mica-Interview mit Daniel Riegler

Der Posaunist Daniel Riegler hat in den letzten Jahren vor allem durch die Realisierung seines 17-köpfigen Groß-Projektes Studio Dan Interesse auf sich gezogen. Neben seiner Tätigkeit als Komponist und Dirigent präsentiert sich der gebürtige Steirer aber auch mit seiner Improvisations-orientierten Band Piktogramm II und als visionärer Entwickler des Kompositions-Software-Programmes Virtual Conductor II als überaus vielseitiger Künstler.  

MG: “Dein 17-köpfiges Großprojekt Studio Dan ist ja im Rahmen der JazzWerkstatt 2005 das erste Mal umgesetzt worden, wäre wahrscheinlich in einem anderen Kontext auch gar nicht zu realisieren gewesen…”

DR: “Studio Dan ist ein typisches JazzWerkstatt-Projekt würde ich sagen, weil es eben plötzlich die Möglichkeit gab, diesen Raum zu nutzen und etwas Größeres auszuprobieren, über das sich kein Veranstalter drübertrauen muss. Der größte Wert dabei war für mich aber, dass sich die Musiker auch bereit erklären, das in einem solchen Rahmen auszuprobieren, ohne Gage zu spielen und sich die Zeit freihalten, um zu proben. Es war für mich und das Projekt einfach sehr hilfreich, einmal ohne ökonomische Restriktionen arbeiten zu können.”

MG: “Die Idee dazu hattest du aber schon länger im Kopf, oder ist das Konzept von Studio Dan auch erst aus diesen Möglichkeiten heraus entstanden?”

DR: “Ja, doch, die Idee hat es schon länger gegeben, wobei es von der Musik her eher in Richtung großes Free-Orchester gedacht war. Es hat sich jetzt aber eher in Richtung Kammer-Orchester-Jazzband entwickelt. Nachdem ich schon einen Faible habe für diese nicht ganz eindeutigen Besetzungen – eben Zappa zum Beispiel, mit vielen Bläsern, Schlagwerk und einer Rhythmusgruppe – hat es diese Idee aber eigentlich eh auch immer in meinem Hinterkopf gegeben.”

MG: “Was war der Ausschlag gebende Grund für diese Veränderung?”

DR: “Als ich die Besetzung für dieses Free-Orchester zusammenhatte, hab’ ich mir irgendwie gedacht, ganz frei möchte ich eigentlich auch nicht spielen. Daraufhin fing ich irgendwann an zu schreiben und die Stücke sind eben immer konkreter geworden – ich habe auch immer mehr Interesse dafür entwickelt, Dinge zu instrumentieren und genauer auszuchecken. Durch diese Kompositionstätigkeit habe ich auch irrsinnig viel gelernt – einfach dadurch, dass ich mir diese große Besetzung zur Verfügung steht und ich dafür schreiben kann. Ich habe dadurch auch eine Vorliebe zur Klangkomposition entwickelt. Bis dahin habe ich viel mehr in Themen und Strukturen gedacht und mir weniger über die Instrumentierung Gedanken gemacht. Dadurch, dass das jetzt eine relativ farbige Instrumentierung ist, wo man eigentlich alles zur Verfügung hat, was man auch in einem Orchester oder Kammer-Ensemble vorfinden würde, kann ich irrsinnig viel mit den Klangfarben experimentieren und hab’ dadurch viele Dinge entdeckt, die ich noch nicht gekannt habe – für mich, als Komponist. Obwohl ich natürlich durch mein Spiel mit Orchestern diese Klangfarben kenne, was mir bei meiner eigenen Arbeit natürlich wieder entgegenkommt.”

MG: “Du hast ja klassische Posaune studiert. In welchen Orchestern hast du bisher mitgewirkt?”

