Die Sängerin LIA PALE hat schon immer Lieder geschrieben, bei ihren ersten Veröffentlichungen hat sie sich in Zusammenarbeit mit MATTHIAS RÜEGG aber mit dem Werk von Franz Schubert, Johannes Brahmsund Robert Schumann beschäftigt. Jürgen Plank hat mit LIA PALE über ihr neues Album „Woman & I“ gesprochen, auf dem ihre eigenen Songs erscheinen. In feinen Arrangements, in Richtung Jazz mit Pop-Ansätzen gedacht. Außerdem geht es um die Frage, was eine Reise nach Amsterdam und das Porgy & Bess mit der Entstehung des Albums zu tun haben.
Du hast bei deinen ersten Veröffentlichungen Lieder von Schubert, Schumann bzw. Brahms interpretiert. Wieso war es jetzt an der Zeit das Album „Woman & I“ mit eigenen Songs zu veröffentlichen?
Lia Pale: Als Interpretin singt man und taucht man in die Geschichten und Melodien von anderen ein. Das ist etwas sehr Besonderes. Manchmal denke ich mir, es ist wie ein Wunder, etwas zu lesen, sich einzuverleiben und wiederzugeben, was jemand vor 150 oder mehr Jahren notiert hat. „Die Winterreise“ hat mich geprägt, weil einfach auch das Werk so viel verlangt. Aber ich habe auch früher, als ich begonnen habe, immer selbst geschrieben. Ich habe immer gerne gespielt, vor mich hergesungen und ich muss sagen: in diesem Zwischengenre, oder wo auch immer ich mich befinde, waren diese Plätze des Urhebers schon besetzt. Das waren einerseits Schubert, Schumann, Brahms, wie du sagst, und andererseits Matthias Rüegg. Er war wirklich ein künstlerischer Leiter: Da war die Vision klar, da waren einfach diese Plätze, die Rollen schon vergeben. Und das war in Ordnung, ich meine das gar nicht negativ.
Was wolltest du jetzt dennoch verändern?
Lia Pale: Das waren wirklich 55 Lieder in 10 Jahren und ich habe in den letzten Jahren schon gemerkt, dass sich bei mir etwas verändert und ich mich nach einem anderen Prozess sehne. Ich habe eine andere Art von Prozess gebraucht: Ich wollte einfach selbst zum Klavier gehen und schauen, was da kommt. Und dazu habe ich auch Wien ein bisschen verlassen müssen. Man spricht immer von Neuanfängen und man erwähnt eigentlich nie, dass es da auch Enden braucht. Matthias und ich haben gewusst: die Kunstlied-Phase und unsere intensive Zusammenarbeit ist jetzt vorbei. Man hat ja diese Bewertungen im Kopf, während man sich so lange in dieser Hierarchie mit den größten Liedkomponisten aller Zeiten befindet. Und man denkt sich dann: was will ich eigentlich sagen und geben?
Wie hast du diese Frage für dich beantwortet? Wie war der Prozess dann beim aktuellen Album?
Lia Pale: Künstlerische Prozesse sind immer – das klingt jetzt ein bisschen spirituell – auch Alchemie. Man verändert sich dadurch auch immer irgendwie selbst, lernt sich anders kennen und begegnet sich selbst. Ich habe mich schon so festgefahren gefühlt, als Interpretin in diesem Kunstliedfeld. Ich habe viel mehr Freiraum für Lieder gebraucht, einfach für Geschichten, die mir gerade passiert sind.
Welches Lied vom neuen Album geht in diese Richtung?
Lia Pale: Die erste Nummer „Already Whole“ liegt mir total am Herzen. Ich habe mich gefragt: Wie ist es als Künstlerin? Spiele ich oft genug? Kann ich mich einfach mal einen Moment lang in Ruhe lassen und sagen: es ist okay, wo ich gerade bin. Mir selbst das zu geben, war schwierig. Die ersten Entwürfe des Liedes hatten Zeilen wie: i don’t have a house, i don’t know where to go. Gesellschaftliche Meilensteine nicht abzuhaken – Kinder, Partnerschaft, Familie, ein ‘Zuhause’ –, war für mich nicht immer leicht. Äußere und innere Stimmen bewerten das und es hat gedauert, wirklich zu fühlen, dass es an mir liegt, wie ich mit diesen Stimmen umgehe. Betrachte ich mein Leben durch den Filter des ‘Nicht-Gelebten’ – was habe ich nicht gelebt, nicht ‘geschafft’? Oder kann ich mir aus tiefer Akzeptanz mein Leben zugestehen, den jetzigen Moment, genauso wie ich ihn erlebe. Erlaube ich mir, mein Leben so anzunehmen, wie es gerade ist? Und kann ich darauf vertrauen, dass es genug ist – egal, welche Form ein Frauenleben annimmt.

