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le_mol (c) Thomas Schnötzlinger

„Eigentlich hatten wir mit le_mol nie den Plan, Postrock-Nummern zu schreiben.“ – SEBASTIAN GÖTZENDORFER (LE_MOL) im mica-Interview

Was sich allerspätestens auf „Heads Heads Heads“ angekündigt hat, findet nun auf „White Noise Everywhere“ (Panta R&E), dem neuen Album des Wiener Instrumentalduos LE_MOL, seine eindrucksvolle Bestätigung. RAIMUND SCHLAGER, SEBASTIAN GÖTZENDORFER und ihre zum Bandmitglied erkorene Loopstation haben den Kosmos des Post-Rock endgültig verlassen und sind in ein deutlich erweitertes musikalisches Spektrum eingetaucht. SEBASTIAN GÖTZENDORFER sprach mit Michael Ternai über den Weg zu extremeren Soundspielereien, das Aufbrechen klassischer Strukturen und die Entscheidung, auch einmal Gesang zuzulassen.

Hört man sich durch das neue Album „White Noise Everywhere“, gewinnt man schnell den Eindruck, dass für euch die Arbeit am Sound dieses Mal einen besonders hohen Stellenwert eingenommen hat. Täuscht dieser Eindruck?

Sebastian Götzendorfer: Ich denke, dass wir eigentlich immer schon sehr detailverliebt an die Sache herangegangen sind und viel Augenmerk auf Effektierung und Sounds gelegt haben. Aber je länger man zusammenarbeitet und sich in einem gewissen Genre bewegt, desto mehr probiert man aus und entwickelt sich weiter. „White Noise Everywhere“ ist ja bereits unser viertes Album, und wenn man auf den ersten drei Alben schon eine gewisse Palette von Sounds untergebracht hat, möchte man klarerweise neue Sachen hineinbringen. Und so gelangt man eigentlich automatisch hin zum Extremeren.

So ist es auch beim vorletzten Song „Takotsubo“ passiert. Wir haben bei dieser Nummer in der Post-Production einen Effekt entdeckt, den wir mehr oder weniger dann über das ganze, recht lange, Outro drübergelegt haben. Wir haben dieses Stück mit einem sogenannten Ringmodulator am Ende quasi digital noch einmal durch den Fleischwolf gedreht. So etwas hätten wir beim ersten Album in dieser Brutalität vermutlich noch nicht gemacht.

Weil du gerade den Begriff Genre verwendet hast. Wo würdest du eure Musik eigentlich einordnen? Eurem Sound wurde ja oftmals das Etikett Post-Rock umgehängt. Aber hört man sich durch eure letztes Album und im Besonderen durch „White Noise Everywhere“, wird klar, dass ihr die Grenzen dieses Genres eigentlich schon lange überschritten habt.

Albumcover White Noise Everywhere
Albumcover “White Noise Everywhere”

Sebastian Götzendorfer: Eigentlich hatten wir mit le_mol nie den Plan, Post-Rock-Nummern zu schreiben. Das war nie der Gedanke hinter diesem Projekt. Vielmehr hat uns interessiert, was man aus den zur Verfügung stehenden Mittlen, der instrumentalen Technik und dem Setting herausholen kann. Was musikalisch mit einer Konstellation aus zwei Musikern und einer Loopstation als inoffizielles drittes Bandmitglied alles möglich ist. Das war die Grundidee, von der wir ausgegangen sind.

Manchmal kokettiert man als Musikerin bzw. Musiker schon auch damit, dass man die Musik, die man schreibt, eigentlich im Privaten nicht hört. Bei uns ist es aber tatsächlich so, dass zumindest Neuentdeckungen, die wir interessant finden, selten aus dem Genre kommen.  Es gibt zwar die eine oder andere Post-Rock-Band, die wir immer wieder hören – und das sind vor allem die, die wir vor fünfzehn Jahren auch schon gehört haben –, aber grundsätzlich sehen unsere Hörgewohnheiten anders aus.

„Es ist so, dass unser Setting eine gewisse Passform vorgibt.“  

Ihr geht auch auf eurem neuen Album sehr experimentell an die Sache heran.

