"Eingeschlossen im Ungewissen": Peter Herbert

Die Werkstattbühne öffnet bei den heurigen Bregenzer Festspielen einen Raum, den der kosmopolitische Komponist, Improvisator und Musiker in vielen musikalischen Sprachen und Farben mit einem begehbaren Musiktheater ausfüllen wird. „Trans Maghreb“ erzählt eine auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte von Hans Platzgumer. „Mein Schwager war 2010/11 als Ingenieur an einem Eisenbahnprojekt in Libyen stationiert. Seine Kollegen und er waren in einem Camp untergebracht und bauten die Schnellstrecke für Gaddafi, bis der heute als ‚Arabischer Frühling’ bezeichnete Aufstand gegen das Regime begann und die ausländischen Arbeiter sich unter großen Schwierigkeiten außer Landes retten mussten“, erzählt der Autor. Die Novelle „Trans Maghreb“ wurde 2012 im Limbus Verlag publiziert und hat breite Zustimmung erhalten.

Eine Geschichte, die Erfahrungen bündelt

Die ORF-Journalistin Ingrid Bertel hat aus der literarischen Vorlage ein bühnentaugliches Libretto geschaffen, das nun Peter Herbert in Musik fasst und der israelische Regisseur Ran Arthur Braun für die Bregenzer Festspiele in Szene setzen wird. „Hans Platzgumers Novelle ‚Trans-Maghreb’ scheint all die Erfahrungen und Gedanken zu bündeln, die auch das musikalische Leben von Peter Herbert bewegen“, wagt Ingrid Bertel. „Die Geschichte spielt in der libyschen Wüste nahe der Kleinstadt Ras Lanuf. Hier liegt das Baucamp für den Hochgeschwindigkeitszug ‚Trans-Maghreb’, der nach den Vorstellungen von Muammar al-Gaddafi Libyen mit den anderen maghrebinischen Staaten, Tunesien, Algerien, Marokko, Mauretanien verbinden sollte – ein Vorhaben, das der Arabische Frühling in ein Milliardengrab geweht hat.“

„Mir ging es bei ‚Trans Maghreb’ hauptsächlich um das gegenseitige Unverständnis westlicher und arabischer Kultur. Beide schaffen es kaum, sich aufeinander zu zubewegen. So sitzen die westlichen Männer abgeschottet in ihrem Wüstencamp und verzweifeln“, erklärt Hans Platzgumer die Gefühle der Protagonisten. „Ihre Umgebung bietet ihnen keinerlei Ablenkung, verweigert sich ihnen in ihrer Fremdartigkeit und jagt ihnen schließlich Todesängste ein.“

Mobile Musiker beziehen das Publikum mit ein

Peter Herbert betrachtet die im Camp Eingeschlossenen, die einer ungewissen Zukunft entgegensehen, weniger als physische Gefangene, sondern sieht vor allem die psychischen Zustände, die in den Männern vorzufinden sind. Dazu hat er eine „sehr lebendig und mobile“ Musik komponiert. „Zuerst werden die Zuschauer in diesen Raum eingeschleust und sie begeben sich dann mit uns knapp eineinhalb Stunden in einen Kosmos zu verschiedenen Positionen und Stationen“, gibt Peter Herbert einen ersten Einblick.

Eine tickende Uhr, Stille und die Frau

Zwei Ideen bilden die Emotionen der handelnden Personen ab und illustrieren die Atmosphäre am und im Ort des Geschehens. „Die Musik changiert zwischen den beiden zentralen Schwerpunkten Rhythmus und Stille. Eine tickende Uhr und darauf aufbauende Metren symbolisieren die verrinnende Zeit und die bedrohlichen Ungewissheiten, denen die Arbeiter ausgesetzt sind. In Libyen gibt es viel Wüste und in der Wüste ist viel Stille. Dieses ist das zweite, tragende Element des Stückes. Die statischen Flächen wie Sand, Horizont und Himmel werden musikalisch mit flächigen, in sich feingliedrig ausgestalteten Feldern dargestellt – als Gegenteil einer tickenden Uhr.“
Als reflektierende Gestalt, Projektionsfläche für die Männer und als Spiegelbild der arabischen Kultur nimmt die Frauenfigur Tahédag mit ihren Songs eine besondere Stellung ein.

Allgegenwärtiger Müll

In den arabischen Ländern ist der Müll allgegenwärtig und deshalb auch in „Trans Maghreb“ ein wichtiges Thema. „So plakativ das nun wirkt“, erzählt Peter Herbert, „aber das ist ein wichtiger Teil meiner Überlegungen. Der Müll ist von Marokko bis Jemen omnipräsent. Wenn man Pessimist wäre, könnte man sagen, die Welt wird zugemüllt. Ich bin aber ein Optimist und mache aus den Plastiksäcken Musik“, bringt Peter Herbert seine Einstellung auf den Punkt. Trashig wird die Perkussion von Claudio Spieler klingen, denn er wird nur auf Gegenständen spielen, die man auch in der Wüste finden kann, angefangen von Plastikkübeln bis hin zu Metallteilen und Autofelgen. Außerdem kommen die dünnwandigen Plastiksäcke zum Einsatz, „die es auf jedem Markt zu tausenden gibt und die in der Landschaft herum fliegen und liegen. Wir bringen sie zum Klingen, machen Rhythmen mit ihnen und singen dazu.“

Die musikalischen Bilder und die Inszenierung werden unterstützt von Videos des Künstlers Lillevan. „Dort entstehen psychologische Aufmerksamkeitsschnittstellen, wenn die Zuschauer von den Videos wieder in die Realität geführt werden“.

Musik im Augenblick entstehen lassen

Das begehbare Musiktheater wird in einem zeitlich großzügig angesetzten Probenprozess geformt, denn ein wesentlicher Teil des Werkes wird improvisiert. Peter Herbert von den Bregenzer Festspielen wird die Gelegenheit erhalten, auch mit Persönlichkeiten der heimischen Szene sowie dem Koehne Quartett zusammen zu arbeiten. David Helbock am Klavier, Martin Eberle an der Trompete, der Perkussionist Claudio Spieler, der E-Gitarrist Kenji Herbert und Hans Platzgumer am Banjo sowie ein Männerchor aus dem Festspielchor und Sänger aus der Zauberflötenproduktion spielen und singen unter der Leitung von Benjamin Lack. Der Komponist selbst bringt sich am Kontrabass ein und ein arabisches Trio mit der Sängerin Amal Murkus, Loy Ehrlich an der Gimbri und dem Perkussionisten Firas Hassan ergänzen das etwa fünfundzwanzig Mitglieder zählende Ensemble. Ein Drittel der Musik findet in einem spontanen Austausch statt, dem jedoch klare Texturen zugrunde liegen. Durch die Improvisationen werden die Musiker zu kreativ Mitgestaltenden, die das Werk im Moment entstehen lassen und einzigartig machen.

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im Mai 2014 erschienen.

Zum Stück:
„Trans Maghreb“, begehbares Musiktheater von Peter Herbert nach der gleichnamigen Novelle von Hans Platzgumer, Textfassung Hans Platzgumer mit Ingrid Bertel
in deutscher Sprache mit arabischen, französischen, russischen und türkischen Einwürfen.

Premiere:
Donnerstag,  21. August 2014; 18.30 Uhr, Werkstattbühne; weitere Aufführung, am 23. August,18:30 Uhr.

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