hardest workin' girl in showbiz

hardest workin’ girl in showbiz mica – Interview mit Viola Falb Die gebürtige Niederösterreicherin Viola Falb vermittelt – frei nach James Brown – den Eindruck des “hardest workin’ girl in showbiz”.  Zumindest was die junge österreichische Jazz-Szene betrifft, zu deren treibendsten Kräften die 26.Jährigige gehört. Dass die, im Augenblick mit ihrer Band Falb Fiction durch die Türkei tourende Saxophonistin dann doch auf einen eher ungezwungenen Zugang zu ihrer musikalischen Laufbahn zurückblickt. mag überraschen, macht sie aber letztendlich nur noch sympathischer.

MG: “Kannst du kurz etwas über deine ersten musikalischen Gehversuche erzählen?”
VF: “Mit Sieben hab’ ich begonnen, Klavier zu  spielen. Bei uns in der Familie hat jeder Klavier gespielt, wir haben einen schönen Flügel gehabt, und der Mama und der Oma hat das immer sehr gut gefallen, wenn jemand gespielt hat. Ich war eigentlich immer recht geschickt, nur mein erster Lehrer war nicht besonders gut. Ich hab’ die Sachen immer ziemlich schnell spielen können, und mehr wollte er eigentlich auch gar nicht haben. Dadurch hab’ ich relativ wenig geübt und mich immer irgendwie durchgeschummelt. Irgendwann hab’ ich mir dann eingebildet, ich möchte unbedingt Saxophon lernen.”

MG: “Wieso bist du gerade aufs Saxophon gekommen?”
VF: “Ich glaube, ich hab’ damals irgendetwas im Fernsehen gesehen, war anfangs noch der Überzeugung, es handelt sich um eine Posaune und wollte daher auch kurzfristig Posaune lernen, bis mir meine Volkschullehrerin erklärt hat – Das ist nicht die Posaune, das ist das Saxophon. Ich hab’ dann kurz gewankt, zwischen Posaune und Saxophon, hab’ mir dann aber gedacht, nehmen wir doch das Saxophon, schaut irgendwie besser aus, glänzt mehr. Das war dann aber gar nicht so einfach, weil so ein Instrument eigentlich damals schon verdammt teuer war. Und ich war damals halt schon noch recht klein und hab’ mir das unbedingt eingebildet. Ich wolle aber irgendwann auch unbedingt E-Gitarre lernen, also ich heb’ mir schon mehr eingebildet. Das war später,  mit Fünfzehn, ich hab’ dann auch eine Gitarre bekommen, aber nie wirklich darauf gespielt (lacht). Meine Eltern haben zwar damals noch nicht gewusst, dass das auch noch kommen wird, aber ich hab’ sie eben ständig sekkiert, hab’ mir dann auch für eine Woche ein Saxophon ausgeborgt – und irgendwann haben mir meine Eltern dan eines gekauft.”

MG: “Wie alt warst du damals?”
VF: “Da  muss ich Zehn oder Elf gewesen sein. Mein erster Lehrer war dann auch gleich so ein Multitalent, ein Allroundgenie der eigentlich nichts richtig können hat (lacht). Der hat auch kleine Trommeln unterrichtet – einfach alles eben. Es hat dann bald auch Phasen gegeben, in denen ich weniger geübt hab’, der Papa hat dann schon gesagt, In Gottes Willen, jetzt haben wir das teure Saxophon gekauft und jetzt spielt’s nicht drauf (lacht). Ich hab’ dann aber eh brav weiter gespielt, auch Klavier, hab’ dann den Lehrer gewechselt, weil ich in Hollabrunn in die Schule gegangen bin. Das war der Martin Haslinger, der war dann auch viel besser. Das ist dann von der Ausbildung her schon mehr in Richtung  Klassik gegangen. Mit Improvisation hab’ ich mich damals eigentlich überhaupt nicht beschäftigt. Wir haben zwar schon auch irgendwie gespielt, aber ohne Plan und Theorie. Ich hab’ mich auch immer recht lang so durchgeschummelt, war dann auch schon mal auf Jazz-Seminaren – hab’ aber überhaupt keine Ahnung gehabt und einfach so getan als ob (lacht). Da hab’ ich dann zum ersten Mal mitbekommen, dass das auch etwas bedeutet mit diesen Akkorden, und das es eben auch so Skalen gibt, dorisch, lydisch – das war ein richtiges Aha-Erlebnis für mich. Da muss ich ungefähr Siebzehn gewesen sein. Mit der Klassik bin ich aber immer gut zurecht gekommen.”