Sebastian Götzendorfer: Es ist so, dass unser Setting eine gewisse Passform vorgibt. Und die erlaubt es uns, das eine zu tun und das andere nicht. Wir versuchen, in diesem Rahmen die Möglichkeiten auszuloten und mit dem, was uns zur Verfügung steht, unkonventionelle Wege zu gehen. Unser Anspruch ist, etwas entstehen zu lassen, was vom dem für den Post-Rock so Typischen weggeht, sprich von diesem Crescendocoreartigen, das dem Genre so oft zugeschrieben wird. Eine schön klingende Akkordabfolge, die sich langsam von leise auf laut steigert und letztlich diesen Release-Effekt erreicht. Da versuchen wir schon, wesentlich variabler an die Sache heranzugehen, wobei dieser „Release“ natürlich trotzdem erstrebenswert ist.

Auffallend ist, dass auf dem Album eigentlich nur drei längere Nummern zu finden sind. Bei den anderen drei, vier Nummern handelt es sich um Zwischenstücke, die quasi einleiten und überleiten und einen doch sehr experimentellen und ambientmäßigen Charakter aufweisen. Welche Idee steckt hinter diesem Zugang?

Sebastian Götzendorfer: Wir hatten die Idee zu einem Konzeptalbum, auf dem es praktisch keinen Stillstand gibt und auf dem es nie ganz ruhig wird, eigentlich schon länger. Es sollte ähnlich wie bei einem Film sein, der ja auch keine Pausen in dem Sinn hat.  Wir haben die eher songorientierten Kompositionen zuerst geschrieben, im Nachhinein sind dann die Interludes und Übergangsstücke entstanden. Und die hören sich vielleicht deswegen mehr ambientmäßig und experimenteller an, weil wir die außerhalb unseres Studioaufenthaltes in unserem Homestudio aufgenommen. Es ist danach natürlich alles gemeinsam gemixt und gemastert worden.
In gewisser Weise stehen diese Stücke für das, was wir zu Beginn mit unserer Band gemacht haben. Als wir das Album nach dem Masterprozess selbst zum ersten Mal nach längerer Zeit wieder gehört haben, haben wir festgestellt, dass sich das Album wie eine Mischung aus unserem ersten und letzten Album anhört.

„Funkstille herrscht ja nie oder nur sehr selten.“

Worauf spielt der Titel „White Noise Everywhere“ ab? 

Sebastian Götzendorfer: Der Titel „White Noise Everywhere“ spielt in gewisser Weise auf die Informationsflut an, die in der aktuellen Gesellschaft so gegenwärtig ist. Diese Zwischenstücke stehen ein wenig für dieses Fehlen von Ruhe. Man ist ja ab dem Moment, an dem man aufwacht, schon mit einer Geräuschkulisse konfrontiert. Funkstille herrscht ja nie oder nur sehr selten. Und wenn sie dann doch plötzlich durch ein unvorhergesehenes Ereignis eintritt, fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit, in der es diese Informationsflut nicht gegeben hat. Und das war ein wenig der konzeptuelle Gedanke hinter diesem Album. Die unscheinbaren, aber andauernden Sachen, die von wesentlicheren Ausbrüchen unterbrochen werden.

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le_mol (c) Thomas Schnötzlinger

Wir haben den Titel auch deswegen gewählt, weil er unserer Meinung nach rein von der Klangästhetik zum Sound des Albums passt. Es handelt sich um ein Zitat aus einem Roman von Don DeLillo. Das ist ein postmoderner amerikanischer Autor, der uns beide begeistert und in dessen Buch „White Noise“ eine sehr einprägsame Szene in diesem Ausspruch ihren Höhepunkt findet.

Inwieweit spielt Literatur in eurer Musik eine Rolle? 

Sebastian Götzendorfer: Es ist schon so, dass Bücher und Literatur uns inspirieren. Zum Thema Literatur und uns gibt es auch eine ganz interessante Anekdote. Bei einer unserer Touren ist nach einem Konzert ein Besucher zu uns gekommen und hat gefragt, ob unsere Musik denn von Literatur beeinflusst ist. Das empfanden wir als recht witzig, weil das einerseits ja stimmt, auf der anderen Seite haben wir uns aber schon auch gefragt, wie sich denn von Literatur beeinflusste Musik eigentlich anhört [lacht].

