Mit „Sieben Zwetschken“ legen Die Strottern und die JazzWerkstatt Wien ihr drittes gemeinsames Album vor. Die langjährige Zusammenarbeit der beiden Formationen setzt sich damit in einer neuen, reifen Form fort. Zwischen Wienerlied, Jazz und zeitgenössischem Liedgut entsteht ein musikalischer Raum, der komplexe Strukturen mit Leichtigkeit verbindet und stilistische Grenzen bewusst offenlässt. Das Album lebt von feinen Zwischentönen, pointierter Musikalität und einem hörbar eingespielten Kollektiv. Die Stücke laden zum aufmerksamen Hinhören ein, zum Nachdenken ebenso wie zum Mitwippen. Klanglich bewegt sich das Ensemble zwischen Zurückhaltung und Verspieltheit, zwischen lakonischem Humor und leiser Melancholie. Dabei entsteht ein musikalischer Dialog, in dem individuelle Handschriften sichtbar bleiben, sich aber nie in den Vordergrund drängen.
Das Album „Sieben Zwetschken“ ist mittlerweile die dritte Zusammenarbeit von Die Strottern und JazzWerkstatt Wien. Was hat euch dazu bewogen, nach zehn Jahren wieder gemeinsame Sache zu machen?
Klemens Lendl: Die Idee, wieder etwas gemeinsam zu machen, war eigentlich immer da. Jetzt hatten wir einfach wieder genug Material beisammen. Einige Songs auf dem Album spielen wir ja schon seit längerer Zeit live – es hat sich also fast aufgedrängt, eine neue Platte zu machen.
David Müller: Diese Zusammenarbeit bereitet uns allen große Freude. Wir treffen uns zwar selten, aber wenn wir zusammenkommen, ist es einfach wahnsinnig schön. Dieses Gefühl weiterzutragen, war für uns immer ein starker Antrieb. Insofern war klar: Es wird auf jeden Fall eine nächste Platte geben.
Clemens Wenger: Ein Album tatsächlich umzusetzen ist dann aber doch immer ein ziemlicher Kraftakt – und in dieser Konstellation ein noch größerer. Ohne bestimmte Rahmenbedingungen, wie etwa eine Förderung durch den Musikfonds, wäre es kaum möglich gewesen.
Man merkt, dass alle Beteiligten große Freude an diesem Projekt haben. Was macht dieses Projekt so besonders?
Klemens Lendl: Die gemeinsame Band entwickelt sich musikalisch immer weiter. Das hat viel damit zu tun, dass jeder einzelne kontinuierlich an seiner eigenen musikalischen Sprache arbeitet. Die Musiker der JazzWerkstatt haben ja alle ihre eigenen Projekte. Wenn wir dann wieder zusammenkommen, bringen sie eine noch weiter ausgeformte, individuelle Klangsprache mit – und die fließt natürlich in das gemeinsame Projekt ein. Das zu beobachten, ist wirklich toll. Und es gibt dabei keine Eitelkeiten, alle gehen mit großer Ernsthaftigkeit und Offenheit an die Sache heran. Das finde ich sehr besonders und das hört man auch. Ich finde, das Album strahlt eine große Reife und Ruhe aus.
David Müller: Diesem Ensemble sind über die Jahre auch die Ohren gewachsen. Das gegenseitige Zuhören, das Vertrauen und das Verständnis füreinander haben sich entwickelt, kein Ton oder Schlag zuviel, da ist nichts, was den Fluss stört. Die Band ist wirklich schön gewachsen.
Ich habe 2009 schon über euer erstes Album geschrieben und es damals unter dem Titel „Jazz trifft auf Wienerlied“ zusammengefasst. Wahrscheinlich war das schon damals etwas zu kurz gegriffen. Bei „Sieben Zwetschken“ lässt sich auf jeden Fall sagen, dass es stilistisch seine ganz eigene Geschichte erzählt. Jazz und Wienerlied sind dabei einfach zwei von vielen musikalischen Einflüssen.
