Lukas Aichinger (c) ORF Ursula Hummel-Berger

„Ich schreibe Partituren für alle Instrumente der Band” – LUKAS AICHINGER (AHL6) im mica-Interview

Das Sextett AHL6 veröffentlichte Ende Mai sein erstes Album „Thinker Try To Dance“ auf dem eigenem Label „Waschsalon Records“. Lebendige Jazzmusik, die man sich als Soundtrack eines TARANTINO-Streifens gut vorstellen könnte und die dennoch nur von einem kleinen Anteil an Improvisation lebt. Der Komponist, Arrangeur und Schlagzeuger LUKAS AICHINGER sprach mit Dominik Beyer über Inspirationsquellen und den vermeintlichen Spagat seiner Herangehensweise.

Zu Beginn eine banale Frage: Wofür steht AHL6?

Lukas Aichinger: Das wollen alle wissen. Das bleibt ein Rätsel – vielleicht auch mir selber [lacht].

Das Album erschien auf „Waschsalon Records“, einem Label, das du seit Kurzem gemeinsam mit Michael Tiefenbacher, Leonhard Skorupa und Tobias Vedovelli betreibst. Welche Kriterien sollte ein Album mitbringen, um dort veröffentlicht zu werden?

Lukas Aichinger: Derzeit finden nur Veröffentlichungen statt, die wir selbst produzieren. Für externe Erscheinungen müssen wir erst die erforderliche Infrastruktur aufbauen. Vor 2021 also nur Schönes aus eigener Hand.

„Der Zugang zu diesem Album war für mich, […] stets groovebetont zu bleiben […]”

Der Musiker Philip Yaeger schreibt über deine CD, dass Jazz keine bestimmten Trennlinien besitzt und keinen definierbaren Stil hat, sondern vielmehr einen bestimmten Zugang zur Musik beschreibt. Hast du generell eine bestimmte Herangehensweise an die Musik oder was war dein Plan für das Album?

Lukas Aichinger: Ich denke, jeder hat seinen individuellen Zugang zur Musik. Schon allein durch die musikalische Sozialisation. Ich selbst bin natürlich von meinem klassischen Werdegang in der Musikschule beeinflusst. Da stand Schlagzeugspielen schon immer im Vordergrund. Im Weiteren durchs Studium. Mittlerweile bin ich über mein Stipendium von Ö1 im Masterstudiengang Improvisation am Jam Music Lab bei Paul Urbanek angekommen. Die Perspektiven ändern sich im Laufe der Zeit. Und das beeinflusst einen als Menschen, natürlich auch musikalisch. Der Zugang zu diesem Album war für mich, einerseits stets groovebetont zu bleiben und andererseits auch Einflüsse aus experimenteller Musik sowie typische 60er-Jahre-Jazzaufnahmen einfließen zu lassen.

Deine Musik klingt sehr lebendig. Man hat das Gefühl, live bei der Aufnahme oder einer Jamsession dabei zu sein. Inwieweit ist deine Musik notiert? Falls nicht: Wie dirigierst du die Band dann in einer Recording Session?

Lukas Aichinger: Meine Musik ist konservativ notiert. Ich schreibe Partituren für alle Instrumente der Band. Es gibt natürlich offene Passagen, in denen improvisiert werden soll. Bei Gitarre und Bass dienen manche Teile auch nur als Anhaltspunkte. Da schreibe ich dann schon dazu, dass sich die Musiker nicht so streng an das Notierte halten müssen. Von meinem Notenvorschlag dürfen sie sich dann auch nach eigenem Empfinden entfernen und weiterentwickeln. So bringe ich das ganze Ding zum Funktionieren und hauche ihm Leben ein, ohne dass etwas entsteht, was so von mir gar nicht beabsichtigt war.

Ihr klingt mehr wie eine eingespielte Band als ein Projekt – das liest man nämlich öfter im Internet. Wie lange spielt ihr denn schon zusammen?

Lukas Aichinger: Wir spielen noch gar nicht so lange zusammen. Wobei ich mit fast jedem Einzelnen schon eine längere Vorgeschichte habe. Mit Markus Schneider [E-Gitarre, FX; Anm.] spielte ich beispielsweise schon vor Jahren bei den FREE IDIOTS zusammen. Da haben wir unzählige Stunden im Proberaum und auf Bühnen verbracht. Mit Leonhard Skorupa [Tenorsaxofon; Anm.] spiele ich aktuell in verschiedensten Projekten zusammen. Robert Schröck [Altsaxofon; Anm.] und Tobias Pöcksteiner [Kontrabass; Anm.] sind Kollegen, mit denen ich im Studium sehr viel zu tun hatte. Lediglich Thomas Liesinger [Trompete, FX, Flügelhorn; Anm.] wurde mir für dieses Projekt von einem Freund empfohlen. Hierfür jemanden zu finden, ist ja gar nicht so leicht. Vor allem, wenn es moderner wird und Effekte hinzukommen. Aber das hat von Anfang an bestens harmoniert. Das war wirklich spannend.

Wie schreibst du Musik und woher holst du deine Inspiration?

