Johanna Doderer (c) Maria Frodl
Johanna Doderer (c) Maria Frodl

„Draußen-Sein ist für mich ein Daheim-Sein“. Johanna Doderers neueste Werke

Johanna Doderer ist eine der erfolgreichsten Komponistinnen Österreichs. Derzeit arbeitet sie gemeinsam mit Peter Turrini an ihrer achten Oper, die in der kommenden Saison in München uraufgeführt wird. Eine enge Zusammenarbeit verbindet die Komponistin mit dem Akkordeonisten Nikola Djoric. Für ihn ist das Akkordeonkonzert „Ozean“ entstanden. Im Rahmen von Dornbirn Klassik wurde dieses Werk erstmals präsentiert. Johanna Doderers Sohn ist Filmemacher, in gemeinsamen Produktionen schuf sie die Musik für die Filmproduktionen. Darüber hinaus schrieb die viel beschäftigte Komponistin ihr erstes Orchesterwerk für Jugendorchester. Gleichzeitig zeichnet sie in einem Niederösterreichischen Kulturverein als Kuratorin für das Musikprogramm verantwortlich. Wesentliche Inspirations- und Kraftquelle für ihr künstlerisches Schaffen ist das Leben mit und in der Natur. Darüber und über ihre neuesten Projekte erzählt Johanna Doderer im Interview mit Silvia Thurner.

Im November 2018 hat Nikola Djoric gemeinsam mit dem Tiroler Kammerorchester InnStrumenti das Akkordeonkonzert „Ozean“ zur Uraufführung gebracht. Welche Überlegungen haben Sie beim Komponieren von „Ozean“ geleitet?

Mit Nikola Djoric verbindet mich eine jahrelange Zusammenarbeit. Meine Werke „Rot“ und „Die Kreuztragung Christi“ habe ich speziell für ihn komponiert. Die Idee zum Werk „Ozean“ hatte ich nach einer Reise an den Atlantik. Die Weite und die schier unfassbare Kraft des Meeres haben mich inspiriert. Es ist das „Unaufhaltsame“, welches mich am Meer besonders berührt, das stille und das stürmende Meer, aber auch das Wissen um die Zerstörung der Meere durch den Menschen. Neben der berauschenden Schönheit des Meeres bildet diese Musik auch einen Aufschrei aus den tiefsten Tiefen des Ozeans.

Wenn ich für Nikola komponiere, entsteht das Werk in einem Prozess von Geben und Nehmen. Durch die lange Zusammenarbeit kenne ich seine Stärken an dem Instrument. Ich schreibe für ihn sehr virtuos, mit einem starken rhythmischen Akzent, lasse aber auch viel Freiraum für seine eigene Interpretation dieser Musik.

Sie haben sich schon öfters vom Wasser inspirieren lassen. Ich denke beispielsweise an das Streichquartett „Mondsee“ oder an Ihre zweite Symphonie. Im vergangenen Sommer waren Sie Composer in Residence bei den Musikwochen Millstatt. Dort ist das Werk „Millstätter See“ für Violoncello und Saxofonquartett entstanden. Musikalisch ist dieses Sujet ja unerschöpflich. Was sind die musikalischen Grundüberlegungen, die Sie mit Wasser assoziieren und in Ihre Musik fassen?

War es bei dem Streichquartett Mondsee noch fast ausschließlich die Stimmung am See und auch die Landschaft, so bin ich bei dem Werk „Millstätter See“ tatsächlich  über einen längeren Zeitraum täglich darin „geschwommen“. Ich war Composer in Residence in Millstatt und hatte die Möglichkeit dazu, mich allein nur darauf zu konzentrieren. Die Musik zu „Millstätter See“ ist mir tatsächlich oft schwimmend, tauchend und im Wasser liegend eingefallen. Ein Experiment, welches – so glaube ich – geglückt ist.

