„Musik muss auf jeden Fall immer ohne Vorwissen funktionieren“ – TINI TRAMPLER und STEPHAN SPERLICH im mica-Interview

Nach Jahren, in denen sich TINI TRAMPLER hauptsächlich den PLAYBACKDOLLS gewidmet hatte, reaktivierte die Sängerin, Schauspielerin und Texterin vor wenigen Monaten gemeinsam mit ihrem langjährigen Kollegen STEPHAN SPERLICH ihre einstige DRECKIGE COMBO als TINI TRAMPLER UND DAS DRECKIGE ORCHESTRA wieder. Mit einer größeren Band und im musikalischen Stil noch weiter veröffentlichte die nun acht Köpfe zählende Truppe Anfang Oktober das Album „Delphine“ (Preiser Records). TINI TRAMPLER und STEPHAN SPERLICH sprachen mit Julia Philomena.

Wie fand Tini Trampler zu ihrem „dreckigen Orchester“?

Tini Trampler: Vor mehr als zehn Jahren wurde die Idee geboren, Tini Trampler & Die Dreckige Combo zu gründen, weil ich mich damals verstärkt mit mexikanischer Folklore beschäftigt habe, mit den Frauengesängen und ihren starken Interpretinnen. Der Bezug zu Wien hat mich dabei interessiert und umgekehrt: In meinem Kopf ist zur südländischen Instrumentierung zum Beispiel oft ein Wienerlied entstanden. Eine Idee, aus der in weiterer Folge die Band entsprungen ist.

Es gab in dem Kontext viel Forschungsarbeit: Ich habe 100 Jahre alte Songs durchforstet, dazu deutsche Texte geschrieben und eine eigene Sprache für die Combo entwickelt. Die erste Platte, „Der Vogel“, ist 2006 in riesiger Besetzung veröffentlicht worden. Im Prinzip haben wir dann eine sehr zeitlose Musik geschaffen, die sich – wie die Band selbst – im Laufe der Jahre weiterentwickelt hat.

Die Playbackdolls wurden mit Stephan 2009 als eigenständige Band, ganz unabhängig von der Dreckigen Combo, gegründet. Für den weiteren Werdegang der Combo waren die Playbackdolls jedoch sehr entscheidend. So ist Die Dreckige Combo nämlich auch zu Tini Trampler und das dreckige Orchestra gewachsen.

Stephan Sperlich: Personelle Überschneidungen gab es immer schon. Das dreckige Orchestra hat im weiteren Verlauf auch alle Mitglieder der Playbackdolls aufgenommen, die bis dato noch nicht dabei waren. Ich war bei der Combo schon öfter Gast mit Elektronik, bis ich dann eben fix im Orchestra war.

Welchen direkten Bezug gab es zu Mexiko?

Tini Trampler: Ich war an der Grenze zu Mexiko, weil ich in Kanada studiert habe und später auch in den USA. Zum anderen habe ich aber schon in Österreich mexikanische Sängerinnen für mich entdeckt, die ich sehr bewundert habe. Chavela Vargas zum Beispiel, eine Künstlerin, die erst mit 62 Jahren ihre erste Platte aufnahm. Sie hat mich dazu getrieben, mich noch mehr auf diese Musik einzulassen. Unglaublich berührend und schön war das. Vargas hat die Emotionen der mexikanischen Bevölkerung eingefangen und dieses Erschaffen einer eigenen Gefühlswelt hat mir in der deutschsprachigen Lyrik gefehlt.

Stephan Sperlich: Als jemand, der erst später dazu gekommen ist, fand ich in diesem Projekt vor allem das Utopie-Gefühl so besonders. Das dreckige Orchestra lässt musikalisch ein Land entstehen, das es gar nicht gibt.

