Um die Jahrtausendwende war der Popsänger Marque ganz oben in den Charts. Zwei Amadeus Austrian Awards erhielt er für sein Album „ Freedomland“ und die Single „One To Make Her Happy“. Weitere CD-Produktionen und ganz unterschiedliche Projekte illustrieren die Vielseitigkeit des Singer/Songwriter, Produzenten, Musikers und Komponisten. Markante Stationen und Wendepunkte zeichnen den künstlerischen Werdegang des engagierten vierzigjährigen Künstlers aus Feldkirch aus, ausgehend vom Musical „Nimmerland“ und einer intensiven Beschäftigung mit Barockmusik über das CD-Projekt über den Zeitreisenden „Geordie Gill“ bis hin zu verschiedenen Kompositionsstudien wie derzeit bei Herbert Willi. „Marque“ war der Künstlername des Pop-, Soul- und Rockmusikers. Mit dem Namen Markus Nigsch zeichnet der Komponist seine Werke, die auch bei Wettbewerben Beachtung finden. Im vergangenen Dezember war er Preisträger des Wiener Filmmusikpreises und das Klaviertrio „Fröhjaar“ wurde von der Franz Josef Reinl Stiftung ausgezeichnet. Im Auftrag des Landestheaters Vorarlberg komponiert Markus Nigsch derzeit das Musiktheater „Die gefährlichen Liebschaften“. Im Gespräch mit Silvia Thurner erzählt der engagierte Künstler von seinen Erfahrungen mit der Musikindustrie und seinem künstlerischeren Werdegang. Zur Sprache kommen unter anderem seine Begeisterung für die Barockmusik und seine Art Filmmusik zu schreiben.
Du hast in den vergangenen fünfzehn Jahren in unterschiedlichsten Projekten sehr verschiedene Aspekte deines künstlerischen Schaffens zum Ausdruck gebracht. Wie hast du deine Zeit als Popmusiker und die Musikindustrie erlebt?
Ich habe immer meine eigene Musik geschrieben, egal was ich gemacht habe. Ich habe fünf Platten in der Popularmusik publiziert, dabei habe ich mit großen Plattenfirmen zusammen gearbeitet. Ich bin einer, der alles selbst macht, habe alle Instrumente im Alleingang eingespielt, produziert und abgemischt. Die erste Platte war eine Soulplatte, die zweite war noch schwärzer, die dritte war eine elektronische Platte, die vierte war Rockmusik. Die fünfte, „Transparent“, war akustischer; danach habe ich mich mehr und mehr von den harmonischen Gesetzmäßigkeiten der Popmusik entfernt.
Die Musikindustrie hat mich sehr vereinnahmt. Ich musste aufpassen, dass ich bei mir bleibe und nicht unter die Räder komme. In meiner Jugendzeit habe ich davon geträumt, mit meiner eigenen Musik auf großen Bühnen zu stehen. Ich war dort, es war aber nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Es wurde Zeit weiterzugehen.
– „Ich war immer bunt wie ein Chamäleon“ –
Du bist als Künstlerpersönlichkeit und im Hinblick auf eine musikalische Stilistik schwer zu fassen. Wie siehst du dich und deine Arbeit?
Ich folge meiner Seele, bin lernbegierig und auf der Suche nach meiner Sprache, durch alle Genres und Bandbreiten hindurch. Beim Komponieren von moderner Musik kommt alles zusammen. Wir sind im 21. Jahrhundert und ich bin der Meinung, dass alle Töpfe offen sind. Ich möchte eine Musik machen, bewusst nichts ausgrenzt.
Jedes einzelne Projekt liegt mir sehr am Herzen. Ich weiß nicht, was als nächstes passiert, bin frei und so möchte ich es auch weiter führen weil ich immer bunt wie ein Chamäleon war. Wer mich kennt, hört meine Art Musik zu machen aus den unterschiedlichsten Werken und Genres heraus. Ich empfinde es aber als Kompliment, wenn ich schwer fassbar bin.
– „Ich habe das Kind in mir wieder gefunden“ –
Vor allem die Barockmusik hat dich immer mehr in ihren Bann gezogen. In welcher Form hast du dich damit auseinander gesetzt, auch im Hinblick auf dein Musical „Nimmerland“?
In Zürich habe ich Tonsatz, Kontrapunkt sowie mittelalterliche Vokalpolyphonie studiert, dann habe ich Martin Skamletz kennen gelernt und bei ihm weiter gearbeitet. Etwa zeitgleich habe ich mich mit J.M. Barries „Peter Pan“ auseinander gesetzt, ein Musiktheater darüber geschrieben und damit das Kind in mir wieder gefunden.
„Nimmerland“ bezeichnest du als „BaRockOper. Stimmt der Eindruck, dass dieses Werk einen Wendepunkt in deinem Schaffensprozess darstellt?
Ja absolut, danach wollte ich nicht mehr zurück. Ich konnte damit den Schmutz der Musikindustrie abschütteln. Ich habe für mich selbst heraus gefunden, dass der Sinn gerade im vermeintlich Sinnlosen liegt. In diesem Werk treffen musikalische Welten aufeinander: Rockmusik, Beatles und Hendrix, Bach und Händel geben sich die Hand. Ich habe das sehr ernsthaft verarbeitet und kontrapunktische Kompositionstechniken mit modernen Klangerzeugungsmitteln umgesetzt.
