„WENN MAN MEINE STREAMS IN PLATTENVERKÄUFE UMRECHNET, WÄRE ICH JETZT WIRKLICH WOHLHABEND“ – FELIX KRAMER IM MICA-INTERVIEW

Vor rund zehn Jahren hat FELIX KRAMER seine Reise als recording artist begonnen: im Jahr 2018 ist sein erstes Album „Wahrnehmungssache“ erschienen, demnächst bringt er ein Live-Album heraus. Jürgen Plank hat mit dem Musiker darüber gesprochen, warum genau jetzt der richtige Moment dafür ist und wie sich seine Lieder im Laufe der Jahre verändert haben. Außerdem erzählt Kramer von einer gemeinsamen Single-Veröffentlichung mit DER NINO AUS WIEN, die heuer passiert ist: ein Cover von GIGI D’AGOSTINOs Lied „La Passion“. Und er spricht über zum Teil vorhandenes Lampenfieber vor Auftritten. Die Texte von alten Austro-Pop-Liedern sieht er mitunter kritisch – auch darum geht es im vorliegenden Interview.

Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt, ein Live-Album zu machen?

Felix Kramer: Musik verändert sich durch das Live-Spielen über die Jahre. Viele Lieder, die ich von Anfang an spiele, spiele ich jetzt total anders. Auch anders als auf dem ersten Album, zum Beispiel. Ich finde es total geil, dass die Musik so lebt und irgendwie spielen wir auch jeden Abend anders. Die Musiker können auch alle improvisieren und wir bauen immer kleine Unterschiede ein und das ist irgendwie cool. Im Studio zu arbeiten, ist eine andere Kunstform als ein Live-Konzert. Das funktioniert einfach anders. Und dann ist es urgeil, das auch mal zu feiern und zu zeigen: Schaut, das ist in den letzten zehn Jahren passiert!

Welcher Song hat sich inwiefern verändert?

Felix Kramer: Zum Beispiel „Trotzdem nix woan“. Das ist am Studio-Album langsam und eine ganz entspannte Sache. Und jetzt ist es, gerade in der Version am Live-Album, wirklich extrem intensiv und es wird herumgeschrien. Und die Band brettert dahin, weil die Nummer einfach so einen explosiven Charakter hat. Aber am Anfang habe ich das noch nicht gespürt. Da habe ich mich noch nicht getraut, so aus mir herauszugehen, glaube ich. Da bin ich bei Konzerten auch noch gesessen. Da hat sich also wirklich sehr viel verändert. Außerdem gibt es bei vielen Nummern ein paar kleine Textänderungen, auch bei „Trotzdem nix woan“. Jetzt singe ich weniger im Dialekt als am Anfang.

Warum singst du jetzt weniger im Dialekt?

Felix Kramer: Mehr in den Dialekt zu gehen, hat sich für mich am Anfang besser angefühlt, aber irgendwann habe ich mir gedacht: Es klingt eigentlich fast schöner, wenn ich Sonne sage statt Sunn. Ich habe da auch nochmal anders zu meinem Stil gefunden und jetzt sind halt alle Nummern revised, sozusagen. Sie sind so wie ich sie jetzt singe und wie sie mir jetzt taugen.

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Georg Danzer hat über den Zustand vor einem Konzert mal gesagt, dass er oft lieber wieder nach Hause gehen würde. Hast du vor einem Auftritt Lampenfieber oder Ähnliches?

Felix Kramer: Eigentlich nicht, aber es gibt halt trotzdem dieses Adrenalin: Okay, ich will das jetzt gut machen. Und es ist echt spannend, was das machen kann. Ich kann wirklich völlig abgeschlagen sein und eine Stunde vor dem Konzert ist die Stimmung einfach: Es kann nichts passieren, ich bin einfach voll on. Natürlich passiert immer etwas, ich mache immer Fehler. Und das ärgert mich sehr und ich mag das nicht an mir, dass ich kein perfektes Konzert spielen kann. Das ist vielleicht zwei Mal vorgekommen in zehn Jahren. Es war schon bei der klassischen Musik so, dass ich immer ins Gefühl reingegangen bin, aber dann nie technisch perfekt war. Aber irgendwie versuche ich das auch mit der Zeit zu akzeptieren.

