Werner Korns Echoraum (1050 Wien, Sechshauserstraße 66) entwickelt sich immer mehr zum unverzichtbaren Präsentationsort für für Komponisten und Interpreten der verschiedenen Szenen der Neuen Musik und ihrer Grenzgebiete und für ein Publikum, das mehr davon erfahren möchte. Die Konzertreihe im Oktober alias echoraumherbst zeugt davon. Eine zweite Folge von [Manon Liu] Winter im Herbst (die erste war 2007), bzw. deren dritte Abteilung ist noch am Samstag zu erleben Vorbildlich moderater Eintritt um 10/7 EURO. Hingehen und diesen zahlen (!) – Korn ist nämlich leider auch immer zu großzügig.
Winter im Herbst
auch “Was kostet die Welt, Festival mit drei Konzerten improvisierter und Neuer Musik” genannt (16.-18.10.), begann diesen Donnerstag. Da hörte man Kompositionen von Gabriele Proy. (“Kigen”, als Auftragswerk vom Wiener Nobelpreisträgerseminar kürzlich vom Manon Liu Winter an der Universität uraufgeführt), Christoph Herndler (“STREIFEND, DER BLICK”, 2003) für Klarinette, Violine, Elektroakustik und Videobeam”. Hier spielte in der Notations-Version “Supermixen” die Geigerin Eva Herndler, eine Kovacic-Schülerin, die bereits in Konzerten mit RSO Wien, den Wiener Symphonikern, dem Wiener Johann Strauß Orchester, dem Wiener Mozart Orchester, den Vienna Classical Players und dem Ensemble EIS aufgetreten ist, sowie Theresa Dinkhauser (Klarinette) in der Notationsversion “Im Schnitt, der Punkt”.
Das dritte Stück composition 2008, für Klavier und Elektronik (UA) stammte von Elisabeth Schimana, die gerade im auch ohne Aubesetzung besuchenswerten Hainburg in der dortigen Kulturfabrik Ausstellung und Projekt “Zauberhafte Klangmaschinen” gestaltet (seit 20.9 noch bis zum 19.4 2009).
Die österreichische Komponistin und Klangkünstlerin Gabriele Proy wurde 1965 in Wien geboren und lebt in Wien. Ihre Kompositionen werden in Europa, Australien, Japan, Kanada, Lateinamerika und den USA aufgeführt. Seit 2001 ist sie Präsidentin des Europäischen Forum Klanglandschaft FKL. 2007 wurde mit großem Erfolg ihre Chorkomposition “KOKORO” mit dem Philharmonischen Chor München uraufgeführt.
Gestern gab es am Anfang des Programms Manon Liu Winter (viel auch am Innenraum des Klaviers arbeitend) mit Kai Fagaschinski an der Klarinette (den haben wir zuletzt auch beim Musikprotokoll in Graz mit Burkhard Stangl und dem legendären britischen Duo AMM mit ebenso feinem und überwiegend leisen Spiel auf dem Instrument erlebt wie im Echoraum).
Nächstes Thema: “Das neue Biedermeier?” und weiter lautete es: Experimentelles nur noch im geschützten Rahmen . ? oder scheuen die Künstler die Provokation?”. In einer Diskussion sollte man auf diesen “provozierenden” Satz von Helge Hinteregger reagieren (Musiker und Urgestein im mica seit dessen Gründung, Fachreferent und Chefkoordinator der Website und der Musiknachrichten). Andreas Felber, Elisabeth Schimana und Christoph Herndler versuchten das auf jeweils verschiedene Weise. Mit ihren eigenen Zugangs-Explikationen zu teils von Hinteregger hinzugefügten Begriffen wie [Angst vor] “Individualität”, Gruppenzugehörigkeiten, Schonräume und Abseitsstehen mangels Auftrittsmöglichkeiten der MusikerInnen , Sich-Abschotten, Weitentwickeln oder Variieren des bereits Bekannten, geht es um mehr als “Tradition”, neue Verfügbarkeit von technischen Systemen in der Musik . entspann sich auch Kontroversielles. Felber: “Worüber sollen wir eigentlich diskutieren?”. Schimana: “Wer behauptet, das man heute nicht wo auftreten kann? Ich bin sehr individuell, aber es geht nicht nur um Individualitäten. Auch vielleicht für Entpersönlichung, für Politisierung, aber auch Schonräume für Experimente, Zusammengehörigkeiten.” Herndler: “Ein zentrales Thema in der Musik ist immer schon die Notation zum Zweck der Wiederholbarkeit, das mich persönlich sehr interessiert und mit der ich mich auch zentral beschäftige. Das Neue in der Musik – ja, aber man muss die Systeme untersuchen.” Zum Gesichtspunkt der Veränderung dieser Systeme – “Wie verändern uns diese Systeme?”.