Tini Trampler: Im Geschichtsunterricht werden solche historischen Verbindungen ja nie so erzählt, wie sie erzählt gehören. Mexiko und die Habsburger haben so viel miteinander zu tun gehabt. Der Thronfolger Maximilian, den sie nach Mexiko geschickt haben, sollte dort Kulturforschung betreiben. So hat die musikalische Freundschaft zweier Länder begonnen. Außerdem hat sich die mexikanische Regierung im darauffolgenden Jahrhundert gegen den Anschluss von Österreich an das Deutsche Reich ausgesprochen. Ein Widerstand, der ja bis heute in aller Munde ist und dem wir nicht zuletzt den Mexikoplatz in Wien zu verdanken haben. Bis zum Schluss hat dieses Land alle Menschen aufgenommen und protestiert.

„Wir wollen niemanden ausschließen, sondern inspirieren, anregen und glücklich machen.“

Wie viel Geschichtsunterricht erteilen Sie als Band?

Tini Trampler: Natürlich gar keinen! Die Auseinandersetzung mit der Historie der Musik ist zwar sehr zentral, aber für die Zuhörerinnen und Zuhörer keine Voraussetzung. Jeder kann Verbindungen herstellen, wenn er möchte, muss aber nicht. Musik braucht keine Grenzen, im Gegenteil. Wir wollen niemanden ausschließen, sondern inspirieren, anregen und glücklich machen.

Stephan Sperlich: Wir wollen etwas öffnen, die Imagination fördern, Fantasie und Kreativität. Aber nicht nur für uns, sondern eben auch für das Publikum, Mut fassen, selbst etwas aus der Geschichte und dem Umfeld zu machen, eigenständig und losgelöst.

Tini Trampler: Die Eigenständigkeit steht für mich in unserer Musik auch tatsächlich im Vordergrund. Ich denke, dass man in 200 Jahren immer noch etwas anfangen kann mit dem Dreckigen Orchestra, weil wir uns nie einem Trend unterworfen haben, einem Zeitgeist oder konkreten Ereignissen.

Stephan Sperlich: Musik muss auf jeden Fall immer ohne Vorwissen funktionieren. Am liebsten sogar sprachenunabhängig. Auch wenn unsere Nummern auf Deutsch geschrieben sind und gesungen werden, haben wir auf unseren Konzerten nicht nur einmal das Feedback bekommen, dass die Botschaft nicht verloren geht. Obwohl der Text natürlich wichtig ist.

Tini Trampler: Er ist sogar das Wichtigste. Nur wenn du einen Text gut schreibst, dann funktioniert er auch international. „World Music“, wie das jetzt genannt wird, liebe und begreife ich, auch ohne Türkisch, Arabisch oder Bulgarisch zu beherrschen. Ich glaube, dass das auch der deutschen Sprache gelingen kann, wenn man gute Poesie schreibt, die durch Emotion im Wort berührt. Verständnis hat nichts mit Wissen zu tun. Für mich ist Musik Sprache und Sprache grenzenlos und Grenzenlosigkeit sehr tief.

Tini Trampler (c) Rafaela Pröll
Tini Trampler (c) Rafaela Pröll

„Du musst dich immer wieder mit deinen Mitmenschen auseinandersetzen.“

 Ihr neues Album „Delphine“ wurde am 5. Oktober 2016 im Ateliertheater in Wien präsentiert. Inwiefern berührt es auch aktuelles Zeitgeschehen?

