Lissie Rettenwander / Screenshot Hörsaal 1 / 2016

„DADURCH HABE ICH VERSTANDEN, WIE KUNST EINEN RAUM VERÄNDERT.“ – LISSIE RETTENWANDER IM MICA-INTERVIEW

Die Tiroler Stimm- und Klangkünstlerin LISSIE RETTENWANDER lebt seit 4 Jahren in Wien. Im Rahmen von Wien Modern wird sie nun am Mittwoch das Stück VOX im erst kürzlich neu eröffneten Studio Molière performen, als Auftakt der Minimal Music Night. Michael Franz Woels sprach mit ihr über ihre Kindheit am Bauernhof, das letztes Jahr ins Leben gerufene Weltweit Erste Stimmgabel Ensemble, Rituale und Symbole sowie ihre persönliches Musikinstrumente-Alphabet.

Die Stimmgabel, im Englischen tuning fork, ein älterer Begriff griechischen Ursprungs lautete Diapason, wurde von dem Trompeter und Lautenspieler John Shore 1711 erfunden. 2018, also mehr als 300 Jahre später, zum Art´s Birthday am 17. Jänner, den der französische Fluxus-Künstler Robert Filliou in den 1960er Jahren ins Leben gerufen hat, entstand das von dir konzipierte Weltweit Erstes Stimmgabel Ensemble.

Lissie Rettenwander: Ursprünglich hatte ich einen Solo-Auftritt mit Stimmgabeln und Loop-Station geplant. Ich wollte die Wände, die Holz-Paneele des Raumes im Funkhaus Wien, zum Klingen bringen und war eine Woche lang immer wieder dort, um das Stück vor Ort zu konzipieren. Zwischen Soundcheck und Konzert gab es eine Situation, bei der zwei Neugierige zu meinem „Mise en Place“ kamen. Ich habe ihnen die Stimmgabeln vorgeführt und wir haben gemeinsam auf einer Holzkiste mit verschieden gestimmten Stimmgabeln gespielt. Zu dritt, um eine einfache Holzkiste zu stehen und mehrstimmige Musik mit einfachsten Mitteln zu machen, war überraschend und überwältigend schön, wie Zaubern. Dieses Erlebnis war der Beginn des Weltweit Ersten Stimmgabel Ensembles.

Bei der anfänglichen Solo-Performance für den Art´s Birthday habe ich Stimmgabeln auf verschiedene Oberflächen aufgesetzt, um dem Publikum vorzuführen, dass alles mögliche ein Resonanzkörper sein kann –  auch eine Kaffeepackung oder ein Buch. Am Ende habe ich hundert Stimmgabeln mit jeweils 440 Hertz an das Publikum verschenkt, und damit das Weltweit Erste Stimmgabel Ensemble ins Leben gerufen.

Das Instrumentarium konnte ich später durch eine Leihgabe erweitern. In einem etwa hundertjährigen schwarzen Koffer, früher im Besitz der ehemaligen Abteilung für Neuro- und Sinnesphysiologie der Medizinischen Universität Wien, befinden sich zwölf Stimmgabeln: die tiefste und größte schwingt 16 Mal in der Sekunde, die höchste 1.046,50 Mal in der Sekunde.

Es gibt übrigens auch ein Solo-Stimmgabel-Stück namens „Diapason 333“ auf der Doppel-CD „DAMN!“ (Anm.: „FreiStil-Samplerinnen 4+5“ von freiStil – Magazin für Musik und Umgebung, erschienen beim Label chmafu nocords).

Im Grunde wäre es super, einen Proberaum für das Stimmgabel-Ensemble zu haben, um längerfristig und konzentriert arbeiten zu können. Das Konzept des Weltweit Ersten Stimmgabel Ensembles ist eine offene, soziale Vernetzung, nicht nur für Musiker und Musikerinnen, sondern auch für bildende Künstler und Künstlerinnen und andere Bereiche, mit dem Interesse, sich an einem Tisch herum – und um ein Stück – zusammenzusetzen, also zu komponieren.

WELTWEIT ERSTES STIMMGABEL ENSEMBLE@Der blöde dritte Mittwoch from WELTWEITERSTESSTIMMGABELENSEMBLE on Vimeo.

„ICH HABE MIR SOZUSAGEN DIE EINRICHTUNG, DAS MOBILIAR DER PLATTE ÜBERLEGT.“

Dein erstes Album „Inside“ erschien 2013 in Tirol beim Innsbrucker Heart Of Noise Label. Welche Erinnerungen verbindest Du mit diesem Album?