Ein hier nicht genannter Diskutant aus dem Publikum, ungeduldig geworden, sattsam berüchtigt für seine derzeitige Freude am nicht zu bremsenden Reden und seine Wortschwallgeilheit, beendete nicht und nicht seinen Sermon mit Beispielen wie “Darmstädter Gruppendruck auf alle Andersdenkenden der – immer noch Giganten der Neuen Musik – wie Stockhausen, Boulez und Nono versus Nicht-Uniformität und liebenswerte Feindschaften und Feindbilder etwa zwischen Schönberg und Strawinsky in der ersten, wahren Moderne. Oder: Natürlich gibt es auch heute noch Filme, die keinen anderen Kanon der Technik anwenden wie in den sechziger Jahren, deswegen hat aber ein Jean-Luc Godard auch heute noch mehr zu sagen als mancher Digitalfilmer, der neue Systeme entwickelt. Oder: Zu Zeiten Karajans gab es mehr Biedermeier in der verkrusteten Klassikszene (Oper, Plattenaufnahmen, Konzertwesen) als heute, wo es längst wieder Aufbrüche gibt, an denen sich die Philharmoniker ein Beispiel nehmen sollten, wollen sie nicht ganz schnell Zweite werden . Zu mehr kam er gottlob nicht, denn die Beleuchtung hinter ihm ging warnend rauf und runter
… und der fulminante dritte Teil des Abends konnte endlich beginnen. “SplitterScherben” war eine Tanzperformance mit Tanz und Choreographie von und mit Bert Gstettner (Kostüm: Devi Saha) und wieder mit Musik von Manon Liu Winter (Komposition und Klavier). Dabei wurden viel Porzellanteller auf den Boden geschmissen und zerschlagen und weiter zertreten (was auch Griechen bei Hochzeiten und Trennungen angeblich gefahrlos machen können) und weitere bereits zerschlagene Scherben kistenweise dazugeschüttet.
Und übrigens: Auch am heutigen Tag noch ist im Echoraum eine luiseanische Ortsbesetzung zu bestaunen und zu bewundern, die viel komische Plakate und komische Fotalben (bei Erwerb Fotos austauschbar) und Fotos (auch erwerbbar um den Preis von 5-10 cents per qm) und gemalte Ansichtskarten(Preis 5-7 Euros je nach Laune per Stück) käuflich zu erwerben bei der auch anwesenden Gesamtkünstlerin umfasst. Sie heißt Luise Czewernowatis und trug gestern ein buntes Käppi. Die Installation heißt DAMITDABEIDAZWISCHEN.
Und hier noch schnell das heutige Programm, 18.10., 20 Uhr (same time, same station):
Wolfgang Seierl: »symmetries & asymmetries« (nach Texten von W. Auden), für Stimme solo mit Annette Schönmüller (Mezzosopran);
die Studentinnen der Musikuni Wien Bernadette Eppensteiner ? Clara Murnig
realisieren “der gebrochenen flügel anderer Teil” von Christoph Herndler;
schließlich von John Cage: “winter music” / Song Book / indeterminacy
mit Konrad Rennert – voice, Annette Schönmüller – voice,
Manon Liu Winter – Klavier.
(Heinz Rögl)
Foto Christoph Herndler: Mary Fernety
Foto Gabriele Proy: Martin Lusser


