Exit Universe (c) Hanna Fasching

„Die Musik kommt zuerst, dann folgt die Qual des Textens.“ – EXIT UNIVERSE im mica-Interview

Vor genau einem Jahr hat die Band EXIT UNIVERSE ihr Debütalbum „Because the World is Round“ (o-tone music), das zwischen Elektronik, Neoklassik und Pop angelegt ist, veröffentlicht. SUSANA SAWOFF und RAPHAEL MEINHART erzählten Jürgen Plank, was seitdem passiert ist, wie sie trotz räumlicher Distanz miteinander komponieren, welche Faszination die Marimba hat und was der Bandname ausdrückt.

Wie hat eure musikalische Zusammenarbeit begonnen?

Susana Sawoff: Raphael und ich kennen einander schon ewig. Wir sind beide aus Graz, da läuft man sich über den Weg, vor allem wenn man gerne auf Konzerte geht. Musikalisch hat unsere Zusammenarbeit erst 2014 begonnen, als er mich gefragt hat, ob ich nicht mit ihm zusammen ein 40-minütiges Programm für ein neunköpfiges Schlagwerkensemble komponiere wolle. Natürlich wollte ich.

Raphael Meinhart: Wir haben beim gemeinsamen Komponieren gemerkt, dass wir musikalisch auf einer Wellenlänge sind, und haben beschlossen, fortan im Duo weiterzuarbeiten.

Ihr lebt in verschiedenen Städten – Berlin, Hamburg, Graz. Wie gestaltet sich da die Zusammenarbeit? Digital oder doch bei Treffen irgendwo in Europa?

Raphael Meinhart: Sowohl als auch. Es läuft natürlich vieles über das Netz, wo wir uns gegenseitig Ideen und Songfragmente hin- und herschicken, allerdings treffen wir uns natürlich auch in persona, meistens in meinem Proberaum in Graz, manchmal in meinem Proberaum in Berlin und gar nicht so selten treffen wir uns in Hamburg in Susanas Wohnzimmer am Klavier.

Susana Sawoff: Zum Komponieren reicht ja meistens ein Klavier, zum Arrangieren braucht Raphael dann seine hundert Instrumente.

„Wir haben sehr lange nach dem passenden Bandnamen gesucht.“

Der Bandname ist immer eine wichtige Überlegung. Was schwingt für euch beim Bandnamen Exit Universe mit?

Susana Sawoff: Wir haben sehr lange nach dem passenden Bandnamen gesucht. Was uns an Exit Universe gefiel war die Weite, das Dunkle, das Unendliche, die hier mitschwingen. So klingt ja auch unsere Musik, in unserer Selbstwahrnehmung zumindest. Eine gewisse Eskapismus-Sehnsucht steckt da natürlich auch drinnen. Auch relativiert es die eigene Existenz. Das kleine Würstl auf diesem großen, sich immer noch ausweitenden Universum. Das ist eher als Trost gemeint denn als fatalistische Verkleinerung.

Raphael Meinhart: Da wir beide große Fans von Radiohead sind, schwingt bei dem Wort „Exit“ auch der Song „Exit Music“, einer unserer Lieblingssongs dieser Band, mit.

Viele eurer Stücke wären als Filmmusik verwendbar und ein Stück auf der neuen CD heißt schlicht „Filmmusic“. Gibt es den Film dazu bereits bzw. wie sollte ein Film dazu sein?

Raphael Meinhart: Es gibt dazu zumindest ein Musikvideo. Die ursprüngliche Idee war tatsächlich, einen Film zur Musik zu machen, anstatt wie sonst üblich die Musik zum Film zu schreiben. Herausgekommen ist dabei ein DIY-Zeitlupenclip, der meiner Meinung nach sehr charmant ist.

Susana Sawoff: Was nicht heißt, dass nicht noch jemand einen Film dazu drehen darf!

Habt ihr schon Filmmusik gemacht?

Susana Sawoff: Im Soundtrack einiger Filme waren schon immer wieder mal ein paar Songs von mir zu hören. So von meiner Band Resisters – die hieß früher Sawoff Shotgun – in der „Unabsichtlichen Entführung der Frau Elfriede Ott“ und der „Heilen Welt“ von Jakob Erwa. Aber die gesamte Filmmusik zu einem Film zu machen, wäre natürlich ein Traum.

Raphael Meinhart: Ich würde irrsinnig gerne mal Musik für einen Film komponieren. Ich glaube, dass sich mein Instrumentarium eigentlich sehr gut dafür eignet. Ich finde die Idee, die komplette Filmmusik nur mit einem Schlagzeug zu machen, wie beim Film „Birdman“, grandios und hätte Lust, auch mal so etwas Ähnliches zu probieren.

Könntet ihr euch ein Projekt wie „I Am Easy To Find“ von der Band The National, die einen Kurzfilm zum Album veröffentlicht hat, vorstellen?

Raphael Meinhart: Klar! Ich finde diesen Film sehr berührend und kreativ.

Eure Musik basiert auf Piano-Stücken. Habt ihr einen Hintergrund in der klassischen Musik?

Raphael Meinhart: Ich habe klassisches Schlagwerk studiert. Während dieses Studiums hat mich klassische Musik aber kaum interessiert, das kam erst in den letzten Jahren.

