NIKE101 im mica-Porträt

Introducing: NIKE101 (sprich: NiiiiekeHunderteins): Ehrlich, exzessiv, explizit. Angesiedelt irgendwo zwischen Gangsta-, Emo- und Cloud-Rap zeigt sich die Musikerin charakteristisch für einen Hip-Hop, der derzeit im Internet dominiert, auch wenn sie ihren eigenen Spin daraufsetzt. 90er- und Y2K-Ästhetik mischt sich mit ein bisschen DIY-Style und Texten über Geschichten, die das Leben schreibt, und das Resultat ist überraschend vielseitig, manchmal ernst, und manchmal einfach nur unterhaltsam.

„Ich mach quasi das Gegenteil von politischem Rap“, meint Musikerin NIKE101 lachend im Video-Call während sie irgendwo im Vietnam ist. Ganz unrecht hat die junge Wienerin nicht, denn ihre Musik kann man definitiv als Unterhaltungsmusik klassifizieren. Inhaltslosigkeit kann man ihr allerdings keineswegs vorwerfen. Denn während die Texte auf den ersten Blick etwas sinnlos anmuten, regen sie spätestens beim zweiten Hören zum Nachdenken an.

Drogen, Alkohol, Sex

Bild NIKE101
NIKE101 (c) Pressefoto

Fast jedes Lied dreht sich entweder um Alkohol, Drogen, oder Sex – oder alle drei Sachen. Nike zuckt mit den Schultern: „Das sind halt einfach die klassischen Hip Hop-Themen – die eignen sich immer als Aufhänger.“ In einem TikTok-Video macht sie sich auch genau darüber lustig, da schreibt sie ironisch über sich: „Rappt ganze Zeit übers kiffen – bekommt von 1 Zug Psychose.“ Auf Instagram posiert die Musikerin wiederum mit einem „I MISS DRUGS“-Häferl. Man merkt recht schnell: Diese Frau nimmt sich selbst nicht immer ernst. So hat sie sich auch ihren Namen bereits vor langer Zeit ausgedacht, als sie begann, in die Hip Hop-Szene Wiens einzutauchen. „NIKE101 wurde mein Tag – 101 einfach, weil 101 Hip Hop ist. Und weil Zoey101 eine geile Serie war.“. Trotzdem sollte man Nike nicht unterschätzen. Denn das erste Lied auf dem im Februar erscheinenden Debütalbum „zu viele hobbies“ heißt „Letzter Schluck“, und behandelt das Thema Alkohol, aber nicht auf verherrlichende Art, ganz im Gegenteil.

„Niemand wollte mich retten,
mein Kopf gefüllt mit Lügen.
Gott vergibt mir all seine Sünden.“
NIKE101 – Letzter Schluck (prod. Dr. BBB)

Trippige Sounds und Autotune sind hier der Hintergrund des Textes, in dem NIKE101 sexualisierte Gewalt thematisiert. „Manche Songs haben auch fast philosophische Ansätze – was man von mir als Nicht-Studierte gar nicht erwarten möchte,“ meint die Sängerin selbstironisch. Der Track, der als Single-Auskopplung am 27. Jänner erscheint, „Ich kann mir den Therapeuten nicht mehr leisten“, hat auch einen sozialpolitischen Ansatz, kritisiert NIKE101 hier doch den Mangel an Kassenplätzen für Therapie und den daraus entstehenden hohen Therapie-Kosten. Das Video zum Song, in Nikes Worten „eine trippy Wahn-Phase“, wurde in Bangkok mit dort ansässigen Filmemachern produziert.

„Es gibt keinen mehr der weiß ja wie ich leide,
denn ich kann mir den Therapeuten nicht mehr leisten!“
NIKE101 – Ich kann mir den Therapeuten nicht mehr leisten (prod. Outakey)

Produced Kinderzimmer-Style

Was die Entstehungsgeschichte des Albums angeht, ist die Musikerin schonungslos ehrlich: „Es gab einen Zeitdruck, das Album fertig zu stellen. Manche Songs wurden auch vom Label gewünscht.“ So nennt NIKE101 ihren Song „Nicht/So gut“ einfach den „Radiosong“, denn das Label wollte einen Radio-tauglichen Song von ihr. Das heißt allerdings nicht, dass der Track weniger authentisch ist als der Rest ihrer Musik. Der Text ist ehrlich und das Lied findet sich sogar in ihrer eigenen Playlist wieder, denn die Musikerin hört ihre eigenen Songs sehr gerne – speziell beim Joggen, überraschenderweise.

Den Zeitdruck ergab sich dadurch, dass Nike mit ihrer Familie in Südostasien überwintert und die Musikerin wusste, dass das Album unbedingt vorher fertig sein musste. Diesen Druck sieht Nike jedoch positiv. Dadurch wurde sie gezwungen, nicht jeden Beat, jeden Ton und jede Zeile fünfmal zu überdenken, sondern mehr auf ihr Bauchgefühl zu achten. Das Resultat ist weder rein noch perfekt, doch dazu steht Nike. „Das Album ist total im Kinderzimmer-Style entstanden,“ lacht sie. Manche Beats sind merkwürdig, manche Flows fließen nicht unbedingt einwandfrei, und das ist auch gut so. DIY, halt.

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Das ist auch dieselbe Ästhetik, die sich in den meisten Musikvideos widerspiegelt. Die Aufnahmen, die teilweise von niedriger Qualität à la 2008er Digicams sind, geben richtige Flip-Phone-Vibes. Das Musikvideo zu „Wenn du“ von Mary404, in dem NIKE101 gefeatured wird, wurde von Nike selbst geschnitten – „Das erste Video, das ich jemals geschnitten hab!“ Ein ähnlicher Stil findet sich auch im Video zu „Double Cup“, gedreht von Hannah Morscher, wieder. Random Aufnahmen und random Übergange sind hier die Devise.

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„Das bin 100% ich!“

Auf die Frage, inwiefern die Persona, die in den Musikvideos und Texten gezeigt wird, real ist, sagt NIKE101 nachdrücklich: „Das bin 100% ich! Klar, in meinem Job als Grafikerin zeige ich vielleicht eine andere Seite von mir als diese, aber ich bestehe aus vielen Facetten. Wenn überhaupt, ist die Person, die in der Musik und in den Videos auftritt, am meisten ich.“

Dieser in den Videos und in der Musik selbst vorherrschende DIY-Style, der keinerlei Ansprüche auf Perfektion hat, ist laut NIKE101 in Österreich bisher noch nicht so beliebt. „Meine Fans kommen hauptsächlich aus Deutschland. Aus irgendeinem Grund wird da meine Musik viel mehr gefeiert als hierzulande.“ Deshalb würde die Musikerin lieber in Deutschland Konzerte geben als in Österreich – zumindest vorerst. Bisher sah es an der Live-Front allerdings etwas mager aus, denn NIKE101 gehört zu den Musiker:innen, die kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie gestartet sind. Sobald der Winter vorbei ist, möchte NIKE101 aber unbedingt auch live durchstarten. Bis dahin freuen wir uns auf ihr Debütalbum „zu viele hobbies“, das am 10. Februar erscheint.

Itta Francesca Ivellio-Vellin

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Links:
NIKE101 (Instagram)
NIKE101 (TikTok)