Seit seiner Gründung 1956 setzt sich der Österreichische Musikrat (ÖMR) für die Interessen der Musikschaffenden und die Weiterentwicklung des Musiklebens in Österreich ein. Anlässlich seines 70-jährigen Bestehens lädt der Dachverband am 30. Oktober 2026 an die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, um im Rahmen einer Jubiläumsveranstaltung mit Diskussionen und musikalischen Beiträgen auf die vergangenen Jahrzehnte zurückzublicken und Zukunftsperspektiven zu erörtern. Mit seinen 46 Mitgliedsorganisationen vertritt der ÖMR heute rund 380.000 Musikschaffende. Im Interview mit Michael Ternai spricht ÖMR-Präsidentin Eva-Maria Bauer über die bisherige Arbeit des Musikrats, seine gegenwärtigen Aufgaben und die Frage, welche Rahmenbedingungen die österreichische Musiklandschaft künftig braucht.
Der Österreichische Musikrat feiert heuer sein 70-jähriges Jubiläum. Du bist seit 2024 seine Präsidentin und die erste Frau in diesem Amt. Welche Themen haben deine bisherige Amtszeit besonders geprägt? Fair Pay war vermutlich eines der zentralen Anliegen.
Eva Maria Bauer: Ich bin 2020 Vize-Präsidentin des ÖMR geworden. Meine erste große Aufgabe war die Vertretung der Sparte Musik im Fairness Prozess von Bund, Ländern und Gemeinden. Das Thema einer fairen Bezahlung für Musikschaffende hat mich daher von Beginn an begleitet – auch als Präsidentin war und ist es mir persönlich ein Herzensanliegen, mich für fairere Beschäftigungsverhältnisse in der Musiklandschaft stark zu machen.
Durch die Kürzungen im Kulturbudget infolge der angespannten Wirtschaftslage, der hohen Inflation und anderer Faktoren sind viele Erfolge des Fair-Pay-Prozesses zwar nicht direkt rückgängig gemacht, in ihrer Wirkung aber abgeschwächt worden. Wir können den Prozess nicht mehr in derselben Form weiterführen, und er ist längst nicht mehr so effektiv wie zu Beginn.
Deshalb konzentriert sich die Regierung derzeit stärker auf soziale Absicherung und Sozialversicherungsrecht. Der Fokus verschiebt sich von der Förderpolitik, bei der weitere Kürzungen anstehen, hin zu rechtlichen Maßnahmen. Faire Bezahlung und Arbeitsbedingungen bleiben aber zentrale Themen.
Das zweite große Thema ist die Musikwirtschaft. Seit ich Präsidentin geworden bin, versuche ich, den Österreichischen Musikrat stärker musikwirtschaftlich zu positionieren. Zwar haben wir dazu immer Positionen bezogen, nicht zuletzt durch Mitglieder wie den Indies-Verband (VIMÖ) oder die AKM. In meinem ersten Jahr als Präsidentin wurde allerdings die Wertschöpfungsstudie zur Musikwirtschaft veröffentlicht – ein echter Meilenstein! Und es bot sich die Gelegenheit, gemeinsam mit anderen wichtigen Stakeholdern wie der Wirtschaftskammer zusammenzuarbeiten und ein gemeinsames Forderungspapier für eine Musikstandortstrategie an die Politik zu formulieren.
Uns kommt zugute, dass wir als neutraler Akteur wahrgenommen werden. So konnten wir die wesentlichen Stakeholder an einen Tisch holen, um den Prozess zu moderieren und beim Lobbying gemeinsam mit einer Stimme sprechen. Das ist gelungen und die Politik hat darauf reagiert: Österreich bekommt seine erste Musikstrategie. Genau darin sehe ich unsere Rolle: als Dachorganisation alle zusammenzubringen, Impulse zu setzen und selbst aktiv zu werden.
Künftig möchte ich mich außerdem stärker mit KI befassen. Wir sind nicht die Ersten, die sich damit auseinandersetzen. Ich möchte aber die bestehenden Initiativen und Ideen zusammenführen und daraus ein gemeinsames Positionspapier entwickeln.