Tini Trampler: Wenn man auf einen Zustand oder ein Empfinden in der Gesellschaft eingeht, und das passiert beim Komponieren oder Schreiben natürlich sehr häufig, dann berührt man immer auch Aktuelles. Momentan kann man zweifelsohne behaupten, dass unsere Gesellschaft von der Angst regiert wird. Und das beeinflusst selbstverständlich auch stark unsere Musik. Durch langjährige Beschäftigung mit diversen Ländern und Kulturen ist mir dieses Einfangen von Stimmungen wichtig und neben der Eigenständigkeit Hauptaugenmerk unserer Band. Bei „Brücke“, der vierten Nummer auf dem neuen Album, haben wir uns explizit mit der Überforderung der Menschen befasst und über die Angst vorm übersättigten Niemandsland geschrieben. Darüber, dass man trotz allem durch Fantasie, die man wiederfinden muss, weiterleben kann. Und darüber, das Miteinander zu pflegen, anstelle in Schwarz-Weiß zu denken und einander anzuschreien. Das Leben wieder zu schätzen, das ja wirklich ein Geschenk ist, ohne religiöse Absichten. Du musst dich immer wieder mit deinen Mitmenschen auseinandersetzen. Was anderes bleibt dir nicht übrig. Der Mensch ist kein Eremit. Auch diese ganze Flüchtlingsproblematik ist in unseren sehr lebensbejahenden Texten spürbar, weil wir euphorisch unser Dasein besingen.

Stephan Sperlich: Es geht um Themen, die durchaus sehr aktuell sind. Vor allem bei den Nummern auf der neuen Platte, wie beispielsweise dem Titeltrack „Delphine“. Themen, die aber auch immer wichtig waren in schwierigen Zeiten. Und irgendwo auf der Welt war es immer schwierig.

Cover "Delphine"
Cover “Delphine”

Tini Trampler: Schon der Arzt, Profi-Clown und Sozialaktivist Patch Adams hat gesagt: „If you focus on the problem, you can’t see the solution. Never focus on the problem!“ Wenn du über den Tellerrand hinausschaust, findest du neue Ebenen und Wege, die dich weiterbringen. In unserer Welt wird alles sehr einseitig und überspitzt dargestellt. Als sensibler Mensch muss man dem entgegenwirken. Deswegen haben wir das Album auch „Delphine“ genannt. Diesem wunderschönen Tier wird nämlich nachgesagt, telepathische Kräfte zu haben. Delfine können sich über Kilometer hinweg verständigen. Ich glaube, dass wir Menschen ebenfalls ein Gefühl dafür haben, was passieren wird. Und auf dieses Gefühl kann man sich durchaus verlassen. Der Blick in die Zukunft ist wichtiger als das Verzweifeln an der Gegenwart. Und genau das ist für mich Musikarbeit.

Wie kann man sich den Entstehungsprozess des Songs „Die Brücke“ vorstellen?

Tini Trampler: „Die Brücke“ haben wir 2013 mit Tino Klissenbauer geschrieben, im kältesten Winter aller Zeiten. Der Tino hat mich damals als Stimme entdeckt und wollte mit mir junge Literatur vertonen.  Wir haben uns jeden Montag in einem eisigen Abbruchhaus im 4. Wiener Gemeindebezirk getroffen. Der Aufruhr rund um das berüchtigte „Horrorhaus in der Favoritenstraße“, wie es die Presse getauft hat, war damals sogar in den Medien. Da wurden Überwachungskameras montiert und in die Portierloge hat der wahnsinnige Hauseigentümer sogar Türsteher mit Kalaschnikows hineingesetzt.

Mit den absurdesten Mitteln wurden die Mieterinnen und Mieter rausgeekelt, nur der Tino hat sich nicht vertreiben lassen [lacht]. Der hat dort eine kleine Wohnung gehabt, in der wir den Song fabriziert haben. Von Woche zu Woche ist es kälter geworden, von Woche zu Woche war weniger vom Stiegenhaus übrig, irgendwann musste man über eine Planke gehen. Wasser hatte er auch keines mehr, nur Licht und Strom ist uns geblieben, so konnten wir wenigstens aufnehmen [lacht]. Und so ist in dieser Kälte ein so schönes Lied entstanden, das vor allem die Sehnsucht thematisiert.

Wie ging dann der weitere Aufnahmeprozess vonstatten?