Dieser Blick auf das Nicht-Haben hat den Blick auf das Haben geprägt. Darauf, was da ist: dass ich Freund:innen um mich habe, dass ich kreative Aufgaben habe, die mich fordern. Dass Amsterdam eine wunderschöne Stadt ist. Reisen bedeutet auch immer friction, man kann seine eigenen Strukturen nie so durchziehen, wie man es gerne möchte, man reibt sich. Da lernt man sich anders kennen und der Raum wird weiter. Ich habe mir als Mensch Möglichkeiten gegeben, Raum für mich zu generieren. Ich habe das Gefühl, ich habe mir mehr Platz gegeben.
Du hast dir auch bei den Arrangements, Klängen und Songstrukturen Freiräume geschaffen. Wie kam es, dass du dich in Richtung Vocal-Jazz mit Pop-Ansätzen platziert hast?
Lia Pale: Ich habe viel mehr Pop im Kopf gehabt und gedacht, dass ich viel mehr Alternative Pop bin. Früher war ich zum Beispiel ein Riesenfan von Feist.
Jetzt habe ich sehr an die Lieder selbst gedacht und versucht, die Lieder relativ bald mit anderen zu spielen. Manchmal war das zu früh, deswegen auch der Zwischenschritt mit der EP als Julia Pallanch im letzten Jahr. Ich habe gemerkt: die Songs sagen eigentlich wie sie klingen und ich habe dann gar nicht viel überlegt. Dass es viel mehr Jazz geworden ist, als ich geglaubt habe, kommt sicher auch daher, dass die Umgebung prägt, in der ich war. Ich habe jetzt jahrelang mit Jazz-Musiker:innen gearbeitet, Matthias kommt aus einem Jazz-Kontext. Ich bin selbst überrascht, ich habe gedacht, das Album wird poppiger und lauter. Aber ich habe das Gefühl, das Album ist gar nicht laut. Es hat viel Platz und ich arbeite da auch viel mit Ruhe. Dinge, die ich gebraucht habe, ohne dass es mir bewusst war, dass ich sie brauche.
„WIR HABEN EINIGE SONGS VOM ALBUM IM PORGY AUF DER BÜHNE AUFGENOMMEN“
Und ihr habt in der Folge auch im Porgy & Bess aufgenommen, wo das Album am 27. Mai 2026 präsentiert werden wird.
Lia Pale: Wir haben einige Songs vom Album im Porgy auf der Bühne aufgenommen. Ohne Probe. Der australische Pianist Hue Blanes war für einen Tag in Wien. Miloš, den Bassisten, habe ich kurz davor bei einem Festival in Ascona kennengelernt. Danke auch ans Porgy, wir haben dort die Hälfte des Albums an einem Nachmittag eingespielt. Es ist alles sehr menschlich, bei diesem Album muss man auf jeder Ebene auf die Zufälle des Lebens vertrauen. So wie die Lieder entstanden sind, so waren dann auch die Aufnahmen. Das habe ich nicht geplant, über das Tun, sind die Sachen möglich geworden. Und so klingt das Album auch: es klingt nach einem Duo und nach Pop-Momenten, dann wieder nach einem Quintett. Es war sehr freundschaftlich: die Freundschaft zu einem selbst, aber auch zu den Leuten, die man über die Jahre kennengelernt hat. Ich habe das Gefühl, es war auf eine gewisse Art sehr einfach. Danach habe ich mich sehr gesehnt, nach etwas Direktem: ich habe einen Song geschrieben, spielen wir den! Am schwierigsten ist ja oft, das Einfache zu leben.
Das Porgy & Bess ist ein wichtiger Ort deiner Karriere. Wie groß ist deine Vorfreude auf die Album-Präsentation?
Lia Pale: Auch mein allererstes Album „Gone Too Far“ ist auf der Porgy-Bühne entstanden. Einerseits freue ich mich, andererseits werde ich sehr nervös. Bühnenangst habe ich einfach mein Leben lang, manche haben das mehr, manche weniger. Über die Jahre kriegt man bessere tools, damit umzugehen, aber ich bin immer extrem nervös. Egal, wo ich spiele und vor wie vielen Leuten ich spiele. Die Bühne ist für mich ein besonderer Ort, wenn ich oben bin, kommt das Adrenalin und der Fokus und das ist wie eine Welle, auf die man aufspringt.
Wird das auch im Porgy & Bess so sein?
Lia Pale: Gerade im Porgy ist es extrem, denn wenn einen die Leute ein bisschen kennen, ist es noch schwieriger für mich. Es kommen dann auch immer Familie und Freund:innen aus Oberösterreich, die mich schon sehr lange kennen. Das ist sehr schön, aber das macht etwas mit mir.