Clemens Wenger: Ja, das stimmt. Das Album lässt sich nicht wirklich eindeutig einordnen. Schon beim Begriff Jazz wird es ja kompliziert. Wir haben für die Stücke formal sehr schöne Arrangements gefunden. Sie sind sehr präzise und mit feiner Klinge ausgearbeitet. Die klassischen Jazz-Elemente wie offene Form und Improvisation sind natürlich vorhanden. Aber der musikalische Kontext, in dem sie aufgehen, ist einfach ein anderer, „Wienerlied trifft Jazz“ greift da zu kurz. Es ist ein ganz eigener, runder Klangkörper und ich finde, dass bei unserem dritten Album jetzt alles noch homogener zusammengewachsen ist.
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Klemens Lendl: Auch, weil wir uns inzwischen besser kennen und viel präziser arbeiten als noch am Anfang.
David Müller: Das muss auch so sein, weil die Zeit, die wir miteinander haben, knapp ist. Da muss man wirklich gut vorbereitet sein. Wir haben uns für diese Aufnahmen zuerst in Kleingruppen getroffen und die Stücke bereits sehr genau ausgearbeitet. Dann haben wir alle gemeinsam etwa drei Tage lang geprobt – und sind danach direkt ins Studio gegangen, um aufzunehmen.
Clemens Wenger: Und wir spielen jedes Jahr im Porgy & Bess, wo wir die Songs ausprobieren können. Das ist sehr wichtig.
„Diese Konzerte sind wie ein Familientreffen.”
Stimmt, ihr spielt ja regelmäßig, zumindest einmal im Jahr, im Porgy & Bess.
David Müller: Diese Konzerte sind wie ein Familientreffen. Die Weihnachtszeit ist ja Familienzeit und am Ende kommt dann auch noch die musikalische Familie zusammen. Die Stimmung ist einfach jedes Mal großartig. Jeder kommt so entspannt aus den Weihnachtstagen und freut sich einfach auf das Konzert.
Klemens Lendl: Dieses „Neujahrskonzert“ ist ein wichtiger Anker für das ganze Projekt. Auch weil wir da immer unter Zugzwang sind, zumindest ein paar neue Nummern zu spielen. Und das, obwohl wir kaum einmal alle für eine Probe zusammenbringen, es sind ja alle viel beschäftigt.
Das Album ist musikalisch auf jeden Fall sehr vielfältig. Es gibt ruhige, melancholische Momente ebenso wie schwungvolle Passagen, und verschiedene Stilrichtungen klingen durch. Das Ergebnis ist ein warmer und eleganter Klang, der sich gleichzeitig offen für Experimente zeigt. Ist dieser Klang beabsichtigt – oder entsteht er ganz natürlich aus der Konstellation heraus?
David Müller: Jeder arbeitet an seinem Instrument, an seinem Sound. Und das ständig. Nehmen wir nur als Beispiel Lukas König, seine Sounds, die Becken zum Beispiel, klingen heute ganz anders, als vor ein paar Jahren. Oder Clemens Wenger, der sein Klavier ganz anders präpariert, als früher. Es kommt beim Bandsound darauf an, wie jeder einzelne mit seinem Instrument umgeht: Es sind so viele Details, die etwas Neues ergeben und einen neuen Klangkörper formen.
Klemens Lendl: Beim Gesang ist das ja ähnlich. Ich behaupte mal, dass ich vor zehn Jahren bei „Es rengt“ noch nicht den Nerv gehabt hätte, den Text so zu singen, wie er jetzt ist. Wenn du dreißig Mal „es rengt“ singst, brauchst du eine gewisse Ruhe, eine gewisse Unverdrossenheit, das durchzuziehen. Christian Tesak, von dem der Text stammt, war überrascht, dass wir uns gerade diesen ausgesucht haben. Aber er hat einfach perfekt zur Musik von Clemens gepasst. Ich dachte mir: Zu dieser Musik will ich keine fünfzig Sätze singen. Und dann fragt man sich doch: Geht sich das aus? Ist es genug? Ist es zu langweilig, zu pathetisch, zu lustig? Bei der Schlusspointe, wo der Sänger glaubt, Applaus zu hören und in den Regen raus muss zum Verbeugen, da lacht mein narzisstisches Sängerherz.
Clemens Wenger: Das klingt jetzt alles so nach reif und erwachsen. Dabei sind wir in gewisser Weise noch ziemlich blutige Anfänger. Früher war man mit fünfzig Jahren ein junger Komponist. Da hat man erst langsam verstanden, wie das Geschäft läuft. Die Frau Mayröcker hat auch mit achtzig noch ihre besten Gedichte geschrieben. Musik ist etwas, das Zeit und Kontinuität braucht. Darum glaube ich, dass man – selbst wenn man sich nur ein paar Mal im Jahr trifft – immer auf der Qualität der letzten Lieder aufbaut und diese dann steigert. Und auf dieser Qualität kann man immer weiter aufbauen.