Angesichts der beschleunigten Veränderungen am Markt halte ich diese stärkere musikwirtschaftliche Ausrichtung für notwendig. Die Entwicklungen drohen uns mittlerweile fast zu überrollen.
Das dritte Thema ist die musikalische und kulturelle Vielfalt, deren Förderung uns schon aufgrund unserer Geschichte ein großes Anliegen ist. Das klingt oft abstrakt. Gerade in Zeiten wie diesen ist kulturelle Vielfalt für mich aber auch ein demokratiepolitisches Anliegen.
Wenn ich nach Deutschland schaue – ich komme gerade vom D-A-C-H-Treffen der Musikräte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz –, sehe ich, dass vom Deutschen Musikrat eine große Demokratiekampagne gestartet wurde. Dabei geht es nicht nur darum, was Musik für die Gesellschaft leisten kann und welche Rolle sie in einer Demokratie spielt, sondern auch darum, Werte zu vermitteln und deutlich zu machen, warum Kunst und Kultur wichtig sind. Wir unterstützen auch die Medien, weil sie für eine funktionierende Demokratie wesentlich sind, sowie Initiativen, die Vielfalt und Transparenz fördern und das Vertrauen der Menschen in das politische System stärken.
Das ist unsere dritte große Herausforderung. Im Frühjahr haben wir uns angesichts der turbulenten Entwicklungen in der Steiermark ausnahmsweise auch regional engagiert. Uns ging es darum, dass die Kulturförderung fair bleibt und kleinere Sparten und Nischen nicht unter die Räder kommen. Auch das verstehe ich unter kultureller Vielfalt: eine faire Förderpolitik.
Dieses Thema ist vielleicht sogar das schwierigste in der Lobbyingarbeit, weil es sehr umfassend und komplex ist und sich nicht so leicht auf einen griffigen Begriff bringen lässt wie Fair Pay oder Musikwirtschaft.
In Zeiten wie diesen ist es für die Musikbranche und die österreichische Musikwelt wichtig, mit dem Österreichischen Musikrat eine starke Stimme zu haben. Mittlerweile vertritt der ÖMR 46 Mitgliedsorganisationen, die zusammen rund 380.000 Musikschaffende repräsentieren. Wie würdest du seine Bedeutung für die österreichische Musiklandschaft beschreiben? Zu Beginn stand vermutlich stärker der Gedanke einer Friedensinitiative im Vordergrund. Wann kamen die ersten Überlegungen auf, den Musikrat breiter aufzustellen und weitere Bereiche einzubinden?
Eva-Maria Bauer: Der ÖMR wurde als Initiative des Internationalen Musikrats gegründet, der in vielen Ländern nationale Musikräte etabliert hat. Es war eine mit der UNESCO verbundene Friedensinitiative nach dem Krieg, die darauf abzielte, mit Kultur als gesellschaftlicher Kraft etwas zu bewegen. Dieser Ansatz hat sich bis heute nicht verändert.
Die Zahl unserer Mitglieder ist seitdem deutlich gestiegen. Als ich vor zwölf Jahren beim ÖMR zu arbeiten begonnen habe, waren wir noch weit von den heutigen 46 Organisationen entfernt. Die Musiklandschaft hat sich verbreitert und ausdifferenziert, was ich grundsätzlich positiv finde.
Manchmal wird den vielfältigen Berufs- und Interessensvertretungen in der Musikbranche vorgeworfen, wir seien zu fragmentiert. Auf der anderen Seite sehe ich noch große Lücken in der Interessenvertretung: Uns fehlt etwa ein Orchesterverband, und im Live-Musik-Bereich gibt es keine eigenständige Vertretung der Musikveranstalter und -festivals. Die gesamte Musiklandschaft ist also noch nicht im ÖMR abgebildet.