DR: “In verschiedenen klassischen Orchestern, im Volksopern-Orchester zum Beispiel. Mittlerweile spiele ich viel mit dem Klangforum Wien, was meinen Horizont als Musiker natürlich ungemein erweitert – vor allem aber auch meine Arbeit als Komponist bereichert, weil ich eben mitten in der Musik bin. Dadurch, dass ich selbst mitspiele, sehe ich die Stücke von einem völlig anderen Standpunkt als jemand, der eben nur schreibt oder nur zuhört – oder eben nur die Möglichkeit hat, die Stücke zu studieren. Auf diese Weise lerne ich beide Seiten kennen und muss mich – im Klangforum etwa – mit völlig neuen Ansätzen auseinandersetzen, die dann natürlich in eine total andere Richtung gehen als das, was wir in der JazzWerkstatt beispielsweise versuchen. Das ist eine völlig andere Ästhetik, ein ganz anderer Zugang – was aber eigentlich eine sehr spannende Erweiterung sein könnte, wenn man sich da noch ein wenig mehr entgegenkommen würde. Das stelle ich mir dann ungefähr so vor, wie früher eben die Impressionisten die Jazzer beeinflusst haben, aber umgekehrt auch die Jazzer dann die ganze französische Szene, die von der Jazz-Musik irgendwie ganz begeistert war. Da könnte man sich vielleicht noch viel mehr treffen – in diesem Bereich Neue Musik und Jazz. Es passiert zwar ohnehin schon einiges in dieser Hinsicht, aber ich glaube, dass es noch zu viele Barrieren gibt in beiden Szenen. Da könnte man noch viel mehr zusammenrücken und sich anschauen, was in den letzten Jahren in dieser Hinsicht passiert ist.”

MG: “Ist es dazu vielleicht erforderlich, dass man, gerade im Jazz, ein wenig von den angelernten Traditionen über Bord werfen muss?”

DR: “Es kann einfach nicht jeder alles machen. Jeder ist gefordert -rein schon vom Lebenstechnischen her – eine Entscheidung zu treffen. Und diese Entscheidungen kommen in erster Linie im Sinne von Ausschließen zustande. Ich muss gewisse Dinge irgendwann einmal ausschließen in meinem Leben, obwohl ich sie vielleicht gerne machen würde. Aber ich kann eben rein zeitlich nicht alles machen, was mich interessieren würde. Es ist einfach jeder gefordert, eine gewisse Auswahl darüber zu treffen, was er machen will, wofür er sich stärker interessiert und worauf er seinen Fokus legt. Aber im Sinne der gesamtmusikalischen Entwicklung wäre es manchmal vielleicht besser, man verrückt seinen Fokus doch noch einmal um ein Stück – auch wenn man schon auf einer bestimmten Schiene gut unterwegs ist oder das Gefühl hat, dieser Bereich ist etwas, das einen ohnehin so interessiert, dass man gar nichts anderes mehr braucht. Außerdem ist es meiner Meinung nach auch so, dass es sehr viele Strukturvorgaben gibt, die es nicht so leicht ermöglichen, dass ein richtiger Austausch zustande kommt. Es ist so, dass es bestimmte Jazz-Clubs gibt, in denen vorwiegend eine bestimmte Musik gespielt wird, weil sie auch gefordert wird, vom Publikum – die verlangen ja auch nach einer bestimmten Art von Musik. Dann gibt es Orte, an denen Musik gespielt wird, die eben irgendeine andere Bezeichnung trägt – ob das jetzt Alte Musik ist oder Neue Musik, oder auch Groove-Musik – und deren Publikum dann auch wieder nichts anderes hören will. So teilt sich das dann immer irgendwie auf. Ein Veranstalter, der nur eine Geschichte macht, muss das auch gar nicht böse meinen, er kann eben vielleicht einfach nicht alles machen, was ihn interessiert. Aber im Grunde genommen ist es wahrscheinlich ohnehin die Entwicklung unserer Zeit, dass die Dinge mehr zusammenkommen und dass es nicht mehr um ein lineares Denken geht – im Sinne von “nach der Musik kommt die Musik und dann kommt die Entwicklung”. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten einfach vollkommen diversifiziert, aufgeteilt, und alles existiert nebeneinander. Was wahrscheinlich eh das wichtigste Charakteristikum unserer momentanen Musik-Szene ist.”