Lissie Rettenwander: Erinnern kann ich mich noch, wie ich die einzelnen Settings für die Stücke  im Tyrolis-Studio aufgebaut habe, an einen 90er Jahre Tyrolis-Spannteppich in diesem großen Raum, ein Poster der Zillertaler Schürzenjäger an der Wand. Das Aufnehmen ging schnell, an einem Tag, bis in die Nacht hinein. Jürgen Brunner hat die Platte aufgenommen. Und Bobby Rajesh Malhotra hat mich den gesamten Prozess hindurch begleitet. Ich habe mir davor Skizzen zu den einzelnen Settings und Stationen gemacht: ich wollte Zither/Stimme-Stücke, ein Nähmaschinen-Stück, ein Stück mit Metronomen, ein Stück mit Stimme und Loop-Station, ein Atem-Stück und so weiter. Ich habe mir sozusagen die Einrichtung, das Mobiliar der Platte, überlegt. Und diese “durchkomponierten” Settings konnte ich dann auch live wiederholen.

Auf dem Wiener Label smallforms des Sound-Künstlers Gustavo Petek ist 2018 Dein Album „Wiener Stimmung Münchner Stimmung“ erschienen. Welches spezielle Setting hattest Du für diesen Auftritt im Rahmen der smallforms session im Artspace Chateau Rouge der Performance-Künstlerin Elisabeth Bakambamba Tambwe?

Lissie Rettenwander: Ich spielte auf meiner Kitzbühler Zither aus meiner Kindheit mit einer „Münchner Stimmung“, die in der alpenländischen Volksmusik so üblich war. Die anderen drei Zithern mit „Wiener Stimmung“ habe ich in Wien gekauft und belassen wie sie waren. Bei einer Zither habe ich peripher Nylonsaiten durchgewoben, um spezielle Sound-Effekte damit erzeugen zu können. Ich finde, eine Zither hat etwas von einem Webstuhl an sich.

Auf dem heuer erschienen Sampler Fraufeld Vol. 2 befindet sich ein Stück von Dir mit dem Titel „something´s brewing“. Die Instrumente oder Elemente, mit denen du performst, wirken zum Teil sehr stark symbolisch aufgeladen.

Lissie Rettenwander: Ich bin mit den Klängen auf einem Bauernhof und in der Natur aufgewachsen. Das war meine musikalische Grundausbildung. Später kamen dann die Stimme und Volksmusik-Instrumente dazu: Singen habe ich, gemeinsam mit meinen Geschwistern, von meinem Vater gelernt. Die Zither in der Musikschule, aber Routine bekam ich durch unsere Familien-Stuben-Musik. Mein Vater wurde in einer Zeit groß, in der man musizierte, weil man einfach keinen Plattenspieler zu Hause hatte – oder im Wirtshaus gesungen und Stanzln improvisiert hat, weil es dort noch keine Musikanlage gab. Diesen unmittelbaren Zugang zur Musik hat er mir offensichtlich weitergegeben.

Mit Absicht spiele ich auch immer noch die Mürnseer-Zither, die ich als 10jährige zu Weihnachten bekommen habe. Sie hat mich durchs Leben begleitet und ich hatte nie den Wunsch, mir eine neuere oder größere zuzulegen. Es geht mir um das Performative dieses Instruments, um die Geschichte, die sie hat, und natürlich um ihren Klang. Auch Brüche sind für mich sehr wichtig, zum Beispiel, wenn ich dann bei einer Performance in der Alten Schmiede – Kunstverein Wien im Oktober plötzlich in das Schallloch der Zither rufe. Das erinnert mich irgendwie an Jimi Hendrix. Auf der symbolischen Ebene spielen zum Beispiel Reinigungsgeräte, die man eher weiblich konnotiert, eine Rolle. Mit ihnen bearbeite ich das Instrument – aber auch mit Schraubenzieher und Hammer. Ein Bügelbrett dient mir als Zither-Tisch.

„METRONOME VERBINDEN VIELE MUSIKERINNEN UND MUSIKER MIT DISZIPLINIERUNG. ICH MÖCHTE MIT MEINEN METRONOM-STÜCKEN GENAU DAS GEGENTEIL BEWIRKEN.“

Du performst immer wieder wie in dem Stück „Hörsaal 1“ auch gerne mit zwei Metronomen, die sich rhythmisch überlagern.

Lissie Rettenwander: Metronome verbinden viele Musikerinnen und Musiker mit Disziplinierung. Ich möchte mit meinen Metronom-Stücken genau das Gegenteil bewirken. Ich arbeite eigentlich nicht wirklich mit musikalischen Begriffen, sondern konzeptionell. Es geht mir also weniger um Polyrhythmen, als mehr um das Vergehen von Zeit, zum Beispiel bei einem Tempo von 60 Schlägen pro Minute, wie beim Ticken einer Pendeluhr. Die gab es noch in der Bauernstube meiner Kindheit.