Im Musikstrategie-Prozess wurde deshalb wiederholt eine stärkere, umfassendere Interessenvertretung gefordert. Das habe ich als Auftrag für die Zukunft mitgenommen. Dass dieser Wunsch an uns herangetragen wird, freut mich, weil es zeigt, dass man den ÖMR als Akteur wahrnimmt, der diese Aufgabe übernehmen kann.
Insgesamt zeigt das, dass wir an Standing und Profil gewonnen haben.
Wir waren und sind auch heute ein wichtiger Ansprechpartner für die Politik bei Beteiligungsprozessen und Konsultationen. Besonders deutlich wurde das bei der Musikstrategie: Ich war bereits vor dem offiziellen Beginn in die Vorbereitung eingebunden und konnte den Prozess mitgestalten. Diese Partnerschaft auf Augenhöhe hatten wir nicht immer.
Ich nehme an, dass du bewusst keine Gegnerschaft zur Politik suchst, sondern auf Partnerschaft setzt – auch mit anderen Institutionen wie der IFPI, die die wirtschaftliche Seite vertritt. Ist es dein Ansatz, das Gemeinsame stärker in den Vordergrund zu rücken als das Trennende?
Eva-Maria Bauer: Ja, wobei diese Haltung nicht nur von mir ausgeht, sondern bereits von meinen Vorgängern geprägt wurde. Interessenvertretungen unterscheiden sich in ihrem Kommunikationsstil: wie offensiv sie an die Öffentlichkeit gehen, wie viel Pressearbeit sie betreiben und wie sie mit der Politik umgehen. Unser Zugang war immer primär verbindend. Uns geht es um Sachpolitik und darum, inhaltlich etwas weiterzubringen, nicht darum, Emotionen zu schüren.
Das bedeutet nicht, dass wir keine kritische Stimme sind. Hinter verschlossenen Türen können wir durchaus sehr deutlich werden. Wir gehen aber nicht bei jedem Thema sofort an die Medien. Diese Form der Kommunikation setzen wir bewusst ein. Zur Budgetsituation haben wir uns beispielsweise im Kulturmontag und auf Ö1 öffentlich sehr kritisch geäußert.
Auch bei deutlicher Kritik achten wir aber immer auf Sachlichkeit und einen respektvollen Ton. Man kann kritisch sein und klare Positionen vertreten, ohne das Gegenüber abzuwerten. Hinter politischen Entscheidungen stehen für mich Menschen mit eigenen Meinungen und Überzeugungen. Ich sehe nicht nur den Apparat oder das Establishment, sondern auch die Menschen dahinter. Man muss nicht einer Meinung sein, aber der gegenseitige Respekt sollte bleiben.
Du hast zuvor den Fair-Pay-Prozess erwähnt, bei dem wirklich dicke Bretter zu bohren waren. Da sind viel Arbeit, Analyse und konzeptionelle Überlegungen eingeflossen. Woher nimmst du die Kraft, an diesem Thema dranzubleiben und weiter dafür zu lobbyieren, wenn aufgrund der äußeren Umstände vieles wieder zurückgenommen oder zumindest vorläufig ausgesetzt wird?
Eva-Maria Bauer: Eigentlich wurde nichts zurückgenommen. Der Bund stellt weiterhin zehn Millionen Euro pro Jahr für Fair Pay zur Verfügung. Vielmehr scheint die Wirkung angesichts von Inflation, hohen Energiepreisen und Kürzungen bei den Kunst- und Kulturförderungen zu verpuffen.
Frustriert mich das? Ja, es gibt Momente, in denen mich das frustriert. Dann frage ich mich: Wo stünden wir heute, wenn es den Fair-Pay-Prozess nicht gegeben hätte und der Bund nicht mittlerweile geschätzte 45 Millionen Euro investiert hätte oder die Bundesländer, Städte und Gemeinden nicht Projekte für mehr Fairness umgesetzt hätten? Dieses Geld ist in die Szene geflossen.