Susana Sawoff: Es ist in den letzten Jahren sehr hip geworden, neoklassische Solo-Pianoalben herauszubringen, zuerst kamen Chilly Gonzales, jetzt Nils Frahm, Ólafur Arnalds und wie sie alle heißen. Ich mag diese kurzen, klassisch anmutenden Pianostücke auf unserem Album, weil sie Atempausen sind. Ich finde, es tut gut, wenn man mich nicht immer singen hört. Es lockert auf.

Außerdem ist immer wieder eine Marimba bzw. ein Xylofon im Einsatz, ein Instrument der Klassik, des Jazz und der Weltmusik. Was fasziniert dich an diesem Instrument, Raphael?

Raphael Meinhart: Mein Vater ist auch Perkussionist, daher war es naheliegend, diese doch wenig verbreiteten Instrumente zu erlernen. In meiner Kindheit stand meistens eine Marimba, ein Vibrafon oder eine Trommel im Wohnzimmer und mein Vater hat mich schon, als ich drei Jahre alt war, mit in seinen Proberaum genommen. Am meisten fasziniert mich bei der Marimba das Spielen von sich ewig wiederholenden Patterns, das bringt mich hin und wieder in einen tranceartigen Zustand und weg vom Denken, das tut meiner Psyche gut.

„Wir sind auf der Suche nach neuen Wegen, Musik zu schaffen.”

Exit Universe (c) Hanna Fasching

Beschreibt bitte, wie eure Musik entsteht bzw. wie die Texte zu euren Stücken entstehen.

Susana Sawoff: Die Musik kommt zuerst, dann folgt die Qual des Textens. Über Monate hinweg schraube ich daran, bis jedes Wort passt. Wenn ein Text dann fertig ist, bin ich irrsinnig stolz darauf, aber bis dahin: eine Tortur. Noch dazu, wenn man bedenkt, dass dann eigentlich kaum jemand auf die Texte hört. Vielleicht kommen wir ja mal in den Genuss, in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten zu touren, ich glaube, da würden die Texte mehr wertgeschätzt werden. Ich glaube, da gibt es in Europa gewisse Hürden, obwohl viele gut Englisch können.

Raphael Meinhart: Für die Text ist allein Susana zuständig, die Musik komponieren wir gemeinsam. Bis jetzt war es meistens sehr inspirierend, wenn wir gemeinsam am Klavier saßen und die Grundstruktur eines Songs entwarfen. Momentan haben wir aber beide das Gefühl, dass wir hier an unsere Grenzen stoßen. Wir sind auf der Suche nach neuen Wegen, Musik zu schaffen. Das kann ein spannender Prozess sein.

Wie zufrieden seid ihr mit eurem Karriereverlauf? Was könnte noch besser werden?

Raphael Meinhart: Natürlich könnte es besser laufen, die Gagen sollten höher sein und in Relation zur tatsächlich geleisteten Arbeit stehen.

Susana Sawoff: Wir sitzen gerade in einem Auto und fahren von Holland nach Hause. Wir saßen acht Stunden im Auto, haben zwei Stunden lang schwere Instrumente geschleppt und diese dann zusammengebaut. Danach sind haben wir eine Stunde lang gespielt. Danach fährt man mit 300 Euro wieder nach Hause – eigentlich für zwei Tage Arbeit. Und das, obwohl doch das Live-Spielen die vermeintlich letzte Bastion ist, mit der man noch Geld machen kann, denn mit CD-, Vinyl- und Download-Verkäufe kann man das nicht mehr. Bei 0,003 Cent pro Stream hält sich der Geldregen in Grenzen. Aber man spricht wenig darüber, weil über Geld zu reden sehr unsexy ist und eigentlich auch sehr langweilig. Das Spielen selbst empfinde ich als Belohnung und Vergnügen.

Bitte greift jeweils ein Stück heraus, das eine besondere Bedeutung hat, und erklärt dessen Hintergrund.

Raphael Meinhart: Mir liegt das Stück „We‘ll laugh until we cry“ besonders am Herzen. Das war der erste Song,  den wir gemeinsam komponiert haben. Mir gefällt es noch immer in seiner vertrackten Sperrigkeit und auch süßen Lieblichkeit. Der Song lebt von einer immer wiederkehrenden 2-gegen-3- und 3-gegen-4-Polyrhythmik und es kommt auf jedem Ton der chromatischen Tonleiter mindestens ein Akkord vor. Das mag jetzt vielleicht verkopft klingen, trotzdem ist es uns, so denke ich, gelungen, einen in sich stimmigen und eingängigen Song zu schreiben.

Susana Sawoff: Puh, einen einzelnen Song mag ich da jetzt gar nicht hervorheben. Mich erfreuen verschiedenste Dinge auf diesem Album. Sei es die allererste Lyrikzeile, die man hört – „The universe still grows, reducing what we know“ –, oder die Ruhe, die sich jedes Mal in mir breitmacht, wenn ich „Highlands“ spiele, oder wie pianistisch ich mich fühle, wenn ich „Freeway to Rembrandt“ spiele. Und für den Song „Dance of Death“ sollten wir sowieso alle Musikpreise dieser Welt bekommen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

 

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