MG: “Wann hast du dich dafür entschieden, dich mit deinem Instrument auch im Rahmen eines Studiums zu beschäftigen?”
VF: “Ich hab’ eigentlich nie wirklich den Plan gehabt, Saxophon zu studieren, bis mich meine Klavierlehrerin irgendwann darauf angesprochen hat, ob das denn nichts für mich wäre. Ich war mir dann aber lange Zeit nicht sicher, ob sich das für mich überhaupt ausgehen würde. Das hat sicher ein halbes Jahr gedauert, bis ich den Mut aufgebracht habe, meinen Saxophonlehrer zu fragen, wie er meine Chancen einschätzt. Er hat gemeint, dass ich es auf jeden Fall probieren könnte. Und da hab’ ich dann wirklich angefangen zu üben, allerdings immer noch mit Schwerpunkt Klassik.”

MG: “Trotzdem bist du dann aber auch beim Jazz gelandet…”
VF: “Meine Überlegung war einfach, wenn ich schon eine Aufnahmsprüfung spielen muss, kann ich es ja auch auf Jazz probieren. Ich hab’ mir dann von meinem Saxophonlehrer ein Jazz-Mundstück ausgeborgt – mit meinem klassischen wollte ich dort nicht auftauchen (lacht) – und mich mit Sebastian Grimus darauf vorbereitet. Der hat mir gezeigt, wie das so ist mit dem Blues, was man da nicht alles spielen kann, hab’ mir dann auch noch ein Solo ausgearbeitet, damit ich bei der Prüfung nicht ganz blöd dastehe, einige Phrasen einstudiert. Bei meiner Aufnahmsprüfung waren dann aber auch so Leute wie der Salesny Clemens dabei, den ich beim Einspielen gehört habe (lacht). Das hat mich dann schon ziemlich verunsichert, ich hab’ dann auch so einen Schwachsinn gespielt, dass es mir fast peinlich war. Ich hab’ das aber bis zum bitteren Ende durchgezogen, war sauber an’gfressen und bin einfach heim gefahren, weil ich nicht geglaubt hab’, dass ich noch auf ein Ergebnis warten muss. Zuhause hab’ ich dann aber einen Anruf bekommen, mir wurde mitgeteilt, dass sich die Aufnahmsprüfung bestanden habe und bei Wolfgang Puschnig eingeteilt bin. Da hab’ ich eigentlich erst richtig begonnen, mich mit dem auseinanderzusetzen, was ich da jetzt studiere, ich hab’ in Wahrheit eigentlich keine Ahnung gehabt. Nach dem Wechsel zu Klaus Dickbauer hab’ ich dann die große Welt der Improvisation für mich entdeckt.”

MG: “Hast du dir damals schon viel Jazz-Zeug angehört?”
VF: “Ich hab’ ziemlich bald damit angefangen, mir Rezensionen durchzulesen und weiß noch genau, dass ich was über die Requiem-CD von Branford Marsalis gelesen habe. Ich hab’ mir gedacht, jawohl, das wünsche ich mir zu Weihnachten, cool. Als ich mir die CD dann angehört hab’ , war ich ziemlich ratlos, das hat mir überhaupt nicht gefallen, was ich da gehört hab’ (lacht). Das hab’ ich überhaupt nicht verstanden damals. So grundsätzlich war ich ja eine richtige Heavy Metal-Ma’m  damals – so richtig mit headbangen, schwarz angezogen – ich hab’ mir bei neuen T-Shirts auch immer gleich die Bünde weg geschnitten und mir die Haare grün und blau gefärbt (lacht). Mein erster Einstieg in den Jazz war dann aber Coltrane, glaube ich – ich hab’ zwar vorher schon ein bisschen Candy Dulfer gehört, auch viel Big Band-Sound und viele Funk-Sachen. Die haben mir aber schon bald nicht mehr getaugt, das war mir irgendwann zu fad, und der Sound ist mir auf die Nerven gegangen. Charlie Parker hab’ ich eigentlich nie richtig viel gehört – da kenne ich viele Lieder nicht in der Originalversion – Adderley dagegen hab’ ich sehr viel gehört, auch Kenny Garrett.”