Noch wichtiger als das Geld ist mir, ob sich die Strukturen nachhaltig verändern. Kraft schöpfe ich aus Momenten, in denen mir etwa bei einer Förderstelle in einem Bundesland gleich zu Beginn gesagt wird: „Wir achten weiterhin auf Fair Pay. Wir schauen uns jeden einzelnen Antrag an und haben Kriterien entwickelt, nach denen wir die Förderungen bewerten.“ Dann wird mir bewusst, dass diese fünf Jahre nicht vergebens waren und Fair Pay mittlerweile in den Köpfen der Menschen angekommen ist.
Man darf nicht unterschätzen, wie lange es dauert, Einstellungen zu verändern und mentale Hürden abzubauen. Das ist uns gelungen. In der Szene ist Fair Pay mittlerweile ein Begriff. Von den Mitarbeitenden in der Kulturverwaltung bis zu den Künstler:innen haben sich alle zumindest einmal damit auseinandergesetzt.
Ich sehe es bereits als großen Erfolg, wenn Studierende eine Musikuniversität verlassen und wissen, was Fair Pay bedeutet. Dann bin ich schon ein ganzes Stück glücklicher.
Auch in der Kulturverwaltung tut sich etwas. Wenn bei jeder Überarbeitung von Förderkriterien und -richtlinien Fair Pay mitgedacht wird und man überlegt, wie sich die Standards umsetzen lassen, ist schon viel erreicht. Das sind kleine Siege, die nach außen kaum sichtbar sind und sich medial schwer vermitteln lassen. Sie verändern aber nachhaltig die Musiklandschaft.
Du hast gerade auch die Universitäten erwähnt. Ein großes Anliegen des ÖMR war immer, die musikalische Ausbildung stärker mit wirtschaftlichem Wissen zu verbinden. Da scheint es allerdings langsamer voranzugehen. Wo steht dieser Prozess aus deiner Sicht?
Eva-Maria Bauer: Dass es hier scheinbar langsamer vorangeht, lässt sich relativ einfach erklären. Viele österreichische Musikuniversitäten kommen aus einem traditionellen Hochschulverständnis. Im Mittelpunkt stand ursprünglich die künstlerische oder handwerkliche Ausbildung. Sie wurden nicht primär als Einrichtungen verstanden, die konkret auf einen Beruf als Unternehmer:in vorbereiten, wie etwa Fachhochschulen oder bestimmte Studiengänge anderer Universitäten.
Dieses Verständnis wandelt sich nur langsam. Die Universitäten müssen sich zunehmend damit auseinandersetzen, welche beruflichen Perspektiven ihre Absolvent:innen haben und auf welche Berufsbilder sie vorbereitet werden sollten. Ich würde mir wünschen, dass sie stärker in Richtung einer umfassenden Berufsausbildung denken.
Dazu gehören musikwirtschaftliches und rechtliches Know-how, aber auch verstärkt produktionstechnische Kompetenzen. Idealerweise sollten die künstlerische Entwicklung und die Etablierung am Markt Hand in Hand gehen. Wer eine künstlerische Persönlichkeit ausbildet, sollte sich auch damit beschäftigen, wie diese ihren Platz im Musikbusiness findet und eine eigene Nische entwickeln.
Einige Musikuniversitäten setzen das auch bereits um. Es gab zahlreiche Änderungen in den Curricula, an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz, an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien (MDW) oder an der Kunstuniversität Graz (KUG). Auch vermehrte Angebote im Bereich Musikvermittlung und Audience Development zeigen, dass man die Zeichen der Zeit erkannt hat. Zudem wurden musikwirtschaftliche Inhalte stärker in die Ausbildung integriert.
Teilweise richten sich solche Angebote allerdings eher an Absolvent:innen. Viele Studierende erkennen während des Studiums die Bedeutung dieser Themen noch nicht oder haben schlicht keine Zeit dafür, weil die künstlerische Ausbildung sehr zeitintensiv ist. An der KUG können daher beispielsweise Absolvent:innen auch noch fünf Jahre nach ihrem Studienabschluss Workshops und Weiterbildungsangebote des Career Centers nutzen.
