt, und es knarzt gewaltig.

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Wie sehr werden in deinen Stücken die Instrumente bearbeitet? Im Video zu „Piano & Modular Improvisation 2“ sitzt du z.B. vor einem Klavier und darüber wird eine Modularsystem mit vielen Kabeln sichtbar. Vieles kann zwar erahnt werden (z.B. Streichinstrumente), aber bei einem Stück wie „A Walk“ klingt es manchmal uneindeutig nach Streicher und/oder einem Saxophon. Wie wichtig sind solche Transformationen und Unschärfen für dich und deine Musik?

Jakob Vasak: Das meiste wird komplett auseinandergenommen. Anderes klingt aber schon in der Aufnahme sehr speziell und wird gar nicht großartig bearbeitet. Vieles, was vielleicht so klingt wie ein bestimmtes Instrument, ist eigentlich ein anderes und umgekehrt. Dazu benutze ich einerseits digitale Effekte, aber ich lasse mir auch ganz andere Modulationen einfallen, wie z.B. das Übersteuern einer billigen Bluetooth Box. Mit analogen Effekten entdecke ich meist die spannendsten Klänge, weil sie organisch und nicht nach einem Computer klingen. Die Idee dahinter hat einerseits ästhetische Gründe, da ich es spannend finde, wenn man keine Ahnung mehr hat, was die Klangquelle war und auch nicht mehr heraushören kann, welche Effekte verwendet wurden. Andererseits hat die Entfremdung der Sounds für mich auch den Hintergrund der Dekonstruktion der Realität. Augen, Ohren und das Gehirn konstruieren unsere audiovisuelle Realität ja auf eine ganz bestimmte Weise. Ich versuche damit zu spielen, wie es anders sein könnte und dadurch Klänge zu schaffen, die man so noch nicht kennt.

„Vor allem bei älteren Instrumenten war es spannend, mit den Fehlern zu spielen.“

Im Stück „Second Connection“ geht es u.a auch um Zeitlosigkeit. Wie lässt sich Zeitlosigkeit in einer zeitbasierten Kunst wie Musik überhaupt darstellen?

Jakob Vasak: Der Zusammenhang von Musik und Zeit interessiert mich schon sehr lange. Obwohl Musik ein zeitbasiertes Medium ist, passiert sie doch immer zwangsläufig nur im Jetzt, einem konstanten Zeitpunkt. Was man hört, ist nie in der Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft, sondern immer nur zu dem Zeitpunkt, wenn man es hört. Die Zeit rundherum konstruiert nur unsere Erinnerung. Mein Ziel war es weniger, Zeitlosigkeit darzustellen, als die Zuhörer:innen ins „Jetzt“ zu versetzen und damit in einen Zustand der Zeitlosigkeit zu bringen. Speziell in dem Stück „Second Connection“ geht es auch um meine persönliche Erfahrung damit, voll und ganz im Jetzt verankert zu sein. Darum, der Stille zuzuhören und zu entdecken, was ihr alles innewohnt. Musikalisch sind das für mich vor allem Passagen, in denen kaum etwas passiert und man gespannt auf den nächsten Ton wartet. Diese ausharrende Haltung in voller Aufmerksamkeit ist für mich der Zustand der Zeitlosigkeit, weil man die Musik im Hier und Jetzt hört und weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft schwelgt.

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Dem Album liegt ja ein Konzept zugrunde, aber wie ist es mit den einzelnen Nummern? Haben sich die da streng einfügen müssen, oder gab es auch Zufälle?

Jakob Vasak: Erzwingen habe ich hier gar nichts müssen. Die Idee hinter dem Album ist ja zu einem großen Teil auch, dass die Musik aus einem bestimmten Bewusstseinszustand heraus entsteht. Deshalb hat sich das alles sehr harmonisch zusammengefügt. Dafür habe ich oft warten müssen, bis ich das Gefühl, für das das Album steht, authentisch fühlen und auch vermitteln konnte. Natürlich haben es einige Ideen dann nicht ins Album geschafft, aber grundsätzlich fange ich erst an zu komponieren, wenn ich so inspiriert bin, dass ich weiß, dass auch etwas dabei herauskommt. Ansonsten wäre ich vermutlich sehr oft frustriert. Da ist es mir lieber, dass ich mal Pausen mache und an anderen Projekten arbeite.

Die fertigen Tracks klingen alle sowohl komplex (z.B. „Travel“) wie auch verspielt („Emergence“). Wieviel wird da eigentlich Improvisiert und wieviel (später) konzeptuell arrangiert?