Stephan Sperlich: Die Idee war, die gesamte Platte live einzuspielen, ohne Overdubs. Und so war es auch: Wir haben alles in unserer achtköpfigen Besetzung bei uns im Proberaum im 19. Bezirk aufgenommen. In dem von uns „El tren“ genannten Studio, wo die S-Bahn darüberfährt. Wer ganz feine Ohren hat, hört sie auch manchmal auf der Platte, ich sag’ aber nicht, wo [lacht]. Das ist ein ziemliches Mammutprojekt gewesen und nach fünf Tagen war alles im Kasten. Dann wurde noch etliche Wochen geschnitten und gemischt.

Tini Trampler: Wir haben den S-Bahn-Bogen komplett verkabelt [lacht]. Alle waren motiviert, super vorbereitet und aufgeregt! Das war ein unglaublich toller energetischer Prozess.

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Wie viel Vorarbeit gab es?

Tini Trampler: Einige alte Songs haben wir bearbeitet und nochmal aufgenommen, während andere komplett neu sind. Insofern ist es schwierig zu sagen, auf welches Datum die Geburtsstunde von „Delphine“ fällt. Fragmentarisch ist wirklich einiges 2013 im „Horrorhaus“ entstanden.

Welche grundlegenden Veränderungen lassen sich im Laufe der Jahre festmachen?

Tini Trampler: Wir haben begonnen in einer Besetzung mit Cello, Akkordeon, Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug und Gesang. Wir wollten alte Traditionals neu arrangieren. Mir waren Noten und der klassische Zugang sehr wichtig. Damit diese Lieder nicht in Vergessenheit geraten und von anderen immer wieder und wieder gespielt werden können. Ich liebe Noten!

Hinsichtlich der Besetzung gab es dann aber auch schon die ersten Wechsel. Die Instrumentierung war zu Beginn sehr kopflastig. Vor allem durch die Energie der Playbackdolls ist das Orchestra immer kraftvoller und größer geworden. Es hat eine Leichtfüßigkeit gewonnen, die, glaube ich, sehr wichtig ist.

Stephan Sperlich: So bin ich selbst auch mit Theremin und Synthesizer dazu gestoßen. Wir nennen das mittlerweile „ein organisch gewachsenes Hybrid“ [lacht].

Tini Trampler: Eine Fusion aus Playbackdolls und Dreckiger Combo.

„Aber ich mag Mischungen sehr gerne und die Zukunft wird unsere Richtung schon weisen.“

Inwiefern unterscheiden sich die Bands dennoch?

Stephan Sperlich: Es ist zwar eine Familie, aber die Unterschiede sind musikalisch klar zu differenzieren. Wir spielen zwar mit der jeweils anderen Band auch immer eine von deren Nummern, aber sowohl die Herangehensweise beim Songschreiben als auch der Klang sind zumindest für mich nicht zu vergleichen. Beim Orchestra gibt es zum Beispiel kaum Elektronik, die für die Playbackdolls wiederum sehr wichtig ist.

Tini Trampler: Für oder mit anderen acht Menschen zu arbeiten, bedarf zudem einer sehr speziellen Arbeitsweise. Das ist eigentlich fast schon Ensemble-Arbeit im Arrangieren. Aber ich mag Mischungen sehr gerne und die Zukunft wird unsere Richtung schon weisen.

Und auch da bin ich zuversichtlich: Wir führen ein wunderbares Miteinander, menschlich wie auch musikalisch. Ich denke dabei oft an großartige Tschaikowski-Stücke, in denen die Flöte mit dem Cello streitet, während die Violinen einander küssen.

Stephan Sperlich: Die Passion berührt mich auch am meisten. Wir leben alle für die Musik und haben als Band in den vergangenen Wochen einen Spirit an den Tag gelegt, der mich nach wie vor umhaut.

Vielen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

Links:
Tini Trampler und das dreckige Orchestra
Tini Trampler und das dreckige Orchestra (Facebook)