Wir sind also bereits ein gutes Stück weiter, denn auch an den Universitäten ist das Bewusstsein für die Bedeutung dieser Themen gewachsen.
Ich bin mittlerweile seit 20 Jahren bei mica und erlebe, wie sehr sich die Rahmenbedingungen und Herausforderungen in dieser Zeit beschleunigt haben. Während frühere Generationen an der Spitze des ÖMR vielleicht ein oder zwei große Themen vorangetrieben haben, scheint heute laufend etwas Neues aufzukommen. Ein besonders zentrales Thema ist die künstliche Intelligenz. Vor wenigen Jahren war sie in der Musikbranche noch nicht in diesem Ausmaß präsent; mittlerweile zeichnet sich ab, wie grundlegend sie die Musikwelt verändern könnte. Was bedeutet diese Entwicklung für den ÖMR und seine Mitglieder? Gibt es konkrete Überlegungen oder Maßnahmen, um darauf zu reagieren und den Wert menschlicher musikalischer Arbeit langfristig zu sichern?
Eva-Maria Bauer: Das ist ein schwieriges Thema. Wir tauschen uns derzeit vor allem international und auf europäischer Ebene intensiv aus, weil vieles in Brüssel und nicht auf nationaler Ebene entschieden wird. Einige unserer Mitgliedsorganisationen sind über ihre europäischen Pendants, darunter die ECSA (European Composer and Songwriter Alliance) und die CISAC, der internationale Dachverband der Verwertungsgesellschaften, hier maßgeblich engagiert.
Aus Brüssel kommen allerdings leider keine Signale, dass man bereit ist, sich gegenüber den großen Tech-Plattformen durchzusetzen.
Ich sehe derzeit keine Anzeichen dafür, dass die EU bei Fragen des Urheberrechts, des Streamings und der künstlichen Intelligenz konsequent die Interessen der Musikschaffenden und Kreativen vertritt. Dabei bräuchte es dringend entsprechende Regulierungen, um überhaupt noch wirksam eingreifen zu können.
Auch für einen einzelnen Nationalstaat wie Österreich ist es riskant, allein gegen große US-amerikanische Tech-Unternehmen vorzugehen. Wir überlegen daher intensiv, welche Handlungsmöglichkeiten und Strategien erfolgsversprechend sein könnten. Mein Ansatz ist zunächst, auf unsere starken Mitgliedsorganisationen mit ihrem großen Fachwissen zurückzugreifen. Dazu zählen die Initiative Urheberrecht, bei der wir Mitglied sind, die Austrian Composers Association (ACOM) und die AKM.
Ähnlich wie beim Musikwirtschaftsprozess möchte ich alle relevanten Akteure an einen Tisch holen und gemeinsam Ideen entwickeln. Es gibt bereits Good-Practice-Beispiele auf europäischer und internationaler Ebene. Man könnte beispielsweise KI-generierte Musik aus den Charts ausschließen oder ein Label für authentische, von Menschen geschaffene Musik einführen, das den Konsument:innen Orientierung bietet.
Studien zeigen, dass Hörer:innen sich bewusst für diese Musik entscheiden, wenn sie wissen, dass sie von Menschen gemacht wurde. Kennzeichnung und Transparenz wären daher mögliche Ansätze.
Man auch im eigenen Wirkungskreis ansetzen. Ich möchte zum Beispiel anregen, dass Bund und Länder bei ihren eigenen Veranstaltungen auf KI-generierte Musik verzichten du auch der ORF als wichtiger Signalgeber faire Regeln für den Umgang mit KI-generierter Musik aufstellt und umsetzt.
Letztlich geht mir hier darum, einen Bewusstseinsbildungsprozess anzustoßen. KI-Musik braucht dennoch auf verschiedenen Ebenen auch einen regulatorischen Rahmen – Lizenzierungs- und/oder Vergütungsmodelle beim Input und Output von KI-generierter Musik zu Beispiel, Transparenz und die Umsetzung von Kennzeichnungspflichten. Gleichzeitig arbeiten bereits viele Produzent:innen und Komponist:innen mit KI, und ich bin keineswegs dagegen. Es geht auch darum, Innovation nicht zu verhindern und neue Möglichkeiten offenzuhalten.