„Ihn hat nach Eigenaussage dann sofort die Muse geküsst […]

War die logische Konsequenz eurer musikalischen Weiterentwicklung auch, dass ihr auf „White Noise Everywhere“ zum ersten Mal auch Gesang zugelassen habt? Bei „Hands“ steuert ja Hans Platzgumer seine Stimme bei. Wie hat sich die Zusammenarbeit ergeben? 

Sebastian Götzendorfer: Ich finde, „steuert seine Stimme bei“ ist eine recht gute Formulierung, weil Hans Platzgumers Stimme bei diesem Stück eigentlich wie ein weiteres Instrument eingesetzt wird. Als er sich mit uns die fertige Nummer angehört hat, hat er selbst gemeint, dass er sich aufgrund der vielen Effektierung selber eigentlich kaum wiedererkannt hat und es im Grunde genommen gar nicht mehr so viel mit Gesang zu tun hat. Wobei Raimund und ich im Rahmen unserer Musik schon finden, dass es sehr gesangsähnlich klingt. Aber so gehen subjektive Wahrnehmungen eben auseinander.

Prinzipiell war es so, dass wir uns bei „Hands“ gedacht haben, dass es die Melodie- und Akkordabfolgen des Songs eigentlich anbieten würden, auch mit Gesang zu arbeiten. Die Idee, es irgendwann einmal auch mit Gesang zu probieren, hatten wir aber eigentlich schon länger. Ganz einfach auch deswegen, um uns selber kreativ etwas zu fordern und etwas Neues auszuprobieren. Bei der Struktur dieses Songs hat es einfach Sinn gemacht, weil er bis zur Hälfte eigentlich einem konventionellen Popschema folgt, was beim Anhören der fertigen Nummer vielleicht gar nicht mehr so auffällt.

Glücklicherweise konnten wir dann eben Hans Platzgumer für diese Zusammenarbeit gewinnen. Wir haben ihm einfach eine Demoaufnahme des Stückes geschickt. Ihn hat nach Eigenaussage dann sofort die Muse geküsst und er hat uns relativ schnell auch seine Aufnahme zurückgeschickt. Das ist total unkompliziert abgelaufen. Uns hat vor allem auch der Text sehr begeistert, weil er unsere Vorgabe in wirklich ganz wunderbare Worte übersetzt hat. Die Vorgabe war, es soll um Hände gehen und darum, was man mit ihnen machen kann. Hans Platzgumer ist ja nicht nur Musiker, sondern auch Autor. Und er hat es durch seine Profession als Autor geschafft, einen Text zu schreiben, der nicht Gefahr läuft, eine Plattitüde zu sein, aber in dem man sich gleichzeitig wiederfinden kann. Diesen schmalen Grat hat er gemeistert. Das sind meiner Meinung nach die großen Songlyrics.

Nun ist das Album aufgrund der Coronakrise leider nicht wirklich zum idealen Zeitpunkt erschienen? Wie geht ihr mit der Situation um. Es war ja auch ein Releasekonzert geplant gewesen. 

Sebastian Götzendorfer: Wie viele andere Musikerinnen und Musiker auch hat uns das Schicksal ereilt, dass wir unsere Konzerte absagen haben mussten. Was uns persönlich zusätzlich schon auch etwas traurig macht, ist, dass wir mit unserer Tradition brechen mussten und unseren Release nicht ordentlich zu zweit feiern konnten. Normalerweise gehen wir, nachdem wir das Album erstmals in physischer Form ausgehändigt bekommen haben, erst einmal auf ein Bier in das Beisl unseres Vertrauens. Das war dieses Mal so nicht möglich.

Wir hoffen, dass das Release-Konzert in der Szene Wien, das am 2. Mai geplant gewesen wäre, wie derzeit geplant am 24. September nachgeholt werden kann. Wir hatten im Mai auch einige kurze Konzertwochenenden – unter anderem in Tschechien, Deutschland und Österreich – geplant. Auch die sind klarerweise ins Wasser gefallen. Eine Verschiebung der Veröffentlichung ist für uns aber dennoch nicht zur Debatte gestanden, weil wir es trotzdem als sinnvoll empfunden haben, die Musik jetzt herauszubringen. Ganz einfach auch deswegen, weil vielleicht doch der eine oder andere unser Album dafür nützen kann, sich den Corona-Alltag ein wenig interessanter zu gestalten.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

Links:
le_mol (bandcamp)
le_mol (Facebook)
Panta R&E