„Was zum Teufel habe ich mir da jahrelang gefallen lassen?“ – KATHI KALLAUCH im mica-Interview

Die Sängerin und Songschreiberin KATHI KALLAUCH hat in den letzten Jahren einen echten Wandel vollzogen. Von einer jungen Popkünstlerin, die in den österreichischen Charts so manche Erfolge feiern konnte, hin zu einer sehr umtriebigen Fördererin der jungen heimischen Popszene. So kuratiert sie seit 2015 die Konzertreihe „Live im 25 hosted by Kathi Kallauch“, in deren Rahmen mittlerweile vielen Nachwuchshoffnungen die Bühne geboten wurde. Damit nicht genug startete sie 2019 mit „Kathi Kallauchs Lady.Zimmer“ eine weitere Konzertreihe, die den Fokus ausschließlich auf weibliche Artists gerichtet hat. Aber es ist nicht nur ihre Tätigkeit als Veranstalterin, mit der sie Aufmerksamkeit erregt. KATHI KALLAUCH hat aufgrund ihrer Erfahrungen auch zur Rolle und dem Umgang mit Frauen im Musikbusiness einiges zu sagen und tut dies auch regelmäßig. Zwischen all diesen und noch anderen Aktivitäten macht sie zudem auch noch weiterhin Musik. Erst vor wenigen Wochen erschien ihre letzte Single „Walkman“, Anfang Dezember folgt mit „Brief an mich“ ihre nächste. Im Interview mit Michael Ternai sprach KATHI KALLAUCH über die Ziele ihrer Konzertreihen sowie über ihren eigenen Emanzipationsprozess und welche Erkenntnisse sie aus diesem gewonnen hat.

Man kennt dich seit geraumer Zeit nicht nur als Sängerin und Veranstalterin, sondern auch als eine Stimme, die für Gleichberechtigung im Musikbusiness eintritt. Bei deinen eigenen Veranstaltungsreihen – wie etwa live im 25 – achtest du sehr darauf, möglichst viele weibliche Acts auf die Bühne zu bringen. Dann gibt es auch noch das Lady.Zimmer, eine Konzertreihe ausschließlich für Singer-Songwriterinnen ….

Kathi Kallauch: Das Lady.Zimmer habe ich bislang auf der summerstage gemacht. Und es hat nur wenige Male stattgefunden, weil da die Pandemie, als es gerade am Anlaufen war, leider dazwischenkam. Aber ich bin im Moment in Gesprächen, wie es mit diesem Format weitergehen könnte, weil ich das Lady.Zimmer gerne auf regelmäßigere Beine stellen möchte. Es ist mir echt ein Anliegen, Künstlerinnen eine eigene Bühne zu schaffen.Ich habe bei meinem eigenen Booking für Live im 25 irgendwann festgestellt, dass ich in der Auswahl der Acts ausgewogener werden sollte. Darauf habe ich früher weniger geachtet. Erst mit meinem eigenen Emanzipations-Prozess kam dann auch diese Erkenntnis. Davor passierte es schon oft, dass ich für einen Abend ausschließlich männliche Acts gebucht habe. Das mag vielleicht auch daran gelegen haben, dass viele dieser Acts sehr laut und sehr präsent sind und die weiblichen Acts dadurch in den Hintergrund rücken. Und das ist schade, weil es hier in Österreich so viele fantastische Künstlerinnen gibt. Man muss sich auch nur die Lineups von den großen Festivals anschauen. Da sind Frauen völlig unterrepräsentiert. Auf jeden Fall wollte ich dem im Kleinen entgegenwirken und habe deswegen zusätzlich zu Live im 25, wo wir mittlerweile bewusst eine fifty-fifty-Quote haben, die Reihe Lady.Zimmer ins Leben gerufen, die den Fokus ganz auf Musikerinnen und Singersongwriterinnen legt. Und dann sind es gleich sechs weibliche Acts an einem Abend, damit auch so viele möglich die Bühne bekommen. Ich bin jetzt mit Nachdruck dran, dass ich auch diese Reihe wie Live im 25 viermal im Jahr stattfinden lassen kann. Das ist mir wichtig. Weil ich merke, dass der Bedarf groß ist und ich auch von Seiten des Publikums Wertschätzung dafür entgegengebracht bekomme.