Wir wollen also keine Überregulierung, brauchen aber einen wirksamen Schutz des geistigen Eigentums. Andernfalls besteht die Gefahr, dass das Musikschaffen, wie wir es heute kennen, langfristig seine Grundlagen verliert. Gefordert ist vor allem der Gesetzgeber, idealerweise auf europäischer Ebene.
Du bist neben deiner Funktion als Präsidentin des Österreichischen Musikrats auch Geschäftsführerin der Musikfabrik Niederösterreich. Während du dich im ÖMR vor allem mit den Anliegen der Mitgliedsorganisationen und den übergeordneten Rahmenbedingungen beschäftigst, hast du in der Musikfabrik NÖ direkt mit Musiker:innen und Veranstalter:innen zu tun. Wie ergänzen sich diese beiden Tätigkeitsbereiche, und wie fließen die Erfahrungen aus dem einen in deine Arbeit im anderen ein?
Eva-Maria Bauer: Sehr. Während ich beim Österreichischen Musikrat den Blick von oben auf das große Ganze habe und mich meist mit Prozessen und Institutionen beschäftige, ist die Musikfabrik mein direkter Draht zur Szene. Über unsere Initiative musik aktuell – neue musik in niederösterreich lernen wir praktisch alle Nachwuchsensembles aus Jazz und Neuer Musik kennen.
Fast noch wichtiger ist für mich die Arbeit mit den regionalen Veranstaltern. Der Blick schärft sich, wenn man nicht nur mit den großen Playern zu tun hat. Die meisten Musikveranstalter in Österreich sind kleine Vereine, die ehrenamtlich, semiprofessionell oder mit sehr begrenzten Ressourcen arbeiten – aus Idealismus und Überzeugung. Ihre Herausforderungen unterscheiden sich oft stark von denen großer Akteure. Das holt mich auf den Boden zurück. Es zeigt mir auch, dass trotz aller Probleme vieles bei uns gut funktioniert, weil Menschen dahinterstehen, die an ihre Arbeit glauben und sie für wichtig halten. Sie sorgen dafür, dass selbst in den kleinsten Regionen Niederösterreichs großartige Musikfestivals und Konzerte stattfinden. Das ist wunderschön und baut mich immer wieder auf.
Insofern ergänzen sich die beiden Tätigkeiten sehr gut.
Der ÖMR blickt auf 70 Jahre Geschichte zurück. Wir haben über seine Entwicklung, die aktuelle Situation und Herausforderungen wie KI gesprochen. Wenn du nach vorne schaust: Welche Entwicklungen werden die österreichische Musikbranche in ihrer gesamten Breite prägen, und welche Rolle kann der ÖMR dabei übernehmen?
Eva-Maria Bauer: Vielleicht beginne ich mit der Rolle des ÖMR und seiner zukünftigen Ausrichtung, denn dazu kann ich am meisten sagen. Wir haben einen Professionalisierungsprozess hinter uns und an Bedeutung gewonnen. Jetzt müssen wir uns auch strukturell neu aufstellen. Wir befinden uns derzeit in einem Transformationsprozess, der vielleicht noch nicht allgemein bekannt ist.
Wir sind gerade dabei, eine gemeinnützig ausgerichtete GmbH zu gründen und den Jazzpreis auszulagern. Darüber haben wir bislang noch gar nicht gesprochen. Es ist das erste Mal in der Geschichte des ÖMR, dass wir ein großes operatives Projekt abwickeln. Das war ein Meilenstein, der zufälligerweise in mein erstes Präsidentschaftsjahr fiel. Harald Huber und Günter Wildner haben dafür jahrelang lobbyiert – das ist also keineswegs mein Verdienst.