Was ich mir beim Durchhören des Albums immer wieder gedacht habe: Die Musik, die ihr macht, kann eigentlich nur in Wien entstehen – aber die Sprache, in der ihr singt, klingt gar nicht unbedingt so wienerisch. Inwieweit spielt das Wienerische bei euch eigentlich noch eine Rolle?

Klemens Lendl: Das wissen wir selbst nicht so genau. Das ist etwas, das uns als Strottern die ganze Zeit betrifft und beschäftigt – aber wir denken nicht wirklich bewusst darüber nach. Wir machen einfach das, was aus uns herauskommt. Vor 30 Jahren wollten wir einmal etwas Wienerisches machen und haben uns dann in diese Sprache und in das Texten in dieser Sprache verliebt. Ich weiß auch nicht, ob dieses Album mit der Jazzwerkstatt jetzt weiter weg ist von der Wiener Musik, als die Lieder, die wir als Strottern zu zweit machen. Von der Instrumentation her natürlich schon – aber musikalisch? Das kann ich gar nicht genau sagen.
Von der Tradition sind wir dabei natürlich weit weg, aber: Für mich war das alte Wienerlied immer ein Mischmasch aus dem, was damals in Wien zu hören war und was demjenigen gefallen hat, der die Lieder komponiert hat. Und genau so würde ich es auch beschreiben, wenn mich jemand fragt, warum unsere Musik heute so klingt, wie sie klingt.
So vielfältig wie eure Musik ist, so abwechslungsreich sind auch eure Texte. Ihr werft auf eure ganz eigene Art einen Blick auf politische Entwicklungen, beschreibt die Liebe, widmet euch dem Weltschmerz – und vielen anderen Themen. Was dabei aber nie fehlen darf, ist ein Augenzwinkern und eine Portion Witz.
Klemens Lendl: Humor ist wichtig. Humor ist ein Vermittler – auch für mich selbst, damit ich mit der Welt umgehen kann. Humor hilft mir, zu verstehen. Und ich glaube, so geht es auch den Hörerinnen und Hörern. Die Texte spielen auch damit, dass sie vermeintlichen Gewissheiten den Boden zu entziehen. Damit man dabei nicht im Pathos stecken bleibt, ist Humor ein sehr gutes Mittel – um einer Aussage den Boden wegzuziehen und sie zu öffnen. Um das Fenster aufzumachen, durch das jede und jeder hineinschauen und eigene Schlüsse ziehen kann.
Wie perfektionistisch seid ihr bei euren Texten?
Klemens Lendl: Bei den eigenen? Das kannst du daran erkennen, dass ich im Jahr zwei oder drei Texte schreibe. Mehr gebe ich sozusagen nicht für die Welt frei. Das hat aber vor allem auch damit zu tun, dass ich das Schreiben an sich nicht beherrsche und mich nicht überwinden kann, viel zu schreiben. Das gelingt mir seit 30 Jahren nicht.
Clemens Wenger: Aus meiner Wahrnehmung: Was Texte betrifft – egal ob eigene oder fremde – bist du sehr genau. Da wird oft lange herumgetüftelt und ausprobiert, bis es wirklich passt. Das ist ja auch eine der Qualitäten der Musik der Strottern, die jetzt in die Qualität der Musik dieses Projekts eingeflossen ist. Das ist schon etwas, was die beiden auszeichnet: dass sie ein paar Runden mehr drehen, wenn es darum geht, wie man mit einem Text umgeht.