– „Es fängt bei der Barockmusik an und führt dorthin zurück.“ –
Warum interessiert dich gerade die Barockmusik so besonders?
Durch ihre Tanzbarkeit steht die Barockmusik der Popmusik nahe. Was Mich beeindruckt, der strenge Satz – der Kontrapunkt. Die Art wie Stimmen zueinander geführt werden, wirkt auf mich wie die Erdanziehungskraft, das ist Gravitation. Darüber hinaus gefallen mir der spritzige Charakter, der Manierismus und die Harmonie. Es fängt für mich immer wieder im Barock an und führt dorthin zurück.
– „Ich bin zu jung, um nostalgisch zu sein.“ –
Die CD Produktion „Geordie Gill“ steht dem Gedanken nahe, unterschiedliche künstlerisches Genres in Form eines Gesamtkunstwerkes zusammen fließen zu lassen. Was hat dich an diesem Projekt besonders gereizt?
Der Geordie ist ein sehr dankbares und schönes Projekt. Er ist ein Zeitreisender und ich schlüpfe darin in eine andere Identität. Ich bin zu jung, um nostalgisch zu sein, aber der Gedanke an eine Entschleunigung der Zeit gefällt mir und ist diesem Werk zugrunde gelegt.
„Geordie Gill“ ist inspiriert von Ralph Vaughan-Williams und seiner Liedersammlung. Steht deinem Denken auch das spätromantische Gedankengut, sozusagen eine Sehnsucht nach etwas Unerreichbaren, nahe?
Ja sicher, die Sehnsucht nach etwas Unerreichbaren ist für mich ein weiterer Motor. Durch mein zurückgezogenes Leben in der Schweiz, meine Bibliothek und meine Hunde lebe ich zumindest manchmal wie in einer anderen Zeit.
– „Fritz Schindlecker steht als treibende Kraft dahinter.“ –
Du hast schon öfters mit dem bekannten Autor Fritz Schindlecker zusammen gearbeitet und auch Filmmusik für ihn geschrieben. Was zeichnet eure Zusammenarbeit aus?
Wir sind extrem verschieden und ergänzen uns gegenseitig. Derzeit arbeite ich mit ihm an einem Liederzyklus zum Thema Migration und Integration, hinter dem er als treibende Kraft steht. Ich habe bereits Filmmusik für eine Fernsehserie für ihn komponiert und er hat das Libretto für Peter Pan geschrieben.
Eines der Lieder aus diesem aktuell entstehenden Zyklus heißt „Allahu Akbar“ und weist dich als politisch hellhörigen Menschen aus.
Ich möchte in diesem Liederzyklus für Singstimme, drei Celli und Klavier auch Texte über Stefan Zweig, der vor den Nazis flüchten musste und über eine Afrikanerin, die nach Europa eingewandert ist, verarbeiten. Afrikanische Rhythmen tragen immer eine Botschaft in sich, diese verwende ich wie einen Cantus firmus, so mischen sich diese Rhythmen mit europäischer Harmonik.
– „Den emotionalen Rhythmus gebe ich vor.“ –
Auch als Komponist von Filmmusik bist du viel beschäftigt und erfolgreich. Vor wenigen Wochen hast du den 3. Platz beim Wiener Filmmusikpreis 2012 gewonnen. In welcher Rolle siehst du dich, wenn du Filmmusik komponierst?
Ich sehe die Musik als eine zusätzliche Farbe im Bild. Ich komponiere für die Ohren, aber die Musik hat auch für die Augen eine Funktion. Es gibt viele Vorgaben, aber den emotionalen Rhythmus gebe ich vor, beispielsweise kann ich gegen oder mit den unterschiedlichen Charakteren komponieren, sie sympathisch oder plump auftreten lassen. Es ist total entscheidend, ob ich etwas vorweg nehme oder ob ich es zurück halte. Das ist für mich sehr spannend und auch die Orchestrierung ist sehr vielseitig. In diese Musik kann ich alle Erfahrungen, die ich bisher gesammelt habe, einbringen, unter anderem Elektronik, orchestrale Komponenten, kammermusikalische Zurückhaltung und die Arbeit mit unterschiedlichen Tempi und Rhythmen.
– „Musik, die geeignet ist, einen größeren Zuhörerkreis zu erreichen“. –
Im Jahr 2012 hast du den 3. Preis beim Wettbewerb der Franz Josef Reinl Stiftung für das Klaviertrio „Fröhjaar erhalten. Was bedeutet dir dieser Preis?
Ich habe mich über diesen Preis sehr gefreut, weil ich überhaupt nicht damit gerechnet habe, dass mein Werk berücksichtigt wird. Das Klaviertrio „Fröhjaar“ beinhaltet auch neue neue Elemente meiner Tonsprache, Atonalität genauso wie Tonalität, aber sie ist fundiert in der Tradition. Angefragt war „eine Komposition, die in ihrer anspruchsvollen und originalen Tonsprache geeignet ist, einen größeren Hörerkreis zu erreichen“. Genau das ist auch mein Ziel.
Danke für das Gespräch.
Dieses Interview ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im Februar 2012 erschienen.