Vor welchem Auftritt warst du richtig nervös?

Felix Kramer: Ich war jetzt schon ein paar Mal nervös, zum Beispiel habe ich neulich im Stadtpark gespielt und da waren dann schon an die tausendLeute da und das war die größte Solo-Show, also bei keinem Festival, die ich je hatte. Das erste Mal im Konzerthaus war es auch so. Ich werde im Konzerthaus im April ganz sicher auch sehr nervös sein.

„ALBEN ZU PRODUZIEREN, IST WIRKLICH FAST UNLEISTBAR“

Live passieren natürlich „Fehler“, im Studio kann man mehr feilen, kann man Details ausarbeiten. Inwiefern hast du Druck gespürt, wissend: da wird jetzt mitgeschnitten, das soll ein Album werden. Oder warst du trotzdem irgendwie befreit?

Bild des Liedermachers Felix Kramer
Felix Kramer © Max Motel

Felix Kramer: Nein, da war ich überhaupt nicht befreit. Im flucc war ich befreiter, weil ich es mir so einfach vorgestellt habe: okay, wir nehmen einfach auf und dann haben wir ein Live-Album. Und dann stellt sich heraus, es waren nur drei Nummern wirklich so, dass man sie auf Platte pressen kann. Wenn man etwas verkauft und halt auch wahnsinnig viel Geld ausgibt, um das zu produzieren, dann muss das auch stimmen. Das ärgert sonst die Leute. Wenn man beim Konzert ein Wort vergisst, ist das schnell verziehen, aber wenn du das Lied fünf Mal hören willst, dann nervt es dich irgendwann. Alleine die Presskosten sind so teuer geworden. Alben zu produzieren, ist wirklich fast unleistbar. Da war ich wirklich sehr angespannt und sehr darauf bedacht, dass es takes sind, die aufs Album draufkommen können. Nach der ersten Konzert-Hälfte im Stadtsaal war klar: Wir haben genug Nummern, weil so viel gut gelaufen ist. Dann war ich entspannt und das war cool.

Es gibt Tribute-Konzerte für Ludwig Hirsch, bei denen du mitwirkst. Er hat diese dunkelgrauen Lieder, mit vielen Zwischentönen, die musikalisch und inhaltlich sehr differenziert sind.

Felix Kramer: Ludwig Hirsch war sicher einer der ganz entscheidenden Gründe, warum ich gesagt habe: hey, das kann man machen. Er hat mir den Mut dazu gegeben. Ich habe diese Lieder gehabt, die sich schon mit extrem harten und unangenehmen Themen beschäftigen. Lieder mit Grautönen und Sprechgesang, von denen eben viele nicht im Up-Tempo sind und nicht in Richtung Tanz gehen. Da gibt es viele Sachen, die auch super sind, aber es ist halt niemals mein Charakter, dass ich feelgood-Musik oder Tanzmusik mache. Ich liebe es selbst auf solche Konzerte zu gehen, aber ich bin’s nicht. Deshalb habe ich mir gedacht: na gut, das wird eh nix und meine Musik wird auch nie im Radio laufen. Aber dadurch, dass ich aus der experimentellen Musikszene und aus der klassischen Musikszene komme, war es mir auch irgendwie wurscht, denn ich bin davon ausgegangen, dass man mit den Liedern kein Geld verdienen kann. Und dann habe ich irgendwie Ludwig Hirsch entdeckt und habe mir gedacht: das geht, man kann das machen, so etwas Ähnliches hatte schon Erfolg. Gleichzeitig muss man sagen, es war eine andere Zeit und damals haben Leute Platten gekauft. Wenn man meine Streams in Plattenverkäufe umrechnet, wäre ich jetzt wirklich wohlhabend.