Jakob Vasak: Der Prozess ist eigentlich sehr gemischt, was das betrifft. Wenn mir eine Idee durch den Kopf geht, setzte ich mich hin und versuche auch eigentlich gleich in einer Session das ganze Arrangement zusammen zu haben. Das erfordert aber, dass ich mich nicht ablenken lasse und in dem Gefühl bleibe, das ich mit dem Track vermitteln möchte. Dafür muss ich mir immer wieder ein Umfeld schaffen, in dem ich das kann. Wenn mir das gelingt, ist der Track normalerweise nach einigen Stunden fertig arrangiert. Danach arbeite ich noch viel am Sounddesign und arbeite die Ideen aus. Falls ich mittendrinnen den Faden verliere, warte ich einige Tage oder Wochen bis ich in das Gefühl zurückfinde und arbeite dann weiter. Manchmal habe ich zum Beispiel einen Ohrwurm von dem Track, zu dem mein Kopf aber eine neue Melodie dazu spinnt. Dann setze ich mich hin und versuche die neue Idee einzuarbeiten. Ich bemühe mich möglichst wenig darüber nachzudenken, was dem Track fehlt oder wie er weitergehen könnte, sondern achte da sehr stark auf Intuition und Zufälle beim Arbeiten.

Windtal Pressefoto
Windtal (c) Pressefoto

Ambieske Musik kann ja manchmal auch zu viel Wellness-Schönklang verbreiten. Auch wenn einzelne Tracks schon den Willen suggerieren einem verzaubern zu wollen, gibt es dann doch immer wieder kleine Störungen: Mal knarzt es, dann scheuert es, oder es durchkreuzen sich Fieldrecordings und Musikaufnahmen. Das geschieht zwar eher dezent und ohne Granular-Overkill, aber doch so, dass es einem quasi nie zu wohlig-gemütlich wird. Sind solche Irritationen bewusst gesetzt?

Jakob Vasak: Definitiv. Diese kleinen „Stör-Elemente“ spiegeln für mich die Dinge wider, die man entdeckt, wenn man sich auf das Leise und Unscheinbare konzentriert. Manchmal reißt es einen aus einem Gedanken heraus, aber manchmal kitzelt es einfach ein bisschen. Ich arbeite hier tatsächlich auch mit sehr leisen Geräuschen, die ich so stark komprimiere, dass sie so wirken, als wären sie eigentlich sehr laut. Für mich macht das die Musik authentischer und lebensnäher. Es ist ja auch kein eskapistisches Wohlfühlalbum, das man sich mal so im Hintergrund zum Entspannen anhört, sondern erfordert durchaus Aufmerksamkeit. Ich habe oft das Gefühl, dass sich aktuelle Kunst und künstlerische Musik verstärkt mit Leid und Tragik auseinandersetzt, wogegen Popkultur tendenziell positive Emotionen benutzt, um Probleme zu verdrängen oder davon abzulenken. Mir geht es darum, die ganz echten Momente im Leben, in denen man Kraft, Intimität, Freude und Liebe verspürt, hervorzukehren. Aber eben nicht um eine kitschige Nachahmung dieser Emotionen, sondern um einen möglichst authentischen und ehrlichen Ausdruck von echten Gefühlen, die ich mit anderen Teilen möchte.

In den Tracks treffen ja auch Fragmente unterschiedlicher Genres (Ambient, Jazz, Neue Musik, Minimal) aufeinander, durchkreuzen sich, oder schauen mal quasi vorbei. Wie wichtig sind dir solche (Neu-)Kombinationen bzw. warum sind die meist so „locker“ arrangiert?

Jakob Vasak: Ich bewege mich gerne über solche „Genregrenzen“ hinweg. Die oben genannten Musikrichtungen sind momentan die, mit denen ich mich am meisten auseinandersetze und daher ziehe ich auch viel Inspirationen daraus. Steve Reich, Philip Glass und die isländische Musik-Szene, aber auch Klassische Musik sind hier große Vorbilder. Diese Kombinationen stammen wohl meist daher, dass ich das, was in meinem Kopf passiert, versuche musikalisch zu manifestieren. Dort mischen sich diese Einflüsse ganz von alleine und entsteht diese Vermischung dann im Moment. Vielleicht mischen sich auch immer wieder ganz abstrakte Ohrwürmer miteinander und wechseln sich ab. Das passiert mir eher, als dass ich die Musik bewusst so arrangiere. Mir macht Musik Spass, die vielschichtig zwischen Genres hin und her springt, weil ständig etwas Unvorhergesehenes passiert. Konkret mache ich das aber eher intuitiv als überlegt.

Bei all dem sticht dann doch der sich bis ins Rockige steigernde Titeltrack heraus. Ist dieser Klimax bewusst gesetzt und wie hältst du es überhaupt mit Rhythmen im Bezug zu Sounds und Flächen?