MG: “Du trittst ja selbst auch als Veranstalter in Erscheinung, als einer der künstlerischen Leiter der JazzWerkstatt führst du die unterschiedlichsten Musikrichtungen zusammen…”

DR: “Wobei ich sagen muss, dass ich bei der Namensgebung schon etwas skeptisch gewesen bin. Ich bin eben eher mit dem Zugang gekommen: Jazz, das bedeutet etwas Bestimmtes, und etwas anderes vielleicht wieder nicht, das dadurch praktisch ausgeschlossen wird. Man ist auch oft mit Leuten konfrontiert, die dem Jazz ein bestimmtes Segment zuweisen wollen, und da hab’ ich eigentlich gar keine Lust, irgendetwas Jazz zu nennen, weil ich mich gar nicht mit denen beschäftigen will. Ich hatte große Bedenken, bin dann aber im Gespräch mit den anderen zu dem Schluss gekommen, eigentlich kann es nur positiv sein, wenn man etwas Jazz nennt und dann einfach macht, was man glaubt, um den Begriff irgendwie zu öffnen. Trotzdem bin ich jetzt immer wieder mit der Frage konfrontiert – Eigentlich ist das super, was ihr da macht, aber warum nennt ihr das JazzWerktatt und nicht Open Music Workshop – oder irgend etwas in der Richtung. Man kann eben nicht von jedem verlangen, dass er sich von all seinen Assoziationen freimacht wenn er irgendwo Jazz liest. Viele verbinden eben mittlerweile etwas mit diesem Begriff – mitunter etwas recht Reaktionäres. Dasselbe gilt aber auch für die Begriffe Avantgarde oder Neue Musik, denen viele Leute ja auch keine Chance mehr geben und einfach nicht sehen, dass das ja auch nur irgendein Label ist, das irgendwann jemand erfunden hat, damit man darüber sprechen kann. Würde unsere Veranstaltung nicht JazzWerkstatt heißen, würden sich gewisse Leute nicht zu uns bewegen – und unter dem Titel JazzWerkstatt bleiben aber andererseits andere Leute wieder fern, die man eigentlich gerne dabei haben würde, weil sie etwas Tolles einbringen würden. Es geht eh nicht anders, als dass man einfach tut, und durch die Art und Weise, wie das Ganze in Erscheinung tritt klar macht, was es in Wahrheit sein soll. Es hat eben ein gewisses Breitenspektrum, das über viele andere Veranstaltungen hinausgeht, und das ist meiner Meinung auch der größte Wert der JazzWerkstatt.”

MG: “Neben Studio Dan, und auch als Gegensatz und Kontrast zu dazu, existiert auch dein zweites Projekt, piktogramm II, besetzt mit Posaune (Daniel Riegler), Waldhorn (Christoph Walder), Bass (Matija Schellander), Schlagzeug (Lukas König) und Elektronik (Leo Riegler). Ein Ausgleich zu deiner Tätigkeit als Komponist und Dirigent, die du bei Studio Dan vornehmlich einnimmst?”

DR: “In einem Quintett wie piktogramm II habe ich einerseits die Chance, selber zu spielen, aber durch die Tatsache, dass die möglichen Klangfarben natürlich viel reduzierter sind als bei Studio Dan, steht auch eindeutig die Idee dahinter, weniger zu schreiben und mehr zu improvisieren. Daraus entsteht eine Musik, die sich zwar auch hin und wieder mit Komposition auseinandersetzt aber eben immer wieder ins Freie, in die Interaktion geht. Das ist für mich ein guter Gegenpol, weil piktogramm II natürlich ein viel flexibleres Konstrukt ist als Studio Dan. Man hofft natürlich immer, dass man in einer großen Band auch irgendwann so flexibel ist, wie in einem kleinen Ensemble, aber das ist einfach nicht möglich, rein von der Struktur her. Der Vorteil bei piktogramm II ist, dass man schnell zusammenkommen und gemeinsam arbeiten kann, eben mit Schwerpunkt Improvisation. Da geht es auch in der Probenarbeit nur darum, zu spielen. Vielleicht mit einem Ausgangspunkt, vielleicht aber nicht einmal das. Wir experimentieren auch viel damit, dass sich Dinge aus einer Probe heraus entwickeln, die sich in der Improvisation ergeben und die wir dann fixieren. Kein besonders ungewöhnlicher Ansatz, aber ein typischer Combo-Zugang eben. Die etwas ungewöhnliche Besetzung ergab sich aus der Zusammensetzung der Leute, mit denen ich spielen wollte. Die Bandbreite der Musiker reicht von klassisch ausgebildeten Instrumentalisten bis zu meinem Bruder Leo, der über keinerlei akademische Ausbildung in seinem Bereich verfügt. Er arbeitet aber sehr experimentell, etwa mit Bearbeitungen von unmittelbar auf der Bühne aufgenommenen Mitschnitten der restlichen Instrumente und wird somit auch zu einem zentralen Punkt der Band, bei dem alle Fäden zusammenlaufen.”

