
Irgendwann findet aber auch diese Zeit ihr Ende. Statt dem Tag am Strand in Dur, gibt es nun die ersten gefallenen Blätter in Moll. Der Blick zurück ist zwar tröstlich, aber der kommende Winter stimmt nicht gerade fröhlich. Trotzdem bedeutet der Herbst eine willkommene Abkühlung und Abwechslung. Die österreichisch-amerikanische Formation Lehnen, fixiert die Aufbruchsstimmung jener Jahreszeit auf ihrem dritten Album „I See Your Shadow“.
Dies liegt nicht nur daran, dass sie sich dem von Haus aus düsterem Genre Ambient-Rock verschrieben haben. Viel mehr führten persönliche Erfahrungen in ihrer sechs jährigen Karriere zu diesem Album, mit dem sie sehr zufrieden sind. Musikalisch seien sie am nächsten an den ursprünglichen Traum herangekommen, schreibt Matthew Prokop auf der bandeigenen Homepage. Den Traum zu leben, auch wenn er noch nicht eingetroffen ist, sei nach dem Rückzug aus dem Tourleben und der Produktion des neuen Albums die größte Erkenntnis der Band gewesen.
Nach durchforsten der Band-Homepage hat man das Gefühl, es mit reflektierten, wenn auch ein wenig desillusionierten Musikern zu tun zu haben. Vor allem das stete Arbeiten an einer Idee, und die Kompromisse, die zuerst eingegangen werden mussten, lassen auf ehrgeizige Persönlichkeiten schließen. Das neue Album rundet das Bild ab. Um auf die ausschweifende Metapher der Herbstmusik zurückzukehren: „I See Your Shadow“ blickt mit Wehmut in die Vergangenheit und hat trotzdem eine Aufbruchsstimmung inne. Es ist auch ein sehr präzises Album, bei dem nicht nur an der Musik, sondern auch an der Produktion gewissenhaft gefeilt wurde.

Besonders auffällig ist es bei „Figures“, das eines der stärksten Tracks ist. Anfangs scheint es fast eine Gitarrenballade ohne viel Epik zu werden. Die Stimme geht in der Musik unter, und unterstreicht die Verträumtheit. Vor allem die hellen Klänge in der hintersten Ebene, geben die nötige Melancholie. Der monotone Gesang taucht immer wieder unter, und scheint bei jedem Auftauchen ein bisschen mehr Emotionen und Instrumente mitzubringen. Der Song mündet in der perfekten Balance aus einer zarten Grundmelodie und der rockigen Untermalung. Mit „Figures“ könnte das Album eigentlich getrost zu Ende gehen, obwohl der Abschlusstrack „Deadhymn“ eine sehr gefühlvolle Ballade mit beruhigendem Vogelgezwitscher ist.
„I See Your Shadow“ ist so angenehm durchdacht und präzise umgesetzt, dass es ein Genuss ist, sich den Klangkulissen hinzugeben. Durchgeplante Musik ist an sich eher negativ besetzt, mit dem Argument, dass Planung der Feind der Kreativität ist, und für kommerzielles Streben steht. Präzision ist noch immer ein oftmals missverstandenes Label. Im Falle von Lehnen hat Präzision und Fleiß die Band an ihren ursprünglichen Traum annähern lassen.
Anne-Marie Darok
Foto: Sarah Boyd