MG: “Deine Eltern waren froh, dass die Phase der bunten Haare und wilden Musik vorüber war?”
VF: “Meine Eltern waren nie so richtig froh, dass ich mich dazu entschieden habe, Musik zu studieren. In meinen ersten Studienjahren hab’ ich mir jedesmal wenn ich heimgekommen  bin anhören müssen Na, Viola, willst nicht doch was G’scheites machen, weißt eh wie das is’ mit der Musik. Dadurch bin ich aber so zur Beißerin geworden, dass ich mir einfach gedacht hab’, das mach ich jetzt. Ich hab’ zwar kurzfristig auch Raumordnung und Landschaftsplanung studiert – sogar an der WU war ich mal inskribiert (lacht) – aber da bin ich nicht weit gekommen. Erst als ich angefangen habe, in der Musikschule zu unterrichten, und meine Eltern gesehen haben, dass es eh auch Jobs gibt, mit denen man auch regelmäßig etwas verdient, haben sie sich irgendwie beruhigt. Im Grunde haben sie aber nicht wirklich eine Ahnung von dem, was ich mache – mein Vater hat immer zu mir gesagt, ich soll schauen, dass ich in der Band vom Patrick Lindner spielen kann (lacht). Mittlerweile sind sie aber eh recht stolz auf mich, verstehen tun sie es aber nicht wirklich

MG: “Auch unter deinen Musikerkollegen, auf Sessions…?”
VF: “Ich hab’ zwar eh schon viele Musiker gekannt, aber bei den Sessions war ich trotzdem immer irgendwie neidisch auf alle, weil ich mich selber nie auf die Bühne getraut hab’ (lacht). Ich hab’ einfach keine Standards gekannt, weil ich mit dem Klassik-Abschluss alle Hände voll zu tun hatte. Sie wollten mich zwar immer dazu überreden, einzusteigen, aber irgendwie hat man dann doch Skrupel, wenn man die Lieder nicht kennt. Ich hab’ dann damit angefangen, mir immer zwei Lieder vorzubereiten, mir auf den Sessions meine Leute zu organisieren – und dann hat’s funktioniert (lacht). Ganz eklatant war für mich ein Erlebnis, als ich mit Herbert Pirker und Christian Wendt einen Gig gespielt hab’, und alles vergeigt habe, was es zu vergeigen gab. Ich hab’ beim Solo die Form geschmissen, hab’ keine Vierer spielen können – und zu guter letzt hat’ s mich auch bei den Schlüssen immer aufgehaut. Da hab’ ich mir gesagt- okay, da muss man was machen, das kann nicht so weitergehen. Mir war dann einfach klar, dass ich mehr Sessions spielen muss. Zu diesem Zeitpunkt hab’ ich mich dann endgültig für den Jazz entschieden.”