Du hast gesagt, dass sich auch bei dir das Bewusstsein für dieses Thema erst bilden musste. Gab es da einen bestimmten Anlass, der deinen Blick auf die Dinge verändert hat?

Kathi Kallauch: Dass es einen einzelnen Moment gegeben hat, kann ich nicht sagen. Es war eher ein Prozess. Und dieser hat zunächst ganz naheliegend mit dem Älterwerden zu tun. Es werden einem die Dinge mit der Zeit einfach bewusster. Man beginnt einfach mehr und mehr die Vergangenheit zu reflektieren. Und ich glaube, dass gerade Frauen irgendwann zu einem Punkt kommen, an dem sie sich weniger um die Meinung anderer kümmern und sich selbst fragen: „Was zum Teufel habe ich mir da jahrelang gefallen lassen?“. Dazu muss ich sagen, dass ich früher echt um jeden Preis gefallen wollte. Aus diesem Grund bin ich auch oft faule Kompromisse eingegangen. Als Künstlerin wie auch als Mensch. Und wenn du dann draufkommst, dass du dieser Mensch eigentlich nicht sein musst, dann befreit dich das auch extrem. Es wird dir viel klarer, wofür du eigentlich stehen willst.

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In meiner persönlichen Biographie war ein massiver Wendepunkt aber tatsächlich eine Trennung nach vielen Jahren aus einer, wie man heute sagen würde, toxischen Beziehung. Wenn man das einmal schafft, sich nach vielen Jahren von etwas zu befreien, von dem man davor geglaubt hat, dass man da nie rauskommen wird, dann setzt das unglaublich viel Kraft frei. Und dann kommen auf einmal ganz viele Erkenntnisse darüber, was man sich alles gefallen hat lassen und welche Ungerechtigkeiten man erlebt hat. Aus diesem Erlebnis heraus ist in mir eine große Stärke gewachsen, die mich total vorangebracht hat. Unter anderem hat sich auch in mir das dringliche Anliegen herausgebildet, nicht nur zu zeigen, zu welch neuer Stärke ich gefunden habe, sondern auch andere zu empowern. Das sehe ich für mich als Künstlerin als Auftrag. Ich mache das nicht nur aus reiner Selbstverwirklichung, ich will auch wirklich für etwas stehen und andere stärken. Und ich sehe ja, wie vielen Frauen es auch so geht. Was ich mit Anfang 20, als ich das erste Mal meine Musik veröffentlicht habe, gesagt bekommen habe, war, dass wenn ich nicht rasch meinen Durchbruch schaffe, ich es eh vergessen kann, weil keiner eine Frau über 30 featuren oder sehen und hören möchte. Das sind einfach Lügen. Und ich denke, dass nicht nur ich, sondern auch andere Künstlerinnen solche zu hören bekommen haben. Aber seitdem hat sich in der Branche glücklicherweise einiges zum Positiven hin gewandelt, wobei es nach wie vor viel zu tun gibt.

Vor allem im Livesektor herrscht ja da noch sehr viel Aufholbedarf.

Kathi Kallauch: Wobei ich da gar nicht den männlichen Artists einen Vorwurf machen will. Das ist wirklich eine Frage der Veranstalterseite, die stark männlich dominiert ist. Dasselbe gilt meiner Meinung nach auch für Radiomacher. Wenn man sich Playlists und Charts anschaut, sieht man ein enormes Gefälle. Solche Rechtfertigungen wie „Das sind eben die Sachen, die die Leute kaufen“ oder „Das sind die Songs, die sich die Hörer*innen wünschen“ sind einfach Bullshit. Wenn ich den Leuten nur eine gewisse Auswahl präsentiere, werden sie sich auch gar nichts anderes wünschen können oder kaufen wollen. Es ist immer auch die Frage, was ich anbiete. Da sehe ich schon die Verantwortung bei den Radiostationen. Und wenn sich dann ganz viele Leute beschweren, weil zu viele weibliche Acts gespielt werden, kann man natürlich darüber reden, was in unserer Gesellschaft generell nicht stimmt. Aber ich glaube, dass wenn man den Hörer*innen etwas anderes anbietet, sie sich auch daran gewöhnen und es irgendwann als normal empfinden würden. Trends werden schon auch gemacht.