Du hast heuer gemeinsam mit Der Nino aus Wien einen Song veröffentlicht, ein Cover von Gigi D’Agostino: „La Passion“ singt ihr ausnahmsweise nicht auf Deutsch. Warum habt ihr diesen Song genommen?

Felix Kramer: Also, wir mögen uns und schätzen uns. Wir schreiben, wir arbeiten unterschiedlich, aber unsere Musik hat trotzdem natürlich eine Verwandtschaft. Wahrscheinlich meine größte Verwandtschaft zwischen allen, die in Österreich Musik machen. Obwohl unsere Stile zunehmend unterschiedlicher werden, ist ein großes Verständnis da. Dann haben wir uns ein bisschen angenähert und haben ein Konzert miteinander gespielt, bei dem wir dann auch zwei Lieder gegenseitig gecovert haben und das war auch total schön. Dann haben wir auch andere Lieder gecovert und das war cool und hat Spaß gemacht. Und so haben wir gesagt: hey, nehmen wir etwas auf. Nino hat dann richtigerweise gesagt: warum sollen wir Fendrich aufnehmen? Was sendet das für eine Botschaft? Neulich gab es diese Diskussion über österreichische alte Helden und ich finde diesen Ansatz wirklich gut, die alten Helden zu hinterfragen, denn da gibt’s genug, was man finden kann.

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Nenne bitte ein Beispiel.

Felix Kramer: Also, zum Beispiel „Strada del Sole“, das ist ja sehr lustig und dann: dem schlage ich die Zähne ein. Dem Typ, auf den man eifersüchtig ist. Naja. Dann heißt es in „Die Blume aus dem Gemeindebau: wenn ich dich sehe, spielt es Granada bei mir. Ich kann nur sagen, dass ich für nichts garantiere. Was heißt das jetzt? Und bei der Live-Version von Austria 3 singen sie: du führst di deppat auf wegn dem Hasn, kann die Alte wirklich so gut… Beim Lied „Vorstadtcasanova“ von Georg Danzer ist der Text noch um die Ecke gedacht. Das ist nicht so explizit und da geht es nicht darum zu sagen: wir unterstützen diesen Vorstadtcasanova, der ein richtig grauslicher, erbärmlicher Typ ist.

So wie bei Ludwig Hirsch „Spuck den Schnuller aus“, wo es nicht darum geht, Pädophilie zu verherrlichen. Trotzdem kann man das kritisieren: Musste das wirklich sein? Musste man so ein Bild wirklich singen? Beim Ludwig Hirsch-Projekt singen wir das zum Beispiel nicht. Vielleicht hat das damals anders gewirkt, aber man muss es jetzt nicht singen. So genial ist diese Provokation auch nicht.

Deswegen habt ihr euch gegen Austro-Pop und für Gigi D’Agostino entschieden.

Felix Kramer: Wir wollten etwas machen, womit niemand rechnet und Nino hat die Idee zu „La Passion“ gehabt. Gigi wurde irgendwann von den Rechten gekapert und er hat sich auch sehr gegen diese rechte Vereinnahmung verwehrt. Gigi ist saugeil, er ist ein irrsinnig sympathischer Typ. Er ist einfach ein weirder Künstler, der echt seine eigenen Sachen gemacht hat, ohne Rücksicht. Er hat irrsinnig weirde Alben gemacht.

Du hast in einem mica-Interview im Jahr 2019 erzählt, dass dich Schauspielerei interessiert und hast inzwischen in Filmen mitgespielt. Wie war diese Erfahrung für dich?

Felix Kramer: Ich habe in drei Filmen mitgespielt und auch ein Hörspiel gemacht und eine Miniserie. Ich habe auch eine Agentur in Deutschland und Schauspielerei ist etwas, was ich immer machen wollte und das passiert jetzt und das ist total schön. Der erste Film war „How to Be Normal and the Oddness of the Other World“ von Florian Pochlatkound das ist ein wirklich schöner, starker Film. Diese Dreherfahrung war irre, da ist es wie ein Blitz durch mich durchgefahren: Ich muss das machen!

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Live:

07.11.2026: Orpheum, Wien, Albumpräsentation

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