MG: “Was kannst du deinen Musiker-Kolleginnen raten, die es ja auch gibt, die man aber auf Sessions dann doch relativ selten antrifft?”
VF: ” Man weiß eben nicht, wo die alle sind, und man kann sie auch nicht ermutigen zu spielen, wenn man sie nirgendwo findet. An der Uni sind die Hälfte der Saxophonstudenten Frauen. Ich bin mir aber auch nicht sicher, ob man irgendjemanden diese Beschäftigung mit sich selbst abnehmen kann, diese Entscheidung, sich auf die Bühne zu stellen und möglicherweise auch zu scheitern. Ich glaube, dass das einfach auch dazugehört zur Entwicklung. Dieser Schritt fällt den Männern aber anschienend irgendwie leichter, ich war ja selbst sehr unsicher bei meinen ersten Sessions. Ich kann auch nicht sagen, wieso ich am Ende diesen Schritt doch gewagt hab’, ich bin ja auch nicht die große Mutige, die sich einfach auf die Bühne stellt. Ich war immer sehr schüchtern, und es wundert mich heute selber, dass ich mich irgendwann einfach da rauf gestellt und gespielt hab’. Mich hat das sicher ein ganzes Jahr lang beschäftigt, wieso ich nicht in der Lage bin diesen Schritt zu tun, bis mir das einfach so zuwider war, dass ich es irgenwann einfach gemacht  hab’. Nicht zuletzt deshalb, weil ich genau gewusst hab’, dass ich mir diese Frage nie beantworten kann, wenn ich es nicht einfach ausprobiere. Letztendlich kann man sich auch nur dafür entscheiden, wenn man wirklich will – oder muss. Dazu gehört dann eben auch , bestimmte Risiken auf sich zu nehmen – oder eben nicht. Es ist eben schon eine sehr von Männern dominierte Welt, und da muss man sich eben einfach durchkämpfen. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass man als Frau nie der große Kumpel ist, du musst dir deinen Respekt einfach viel härter erarbeiten, musst immer aufs Neue beweisen, dass du gut spielen kannst. Männer haben es da irgendwie leichter – lassen ein paar coole Sprüche fallen und niemand bezweifelt, dass der dann auch gut spielen kann. Das sind eben diese Kleinigkeiten, um die man nicht herumkommt. Bei den Leuten, die mir wirklich wichtig sind, ist das aber ohnehin nie so gelaufen. Andererseits hab’ ich persönlich aber bestimmt viele Vorteile dadurch, dass es nicht so viele Frauen im Jazz gibt, weil ich einfach mehr auffalle. Als einzige Frau, bei zehn Leuten auf der Bühne, stichst du eben irgendwie heraus.”

MG: “Du hast dich auch recht frühzeitig dazu entschlossen, einen Studienaufenthalt in Berlin einzulegen…
VF: “Ich hab’ immer schon gewusst, dass ich unbedingt ins Ausland gehen will und für mich einfach beschlossen, ich mach’ das zu diesem und jenen Zeitpunkt. Das war auch wieder so eine richtige Sturheit, die ich dann einfach genauso durchgezogen habe, wie ich sie mir in den Kopf gesetzt hatte. In dieser Zeit haben wir dann auch Falb Fiction gegründet, ich hab’ ja eine Demo-CD gebraucht, um mich zu bewerben, und die hab’ ich dann gleich mit meinen Session-Kollegen Herbert Pirker, Christian Wendt und Philipp Jagschitz eingespielt. Der Ausschlag gebende Gig für die Band war beim Schnittpunkte-Festival von Udo Preis, der von Ö1 mitgeschnitten wurde. Dadurch hat sich das Ganze weitergesponnen, bis hin zur Debüt-CD, die Anfang 2006 erschienen ist. Beim Konzert am 31. März im Kunstforum werden wir bereits Nummern aus dem neuen Programm spielen, die neue CD erscheint Anfang 2008.”

MG: “Kannst du schon sagen, in welche Richtung es mit Falb Fiction musikalisch weitergeht?”
VF: “Ich glaube, durch die JazzWerkstatt ist es ein wenig leichter geworden, die Leute auch mit etwas schrägeren Tönen zu erreichen. Viele Musiker trauen sich jetzt auch einfach mehr, fangen an zu experimentieren und schauen was geht – und was nicht. Bei Falb Fiction ergibt sich das auch immer sehr gut, weil wir schon recht lange zusammen spielen, und eben auch immer wieder freie Passagen im Programm haben. Das klingt dann eben jedesmal anders, was jedes neue Konzert auch für uns wieder spannend macht. Wenn du eh immer das selbe Programm hast, und immer wieder deine Solos über ein und die selben Akkorde legst, wird das halt auch irgendwann fad. Überhaupt: wenn’s nicht voll zugeht, ist es mir eigentlich eh zu fad. Es muss schon immer irgendwie krachen. Mir gefällt auch sehr gut, wenn wirkliche Kontraste aufeinander prallen. In einem Stück etwa spielen Herbert und Philipp free, während Christian und ich die Melodie darunter legen. Das geht sich einfach super aus – das eine ist so was von out, die führen sich wirklich richtig auf – und dann gibt es da aber diese schöne Melodie. Eigentlich geht das nicht zusammen, aber natürlich geht das am Ende wieder zusammen.  Solche Sachen übereinander zu legen finde ich eben sehr spannend.”
(Martin Gansinger)

 

 

 

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