Man könnte ja eigentlich nur bei der Stimme, der Zither oder der Stromgitarre bleiben, das wäre natürlich am Einfachsten. Bevor ich eine Musikperformance konzipiere, gehe ich sozusagen mein persönliches Alphabet der Instrumente durch: Z wie Zither, M wie Metronom, S wie Stimmgabel, R wie Rassel, V wie Volkslied.

Einen VOX-Lautsprecher herzunehmen und mit einer gewissen Punk-Attitüde selbstbestimmt den Sound am Körper durch den Raum zu tragen, das finde ich spannend.

Kannst Du uns kurz erzählen, was Du bei der Eröffnung der Minimal Music Night im Rahmen von Wien Modern geplant hast?

Setting Skizze VOX für ein Konzert im Juni 2019 in der Steinergasse 8 (c) Lissie Rettenwander

Lissie Rettenwander: Im Stück „VOX“ arbeite ich nicht mit Instrumenten wie der Zither, dem Steirischen Knöpferl-Akkordeon oder der Stromgitarre, sondern mit kleinen selbstklingenden Gegenständen wie Rasseln. Ich verwende auch eine selbst gebastelte Karton-Gummiband-Zither oder eine Nachtigall-Nachmach-Maschine. Es kommen Kinder-Glocken vor, auch ein Goldenes Ei als Rassel. Musik ist ja oft in soziale Rituale eingebunden: bei einer Taufe, bei einer Hochzeit, bei einem Begräbnis. Und in Tirol gibt es ja auch noch Bräuche, bei denen der Lärm zum Beispiel zur Austreibung des Winters eine Rolle spielt. „VOX“ ist ein Ritual mit einem ironischen Augenzwinkern. Der Humor und das Narrativ, die Zerlegung der Stücke in einzelne musikalische Parameter, sowie die soziale Komponente von Musikdarbietungen, stehen bei meinen Stücken oft im Zentrum.

 „DADURCH HABE ICH VERSTANDEN, WIE KUNST EINEN RAUM VERÄNDERT.“

Bevor du 2015 nach Wien gekommen bist, hast du unter anderem 10 Jahre im Kunstraum Innsbruck gearbeitet, viele Jahre auch als Wildwasser-Raft-Guide. Hatten diese Tätigkeiten Einfluß auf deine Live-Performances?

Lissie Rettenwander: Im Wildwasser ist das Rauschen sehr laut und man muss die kurzen Kommandos klar und lauter als das Wasser ausrufen. Am Anfang hat das Rauschen des Wassers für mich immer gleich geklungen und der Fluss war wie auf einer Landkarte quasi zweidimensional flach. Aber je länger man diese Tätigkeit ausübt, umso mehr wird der Fluss zu einer dreidimensionalen Landschaft.

Und das Rauschen ist so unterschiedlich, dass man mit sehr viel Erfahrung sogar blind fahren und navigieren könnte, weil man die Hauptströmung, die Nebenströmungen, die Walzen, die stehenden Wellen oder das Kehrwasser und somit die Tiefe des Wassers hören kann. Ich habe damals das Buch „Life on the Mississippi“ von Mark Twain gelesen. Er beschreibt, wie die Lotsen auch bei Dunkelheit die Schiffe anhand des Wasserrauschens steuern konnten. Also diese Tätigkeit hat mein Hören bestimmt speziell geschult – dieses Plätschern, Rauschen, Fließen, Gurgeln des Wassers.

Im Kunstraum Innsbruck hatte ich dann intensiv mit zeitgenössischer Kunst zu tun. Im kleinen Team habe ich die Künstlerinnen und Künstler alle kennengelernt (Anm. u.a.: Atelier Van Lieshout, John Bock, Monica Bonvicini, Mike Bouchet, Thomas Feuerstein, Sylvie Fleury, Herbert Fuchs, Markus Geiger, Gelitin, Renée Green, Thomas Hirschhorn, Andreas Hofer, Christian Jankowski, Hubert Kiecol, Elke Krystufek, Kühn/Malvezzi, Albert Mayr, Jonathan Meese, Olaf Metzel, Dan Perjovschi, Tobias Rehberger, Michael S. Riedel, Gerwald Rockenschaub, Christoph Schlingensief, Hans Weigand, Franz West, Amelie von Wulffen, Erwin Wurm und Heimo Zobernig.) Als Kunstvermittlerin war ich auch immer beim Auf- und Abbau dabei und habe verstanden, wie Kunst einen Raum verändern kann.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

…………………………………………………………………………………………………………………….

Termin:
20. November 2019, 21:00h

Minimal Music Night. Der blöde dritte Mittwoch

…………………………………………………………………………………………………………………….

Links:
Lissie Rettenwander (Facebook)