Mit der Natur im Dialog

Sie sind sehr naturverbunden und auch eine leidenschaftliche Kletterin. Sind Sie jeden Tag in der Natur oder beschränkt sich das aufs Wochenende?

Ich gehe täglich in die Natur, die Dauer hängt von meinem Arbeitspensum ab. Ja, große Wanderungen sind ausnahmsweise möglich. Jedoch ist „draußen sein“ für mich auch ein „Drinnen sein“ oder besser noch, ein „Daheim sein“. Es gibt einen „Dialog“ – auf seelischer Ebene – zwischen Außen und Innen. Dieser findet nicht nur im Umkreis von Menschen statt, sondern in allen Situationen. Je mehr „beseelt“ allerdings ein Umfeld ist, eine noch nicht vollkommen zerstörte Natur beispielsweise, desto stärker kann der „Dialog“ sein.

Musik und Film

Ihr Sohn Patrick ist Filmemacher und Sie haben bereits mehrere Projekte mit ihm realisiert. Fühlen Sie sich wohl in der Rolle der Filmkomponistin?

Ich bin keine Filmkomponistin. Ich schreibe absolute Musik und diese kann verfilmt werden. Das ist ein großer Unterschied zwischen Filmmusik und einem Musikfilm, bei dem sich der Filmschnitt nach der Zeit der Musik richtet. Die Filmmusik hingegen dient dem Film, untermalt die Bilder und unterordnet sich dem Film. Die Musik, die ich schreibe, ordnet sich allein dem Verlangen der Musik selbst unter.

Im Rahmen des Projekts „Ganymednature“ im kunsthistorischen Museum in Wien haben Sie zum Gemälde von Peter Paul Rubens „Mariä Himmelfahrt“ ein Chorwerk komponiert. Inspiriert hat Sie dabei auch der Satz von Franz Schuh: „Ich weiß es, aber ich kann es nicht glauben“. Was waren Ihre Überlegungen dazu?

Ich wollte einen ekstatisch schwebenden Chorklang schreiben, ein musikalisch ausgedrücktes „Loslösen von der Erde“. Der Satz von Franz Schuh passt sehr gut dazu und drückt aus, was ich in der Musik suche. Er wird daher auch gesprochen.

Für Jugendliche komponiert

Im Auftrag des Jugendsinfonieorchesters Niederösterreich ist das Orchesterwerk „Ein andalusischer Traum“ entstanden. Was bedenken Sie, wenn Sie für Jugendliche komponieren?

Ich liebe es „auch“ für Jugendliche oder Kinder zu schreiben. Es ist allerdings wesentlich schwieriger, als einfach so der Musik freien Lauf zu lassen. Ich musste sehr auf die technischen Anforderungen achten, ohne meine eigene Musik zu verraten und diese „zurechtzuschneiden“. „Der andalusische Traum“ ist vor allem ein stark rhythmisch akzentuiertes Werk, was bei jungen Musikerinnen und Musikern gut ankommt.

Werke gehen ihren eigenen Weg

Ihre Oper „Liliom“ wurde vor zwei Jahren in München uraufgeführt. Im Februar 2019 wird die Oper in Innsbruck als österreichische Erstaufführung in Szene gesetzt. Darüber hinaus gibt es im Juli 2019 in München eine Wiederaufnahme. Es wird sicher spannend für Sie, Ihre Oper innerhalb so kurzer Zeit in einer weiteren Inszenierung erleben zu können. Inwieweit sind Sie in die Produktion in Innsbruck eingebunden?

Ich bin in Innsbruck nicht eingebunden, stehe zwar für Fragen zur Verfügung, aber ein Werk wie „Liliom“ muss jetzt eigene Wege gehen und das ist gut so. Ich freue mich allerdings sehr auf diese neue Inszenierung, sehr spannend ist das!

Danke für das Gespräch.

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 2018 erschienen.

Links:
Johanna Doderer Website
Operas of Johanna Doderer
Johanna Doderer (Musikdokumentation Vorarlberg)
Johanna Doderer (music austria Datenbank)