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Jetzt nach so vielen Jahren mit eigenen Songs ins Porgy zurückzukehren, fühlt sich gut an. Ich frage mich schon, warum ich das nicht früher gemacht habe, aber ich finde, jeder Prozess hat eine eigene timeline. Man kann ja Prozesse nicht erzwingen. Ich wollte immer schon schreiben, aber erst jetzt weiß ich: es ist soweit und das ist ein Abend, an dem alles, was ich spielen werde, von mir kommt. Und ich darf das mit Leuten auf der Bühne und mit dem Publikum teilen. Das ist für mich komplett neu, denn als Interpretin kriege ich die Noten und jetzt komme ich mit Liedern und gebe die an die Musiker:innen weiter. Das ist für viele ganz normal, aber in meinem künstlerischen Prozess ist das ganz neu. Das habe ich mir durch das Reisen geben müssen. Deswegen ist das Porgy jetzt etwas Neues, eigentlich wie ein Debüt für mich. Obwohl ich auf dieser Bühne schon oft gestanden bin, habe ich das Gefühl, es ist zum erstes Mal.
Ein Lied am neuen Album heißt „Song For Her“. Hast du diesen Song für dich geschrieben?
Lia Pale: Das ist lustig, dass du das sagst: der Song hat im Arbeitstitel lange „Song For Julia“ geheißen. Für die ganz kleine Julia, die vor dem Spiegel mit dem Mikrofon gesungen hat und auch Lieder schreiben und Musik machen wollte. Irgendwann habe ich mir gedacht: ich mache den Titel abstrakter.
„ICH BIN EIN RIESIGER FAN VON CHARLIE CHAPLIN, MIT IHM HÄTTE ICH SEHR GERNE MAL GEARBEITET“
Du hast im Vorgespräch Frank Sinatra erwähnt, den du sehr schätzt. Man weiß nicht, was mit Künstlicher Intelligenz (KI) und Software technisch noch möglich sein wird: wäre aber ein Duett mit ihm reizvoll?
Lia Pale: Ich bin ein riesiger Fan von Charlie Chaplin, mit ihm hätte ich sehr gerne mal gearbeitet. Wie er sich bewegt! Er ist ein Universalkünstler, auch Musiker und Tänzer. Wie er Geschichten auch über Bewegung erzählt, das finde ich unglaublich.
Eines meiner Lieblingsalben ist „Sinatra at the Sands“, gemeinsam mit dem Count Basie Orchestra, das ist ein Live-Album. Bei Frank Sinatra denke ich mir: ich würde gar nicht unbedingt mit ihm arbeiten, ich würde mich gerne dorthin beamen. An diesem Abend wäre ich wirklich gerne im Konzert gewesen. Bezüglich Zusammenarbeiten muss ich sagen, dass das Thema so frisch ist, die Frage ist schwer zu beantworten. Ich weiß nur, dass ich nicht nur gerne die Stimme irgendwie recycled hätte, sondern gerne mit dem Menschen in einem Raum wäre. Ich möchte sehen, wie jemand arbeitet, das würde mich mehr interessieren. Auch in Bezug auf das Arrangement wäre Künstliche Intelligenz interessant.
Woran denkst du da?
Lia Pale: Wenn ich zum Beispiel an das Album „Only The Lonley“ von Frank Sinatra denke, welches Nelson Riddle arrangiert hat und die KI beauftragen könnte, mein Lied „Lonliest Birthday“ wie Nelson Riddle zu arrangieren – das würde mich interessieren.
Solche Möglichkeiten wird es ziemlich sicher geben.
Lia Pale: Ja, das kommt ziemlich sicher, aber die Frage ist: Wie fühlt es sich dann an, das zu singen? Fühlt es sich echt an? Das ist schwierig. Zum einen ist da bei KI der Sound, der übrig bleibt und den man reproduzieren kann. Aber das andere ist der ganze Prozess, der dahintersteht. All das, worüber wir jetzt geredet haben. Das ist Musik, aber zum Teil auch unabhängig davon und führt aber zu Musik. Und dieser Prozess der Begegnung ist so unabhängig von KI. Das ist schwierig, und diese Entwicklungen gehen so schnell voran.
Vocal-Jazz ist natürlich stark mit den U.S.A. verbunden. Bist du dort schon aufgetreten?
Lia Pale: Ich war viel in Kalifornien, denn ich habe ein Stipendium für die U.S.A. bekommen und habe an der USC, der University Of Southern California, studiert. Das war sehr prägend, auch in Richtung Performance. Während der Studienzeit habe ich dort an der Uni gespielt. Meine Schwester wohnt in Kalifornien, deswegen ist das ein home away from home.
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
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Live:
27.05.2026, Porgy & Bess, Riemergasse 10, 1010 Wien, 20:30h
05.06.2026, Kraftzentrale, Straubing (DE)
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