Der Jazzpreis hat ein Budget, das doppelt so groß ist wie jenes des ÖMR, und stellt uns vor ganz neue Herausforderungen. Ich denke, dass darin bis zu einem gewissen Grad auch unsere Zukunft liegt: nicht nur über Dinge zu sprechen, sondern in bestimmten Bereichen konkret zu zeigen, wie wir uns deren Umsetzung vorstellen. Theorie und Praxis sollen Hand in Hand gehen.
Beim Österreichischen Jazzpreis ging es auch darum, dass es keine eigene Interessenvertretung der Jazzszene gibt, keine Jazzunion. Wie lässt sich einem Genre, das nach wie vor eher eine Nische besetzt, in den Medien mehr Sichtbarkeit verschaffen? Wie kann eine Szene in ihrer Diversität und Vielschichtigkeit repräsentiert werden? Mit diesem Projekt wollten wir beispielhaft zeigen, was möglich ist.
Solche Vorhaben werden uns wohl auch in Zukunft beschäftigen: nicht nur reden, sondern handeln. Dafür brauchen wir andere Strukturen als bisher.
Außerdem sind wir stark gewachsen und haben mittlerweile 46 Mitglieder. Deshalb müssen wir auch die Mitgliederverwaltung und unsere Kernstrukturen anpassen, damit die Arbeit weiterhin gut zu bewältigen ist. Es braucht also einige Veränderungen, um den ÖMR für die Zukunft fit zu machen.
Ein weiteres Ziel ist, die Lücken in der Interessenvertretung zu schließen, die vor allem im Live-Musik-Bereich bestehen. Auch hier soll der ÖMR künftig Lösungen anbieten.
Wenn ich mir die Entwicklungen in der Musiklandschaft insgesamt anschaue, überschlagen sich die Ereignisse derzeit so schnell, dass wir teilweise kaum hinterherkommen – national wie international. Deshalb möchte ich die Zusammenarbeit und den Wissensaustausch mit internationalen Gremien stärken. Wie schon erwähnt, werden etwa beim Thema KI viele Entscheidungen nicht hier, sondern in Brüssel getroffen.
Zweitens müssen wir noch enger zusammenrücken. Damit meine ich nicht nur die Musikorganisationen, sondern die gesamte Kulturbranche und darüber hinaus auch Partner aus anderen Bereichen, etwa dem Sport, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Wir müssen gemeinsam mobilisieren und insgesamt breiter denken.
Der Fair-Pay-Prozess hat uns ermöglicht, über Jahre hinweg eng mit unseren Partnerorganisationen aus Literatur, Bildender Kunst, Theater und anderen Sparten zusammenzuarbeiten. Dadurch ist eine sehr gute Gesprächsbasis entstanden, die wir als wichtige Ressource nutzen müssen. Das tun wir bereits: der Österreichische Kulturrat ist aktuell sehr aktiv, und es gibt weitere Konstellationen, in denen wir heute sehr eng kooperieren, beispielsweise im Rahmen der ARGE Kulturelle Vielfalt der Österreichischen UNESCO Kommission.
Wir arbeiten also bereits sehr eng mit Partnern aus allen Kunst- und Kultursparten zusammen als und sollten diesen Weg weitergehen. Denn wir sind nur gemeinsam stark, und Lösungen braucht es nicht allein für die Musikbranche. Literatur und Übersetzung sind von KI möglicherweise noch stärker betroffen als wir, ebenso die Bildende Kunst.
Wir sind nicht allein und müssen uns das immer wieder vor Augen führen. Gemeinsam können wir unsere Anliegen gegenüber der Politik auch mit mehr Gewicht vertreten. Wir sprechen von rund 380.000 Musikschaffenden, aber wenn wir den gesamten Kulturbereich mitdenken, betrifft es möglicherweise sogar eine Million Menschen. Das stärkt natürlich unsere Position.
Gemeinsam sind wir stärker – auch in politisch und finanziell ungewissen Zeiten.
Vielen dank für das Interview
Michael Ternai
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