Bild Kathi Kallauch
Kathi Kallauch (c) Carina Antl

Es ist einfach schön zu sehen, dass sich da eine Community gebildet hat.“

Es sieht auf jeden Fall danach aus, dass sich da etwas tut. Vor allem auch, weil Künstlerinnen das Heft selbst in die Hand nehmen und, so wie du, Konzertreihen veranstalten. Ich denke da unter anderem an Sara Filipova mit ihrer Reihe 0816 ACOUSTIC im Wiener Loop.

Kathi Kallauch: Ja, sie ist eine liebe Freundin von mir. Ich bin schon einmal bei ihr aufgetreten und sie auch bei mir. Das ist schon auch ein gegenseitiges Pushen, das da stattfindet. Und ja, im Livesektor hat sich, bei aller berechtigten Kritik, zu früher schon spürbar etwas verändert. Ich muss aber, wenn ich jetzt darüber nachdenke, auch dazusagen, dass wenn man sich meine Kolleginnen anschaut, die selber etwas veranstalten oder mich in anderer Form unterstützen, die meisten über 30 sind. Das sind eben diese Frauen, die ihre Erfahrungen bereits gemacht haben und sagen: „Da ist schon einiges komisch gelaufen in meinen Zwanzigern.“ Es ist einfach schön zu sehen, dass sich da eine Community gebildet hat. Und ich sehe das auch bei meinen Events, bei denen wir zusammensitzen und uns unterhalten. Man ist so gleichgesinnt und kann sich mit den Kolleginnen identifizieren. Wir haben so viele Themen und Überschneidungen und merken, dass wir alle im selben Boot sitzen. Das Lustige an diesen Events ist auch, dass da manchmal auch Künstlerinnen dabei sind, die als Vorbilder gelten und zu denen man aufschaut, weil sie schon so viele coole Sachen gemacht haben. Wenn man sich mit ihnen unterhält, merkt man dann, dass sie im Grunde dieselben Dinge erlebt und mit den gleichen Troubles zu kämpfen haben. Bei solchen Events entsteht etwas Gemeinsames, das wirklich Kraft hat.
Ich habe bei Live im 25 ja oft sehr junge Artists und merke bei manchen, wie viel weiter diese jetzt schon im Vergleich zu mir in diesem Alter sind. Sie wissen schon viel genauer, wer sie sind und was sie wollen und können. Gleichzeitig erlebe ich aber grad bei sehr jungen Künstlerinnen die gleichen Unsicherheiten, die ich von früher kenne. Und da ist es für mich superschön, dass ich die Möglichkeit habe, diese jungen Künstlerinnen zu ermutigen, zu stärken und zu pushen. Eine solche Person hätte ich mir, als ich noch 20 war, gewünscht.

Bild Kathi Kallauch
Kathi Kallauch (c) Bernhard Eder

Um etwas auf deine Musik zu kommen. Wie sehr hat sich diese mit der Entwicklung deiner Person gewandelt? Deine neue Single „Walkman“ etwa, zeigt dich von einer sehr ironischen Seite.

Kathi Kallauch: Wobei „Walkman“ im Vergleich zu meinen anderen Sachen, die ich davor gemacht habe, schon ein bissl aus der Reihe tanzt. Und das ganz bewusst. Der Song zeigt eine Seite von mir, die man bislang von mir noch nicht kannte. Und diese Seite von mir ist schon sehr ausgeprägt. Ich bin extrem humorvoll. Was sich vielleicht am meisten geändert hat, ist, dass ich jetzt über meine Musik deutlich mehr Entscheidungsgewalt habe als früher. Ich war als Künstlerin schon immer relativ unabhängig, aber es gab immer Leute, die dann doch Einfluss nehmen und mich formen wollten. Das ist jetzt anders. Ich bin inzwischen mein eigenes Label und beauftrage Produzenten, die ich cool finde. Und die geben auch immer sehr hilfreichen Input, da ich ja selber keine Produzentin bin, aber am Ende des Tages bestimme ich, wie etwas geschieht. Immerhin bin ich auch diejenige, die dafür bezahlt. Wenn mir etwas nicht taugt, muss es der- oder diejenige ändern.

Aber auch musikalisch wirkt alles etwas erwachsener.