Cover Second Connection
Cover “Second Connection”

Jakob Vasak: „Windtal“ ist sicherlich der Höhepunkt des Albums, wobei man auch „Needles(s)“ als eine Art „stillsten Höhepunkt“ sehen könnte. Dramaturgisch schafft das einen extremen Kontrast, den ich sehr spannend finde, weil sich in beiden Stücken ähnliche Gefühlswelten in völlig unterschiedlicher Interpretation und Intensität finden. Der Rhythmus in „Windtal“ ist ursprünglich aus einem Puls entstanden, der die Fläche im ersten Part untermalt hat, aber irgendwie musste es dann einfach mehr sein. Wenn es um Percussion geht, sind für mich vor allem treibende, schnelle und repetitive Rhythmen interessant, da diese eine Art Trance erzeugen, ohne einzuschläfern.

Es fühlt sich einfach an, als würde man wahnsinnig schnell durch die Gegend fliegen. Als ich jünger war, war ich deshalb ein richtiger „Drum and Bass“ -Fanatiker. Jetzt finde ich dieses Gefühl überwiegend bei der Minimal-Music bei Steve Reich oder Phillip Glass. Bei so schnellen Rhythmen ist es aber gar nicht so einfach, einen Ausgleich zum Sounddesign zu finden, ohne dass alles überladen wirkt. Bei anderen Stücken („Second Connection“, „Recognition“, „Lokhat“), die einen weniger gleichmäßigen Rhythmus haben, geht es beim Timing teilweise um Millisekunden. Da versuche ich immer genau zuzuhören, wann der nächste Ton einsetzen soll. Manchmal ist es einfacher, wenn man die Töne nach Gefühl spielen kann, aber z.B. bei „Second Connection“ musste ich die Samples wirklich sehr präzise per Hand anordnen, um der Melodie Leben zu geben.

In den Infos zu „Second Connection“ wird auch davon gesprochen, dass es darum geht „die Grenzen des Verstandes, des rationalen Verstehens“ auszuloten bzw. hinter sich zu lassen. Das sind klassische Themen der Avantgarden der letzten 200 Jahren und sie sind immer noch reizvoll und bei weitem nicht ausgeschöpft. Musik war dabei immer quasi die Königsdisziplin mit der dies versucht worden ist. Wieso? Könntest du dir eine „Second Connection“ auch in bzw. mit einer anderen Kunstsparte (Malerei, Literatur, Videokunst, Performance, etc.) vorstellen?

Jakob Vasak: Ich kann mir die Umsetzung des Konzepts sicherlich in jeglicher medialen Form vorstellen. Es gibt ja auch Musikvideos zum Album, die auch genau das, was ich mit meiner Musik transportieren möchte, ausdrücken und widerspiegeln. Hinter vielen Geschichten in Büchern oder Filmen sehe ich ähnliche Ideen und Motive, wie ich sie habe. Gerade auch moderne Malerei und Performancekunst können dem sehr nahekommen. Ich denke aber, dass gerade Musik die Grenzen rationalen Verstehens durchbrechen kann. Rationales Verstehen bedient sich allein der Sprache der Wörter und Begriffe. Worte können zwar beschreiben, sind aber nicht selbst das, was sie beschreiben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles, was es gibt, allein mit Wörtern und Gedanken erklärt werden kann. Es kann immer nur ein oberflächliches Abbild dessen gezeigt werden, was ist. In dem Album geht es genau um das Gegenteil. Spüren kann man sicherlich auch nicht alles, aber jedenfalls viel mehr, als man denken oder in Worte fassen oder bildnerisch gestalten kann. Gefühle scheinen mir ein viel direkterer Zugang zur Realität zu sein als Gedanken. Daher denke ich, dass für meine Zwecke Musik sicherlich das richtige Medium ist, um diese Inhalte zu kommunizieren. Musik ist für mich die Sprache der Emotionen. Gefühle können in Musik besser als in den meisten anderen Kunstformen eingefangen, festgehalten und ausgedrückt werden und doch noch abstrakt bleiben. Man kann ein logisches Konzept oder rationale Zusammenhänge mit Musik allein nicht darstellen. Man kann auch keinen Menschen, keine Gegenstände und keine konkreten Situationen beschreiben. Nur die Emotion, die hinter diesen Menschen, Gegenständen oder Situationen steht, wird ausgedrückt. Musik löst sozusagen die Gefühlswelt von der rationalen Welt. Sie wirkt direkt auf unsere Gemütslage ein, ohne dass wir genau wissen, warum. Gerade das macht Musik in meinen Augen so mächtig. Um eben genau das geht es mir in “Second Connection”, um den direkten Zugang und die direkte Verbindung.

Danke für das Interview.

Didi Neidhart

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