Porträt: col legno

So breit wie heutzutage war die Farbpalette an musikalischen Stilen wohl noch nie zuvor. Von klassischer Musik, Jazz, World Music, Pop, Rock und elektronischer Musik in all ihren Spielarten reicht die Bandbreite, die gleichzeitig aber nicht zwangsläufig auch die Bewandtnis in den diversen Stilen mit sich bringt. Viel mehr sind diese Bereiche durch oftmals sozial bedingte Grenzen nahezu hermetisch voneinander abgeriegelt. Wie befruchtend aber der Dialog zwischen den Genres sein kann, veranschaulicht das Label col legno auf eindrucksvolle Weise. Denn ebenso bunt wie der trotz oder gerade wegen ihrer Schlichtheit ins Auge fallenden Covers zeigt sich der akustische Inhalt der Silberscheiben, auf denen sich Klassiker des 19. Jahrhunderts ebenso finden wie jene zeitgenössischer „E-Musik“ oder allem möglichen, was damit in Verbindung gebracht werden kann. Dabei setzt das inzwischen in Wien ansässige Label auf Persönlichkeiten, die in ihrer kompositorischen Tätigkeit ebenso aufgehen wie in ihrer interpretatorischen.

So wundert es nicht, dass Wolfgang Mitterer eines der Aushängeschilder des schillernden Betriebes ist, denn mit seinem individuellen Konglomerat aus Komposition und Improvisation, akustischen Instrumenten und Elektronik wie auch durch sein Schöpfen aus diversen Musikstilen verkörpert er diesen Facettenreichtum, den sich das Label auf die Fahnen heftet. Oder auch Franz Koglmann, der als Jazztrompeter und Komponist mit Farbnuancen aus unterschiedlichen Bereichen dem Vermächtnis Joseph Haydns oder des russischen Schriftstellers Vladimir Nabokov auf der Spur ist. Zu den vielseitig Tätigen gehören auch die beiden künstlerischen Leiter des Labels: Gustav Kuhn fungiert u. a. als künstlerischer Leiter des Haydn-Orchesters von Bozen und Trient wie auch der Tiroler Festspiele Erl und hat in diesen Funktionen bereits sämtliche Symphonien von Beethoven, Brahms und Schumann und diverse Wagner-Opern eingespielt. Stile wie Kunstsparten übergreifend versteht sich auch Andreas Schett, der als Grafiker für das augenfällige und praktikable Äußere sorgt und für musikalische Buntheiten verantwortlich zeichnet, wenn er mit der Musicbanda Franui Lieder von Brahms, Schubert und Mahler in neues akustisches Gewand kleidet. Hier wie in anderen Produktionen kommen auch Elemente der Volksmusik in kreativer Verarbeitung nicht zu kurz. Davon zeugt mit Quadrat:sch eine der jüngsten Produktionen ebenso wie Tirolirium. Eine Nische besetzt das Label zudem mit gelesenen Aufnahmen von Opernlibretti von Wagners Ring oder Hofmannsthals Elektra und auch ungewöhnliche Hörbücher wie jene von Günter Brus gehören zum Programm.

Bewährt hat sich inzwischen ebenfalls die Zusammenarbeit mit Festivals, darunter selbstverständlich die Tiroler Festspiele Erl, aber auch die Salzburger Festspiele, Wien Modern, die Darmstädter Ferienkurse oder die Donauerschinger Musiktage, um nur einige zu nennen. Denn nicht nur die MusikerInnen wollen vermarktet, sondern auch das Publikum will bedient werden. Dabei stellt sich die dringliche Frage, wie ein Label in Zeiten, in denen der CD seit geraumer Zeit der Niedergang prophezeit wird, eigentlich überleben kann? Zum einen durch eine gehörige Portion Idealismus aller Beteiligten, wie sie schon zur Gründung notwendig war, als Wolfgang Rihm und Helmut Lachenmann bei Wulf Weinmann erfolgreiche Überzeugungsarbeit zur Gründung eines Schallplattenlabels für „neue und neueste ‚klassische‘ Musik“ leisteten, so dass dieser 1982 die Idee tatsächlich in die Tat umsetzte. Aufnahmen der beiden Komponisten sind folglich im Katalog zu finden, ebenso wie bedeutende Werke des 20. und 21. Jahrhunderts von Luigi Nono, Edgar Varèse, John Cage, Salvatore Sciarrino, Vinko Globokar und noch vielen mehr. Dabei will sich das Label, das Mitte der 1990er Jahre aus finanziellen Gründen an Christian Köck verkauft und offener ausgerichtet wurde, nicht auf das Medium beschränken lassen: „Wir produzieren nicht CDs, wir produzieren Musik“ lautet folglich einer ihrer Slogans. So sehen es die Labelbetreiber als ihre Aufgabe, das farbenfrohe musikalische Geschehen zu vermitteln und zu dokumentieren, um es für die Gegenwart wie auch für die Zukunft zugänglich zu machen. Dafür zeigt sich die CD derweil noch als praktikabelstes und massentauglichstes Medium, doch auch am Vertrieb über das Internet und weiteren neuen Geschäftsideen wird eifrig gefeilt, von denen man sich in Zukunft hoffentlich ebenso überraschen lassen kann wie von weiteren (klang-)farbenprächtigen Produktionen.
Doris Weberberger

 

http://www.col-legno.com/