Kathi Kallauch: Ich finde, dass es vor allem mein Gesangstil ist, der sich stark verändert hat. Wenn man sich anhört, wie ich vor zehn Jahren gesungen habe, wird ein riesen Unterschied erkennbar. Ich habe mir erst vor kurzem einen alten Auftritt von mir angeschaut, bei dem ich einen Song gespielt habe, den ich manchmal auch jetzt noch bei Solokonzerten spiele. Meine Stimme klang ganz anders als heute. Und zwar nicht nur meine Singstimme, sondern auch meine Sprechstimme. Das ist eine unfassbare Wandlung. Ich habe schon beim Reden in einer viel höheren Lage gesprochen und beim Singen war alles immer ein bissl lieblich und mit dieser Intention „Ich will gefallen“ verbunden. Die Entwicklung meiner Stimme ist für mich gleichzeitig der Ausdruck für meine Entwicklung als Künstlerin, in dem Sinn, dass ich heute viel mehr weiß, wer ich bin und was ich kann. Ich treffe Entscheidungen viel gelassener, was mir auch Kraft gibt. In jeder Hinsicht. Und das färbt sich natürlich auch auf meine Musik ab. Die letzten Lieder standen alle irgendwie unter dem Thema Frauenpower. Ich zeige, wer ich bin und dass ich heute zu mir stehe. Schon alleine daran merkt man, dass sich da bei mir viel getan hat.
Ein weiterer musikalischer Indikator für mich ist, dass ich mittlerweile auch mehr Soul in meinem Gesang zulasse, was ich lange nicht getan habe, obwohl ich abseits meiner Songs schon immer Soul gesungen habe. Da war oft das Thema, dass das auf Deutsch schnell recht cheesy klingen kann. Aber auch diese Ansicht hat sich zum Glück gewandelt.

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„Ich verspüre keine Zwänge mehr, die früher schon viel bestimmt haben.“

Das klingt danach, als würde Musik für dich heute noch mehr Leidenschaft bedeuten.

Kathi Kallauch: Musik gibt mir sehr viel Kraft. Ich habe das Gefühl, dass ich heute viele mehr in sie hineinlegen kann.Ich verspüre keine Zwänge mehr, die früher schon viel bestimmt haben. Für mich war das auf die Bühne gehen und meine Musik hinaustragen immer eine Art Befreiung von den Dingen, die sonst in meinem Leben etwas schwierig waren. Aber ganz konnte ich da auch nicht abschalten, da ich durch mein ganzes Leben sehr belastet war. Ich musste sehr viel kämpfen und war in vielen Dingen gefangen. Und ich denke, dass die Leute das auch unbewusst gemerkt haben, dass da irgendetwas nicht stimmte. Heute trete ich dagegen mit einem anderen Selbstverständnis auf. Ich glaub ich wirke stärker und entspannter, weil ich irgendwie meinen Frieden gefunden habe.

Macht es diese gewonnene Freiheit leichter, Songs zu schreiben?

Kathi Kallauch: Das ist eine sehr, sehr gute Frage, weil tatsächlich dieser Leidensdruck das Songwriting sehr positiv beeinflussen kann. Sehr deepe und schmerzerfüllte Songs sind ja oft auch sehr gut. Aber das Ding ist ja, dass auch wenn man sich von dem ganzen Ballast befreit hat, das Leben ja immer noch genügend andere Probleme und Herausforderungen parat hat, die Content für Lieder liefern.
Ich merke aber, dass ich mich früher beim Schreiben selbst zensiert habe. Bei mir sind beim Songwriting immer schon unglaubliche Dinge aus dem Unterbewusstsein hochgeschwappt, die aber manchmal noch gar nicht ins Bewusstsein vorgedrungen waren. Ich war oft schockiert, was da hervorkam. Und dann musste ich eben aufgrund mancher Lebensumstände zensieren, damit nicht jemand glaubt, ich will hier aufbegehren. Dass diese Selbstzensur heute nicht mehr notwendig ist, empfinde ich als sehr befreiend. Ich kann heute alles, das hochschwappt, eins zu eins zulassen.

Herzlichen Dank für das Interview.

Michael Ternai

Kathi Kallauchs neue Single „Brief an mich“ erscheint am 2. Dezember 2022.

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