Lukas Aichinger: Es gibt für mich zwei Wege, wobei der eine Weg in den anderen mündet. Oft inspirieren mich Zeitungsartikel. Gewisse Stimmungen, die dann in meinem Kopf gleich zu arbeiten beginnen. Das wird dann gleich auf einem Block skizziert und gedanklich weitergesponnen. Ist der Prozess innerlich abgeschlossen, setze ich mich in weiterer Folge ans Klavier und versuche, der Idee einen Sound zu verpassen. Manchmal erziele ich aber auch interessante Ergebnisse, indem ich einfach beim Klavierspielen Sachen ausprobiere, die ich dann in weiterer Bearbeitung zu einem Stück Musik verarbeite. Ich bin kein guter Pianist, aber das ist für mich auch nicht wichtig, um Musik zu schreiben. Ich probiere dann ganz langsam herum und gebe das parallel in den Laptop ein. Mein Ziel ist es, am Ende eine fertige Partitur zu haben.

Bild AHL6
AHL6 (c) Fabian Ressl

„Genau wie die schnelllebige Zeit, in der wir uns befinden und die unser Zusammenleben auch stets verändert.“

Ich habe gelesen, dass dich oft gesellschaftliche Themen inspirieren, die du dann in deine Kompositionen einfließen lässt. Was sind das für Themen und woran hören das die Zuhörerinnen und Zuhörer?

Lukas Aichinger: Beim Hören lässt das natürlich sehr viel Spielraum für Interpretation. Und was ich mir letztlich dabei gedacht habe, weiß nur ich. Das macht das Ganze aber natürlich auch wieder spannend. Genau wie die schnelllebige Zeit, in der wir uns befinden und die unser Zusammenleben auch stets verändert. Vor allem hinsichtlich neuer Technologien. Das kann schon sehr interessant sein. Aber auch sehr beunruhigend. Ich stehe dem Ganzen schon auch misstrauisch gegenüber. Ich besitze nicht mal ein Smartphone [lacht]. Auf der anderen Seite finde ich es sehr faszinierend, wie künstliche Intelligenz in Zukunft eingesetzt werden könnte und wird. Das beeinflusst mich und bringt mich dann wieder auf Ideen.

Kannst du an dieser Stelle vielleicht ein Buch empfehlen, das die dich inspiriert hat?

Lukas Aichinger: Ich lese gerade „Nerds retten die Welt“ von Sibylle Berg. Es ist ein Buch, das Themen bespricht, die mich und viele andere natürlich auch im Moment beschäftigen. Themen wie Rassismus, Feminismus, Klimawandel, moderne Technologien und künstliche Intelligenz.

Wie viele moderne Technologien fließen dann in deine Art und Weise, Musik zu machen, mit ein? Und wie nutzt du sie?

Albumcover “Thinker Try To Dance” (c) Ju Aichinger

Lukas Aichinger: Was das betrifft, bin ich eher altmodisch. Sonst würde ich nicht mehr mit einem Schlagzeug spielen [lacht]. Für dieses Album war das für mich nicht so sehr Thema. In die Richtung könnte ich sicherlich mehr machen. Ist auf jeden Fall aber etwas, dem ich mich in Zukunft mehr widmen werde. Das Album ist nach meinem Bachelorabschluss entstanden und da stand für mich eine traditionelle Kompositionsweise im Vordergrund. Zuerst die Musik herkömmlich auf Papier und dann auf den Tonträger zu bringen.

Welchen Stellenwert hatte für dich die Postproduktion? Präparierst du dir dein Schlagzeug im Vorhinein, um es genau so klingen zu lassen, wie du möchtest, oder wurde danach im Mix noch maßgeblich modelliert? Insbesondere der charakteristische Snare-Sound ist auffällig.

Lukas Aichinger: Auch hier war die Herangehensweise ein sehr natürliche. Wir haben beim Mixing nicht mehr viel verändert. Ich habe hier in Zusammenarbeit mit Martin Siewert den Charakter der Musik herausgearbeitet und sozusagen verstärkt. Wir haben schon viel mit den unzähligen Gitarren-Amps und Effekten experimentiert, bis wir dort angelangt waren, wo wir hinwollten. Auch die Positionierung der einzelnen Bandmitglieder, die ja für eine bessere Aufnahmeakustik durch Trennwände separiert wurden, war eine Herausforderung für sich, um dennoch Blickkontakt über die Spiegel in den Wänden des Studios zu gewährleisten. Das hat schon fast die halbe Studiozeit in Anspruch genommen. Und um die Frage noch zu beantworten: Die Snare ist eigentlich nur extrem tief gestimmt.  

Wird es mit dieser Besetzung bald ein neues Album geben oder war das ein Projekt, das du mit der Aufnahme als abgeschlossen siehst?

Lukas Aichinger: Ich bleibe auf jeden Fall dran, das ist sicher. Viele Gigs zu spielen, ist ja leider nicht immer so leicht mit einem Sextett. Und ein neues Album hängt natürlich auch von den Förderungen ab. Aber ich bin auf jeden Fall motiviert.

Am 21. September 2020 findet ja euer Album-Release-Konzert im Porgy & Bess. statt Was erwartet uns da?

Lukas Aichinger: Ich denke schon, dass das sehr der Aufnahme entsprechen wird. In einem Club mit einer amtlichen Anlage kann man das auch gut umsetzen. Wir freuen uns schon riesig!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Dominik Beyer

Links:
Lukas Aichinger / AHL6
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Waschsalon Records