„Das Tagesaktuelle meiden David und ich sowieso wie der Teufel das Weihwasser”
Und wie trefft ihr die Auswahl bei fremden Texten. Dieses Mal einen von Johann Nestroy bearbeitet? Muss es thematisch in das Konzept hineinpassen oder …
Klemens Lendl: Das passiert einfach. Den Nestroy-Text hat Clemens schon vor ein paar Jahren einmal für ein Theaterstück vertont – allerdings in einer anderen Form. Wie bei Couplets üblich, wurde der Text damals verändert, also aktualisiert. Der Refrain ist aber unverändert geblieben. Und wenn man den hört, denkt man sich ohnehin sofort: Besser kann man das, was gerade passiert, gar nicht ausdrücken. Im Zuge der Vorbereitungen für die Aufnahmen haben wir uns dann entschieden, wieder zum Originaltext zurückzukehren – weil der meiner Meinung nach viel treffender und wahrhaftiger ist, als irgendwelche tagesaktuelle Anspielungen. Der Knackpunkt ist dann, die richtige Haltung und den passenden Tonfall zu finden, um den Text – der über 100 Jahre alt ist – so zu singen, dass er für heute unmittelbar relevant klingt.
Das Tagesaktuelle meiden David und ich sowieso wie der Teufel das Weihwasser – weil wir genau das nie sein wollen. Wir wollen immer für die Ewigkeit schreiben und haben auch eine ewige Angst vor dem Kabarett, weil man, sobald man sich in diesem Genre bewegt, schnell in diese Richtung gedrängt wird. Da muss man standhaft bleiben. Deshalb haben wir beschlossen, dieses Lied mit dem Originaltext zu machen.
Also dann doch ein wenig Aktualität.
Clemens Wenger: Über ein historisches Ereignis, das in einem Nestroy-Text behandelt wird, hätten wir nicht gesungen. Natürlich wurde der Text ausgewählt, weil er einen starken Bezug zur Gegenwart hat – und zwar in Form einer interessanten Metapher. Im Grunde geht es um die Verbreitung von Unwahrheiten, und es liegt ohnehin auf der Hand, warum man ihn gerade jetzt bringt.
Ihr seid ja alle in unterschiedlichen Projekten tätig. Inwieweit stellt die Zusammenarbeit mit der Jazzwerkstatt für die Strottern etwas Besonderes dar – im Vergleich zu anderen Kooperationen? Und was ist für dich, Clemens, das ganz Besondere an dieser Zusammenarbeit?
Clemens Wenger: Es ist einfach ein besonderer Klangkörper, bei dem wir genau wissen, was möglich ist – und in dem wir uns obendrein auch persönlich gut verstehen. Ich glaube, sonst hätte dieses Projekt, von dem wir bei weitem nicht leben können und das gleichzeitig sehr aufwändig ist, nicht so lange Bestand gehabt. Es ist nicht der finanzielle Aspekt, der das Ganze am Leben hält, sondern ein gemeinsamer künstlerischer und persönlicher Nenner, der so stark ist, dass wir uns zumindest einmal im Jahr für eine kleine Arbeitsphase zusammenfinden.
Klemens Lendl: Nach vielen Jahren als Duo hatten wir irgendwann Lust, etwas im größeren Format zu machen. Bis heute ist diese Zusammenarbeit eine unglaubliche Quelle der Freude für uns. Wir spielen einmal im Jahr im Porgy – und ich stehe da vorne auf der Bühne, mit diesem Ensemble im Rücken. Es ist jedesmal ein unglaublich tolles Erlebnis.
David Müller: Was die Musiker der JazzWerkstatt aus der Musik machen, mit welcher Souveränität sie spielen – das ist für uns beide einfach irrsinnig spannend. Wir bleiben oft in der Andeutung – das ist unser Metier: sehr genau, aber auch reduziert. Wir stellen musikalische Möglichkeiten in den Raum, deuten an, wohin es gehen könnte – und machen es dann nicht, weil wir eben zu zweit sind und keinen Bläsersatz haben. Mit diesem Ensemble geht es in die Vollen und wenn die Kollegen dann als Solisten ihre Geschichten erzählen und ausformulieren, dann hören wir mit offenem Mund zu und haben die größte Freude!
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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Die Strottern & JazzWerkstatt Wien
Klemens Lendl: Gesang, Violine
David Müller: Gitarre, Hammond, Gesang
Clemens Salesny: Altsaxophon, Klarinette, Tenorsaxophon
Martin Eberle: Trompete, Flügelhorn
Martin Ptak: Posaune
Peter Rom: Elektrische Gitarre
Clemens Wenger: Klavier, Keyboards
Bernd Satzinger: Bass
Lukas König: Schlagzeug
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Die Strottern & JazzWerkstatt Wien live
07.09.25: Zwettl, Syrnau
23.09.25: Wien, Porgy & Bess
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