MG: “Wie würdest du die Musik beschreiben, die sich aus diesen vielfältigen Einflussfaktoren entwickelt?”

DR: “Bei piktogramm II hatte ich mir ursprünglich auch gedacht, ich muss mich für irgendetwas entscheiden was irgendwie zeitgemäß ist und hab’ dann lange Zeit auch verschiedene Labels im Kopf gehabt, wie man sich positionieren muss und dass man gewisse Dinge eigentlich gar nicht machen darf, um nicht falsch eingeordnet zu werden. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich mir dachte, das kann nicht der richtige Weg sein. Ich bin mit so viel verschiedener Musik aufgewachsen und hab’ mich mit so vielen verschiedenen Dingen auseinandergesetzt, dass dabei eigentlich nur Musik herauskommen, die irgendwie in die Breite geht und die nicht irgendwelche Schulen verfolgt. Das ist irgendwie auch der gemeinsame Nenner dieser beiden Projekte – Studio Dan und piktogramm II. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass ich dabei bestimmte Stilrichtungen mische, das könnte ohnehin nur an der Oberfläche stattfinden – in dem Sinne, dass ich einfach zwei verschiedene Stile imitiere und vermische. Es geht ja viel tiefer, jede Musik, die als Stil auftritt, hat ja auch ein Fundament, das dafür verantwortlich ist, dass dieser Stil dann auch so klingt, wie er klingt. Und dieses Fundament hat wieder eine Art von Geschichte einerseits, oder einen bestimmte philosophischen Background, vielleicht auch nur ein bestimmtes Lebensgefühl, von dem es getragen wird. Und diese Dinge zu vermischen ist natürlich viel interessanter. An der Oberfläche kann das dann eh jede Musik sein, das drückt sich dann vielleicht auch gar nicht mehr so sehr in einem bestimmten Stil aus – oder vielleicht andersrum eben wieder in einem völlig eigenständigen Stil. Ich möchte eigentlich nicht, dass meine Musik, nur aufgrund der Tatsache, dass sie viele verschiedenen Stilistiken verwendet, als totale Collagen-Musik wahrgenommen wird, oder als Eklektizismus im negativen Sinn, wo die Dinge eben nur angekratzt werden.”

MG: “Dein Computer-Programm Virtual Conductor II orientiert sich ansatzweise an den Game Pieces von John Zorn, die ja auch mit Spielanweisungen für Improvisatoren arbeiten. Auch der Posaunist George Lewis hat bereits in diese Richtung gearbeitet. Kannst du kurz dein Konzept erläutern?”

DR: “Der Virtual Conductor existiert mittlerweilein der zweiten Version und ist im Grunde genommen eine algorithmischeKomposition, die aber auch wieder mit den improvisatorischenFähigkeiten der Musiker spielt. Es geht darum, dass die Musiker amBildschirm eines Computers Improvisationsanweisungen bekommen und diesemit den jeweils nächsten sinnvoll zu einem Stück verbinden müssen. Ichals Komponist habe dabei die Möglichkeit, diese Module, die daangezeigt werden, zu entwickeln, also zu bestimmen, und auch die Artder Reihenfolge zu bestimmen. Also, ob das jetzt rein zufällig seinsoll, ob das eine gewisse Bandbreite von Zufall haben soll oder ebenganz genau vorgegeben wird – oder, in der zweiten Version, auch gezieltinstrumentieren, also den jeweiligen Musikern nur solche Anweisungenzukommen zu lassen, die für sie auch sinnvoll sind. Wenn man selbst alsSpieler teilnimmt, entsteht ein großer Lustgewinn alleine durch dieseComputerspiel-Situation – was kommt als nächstes und wie meistere ichdiese Kurve, von dem einen Ausgangspunkt, den ich kenne zum nächstenPunkt, den es zu erreichen gilt. Wenn man den Ablauf der Anweisungenentsprechend schnell programmiert, ergeben sich dadurch recht schöneSituationen, weil die Musiker entsprechend schnell und intuitivreagieren müssen.”

Das Interview führte Martin Gansinger.

Foto 1 Daniel Riegler: Helmut Lackner
Foto 2 Daniel Riegler: http://riegler.mur.at/
Foto 3 Daniel Riegler: Helmut Lackner

 

https://www.musicaustria.at/musicaustria/liste-aller-bei-mica-erschienenen-interviews